Ausgabe 
21.6.1903
 
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Seite 6.

Mitteldeuische Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 25.

15 8 7 AUnterhaltungs-Ceil.

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Auch ein Bild aus dem Rechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte. 5(Fortsetzung.)

Dann wurde ich nach dem düsteren, alten Magazin gleicher Erde gebracht, ausgezogen uud in die Zelle gesperrt. Auch hier fügte ich mich ohne Widerstand. Am Abend kam ich oben hinauf. Später zu einem epileptischen Pflegling in eine Doppelzelle. manche schrecliche Nacht durchmachen müssen. Derselbe bekam oft 12 und mehr mal in einer Nacht Krämpfe, und jedesmal mußte ich auf, ihn im Bette festzuhalten, bis ich ihn dann auf den Boden gleiten und liegen ließ. Manchmal war er nach den Anfällen aufgeregt und es war lebensgefährlich bei ihm zu sein. Meinem Nachfolger(ein ordentlicher Mensch) passierte es, daß er nach seines epileptischen Zellengenossen Anfällen einschlief, und wurde plötzlich von Letzterem an der Kehle gewürgt und mußte er mit ihm ringen. Nach etlichen meiner Beschwerden brachte man ihn bei Beginn der Anfälle nach unten in eine Einzelzelle, auf eine Matraze. Nach 2 Monaten wurde ich in den Haupt⸗Ostbau verlegt. Da war man tags⸗ über in einem großen Saal, wo über 100 Menschen zusammen waren. Während der Winterszeit, wo Alle im Saal blieben, war der Aufenthalt dort fast unerträglich. Das Getöse der Zänker, Gewohnheitsschwätzer, der Schimpfenden, war scheußlich. Hier hauten sich zwei Pfleglinge, dort wurde einer vom Wärter geprügelt, und dann wurde wieder vollständige Stille erzwungen, daß man sich nicht vom Platz bewegen durfte. Vielfach habe ich mir da die Zeit mit Zeitungs⸗ und Bücherlesen vertrieben. In Folge eines Fluchtversuchs im März 1894 kam ich 8 Tage lang wieder in die düstere Magazinzelle, wo sich nebenan die epileptischen Kranken in ihren Anfällen und Tobende, mit widerlichen Gesprächen und viehischen Brüllen befanden. Darnach wurde ich nach oben rechts verlegt, wo es etwas besser war. Fast im ganzen Hospital mußte man sich um 7 Uhr zu Bette legen. Hier um ¼7, unten schon um 5 Uhr, im Hochsommer um ½6. Mein letzter Aufenthalt war im Lazaret, wo ich zusammen 2 Jahre zugebracht habe. Meinc Arbeiten im Hauptbau und zum Teil im Magazin und Lazaret waren Betten machen, Kehren, Scheuern, Spülen der Eßnäpfe, Roßhaare zupfen ce. Im Lazaret kam hinzu: Handstricken von Strümpfen, Binden wickeln, Strohkissen stopfen, Wäsche sortieren und Mittagessen aus der 5 Minuten entfernten Küche zum Lazaret tragen. Im Winter kam man außer dem Essenholen gar nicht aus dem Hause und im Sommer(9395) in einen großen und mit hohen Mauern um gebenen Garten. Im Sommer 93/94 bis Mitte August kam ich meist nur alle Sonntag zur Erholung in diesen Tollgarten, wo sich über 400 Menschen befanden, teits bezüglich ihrer Kleidung in anstößigem Zustande und betäubendes Geschrei vollführend. Dahinein kam ich schon am ersten Tage nach meiner Ankunft. Der Direktor ging gegen 11 Uhr durch den Garten. Der Eindruck, den er mir machte, war nicht vertrauenerweckend. Ich frug ihn, warum ich hergeschafft worden sei? Er ant⸗ wortete:Ihr Vormund hat es so bestimmt, ein Jahr dauerts, der Kopf geht nicht ab. Ich fand für diese Niederträchtigkeit keine Worte. Briefe zu schreiben war mir alle 4 Wochen einer erlaubt. Mehr Briefe zu besorgen hegte er keine Lust. Wenn vom Vormunde Brief⸗ marken gesandt waren, durfte ich alle 14 Tage einen einreichen. Das war für die riesige Langweile und Sehnsucht nach Freiheit spärlich genug. Für meine Arbeiten erhielt ich im

ersten halben Jahre nichts. Vom Hezbr. 93

Da habe ich

bis Juni 96 wöchentlich 2 Mal 75 Gramm Wurst; nachher alle Tage 50 Gramm Servelat⸗ wurst zum Frühstück.

