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Gießen, den 23. August 1903.
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Die Wurzel unserer Kraft.
In der„Schwäbischen Tagwacht“, unserm Stuttgarter Parteiorgan, richtete kürzlich Genosse Stern an die Parteigenossen folgende mah⸗ nenden Worte, welche wir allen Freunden und Lesern zur Beachtung und Nacheiferung em⸗ pfehlen:
Die Wahlen sind vorüber. Die Brust von freudigen Hochgefühlen geschwellt, blickt die deutsche Arbeiterschaft auf ihre glänzenden Triumphe, die ihr bewunderndes Echo fanden im Proletariat aller Länder. Läge uns nicht alle nationale Ueberhebung fern, so könnten wir nicht geringen patriotischen Stolz darüber em⸗ pfinden, daß das proletarische Deutschland, das ohnehin längst an der Spitze der internatio⸗ nalen sozialistischen Armee marschiert, seinem Ruhmeskranze so viel neue Blätter und Blumen einzuflechten vermocht hat. Wohl aber ziemt es über die Ursachen nachzudenken, weshalb gerade in Deutschland die Sozialdemokratie einen so prächtigen Aufschwung nehmen und einen so großen Vorsprung vor den übrigen Ländern gewinnen konnte.
Unsere Gegner von der bürgerlichen Linken sind schnell fertig mit dem Wort: das Aus⸗ nahmegesetz und die Scharfmacherei im Verein mit den Junkern haben das Wachstum der Sozialdemokratie mächtig gefördert. Wie sie sich nach dem Fall des Sozialistengesetzes in dem holden Wahne wiegten, unsere Partei würde aus Rand und Band gehen, nachdem der„eiserne Reif, der sie zusammenhielt“, beseitigt, so reden sie sich wieder ein, die sozialdemokratische Partei verdanke ihre Erfolge lediglich den diversen Mißgriffen und Auswüchsen des herrschenden Kurses, welche die darüber verstimmten Wähler der Partei der schärfsten Tonart in die Arme getrieben hätten.
Daran ist ja wohl etwas Wahres, zumal in anbetracht der„bewährten“ Schwächlichkeit und Jämmerlichkeit der bürgerlichen Parteien, worüber manche Führer der letzteren im Schmerz⸗
efühl ihrer brennenden Wunden ein bußfertiges Bekenntnis ablegten und ihren Weg mit guten Vorsätzen pflasterten— wie schon so oft.
Zur Aufklärung der gewaltigen Fortschritte der sozialdemokratischen Propaganda in Deutsch⸗ land reicht aber das nicht entfernt aus. Das Geheimnis ihrer Simsonkraft liegt vielmehr unstreitig in der sozialistischen Wissen⸗ schaft, deren Quintessenz“) dem klassenbewußten Proletariat in Deutschland in Saft und Blut übergegangen. Was die Marx, Engels, Lassalle, Liebknecht und ihre Gefährten und Nachfolger gelehrt und in mannigfaltigen, so gediegenen wie fesselnden Publikationen popularistert haben, hat die urwüchsige Klassenbewegung des Prole⸗ tariats, seine natürliche Auflehnung gegen Ausbeutung und Unterdrückung, mit höheren Ideen getränkt und befruchtet, zum er⸗ kenntnisklaren Kulturideal sie erhoben. Aus einer Bewegung von Tageskämpfen um kleine Vorteile und Erleichterungen und Rechte wuchs sie so empor zum völligen Emanzipa⸗ tionskampf der Arbeiterschaft und zugleich zur weltumwälzenden Bewegung mit der Perspektive auf eine durchgreifende soziale Renaissance im
* Extrakt, Auszug, das Beste aus einer Sache.
Sinne allgemeiner materieller und geistiger Befreiung aus den Sümpfen des Klassenstaats.
