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N 8. Gießen, den 29 März 1903. 10 Arg. Redaktion: 2 0 Medaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr . 5
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Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.
Bestellung n nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)
finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.
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Parteigenossen allerorts!
Nur noch wenige Wochen trennen uns von der Reichstagswahl. Neueren Mittei⸗ lungen zufolge soll der Wahltermin— wie vor fünf Jahren— auf den 16. Juni gelegt werden. Für diesen, von der halbamtlichen „Nordd. Allg. Ztg.“ angegebenen Zeitpunkt spricht alle Wahrscheinlichkeit. Es bleiben uns daher kaum noch 2½ Monate zu den Wahlvorbe⸗ reitungen übrig, wir müssen diese gründlich ausnutzen, wir dürfen keinen Tag verlieren!
Parteigenossen! Ihr alle kennt die Bedeutung der Reichstagswahlen und wißt, was dabei für die werktätige Bevölkerung auf dem Spiele steht. Leider verfügt unsere Partei in den Wahlkreisen unseres Verbreitungsgebietes (Gießen, Friedberg, Alsfeld, Wetzlar, Dillen⸗ burg, Limburg, Marburg ꝛc.) nicht über die genügende Anzahl agitatorischer Kräfte, um in allen Orten Versammlungen abhalten und die Wähler über die politischen und wirtschaftlichen Fragen aufklären zu können. Darum muß die private Agitation der einzelnen Par⸗ teifreunde eingreifen und nachhelfen! Hier muß jeder seine Pflicht im vollsten Maaße erfüllen! Jeder muß seine Freunde, Verwandten, Kollegen, Mitarbeiter mit den sozialdemokratischen Grundsätzen und Forde⸗ rungen bekannt machen, auf die Jämmerlichkeit und Ungerechtigkeit der heutigen Zustände hin⸗ weisen, für Beteiligung an der Wahl und Ab⸗ gabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels anzufeuern suchen.
Unsere Gegner aller Schattierungen werden nicht verfehlen, die Sozialdemokratie und ihre Bestrebungen mit allen Mitteln zu verdächtigen. Wie schon früher in unserm Blatte erwähnt, beabsichtigt der Zentralverband deutscher In⸗ dustrieeller, jene großkapitalistische Scharfmacher⸗ truppe, ein Flugblatt in der Riesenmasse von 8 Millionen Exemplaren zu diesem Zwecke zu verbreiten.
Die anderen bürgerlichen Parteien werden mit ähnlichen Machwerken nicht zurückbleiben, sie alle stehen uns in gleichem Maaße feindlich gegenüber!
Ferner dürfen unsere Freunde nicht vergessen, für die nötigen Geldmittel zum Wahlkampfe zu sorgen. Trotzdem viele Wahlarbeit von den Genossen umsonst geleistet wird, verschlingt jede Wahl bedeutende Summen. Um nur den Druck eines Flugblattes zu bezahlen, sind eine Menge kleiner Beiträge nötig! Was unsere Gegner öfter über den Reichtum unserer Partei⸗ kasse schreiben, ist bedauerlicherweise nicht richtig, wie aus den Jahresabrechnungen des Parteivorstandes hervorgeht. Darum trage
jeder sein Scherflein bei, besonders derjenige,
der aus irgend welchem Grunde der Partei⸗ organisation nicht angehören kann.
In erster Linie aber lasse sich jeder Genosse die Verbreitung der Parteipresse angelegen sein. Durch sie wird nicht nur der Wahlkampf am wirksamsten und nachdrücklichsten unterstützt, sondern sie sorgt auch für die so dringend nötige Aufklärung in allen Fragen des politischen und wirtschaftlichen Lebens. Ohne Furcht zieht die sozialdemokratische Presse die Mißstände in der Gesellschaft, der Recht⸗ sprechung, der Armee ꝛc. an das Licht, was die„gutgesinnten“ Zeitungen niemals wagen! Das werktätige Volk, die minderbemittelte und besitzlose Klasse findet ihre Interessen nur in den sozialdemokratischen Zeitungen vertreten.— Die Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung wird wie bisher so auch fernerhin mit Ent⸗ schiedenheit die Interessen des arbeitenden Volkes, der Minderbemittelten und Besitzlosen, Ausge⸗ beuteten und Unterdrückten wahrnehmen und jederzeit für Freiheit und Gerechtigkeit eintreten. Pflicht aller Arbeiter ist es daher, ihr Blatt nachdrücklich zu unterstützen und an seiner Weiterverbreitung mitzuarbeiten. Es sind noch
Tausende zu gewinnen! Die einmal wöchentlich erscheinende „Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet nur 25 Pfennige den Monat.
Durch die Post bezogen 75 Pfg. das Viertel⸗ jahr, unter Kreuzband 1 Mk.
Was das herrliche Kriegs⸗ heer kostet.
