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Nr. 22. Gießen, den 31 Mai 1903. 10. Jahrg. 5 Redaktion: Nedaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr 5
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Pfingsten.
Wieder steigen sie herauf die Tage eines christlichen Festes.
Pfingstfest, das Fest zur Erinnerung an die Ausgießung des heiligen Geistes über die versammelten Jünger. o die christliche Legende. Damit trat die dritte in der christ⸗ lichen Gottdreieinheit in ihr Recht. Nicht die allmächtige Güte und Liebe des Gottvaters, nicht der blutige Opfer- und Ueberzeugungstod des Gottsohnes waren ausreichend, um die Menschheit den Segnungen einer neuen Welt⸗ anschauung, dem Christentum zuzuführen. Es mußte noch besonders und ausdrücklich hinzu⸗ kommen der heilige Geist. Erst sein Zauber, seine Macht konnte die Jünger befähigen, mit feurigen Zungen zu reden. Mit dieser Auf⸗ fassung und Lehre wurde und sollte begründet werden die Unwiderstehlichkeit und Unüber⸗ windlichkeit der neuen Ansckauung, oder religiös gesagt, des neuen Glaubens. Damit aber auch wurde die Kampfstellung des Neuen gegenüber dem Alten und Ueberlebten gezeichnet. Erfüllt von dem neuen Geist treten die Jünger vor ihre Zuhörer und suchen sie zu überzeugen von dem Unrecht, dem Falschen, dem Unwahren, unter dem sie leben. In glühenden Worten schildern sie die Möglichkeit eines besseren und schönezen Lebens. Daß sie ihren Worten und Ausführungen dabei ein religiöses Gewand verliehen und jenes bessere Leben in den Himmel verlegten, dafür waren sie Kinder ihrer Zeit und Söhne des Morgenlandes. Auch heute noch müssen sich im Morgenland alle Reformen an Haupt und Gliedern in ein religiöses Ge⸗ wand kleiden, und doch wissen wir, welche ge⸗ waltige Pläne zur Umgestaltung, sowohl auf politischem als auch auf sozialem Gebiete, sich gar häufig hinter diesem Gewand verbergen.
Aus den Reihen der Hirten und Fischern, also aus den Aermsten der Armen, gehen sie meistens hervor, die Begründer einer neuen Religionslehre und mit besonderer Vorliebe wenden ste sich an die Armen, an ihre Klasseu⸗ genossen. Sie kennen deren Lage, sie kennen deren Not und reden deren Sprache. Mit diesen Elementen ausgerüstet eröffnen sie ihren Zuhörern und Anhängern im Namen der Religion neue Gesichtspunkte für ein besseres Leben. Daß es sich dabei sehr häufig nicht blos um religiöse Beweggründe, solche kommen allerdings auch vor, sondern um recht materielle
und irdische Dinge handelt, das beweisen a die 2 vielen blutigen Verfolgungen, die solche neuen e
zu erdulden haben im gegebenen Fall. Unter⸗ des Friedens diese Religion mehr als einmal
drückung und Niederhaltung des Neuen um jeden, auch den blutigsten Preis, das ist eine sehr alte Parole. Und diese Parole wird um so rücksichtsloser befolgt, je mehr durch die neue Lehre altes Unrecht und alte Unterdrückung bedroht ist. Es ist auch durchaus nicht bloßer Zufall, daß die Priesterkasten der verschiedensten Religionen grade die ärgsten und wütendsten Verfolger neuer Lehren sind. Nicht um ihres Gottes willen bekämpften heidnische und jüdische Priester das Christentum, das war meist nur Vorwand. Ganz andere Gründe steckten da⸗ hinter, wir können sie zusammenfassen in das eine Wort Herrschaft, Herrschaft auf allen Gebieten. Diese Herrschaft auf allen Gebieten war bedroht durch den neuen, durch den heiligen Geist, wie er ausging von den armen Jüngern Jesu.
Wie mächtig klingt der Ruf nach Gerechtig⸗ leit auf Erden, nach Liebe unter den Menschen durch ihre Reden. Wie mächtig muß das Un⸗ recht und die Unterdrückung, wie gewaltig muß das 1 0 0 nach Menschenliebe gewesen sein, wenn ste so viele und todesmutige Anhänger fanden. Kein Wunder, daß sich zusammentat alles was sich bedroht fühlte, um die neue Lehre zu unterdrücken. Habgierige Reiche, heuchlerische, herrschsüchtige Priester, grausame, blutdürstige und ruhmsüchtige Kaiser mit ihren Schmarotzern, Männern wie Weibern, sie alle wetteifern miteinander die scheußlichsten Mitteln der Grausamkeit zu ersinnen, um die neue Lehre und ihre Vertreter zu unterdrücken. Welches Meer von Lüge und Entstellung muß seine Wellen schlagen, damit nur Scheingründe für geplante und gewollte Grausamkeit gefunden werden. Man denke nur an die scheußlichen Christenverfolgungen eines Nero und an den durch ihn und seine Satrapen veranlaßten Brand von Rom. Siegreich aber blieb trotz⸗ alledem der neue Geist, jenes unfaßbare, gegenstandslose und doch so mächtige Ding, vor dem auch die Mächtigsten machtlos sind.
