Ausgabe 
29.3.1903
 
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Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.

Geschlechtsnamen seiner Mutter kannte, besser gekleidet in eine weibliche Erziehungsanstalt

umhergestrichen, habe zuletzt nur von Almosen gelebt und könne nun für ihre Tochter nur noch beten. Ich lief in das Bauernhaus, ihr Erfrischungen zu kaufen, denn der Bauer hatte ihr kaum den Ruheplatz in der Scheuer gestatten wollen. Als ich zurückkam zu ihr, lag sie schon entseelt auf dem Heu und das kleine Mädchen jammernd über dem Leichnam der Mutter. Ich tröstete, so gut ich konnte, bestritt die Begräbnißkosten und schickte das verwaiste Mädchen, welches nicht einmal den

nach Rastrow. Es hieß Amalia; ich gab ihm zum Almosen noch den Beinamen Scheuer nach dem Fundort. g

Jetzt eben, da alles von mir wich, erhielt ich aus der Anstalt Rastrow von dieser Amalte Scheuer einen Brie, der noch zu meinen Kleinodien gehört. Du sollst ihn lesen. Er rührte mich damals zu Tränen. Der Inhalt war ungefähr: Sie habe mein Unglück ver⸗ nommen und glaube nun ihrem Vater, so pflegte ste mich zu nennen, nicht länger zur Last sein zu müssen. Sie werde suchen, als Erzieherin in einem guten Hause oder durch Stickerei, Putzmachen, Unterricht im Klavierspiel oder auf irgend eine Art ihren Unterhalt selbst zu erwerben. Ich möge für sie unbekümmert sein; nun sei die Reihe an ihr, Kummer für mich zu haben. Du mußt den Brief selbst lesen mit den schönen Ausbrüchen von Dank⸗ barkeit. Es ist die Abspiegelung der frömmsten, reinsten Seele. Sie bat nur um die Erlaubnis, ein einziges Mal ihren Wohltäter zu sehen, dessen Bild ihr nur dunkel im Gedächtnis schwebe seit dem Todestag ihrer Mutter. Ich schrieb ihr zurück, lobte ihre Gesinnungen, aber versicherte, ste habe nicht Ursache, sich zu übereilen; ich würde für sie sorgen, bis sie einen angemessenen Platz habe.

(Fortsetzung folgt.)

Ein freigebiger Seelenhirte.

Beim Pastor Rabius in Seelze war kürz⸗ lich große Auktion. Als dieselbe beendet war, Jeguste ne der Pastor sein Dienstmädchen, fämt⸗ liche alten Papiere usw. den Flammen zu über⸗ liefern und zu diesem Zweck in die Küchenplatte zu stecken. Als das noch sehr junge Dienst⸗ mädchen in dem alten Papier herumkramte, entdeckte ste ein buntes Bild, das sich bei nähe⸗ rem Zusehen als ein Hun dertmarkschein erwies. Nach eingehenderem Suchen entdeckte es noch sechs von der Sorte, welche es still⸗ schweigend auf die Fensterbank legte. Kurz da⸗ rauf wurde es draußen laut.Weib, wo hast du das Geld gelassen?Weib, schaff mir das Geld wieder an! so hörte das Mädchen den Pastor draußen rufen, und nun ein Gerenne und Gelaufe, treppauf, treppab, ein Wehklagen ing durch das ganze Hans, bis schließlich die Pastorin zu dem Dienstmädchen in die Küche trat und fragte:Luise, hast du zwischen den alten Papieren keine bunten Bilderchen gefun⸗ den? was diese auch unter Ueberreichung der steben Banknoten bejahte. Voller Freude lief nun die Pastorin zu ihrem Herrn Gebieter, wel⸗ cher nach kurzer Zeit erschien und dem Mädchen mit pathetischer Geberde und mit den in sal⸗ bungsvollstem Tone gesprochenen Worte: Jeder ehrliche Finder ist seines Lohnes wert, eine ganze Mark in die Hand drückte.

Staats retter⸗-Pech.

In dem großen Porfe It. im Kreise Tilsit wurde, wie das jetzt so üblich ist, ein evange⸗ lischer Arbeiterverein gegründet, natürlich zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. Das große, staatserhaltende Werk war vollbracht, man konnte nun an die Vernichtung der verdammten Sozis herangehen. Geld wurde gesammelt, eine Fahne wurde angeschafft, und Verein und Fahne vom Pfarrer gesegnet. Doch der heilige, glühende Feuereifer erkaltete bald,

Abteil

der Verein wollte nach einiger Zeit nicht mehr so recht vorwärts kommen. Da, eines Tages, o Graus, erklärte der Fahnenträger, ein kleiner Besitzer, er trage die Fahne nicht mehr, er sei Sozialdemokrat geworden! Möge die Fahne tragen, wer wolle. Man hätte nur die bestürzten Gesichter der Gründer dieses Vereins sehen sollen. Mit dem Fahnenträger traten gleichzeitig die Mitglieder aus, und der an⸗ fänglich zur Bekämpfung der Sozialdemokratie gegründete Verein verendete, weil die meisten Mitglieder Sozialdemokraten geworden waren. Das ist bitter, wirklich sehr bitter für unsere Staatserhaltenden.

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Humoristisches.

Kavallerie⸗ Vermehrung. Ameier: Der Kriegsminister hat ja auch eine Vermehrung der Kavallerie und ihres Offizierskorps angekündigt. Bmeier: Die In zahlreichen Garnisonstädten mangelt es an Tänzern.(W, Jak.)

Babel und Bibel.Hebe dich hinweg, Sklave; wir können in Babylon keine Wurst mehr essen, wenn nicht die Berliner ihren Senf dazu gegeben haben.

(Simpl.)

252822

Geschichtskalender.

29. März. 1888: Max Kayser, soz. Reichs⸗ tagsabg., f. 1883: Soz.⸗dem. Parteitag in Kopen⸗ hagen. 1826: Wilhelm Liebknecht,*.

30. 1901: Oberleutnant Rüger zu 6 Jahren Zuchthaus wegen Mordes verurteilt. 1897: Neuer Panamaskandal vor der franz. Kammer.

31. 1881: Erste Verlängerung des Sozialisten⸗ gesetzes.

5 1. April. 1897: Schultze⸗Königsberg, soz.⸗dem.

g., F.

2. 1898: Zola vom Kassationshof freigesprochen

3. 1849: Friedrich Wilh. IV. lehnt die Kaiser krone ab. 5

4. 1900: Oertel-Nürnberg, soz. Reichstagsabg. F.

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General- Versammlung

am Freitag, den 3. April, Abends Nuhr im Rathaussaale zu Friedberg.

Tages⸗Ordnung:

1. Jahresbericht und Rechnung von 1902.

2. Abänderungsautrag zu§ 13, Abs. 3,(Gewährung des Krankengeldes für in die Woche fallende Feiertage),

3. Ersatzwahl des Vorstandes.

4. Verschiedenes.

Der Vorstand: Carl Damm, 1. Vorsitzender.

Die Kahresrechnung liegt bis zur Generalversammlung auf dem Bureau der Kasse zur Einsicht der Interessenten auf.