Ausgabe 
19.7.1903
 
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Nr. 29.

Gießen, den 19. Juli 1903.

10. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.

Sonnt

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Der Geist derSchneidigkeit.

Der Ausgang der Hüssener⸗Affäre 1 die weitesten deutschen Volkskreise in helle rregung versetzt. Ueberall drängt sich mit zwingender Gewalt der gleiche Gedanke auf: Wenn dieser junge Mensch die leichte Strafe, die ihm für seine Bluttat zudiktiert worden, überstanden hat, wird er dann bei ähnlichen Gelegenheiten wieder seineharte, harte Soldaten⸗ pflicht so auffassen und von seiner Waffe Gebrauch machen? Wir unterlassen es, sagt dasHamburger Echo, den Eindruck zu schil⸗ dern, den die Haltung dieses Brüsewitz Nr. II vor dem Oberkriegsgericht machen mußte, und suchen lieber nach den Mitteln, mit denen einer Wiederholung solcher Bluttaten, soweit es unter den heutigen Verhältnissen überhaupt möglich, vorgebeugt werden kann. Die Armeereformen, mit denen man sich zur Zeit in Frankreich trägt, beweisen, daß man bei nur einigermaßen gutem Willen recht wohl Einrichtungen schaffen kann, die eine Garantie gegen die Fälle à la Brüsewitz und Hüssener bieten.

Das Beispiel Frankreichs wiegt in diesem Falle um so schwerer, als die französische Re⸗ publik bei allen demokratischen Errungenschaften doch ein Militärstaat im vollen Sinne des Wortes geblieben ist. Sie macht den Wettlauf in den Rüstungen zu Wasser und zu Lande mit. Das französische Heer zu demokratisieren ist leider nicht gelungen, wenn auch unter den vielen französischen Kriegsministern der letzten Zeit sich eine Menge Demokraten und Repu⸗ blikaner befinden. Der Dreyfusprozeß hat uns einen tiefen Einblick in die inneren Zustände und den Geist der französischen Armee tun lassen und hat uns gezeigt, daß sie eben auch ein Werkzeug des Klassenstaats ist. Sie wäre heute noch von einem dreisten Abenteurer zu einem Staatsstreich zu mißbrauchen, sobald die geeigneten Umstände kämen. Sie wird zum Eingreifen in die Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit in einseitiger Weise verwendet. Offiziere, die bei den furchtbaren Schlächtereien vom Mai 1871 eine von der Geschichte längst gebrand⸗ markte Rolle gespielt, haben bis in die letzte Zeit hohe und einflußreiche Stellungen in der französischen Armee inne gehabt.

Dazu kommt, daß in Frankreich sowohl was noch vom Adel übrig geblieben, als die große und die kleine Bourgeolsie für die Sol daten⸗ spielerei von jeher eine von anderen Nationen manchmal kaum erreichte Leidenschaft empfanden und noch empfinden. Der militärische Ruhm und das Gepränge militärischer Schauspiele hat in Frankreich schon manchmal dieselben Massen geblendet, die sonst von demokratischen und revolutionären Ideen erfaßt und bewegt waren. Und doch kann man es in Frankreich unternehmen, Reformen einzuführen, die diesen Neigungen nicht nur direkt entgegen sind, sondern sogar darauf abzielen, das äußerliche Gepränge selbst zu vermindern. Bei uns hat man die

Frankreich sollen sie vermindert, d. h. so ziemlich

beseitigt werden. Der gegenwärtige Kriegs⸗ minister will die Uniformen vereinfachen und will damit bewirken, daß der äußerliche Kontrast zwischen dem Militär und demZivil mehr verschwindet. Das ist gewiß auerkennenswert, wenn man bedenkt, bis zu welchem Grade das Spreizen mit demzweierlei Tuch in unserer Zeit gediehen ist.

Des weiteren soll aber bestimmt werden, daß nach Einführung der neuen Uniform der französische Soldat auf der Straße keinen Säbel mehr tragen soll. Das heißt, das Waffentragen wird auf den Dienst beschränkt, und das ist das einzig Richtige. Die französischen Offiziere gehen bekanntlich viel inZivil aus und ein Kriegsminister, ein General der alten Schule, hat diese löbliche Einrichtung zu beseitigen versucht. Hoffentlich bewirken die neuen Einrichtungen, daß auch für die Offiziere das Waffentragen außer Dienst völlig wegfällt. Es ist schon des großen Beispiels wegen.