Nahezu 2000 Jahre sind über die Erde gegangen und wieder ward es Pfingsten, und wieder hat ein neuer Geist bereits Millionen und abermals Millionen von Menschen ergriffen. Aber frei von morgenländischen Wundern und Zauberformeln, frei von religiösen Umhüllungen und Verschleierungen tritt der Geist jetzt in Erscheinung. Hieser neue Geist ist der Geist des Soztalismus. Seid vierzig Jahren ist er besonders erstarkt gerade bei uns in Deutschland. Auch hier sind seine Träger wieder die Armen und Elenden, die Aus⸗ geschlossenen und Verstoßenen. Nicht Mystik und Symbolik sind seine Attribute, Wissen⸗ schaft, Aufklärung und Recht heißt seine Losung. Das, was das Christentum und seine Kirchen seit ihrem langen Bestehen nicht be— seitigen konnten oder auch nicht immer beseitigen wollten, Habgier, Ausbeutung, Unterjochung, Herrschsucht, Heuchelei, Grausamkeit, Krieg usw., das will und wird der Sozialismus zum end⸗ lichen Heile der Menschheit beseitigen. Es ist hier heute nicht der Platz an all das Unmensch⸗ iche zu erinnern, das grade im Namen des stentums begangen worden. Aus unendlich em mag auch e ein Beispiel erwähnt
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dazu benutzt haben, um in ihrem Namen die abscheulichsten Religionskriege und schrecklichsten Menschenschlächtereien zu schüren.
Seit vierzig Jahren macht sich der Geist des Sozialismus in Deutschland besonders stark geltend, sammelt er seine Anhänger. Seit dem Auftreten Lassalles, seit der Gründung
des Allgemeinen deutschen Arbeiter⸗
vereins am 23. Mai 1863, seit dieser Zeit dauert auch die Verfolgung des Sozialismus und seiner Anhänger. Lauter denn je ertönte der Ruf nach Recht und Gerechtigkeit, Millionen von Arbeitern und Geknechteten erheben ihn. So hartnäckig wir imme wird er von den Herrschenden überhört und verweigert. Ein scharfes Hüben und Drüben wird die immer deutlichere Signatur unserer Zeit. Auf der einen Seite die Masse des Proletariats, verachtet und fast rechtlos, aber erfüllt und getragen von dem neuen Geist, dem heiligen Geist des Fortschritts und der Kultur; auf der anderen Seite die Reaktion, geschützt und gedeckt durch Macht und Gewalt. Staat, Kirche und herrschende Gesellschaft, sich gegen— seitig ergänzend und unterstützend, setzen alles daran nur auch nicht Haaresbreite von ihren selbstgeschaffenen Privilegien zu opfern.
Die Geschichte des Sozialismus in Deutsch⸗ land ist überreich an Beispielen dafür, zu welchen Mitteln seine Gegner zu seiner Unterdrückung und Verfolgung gegriffen und noch greifen. Nicht eine einzige der niedrigsten menschlichen Leidenschaften ist zurückgedämmt worden, wenn es sich darum handelte, den Sozialismus und seine Anhänger zu verfolgen. Blicken wir nicht weit zurück, sondern versetzen uns nur auf kurze Zeit in die Tage des letzten Reichstages. Ist es nicht beschämend und empörend zugleich, wie dort Recht, Gesetz und Verfassung mit Füßen getreten wurden, nur um unsere Abge⸗ ordneten mundtot zu machen und um so unge— hinderter dem deutschen Volke zu all seinen Lasten noch neue, schier unerträgliche, aufzu— bürden? Ja, und waren es nicht gerade die frommen, christlichen Mannen des Zentrums, die sich dabei besonders hervor— taten? Doch verwundern dürfen wir uns darüber nicht allzusehr. Diese frommen Christ⸗ lichen wissen, welcher Gegner ihnen im Sozialis⸗ mus erwächst und darum ihr glühender Haß. Sie wissen, daß die Sozialdemokratie entschlossen ist, um jeden Preis die deutschen Arbeiter auf⸗ zuklären und von jener Unwissenheit zu befreien, die dem Zentrum heute noch ein gut Teil seiner Existenz sichert.
Und nicht anders steht es um die übrigen Teile der herrschenden Gesellschaft. Sie wissen alle, was für sie auf dem Spiele steht, sie fühlen und ahnen, das Pfingstfest der Arbeit ist das Fest der Befreiung von Knechtschaft und Druck, das Pfingstfest der Arbeit ist das Totenfest ihren Vorrechte.
Wohlan denn, deutsche Arbeiter, so feiert Pfingsten, feiert das Fest des heiligen Geistes für Freiheit und höchste menschliche
Kultur, und laßt euch von ihm erfüllen! Er ist der Mächtigste und Unbesiegbarste den es je gegeben! Laßt euch von ihm erfüllen, dem heiligen Geiste wirklicher Menschen⸗ verbrüderung und wehret dem Krieg und Erzeugern,
seinen dem Militarismus und
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