Nur ein solch hohes Ideal war und ist fähig, große Massen zu begeistern, zu sieg⸗ reichen Aktionen im großen Stil mobil zu machen, zu unermüdlichem, zähem, opfermutigem und einmütigen Kampfe zu entflammen, der keinerlei Hindernisse, Gefahren und Verfolgungen scheut. — Im taghellen Lichte dieses Ideals ist es in den von ihm erhellten Köpfen auch all jener traditionelle Spuk zerstoben, der noch jetzt rückständige Proletarier im Banne der herr⸗ schenden Klassen festhält.— Indem aber die Gedanken unserer großen Theoretiker sich streng aufbauten auf dem granitnen Grund der mate⸗ riellen Wirklichkeiten und aus der Retorte kühler Logik gewonnen wurden, ohne Bei⸗ mischung tendenz⸗illustonärer Elemente, sind sie zugleich untrüglicher Kompaß gewesen für unsere Bewegung, haben sie ihr die allein rich⸗ tigen Wege gewiesen, auf denen sie immer weiter vorwärts gelangt ist, haben sie dieselbe bewahrt, von den vielen listig lauernden Irr⸗ lichtern sich auf Abwege verlocken zu lassen und in die Scylla oder Charybdis zu geraten.
Den klaren, nüchternen, ziel⸗ und wegsicheren Blick, vereint mit tatkräftigem Enthustasmus — diese seltene Mischung— verdankt das Pro⸗ letariat im Volke der Denker seinen größten Denkern. Und dieser„Imponderabile“ verdankt es im wesentlichen seine Triumphe.
Gibt man aber das zu, so liegt darin auch eine richtige praktische Weisung.
Es war natürlich, daß wir im Wahlkampf hauptsächlich mit der Gegenwartspolitik uns zu befassen hatten— wenn es auch eine ganz faule Flause ist, die mit Vorliebe von der „Frankf. Ztg.“ wiedergekaut wird, daß wir unser Endziel sorgsam in der Tasche behielten— es galt vor allem, die Wähler über die viel⸗ seitigen Aufgaben der kommenden Legislatur⸗ periode aufzuklären. Nun aber, da die Wah⸗ len vorüber, gewinnen wir wieder mehr Muße für die Theorie.
Den jüngeren Genossen namentlich, die zur Partei kommen, als sie schon Gelegen⸗ heit hatten, im Reichstag, in den Landtagen und auf den Rathäusern sich an den praktischen Tagesfragen lebhaft zu beteiligen, dürfte nach⸗ drücklich zu empfehlen sein, daß sie sich nun⸗ mehr auch mit den Fundamentalgedanken un⸗ serer Theorie vertraut machen durch emsige Lektüre der einschlägigen Litteratur.
Ganz besonders möchten wir das Studium des Werkes empfehlen, das überaus lichtvoll und gemeinfaßlich über die Grundgedanken der sozialistischen Wissenschaft orientiert und eine unerschöpfliche Fülle von Belehrung enthält. Es sind jetzt genau 25 Jahre, daß es in Buch⸗ form erschienen ist, aber trotz dieses Alters hat es um nichts gealtert. Wie aus einem Berg⸗ quell sprudeln daraus kristallklare Ideen in erquicklichster Frische. Es ist das Buch von Friedrich Engels:„Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft.“ 2. Aufl. Stuttgart, Dietz 1894.
Und auch das von Marx und Engels ge⸗ meinschaftlich verfaßte„Ko mmunistische Manifest“, das älteste Dokument des wissen⸗ schaftlichen Sozialismus, sollte jeder Genosse aufs gründlichste kennen. Eine kleine Schrift, aber von ganz verständlichem, fruchtbarem
Ideenreichtum.„Ein Wald von himmelhohen Gedanken!“
Nicht besser können sich die Genossen für die Agitation ausrüsten, als durch gediegene Kenntnis unserer Theorien.
