Ausgabe 
22.11.1903
 
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Nr. 47.

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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

mußte. Er konnte nicht begreifen, wie es möglich war, so jämmerlich zu handeln, wie er gehandelt hatte. Und doch war's geschehen nicht zu leugnen und nicht mehr zu ändern. Er war der erbärmlichste Gesell, der auf der Erde herumwandelte daran war gar kein Zweifel! Konnte es noch einen Menschen geben, der, anstatt das Maul aufzutun und zu reden, wie sich's gehörte und wie er noch im Augen⸗ blick vorher versprochen hatte, schmählich durch⸗ ging und seinen Schatz verließ, wo man ihr den ärgsten Schimpf antun konnte? Es war unmöglich, so einen gab's nicht mehr. Wenn er früher geglaubt hatte, er sei auch etwas und er bedeute etwas, so war er nur ein Esel und ein eingebildeter Narr!

Die Bäbe mußte ihn verachten von Grund ihres Herzens; wenn sie es tat und wenn ste ihn jetzt mit keinem Aug' mehr anschaute, so hatte sie vollkommen recht. Und wenn der Vater ihn behandelte wie einen Buben, so hatte er auch recht. Denn so einem Menschen, wie er einer war, mußte man's so machen; je ärger, je besser!

Die Wut über seine Feigheit, die ihn um alles brachte, steigerte sich eines Abends, wo er allein in der Kammer war, zu einer solchen Höhe, daß er auf sich selber losschlug. Er fühlte aber bald, daß er damit nichts besser machen konnte, und hörte auf mit schmerzlichem Lächeln über seine Tollheit.

Einen Menschen, der nach dem Rieser Wort aussah, als ob ihn die Hexen geritten hätten, konnten Blutsverwandte, wie sehr sie gegen ihn eingenommen waren, nicht mehr höhnen. Man behandelte ihn als einen Kranken, wofür ihn der Vater gegen andere, um seine Blässe und seine Zurückgezogenheit zu erklären, auch ausgab. Sogar Kaspar trug Scheu, eine gewisse Schaden⸗ freude, die er doch noch empfand, merken zu lassen; die Walpurg gab ihr Mitgefühl in Blick und Ton unverhohlen kund, wenn sie auch nicht wagte, die verfängliche Sache zu bereden. Sie, die Erfahrene, begriff, daß ihm die Pfarrmagd lieber war als die Sibylle; ste begriff auch, wie der plötzlich vor ihm stehende Vater mit seinemfürchterlichen Gesicht ihn erschrecken konnte, daß er in der Angst fortlief und an das Mädchen nicht mehr dachte, obwohl er sie gern hatte. Was der Tobias bah selbst nicht denken konnte, das konnte sie, das gute Weib, sich denken; aber sie konnte ihm leider nicht helfen. g

Die Hoffnungen, die der Alte auf die letzten Reden der Pfarrmagd setzte, gingen übrigens nur zum Teile in Erfüllung. Tobias sah da⸗ durch bestätigt, was er schon vorher wußte: daß das Band der Liebe zerrissen sei und daß

erer nicht wagen könne, in dieser Beziehung noch irgend etwas zu unternehmen.

Allein der Ge⸗

liebten die Schmähworte übel zu nehmen und

ihr böse zu werden wie sie ihm, das verhinderte seine Denkweise. Im Gegenteil, er gab ihr auch bei ruhiger Ueberlegung durchaus recht und schätzte sie nur um so mehr, weil sie auch bei dieser Gelegenheit tat, was ihr zukam. Die Bäbe hatte in allen Stücken gehandelt wie ein rechtes Mädchen, er dagegen hatte miserabel gehandelt über alle Begriffe, und wenn sie ihm nun die Titel gab, die ihm gebührten, und nichts mehr von ihm wissen wollte, so machte ihr das nur Ehre.

Nach Verfluß einiger Tage wurden die An⸗ griffe, womit unser Schneider sich selbst befehdete, weniger heftig und kehrten seltener wieder. Der Zorn, den er über sein Betragen empfand, und die Qualen seines Bewußtseins legten sich, und eine stille Niedergeschlagenheit, die Trauer der Entsagung, trat an ihre Stelle. Seine Arbeiten in Haus und Feld tat er nachgerade wie sonst, sprach mit den Leuten und beant⸗ wortete ihre Fragen wegen seiner Gesundheit schicklich, indem er ihnen verstcherte, daß es jetzt besser ginge und er von dem Fieber, welches es gehabt habe, wenig mehr verspüre, so daß er hoffe, es werde bald alles vergangen sein.