Was die Gesundheitspflege anbelangt, so fehlte es zunächst an einem Zahnarzte. Zähne wurden daher weder gereinigt noch plombiert, sonst hätte ich mir meine Zähne besser erhalten. Die Kost war nicht kräftig genug. Da gab es längere Zeit eine Sorte Viehkartoffel von Blinden geschält, mit Keimen und großen Fasern, zum Teil hart und faul. Gelbe Kohlrabi erhielt man/ Jahr lang wöchentlich 2 Mal. Reisbrei in Wasser gekocht, gab es bis zum Jahre 95; trockene Gemüse waren nicht be⸗ sonders schmackhaft, ebenso die Möhren, welche auch lange Zeit im Jahre aufgetischt wurden. Weiße Bohnen, Erbsen oder Linsen, welche es 2 Mal in der Woche gab, waren jedoch nicht schlecht, ebenso Mittags⸗Suppen, Fleisch und Würstchen. Es gab 4 Mal in der Woche mittags Fleisch, einmal Würstchen, was die Haupternährung ausmachte. Grüne Bohnen und frische Gemüse im Sommer waren auch gut, aber so dünn.

(Fortsetzung folgt).

Dr

Die Klage des alten Esels.

Ein Leser derAltenb. Volksztg. stellt dem Blatte die nachstehende Fabel zur Verfügung, die er aus dem Georgischen, einer der südkau⸗ kasischen Sprachen, übersetzt hat. Sie ist dem alten, von den Menschen ausgebeuteten Esel in den Mund gelegt und lautet:

Man sagt, der Esel sei ein kräftiges Tier und brauche dabei doch wenig Futter. Drum eilten alle armen Schlucker herbei und hofften, ich würde ihnen schnell zu Reichtum verhelfen. Eines Tages faßte mein Herr mich beim Zügel und führte mich nach Tschiatura. Anfangs setzte mich Alles rings umher in Erstaunen. Da lag vor mir der Ort in eine schwarze Dunstwolke gehüllt, und ich dachte: Was ist das für ein verdammtes Nest!

Und Alles, was ich gefürchtet hatte, geschah nun tatsächlich. Am nächsten Tage schon wurde ich gesattelt und mit Körben beladen, und unter meinem J⸗-a⸗Geschrei ging es in die Berge. Vor Angst klopfte mir das Herz. Aber als ich zurückblickte und sah, daß mein Herr mit mir ging, beruhigte mich der Gedanke, daß mein Herr mit mir untergehen würde, wenn ich sterben sollte. Und so begann ich die Felsen zu erklettern. Aber, o weh! Gleich am ersten Tage meinte ich, es wäre besser, ich läge in der Erde verscharrt! Denn Tag für Tag wurden die Körbe schwerer, während meine Kräfte immer mehr schwanden und die Wunden immer mehr schmerzten.

Ich war an die Berge gewöhnt, auch mit den Lasten, die allerdings unerträglich schwer waren und mich bergabwärts ziehen wollten. Aber mein Herr hatte sich noch mehr daran gewöhnt, immer mehr und mehr in die Körbe zu tun. Ich verstand nicht, warum mein Herr meine Last täglich vergrößerte. Allein, mein Freund, ein erfahrener Esel, flüsterte mir unter⸗ wegs zu:Er tuts, um dich besser auszubeuten. Mag sein! Aber der Esel ist doch kein Riese und auch dessen Kraft geht einmal zu Ende, antwortete ich und seufzte dabei aus tiefster Seele.Na, du Hundefraß, was hast du zu stöhnen?! ertönte da plötzlich die Stimme meines Besitzers, und er schlug mich so mit der Peitsche an die Seite, daß mir fast die Sinne schwanden.

So verflossen drei Wochen. Da, eines Tages ging meine Hautkrach in Stücke, und das Fleisch meines Rückens war bloßgelegt. O, dachte ich, jetzt begreift vielleicht mein Herr, daß er mich nicht mehr so plagen darf. Aber welcher Mensch hätte mir Ruhe gegeben, so lange ich noch nicht ganz Haut und Knochen war! Als mein Herr endlich bemerkte, daß meine Kräfte zu Ende waren und es nicht länger mehr mit mir gehen würde, nahm er mir mitten auf dem Wege die Zügel ab, und kaltherzig rief er mir zu:Jetzt bist du frei! Dein Wert ist längst aus dir herausgeschlagen. Du bist genug ausgenutzt. Jetzt mach, daß du fortkommst!