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Der Partei ⸗Bericht
an den Dresdener Parteitag ist erschienen. Er gedenkt zuerst der Kämpfer, die im Berichtsjahre aus unsern Reihen gerissen wurden und erwähnt Kegel, Metzner, Wächter Gielefeld), Pätzfeld(Dortmund), Keßler(Mannheim) ꝛc. Ferner erwähnt der Bericht die erheiternde Tatsache, daß der Parteikasse aus preußischen Regierungsgeldern 60 Mark zugeflossen sind, durch die am 13. Januar ein Polizeibeamter einen Redaktionsdiener des Vorwärts vergeblich zum Treubruch zu bewegen suchte. Der an der Spitze des Vorwärts mehrfach veröffentlichten Aufforderung, das Geld abzu⸗ holen, kam der Geldgeber aus leicht begreiflichen Gründen nicht nach.
Einen erfolgreichen Vorstoß zum Schutze des Ko a⸗ littonsrechts unternahm die Mecklenburger Volks⸗ zeitung in Rostock. Sie erließ die Aufforderung, eine ungesetzliche Verordnung des Rates von Rostock, die das Streikpostenstehen generell verbot, nicht zu beachten, Ein Strafverfahren wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze usw. wurde gegen unser Parteiblatt nicht eingeleitet— die Staatsanwaltschaft zog es vor, dem Rostocker Polizeiamt mitzuteilen, daß sie die Rechts⸗ gültigkeit der Verordnung nicht anerkennen könne. Sie verschwand darauf in der Versenkung.
Erfolglos war dagegen die Anfrage der württem⸗ bergischen Genossen im Landtage an die Regierung, ob sie geneigt sei, im Bundesrat für eine Vervollständigung des§ 153 der Gewerbeordnung in dem Sinne eintreten zu wollen, daß jeder, der durch Erschwerung der Arbeits- gelegenheit, Drohung oder Verbot einen anderen an der Ausübung des in§ 152 der Gewerbeordnung gewähr⸗ leisteten Koalitionsrechtes verhindert, bestraft wird. Der Ministerpräsident gab namens des Gesamtministeriums die Erklärung ab, daß die Regierung im Bundesrat für eine solche Forderung nicht eintreten könne, da durch sie die rechtliche Stellung des Arbeiters und des Arbeit— gebers zu Gunsten des ersteren in ungerechtfertigter Weise geändert werden würde. Die Arbeiter sollen nach wie vor der durch„schwarze Listen“ bedingten wirtschaft⸗ lichen Vogelfreiheit preisgegeben bleiben. Von den bürgerlichen Parteien des schwäbischen Parlaments war keine für die Forderung unserer Partei zu haben.
Eine recht erfreuliche Tatsache stellt der Bericht mit der Meldung fest, daß der bald zehn Jahre hindurch das Parteileben lähmende Bruderzwist im Wahlkreise Solingen im November vorigen Jahres endlich bei⸗ gelegt wurde. Die Einigung wurde durch die Wieder⸗ eroberung des Reichstagsmandats belohnt.
An Arbeitersekretariaten existieren jetzt 39. In Ausführung eines Beschlusses des vorjährigen Gewerk⸗ schaftskongresses, ist am 1. Januar d. J. in Berlin das Zentralarbeitersekretariat errichtet worden. Die Behörden wissen die Bedeutung der Sekretariate zu würdigen. Der Präsident des Kaiserlich Statistischen Amtes hat sie neben den Gewerkschaftskartellen aufge⸗ fordert, dem Amte bei der Herausgabe des Reichs⸗ Arbeitsblattes durch Lieferung von Material behilflich zu sein.
Im Herbst dieses Jahres finden die preußischen Landtagswahlen statt, an denen sich die preußischen Genossen zum erstenmal allgemein beteiligen. Um die Vorarbeiten der Wahlagitation in die Wege zu leiten, und um den Genossen eine feste Richtschnur der einzu⸗ haltenden Taktik zu geben, fand auf Einladung des Parteivorstandes am 26. März d. J. in Berlin eine Konferenz preußischer Delegierter statt, die von 92 Teil⸗ nehmern besucht war. Mehrere Provinzial-Agitations⸗ komitees haben sofort nach dem Abschluß der Reichstags⸗ wahlen die Agitation für die Landtagswahlen begonnen.