In der Verfassung, die er erlangt hatte, kam ihm seine Schuld, auch wenn er sie genau betrachtete, doch nicht mehr so ganz unverzeihlich vor. Was konnte er dafür, daß er so ein

Mensch war? Er hatte sich diese Gemütsart

nicht gegeben; wenn er vorher gefragt worden wäre, hätte er sich schon eine bessere bestellt! Er war eben, wie ihn Gott geschaffen hatte, und konnte sich so wenig anders machen wie andere Leute. Wenn solche Gedanken dazu dienten, ihn ruhiger zu stimmen, so bewirkten sie doch nicht, daß er neue Forderungen erhob. Er konnte nicht dafür, daß er so war, aber weil er so war, so hatte er auch kein Recht auf Ehre und Glück in der Welt; er mußte darauf gefaßt sein, zu nichts zu kommen, weil er eben nicht der Mann war, sich etwas zu verschaffen.

Die Ergebung ist jedoch in der Regel auf dem Wege zur Besserung. In ihrem Frieden kommt über die Seele, wenn nicht das Licht der Sonne, doch der Schein des Mondes, jene sanfte, melancholische Klarheit, die gleichwohl etwas Tröstliches hat und wenigstens das all⸗ gemeine Gedeihen wieder fördert. Tobias bekam seine Farbe wieder; der Ausdruck der Entsagung ließ ihm gut, und wenn er nicht mehr so frisch und munter aussah wie vor dem Ereignis, so war er doch in seinem stillen Wesen ebenso hübsch und interessanter als vorher.

Der alte Schneider sah diesen Fortschritt mit Befriedigung. Da er den Burschen jetzt in der Hand hatte, so wollte er ihn doch nicht drängen, die Sache mit der Sibylle richtig zu machen. Für einen Freier ließ er noch immer zu sehr den Kopf hängen. Aber das mußte in

wenigen Tagen aufhören, und dann sollte der

Handel rasch abgemacht sein.

Zehn Tage waren verklossen seit jenem tragischen Auseinanderkommen, und Tobias und die Bäbe hatten sich auch nicht aus der Ferne gesehen. Endlich geschah doch, was auf dem Dorfe unvermeidlich ist sie begegneten sich; und zwar in dem Gäßchen zwischen Hecken, das sie früher so liebend und glücklich gesehen. Wie der Bursche das Mädchen von fern erblickte, gab es ihm einen Stich ins Herz; aber er faßte sich und ging mit dem Ausdruck ernster Ent⸗ sagung an ihr vorüber. Nur von weitem hatte er ihr Gesicht so rot wie früher, aber stolz und gleichgültig gesehen; als sie ihm näher kam, lenkte er den Schritt etwas auf die Seite und sah gerade vor sich hin. Die Gelegenheit, ihn ungehindert zu betrachten, blieb von dem Mäd⸗ chen nicht unbenutzt. Sie glaubte in seinem Gesicht Reue zu erkennen und fand es gut und lobenswert, daß er wenigstens einsah, wie er sich gegen ste verfehlt hatte!

Zwei Tage darauf begegneten sie sich wieder in der Hauptgasse des Dorfes in schöner, milder Abendstunde, die das Herz unseres ver⸗ einsamten Burschen weich gestimmt hatte. Das erstemal war ihm das fremde Wesen des Mäd⸗ chens natürlich und in der Ordnung erschienen; als er sie aber jetzt mit seinem guten Auge wieder so gegen ihn herankommen und dadurch ihre Unversöhnlichkeit an den Tag legen sah, tat es ihm doch weh. Ihm hatte sein Fehler so leid getan, er hatte sie so gern und schätzte sie so hoch und sie tat, als ob sie ihn nie gekannt hätte und er gar nicht in der Welt wäre. Die Augen wurden ihm feucht, als sie mit unveränderter Miene näher kam; und als sie an ihn vorübergegangen war, hatte er Mühe, seine Tränen zurückzuhalten. Das hieß einen Menschen, wie er war, doch gar zu sehr ver⸗ achten! Daß sie ihn nicht grüßte, war natürlich; aber daß in ihrem Gesicht gar nichts zu sehen war von der alten Liebe, gar keine Spur, daß sie miteinander bekannt gewesen, das war nicht schön und er hätte gedacht, daß sie ein besseres Herz hätte!

Würde der Bursche in dieses Herz gesehen haben, so wäre sein Schmerz um ein Gutes linder geworden. Ein Blick auf ihn hatte das Mädchen erkennen lassen, was in ihm vorging; er dauerte sie, seine Traurigkeit rührte sie, und als sie einige Schritte weitergegangen war, sagte sie leise für sich:Es ist Schade!