Wie schlug mir das Herz! Was sollte aus mir werden, mutterseelenallein in dieser Ver⸗ lassenheit? Man hatte mein Innerstes getroffen nicht, weil es vielleicht der letzte Tag meines Erdenlebens war, an dem man mich freigelassen hatte! Wie viel lieber wäre ich unter der gewohnten Last tot zusammengebrochen! Aber so: ich war unfähig, davonzulaufen, und wer weiß, ob der verdammte Wolf mich nicht. spürte, und, meine Schwäche benutzend, mich in Stücke riß! Wer weiß, ob nicht, ehe der Mor⸗ gen graute, mein Fleisch sein Fraß wurde! Der Gottlose, mein Herr, hat mir den Sattel auf dem Rücken gelassen, der wahrscheinlich auch nicht von Sammt und Seite war ich aber hätte meinen zerfetzten Rücken der Natur zeigen und ihr zurufen mögen: Da siehst du, was die Hand der bösen Menschen mir getan! Ich rutschte auf dem Erdboden hin und her, um vielleicht etwas Gras zu erlangen; wenn aber irgendwo Gras zu finden gewesen wäre, hätte mein Herr mir nicht den Abschied gegeben, mir nicht zugerufen:Ade, leb wohl! Ja, ja; es gab kein Gras, war es doch Winter und mein Herr hatte nicht Lust, noch etwas für mich auszugeben. Wie sehnte ich mich danach, mich vor meinem Ende noch einmal satt zu fressen. Aber er verschwendete nichts mehr an mich, nicht einen Heller, trotz aller Schätze, die er mit meiner Hilfe angesammelt hatte.

Um das Unglück voll zu machen, bekam ich zuletzt noch die Krätze. Und wer da im Gebirge kam und ging, alle verspotteten sie mich und riefen sich zu:Seht da den krätzigen Esel!

Ha, ha, ha, ha! Jawohl, ein Krätziger! Aber durch wen ein Krätziger, du gottloser Mensch? Doch nur durch dich! Hast du mich nicht unglücklich gemacht? Hast du mich nicht ausgesogen bis auf den letzten Blutstropfen? Nun schaust du von oben auf mich herab und spottest: Krätziger!

Da, nimm dieses Hufeisen! Vielleicht kannst du es brauchen! Ja, du Habgieriger du! Durch dich bin ich ein so elendes Geschöpf geworden, und du wagst es, mich zu verhöhnen?

Diese Fabel ist für Arbeiter recht nützlich zu lesen. Millionen von ihnen blüht dasselbe Schicksal wie hier dem alten Esel, der sich ge⸗ duldig und ohne zu murren ausbeuten und quälen ließ sie werden einfach auf die Straße geworfen, wenn sie ausgebeutet sind. Ja, die gequälten und ausgebeuteten Menschen stehen an Einsicht sogar noch hinter dem Esel in der Fabel zurück, denn dieser betraute wenigstens seinen Bedrücker nicht mit der Vertretung seiner nämlich des Esels politischen Interessen! Wie viele Arbeiter geben aber bei den Wahlen ihren Ausbeutern die Stimme Kälber, die ihre Metzger selber wählen!

Humoristisches.

Berechtigter Aerger. Kartellbrüder: In⸗ sernationales Gesindel, diese Sozialdemokraten! Fort⸗ während kriegen sie Geld aus dem Ausland für ihren Wahlfond, während wir nicht einmal aus dem Juland welches kriegen! Wenn das so weiter geht, pfeifen wir auf die Nationalität und werden auch international, damit wir wenigstens nicht hinterher alleweil die Wabl⸗ kosten selber tragen müssen!

Das größte Uebel. Sie: Was? Der Pückler, der immer so für die Heiligkeit der Ehe kämpft, hat sich jetzt selber scheiden lassen? Pfui Teufel! Er: Aber Frau, so mäßige dich doch! Du kennst ja die Ursache gar nicht! Sie: So? Ist sie ihm etwa untreu ge⸗ worden? Er: Viel schlimmer als das! Knoblauch⸗

wurst soll sie gegessen haben!(Postill.) Geschichtskalender. 21. Juni. 1746: Letzte Hexenverbrennung in

Deutschland(Würzburg).

22. 1899: Amtsantritt des französischen Ministe⸗ riums Waldeck⸗Rousseau. 1633: Galilei's Widerruf (Und sie bewegt sich doch.)

23. 1902: Sozialdemokratische Gemeindewahlsiege in Elsaß. 1848: Junischlächterei in Paris.

24. 1894: Präsident Carnot ermordet.

25. 1901: Bankkrach in Leipzig. 1848: Einzug der Preußen in Karlsruhe.

26. 1899: v. Hammerstein aus dem Zuchthause entlassen. 1893: Gouverneur Altgeld begnadigt die Chikagoer Anarchisten Schwab, Fielden und Neebe.

27. 1898: Minister Berlepsch entlassen.