Daß die Kirche einen guten Magen hat, ist bekannt. Sie hat Länder und Völker auf⸗ 18 a und doch ist ihr Hunger, ihre Gier is heute noch nicht gestillt. Aber ste ist nicht die einzige, deren Unersättlichkeit den Völkern um Fluche und zum Verderben wird. Das
eitalter des Kapitalismus hat einen Moloch gezeugt, der durch seine unstillbare Freßgier anfängt, der Schrecken der Welt zu werden. Dieser Moloch heißt Militarismus. Was er vertilgen kann, davon mögen nachstehend einige Zahlen Zeugnis ablegen. Während 1869 die Präsenzstärke des Herres 192000 Mann betrug, ist sie jetzt mit Einschluß der Offiziere, Einjährigen ꝛc. auf rund 615000 Mann ge⸗ bracht worden.
Die laufenden Ausgaben, das sind die jährlich wiederkehrenden, betrugen 1872 für das Heer 250 Millionen Mark, ste sind im Laufe der seitdem verstrichenen drei Jahrzehnte auf 576 Milltonen gestiegen. Die Marine beanspruchte 1872 einen Jahresaufwand an laufenden Ausgaben von 12 Millionen Mark; jetzt sind es bereits 94 Millionen. Die Militär⸗ penstonen betrugen 1872 jährlich 47 Millionen Mark, jetzt sind es 120 Millionen. Die Summen der laufenden Ausgaben für Heer und Marine
haben sich somit von 1872 bis jetzt von 309 auf 790 Millionen Mark erhöht; sie sind somit auf das zweieinhalbfache gestiegen.
Die einmaligen Ausgaben für Heer und Marine beanspruchten im Jahre 1880 nur 61 Millionen Mark. In den folgenden Jahren waren es 65, 39, 45, 49 und 68 Millionen Mark; bis auch hier das Jahr 1887 mit seinen Schwindelwahlen eine entscheidende Aenderung brachte. Schon 1887 stiegen die einmaligen Ausgaben auf 182 Millionen; sie sind in einigen der folgenden Jahre wieder etwas gesunken, aber vorübergehend auch auf 350 Millionen(1890) angeschwollen und sind seit 1895 im beständigen Steigen begriffen. Dieses Jahr betragen sie 275 Millionen Mark. Ziehen wir die Summen der einmaligen und der laufenden Ausgaben für Heer und Marine zusammen und sehen wir dahei von den sieb⸗ ziger Jahren ab, da in denselben bekanntlich hohe einmalige Aufwendungen für Festungs⸗ bauten ꝛc. bewilligt sind, so ergiebt sich folgende Uebersicht:
Die Gesamtausgaben für Heer und Marine g
betrugen: 1880: 463 Millionen Mark, 1885: 472 5 15 1890: 716 9 5 1895: 729 5 5 1900: 931 4 1 1901: 982 7 1 1902: 1016 1 5
1903: 1065„
Jedes Jahr frißt also Moloch jetzt über eine Milliarde! Und wenn man die 90 Millionen Mark hinzuzählt, die jährlich für Verzinsung der Reichsschulden, die fast nur für Heer- und Marinezwecke aufgenommen wurden, geopfert werden müssen, wenn ferner alle in⸗ direkten Ausgaben für Heer und Marine mit in Betracht gezogen werden, dann gelangen wir zu der ungeheuerlichen Summe von rund 1200 Millionen Jahresausgabe für Heer und Marine. Noch nicht eingerechnet sind dann die beträchtlichen Millionen, die von den Familien der Soldaten an diese als Zuschuß espendet werden, und die auf mindestens 20 Maltonen zu veranschlagenden Aufwendungen für die 10000 Einjährig⸗Freiwilligen. Doch auf fünfzig Millionen mehr oder weniger kommt es bei dem riesigen Etat schon gar nicht mehr an. Jeder Deutsche, auch die Kinder bis zu den Säuglingen und die Greise und Witwen mit eingerechnet, muß jetzt im Durchschnitt jährlich rund 21 Mark für Heer und Marine aufbringen und dabei sollen im nächsten Jahre, wenn das Quinquennat von 1899, also die Festlegung des Heeresetat auf fünf Jahre be⸗ endet sein wird, weitere Truppen ver⸗ mehrungen vorgenommen werden. Außer⸗ dem hat bereits der Kriegsminister in der Budgetkommission die anmutige Eröffnung ge⸗ macht, daß für die artilleristische Neu⸗ bewaffnung 150 Millionen Mark erforderlich seien, wobei nur an die Belagerungs- und Küstenartillerie gedacht war, sowie an die für den Feldkrieg zur Verwendung kommenden Geschuͤtze der Festungsartillerie, so daß der bereits in Aussicht gestellte Umge staltung die 1 8 noch nicht in den 150 Millionen teckt.
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