Zu Hause bei einer einsamen Arbeit hing sie den in ihr rege gewordenen Gedanken weiter nach. Er hatte sie wirklich geliebt, der gute Tobias, und liebte sie noch das war augen⸗ scheinlich. Wenn er ein rechtes Mannsbild

wäre, ja nur ein bißchen mehr Kourage hätte, einen Bessern, was die Gutmütigkeit und An⸗ hänglichkeit betrifft, könnte sie nicht leicht be⸗ kommen. Daß er gar so wenig Schneid hatte, war doch recht ärgerlich! Sie würde ihm ja den Fehler von jenem Sonntag verzeihen, wenn sie nur sähe, daß er ihn wieder gutmachen könnte. Manchmal geht's einem freilich sehr kurios; es ist einem wie angetan und man macht eine Dummheit, die man gar nicht für möglich gehalten hätte; aber dann handelt man das nächstemal mit Fleiß gescheiter und arbeitet sich wieder heraus. Dem Tobias ist aber das nicht zuzutrauen! Er hätte ein Mädchen werden sollen, so schön und so gutmütig, wie er war. Sie lächelte über den Gang, den ihre Ge⸗ danken nahmen, und ein Ruf der Pfarrerin schnitt ihn vorläufig ab.

Ein paar Tage später traf sie mit einem

Dorfmädchen zusammen, die mit ihr bekannt

geworden war und sich vertraulich an sie an⸗ geschlossen hatte.

Auf die Frage, was es Neues gebe, versetzte die rüstige Dirne mit einer Art von Duck⸗ mäuserei:Nicht viel! Beim Schneider hat's was gegeben; der Alte und der Junge haben Streit gehabt miteinander.

Die Bäbe war betroffen und erwiderte, ohne einen gewissen schlauen Zug um den Mund der Freundin zu bemerken, hastiger als gewöhnlich: Streit? Und wann denn?

Heut früh.

Und warum denn?

Der Alte will haben, daß der Tobias des Bach⸗Webers Sibylle heirate, aber der Bursch mag sie nicht und tut's nicht.

(Fortsetzung folgt.)

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Humoristisches.

Ein Zweifler.Sieg'scht, Hans, der Pfarrer hat g'sagt, daß da Blitz blos deswegen beim Anderl⸗ bauer ei'g'schlagen hat, weil er gar a so an schlechten Lebenswandel führt.

So? Für was san nacha auf da Kircha Blitz⸗ ableiter droben? 5

Schlechte Reste. Bedienter:Nu, Anna, wie bist du mit deiner neuen Herrschaft zufrieden s Dienstmädchen:Die? Die läßt immer mehr zu wünschen übrig als zu essen!

Anatomisches aus dem Wahlkampf. Ein freisinniger Landtagskandidat hält seine Kandidatenrede und kommt zu folgenden, gerade nicht wörtlich wieder⸗ gegebenen Ausführungen:Ich betrachte den Staat wie den menschlichen Körper. Das Haupt ist der Kaiser, die Armee sind die Gliedmaßen und das Bürgertum ist das Rückgrat. Ob der Herr gerade das fre'sinnige Bürgertum damit kennzeichnen wollte, ist uns nicht be⸗ kannt, jedenfalls glaubte aber einer der Anwesenden das bürgerliche Rückgrat nicht besser bezeichnen zu können, als durch den AusrufUnd Sie sind das Aa 95 worin bekanntlich das Rückgrat des Menschen so ziemlich endet..

Geschichtskalender.

22. November. 1871: Braunschweiger Hoch⸗ verrats⸗Prozeß. 1863: Lassalle wegen Hochverrat ver⸗ haftet.

23. 1896: Hafenarbeiterstreik in Hamburg.

24. 1900: Interpellation im Reichstage wegen der 12 000 Mark Affaire. 1632: Baruch Spinoza, Philosoph,*.

25. 1901: Heinrich Heines Grabdenkmal in Paris enthüllt.

26. 1902: Wilh. II. Bahnhofs rede in Essen gegen denVorwärts. 1901: Italien. soztalist. Landarbelter⸗ kongreß. 1812: Uebergang des franz. Heeres unter Napoleon über die Beresina.

27. 1897: Marinevorlage veröffentlicht.

28. 1878: Kleiner Belagerungszustand über Berlin verhängt.

Empfehlenswerte sozialisische Schriften.

Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt: N

Der Neue⸗Welt⸗Kalender für 1904. Reicher Inhalt und viele Illustrationen. Preis 40 Pfg.

Die Volksschule wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg,

Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.

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