Die Weltgeschichte hat ihre Launen und fügt die Dinge oft sonderbar. Die Franzosen sind in dem großen Kampfe von 1870/71 unterlegen und sie haben%% nach 32 Jahren, einen Kriegsminister, der wenigstens einiger⸗ maßen bemüht ist, die in neuer Zeit auf die Spitze getriebenen Gegensätze zwischen dem Militär und dem Volke einigermaßen zu mildern. Die Deutschen sind damals Sieger geblieben und haben den Franzosen zwei Provinzen und fünf Milliarden abgenommen. Aber im Gefolge des Sieges kam eine Er⸗ scheinung, die man in einem solchen Falle ge⸗ wöhnlich zu befürchten hat die Ueber⸗ schätzung alles militärischen Wesens. Man redete sich ein, so etwas sei in der Welt⸗ geschichte noch nicht dagewesen, während man zugleich Bismarck als den größten Staatsmann aller Zeiten verhimmelte. Die am meisten an Gut und Blut bei der Sache geopfert, die Söhne des Volkes, mußten, soweit sie heil und gesund aus dem Kriege zurückkehrten, sich wieder harter Arbeit und Entbehrungen im Kampfe ums Dasein widmen. Dabei entstand aber zugleich eine militärische Vorherrschaft, wie sie Deutschland noch nie gesehen. Als das napoleonische Soldatenreich zu Anfang des vorigen Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht hatte, war die kritiklose Bewunderung und förmliche Anbetung des Soldatentums sicherlich nicht so groß, wie es bei unseremgebildeten Bürgertum in den letzten Jahrzehnten sich gezeigt hat. Es giebt heute noch weite bürger⸗ liche Kreise, deren geistige Armut so groß ist, daß sie in jedem Offizier nicht nur den Ange⸗ hörigen eines privilegierten Standes, sondern auch eine Autorität in Fragen der Literatur, der Politik und des gesellschaftlichen Taktes erblicken. Diese Elemente nehmen alle militä⸗ rischen Einrichtungen, mögen sie auch noch so überlebt erscheinen, als eine Bestimmung der Vorsehung hin. Der Kampf gegen den Mili⸗ tarismus, der von der Arbeiterklasse geführt wird, läßt keine Funken aus solchen gefrorenen Herzen springen und nicht einmal die Bluttaten der Brüsewitze und der Hüssener können sie be⸗ stimmen, für das Verbot des Waffentragens außer dem Dienst einzutreten, denn wo bliebe

Zierratstücke und Abzeichen sehr vermehrt, in! da dieSchneidigkeit?

Ja, dieser mit dem Siege von 1871 einge⸗ zogene und so sorgfältig kultivierte Geist der 2 Schneidigkeit ist es, der bei uns die Durch⸗ setzung zeitgemäßer Reformen so sehr erschwert.

Nationalliberale Blätter sagen, es sei nur gut, daß das Hüssener⸗Urteil erst nach der Wahl gekommen sei; es hätte sonst der Sozial⸗ demokratie ein Dutzend Mandate mehr gebracht.

Nun, wir hätten gegen einen solchen Zuwachs nichts einzuwenden. Noch lieber aber wäre es uns, die bürgerlichen Parteien würden mit gleichem Eifer wie wir daran arbeiten, daß das Waffentragen außer Dienst beim Militär ab⸗ geschafft und damit den Brüsewitz⸗ und Hüssener⸗ Affären wenigstens bis zu einem gewissen Grade vorgebeugt würde. Die weiteren zwölf Mandate wollten wir dann schon trotzdem holen.

Aber da predigen wir tauben Ohren.

Politische Rundschau. Gießen, 16. Juli. 3010370 sozialdemokratische Stimmen.

Nach den amtlichen Ergebnissen der Reichs⸗ tagswahl, die der Reichsanzeiger veröffentlicht, wurden bei dieser Wahl von 12490 660 Wahl⸗ berechtigten 9495 952 giltige Stimmen, also 76,25 Prozent abgegeben. Auf die Sozial⸗ demokratie entfielen davon 3010370 Stimmen oder 31,33 Prozent, fast ein Drittel aller abgegebenen Stimmen. Sie verteilen sich wie folgt: Preußen: 1649 230(1898: 1141958); Bayern: 212506(138 218); Sachsen: 441764 (299 190); Württemberg: 99743(62 452); Baden: 72300(50 325); Hessen: 68834 (48 942); Mecklenburg-Schwerin: 49778 (42068); Sachsen⸗Weimar: 26247(18457); Mecklenburg⸗Strelitz: 6366(4872); Oldenburg: 17971(1012); Braunschweig: 36 369(26272); Sachsen⸗Meiningen: 16681(12193); Sachsen⸗ Altenbueg: 18695(14143); Sachsen⸗Koburg⸗ Gotha: 19299(16842); Anhalt: 27672 (23 548); Schwarzburg⸗Sondershausen: 5237 (4700); Schwarzburg⸗Rudolstadt: 8742(6638); Waldeck: 1830(1169); Reuß ältere Linie: 6840(6339); Reuß jüngere Linie: 13261 (42044); Schaumburg⸗Lippe: 2310(1237); Lippe: 3719(1973); Lübeck: 11155(9729); Bremen: 25076(18636); Hamburg: 100112 (82 129); Elsaß⸗Lothringen: 68 267(51990).

Das ergieht für das Deutsche Reich 3010370 sozialdemokratische Stimmen gegen 2107076 im Jahre 1898. Die Zunahme beträgt also 903 294 Stimmen.

Eine andere Zusammenstellung giebt die sozialdemokratischen Stimmen auf 3025103 an.

Von den bürgerlichen Parteien erhielten Stimmen: Zentrum 1853707(1898: 1455100); Nationalliberale 1243 393(971300); Konser⸗ vative 909 714(859 200); Freisinnige Volks⸗ partei 523 505(558 300); Reichspartei 282454 343 600); Antisemiten 244587 284300); Ffreistnnige Vereinigung 241266(195 700); Bund der Landwirte 114350(110 400); Deutsche Volkspartei 93 804(108 500); Nationalsoziale 27334(27 200). Bei der allgemeinen lebhaf⸗ teren Wahlbeteiligung haben natürlich auch die bürgerlichen Parteien zum Teil einen Stimmen⸗ zuwachs zu verzeichnen. Das Zentrum brachte 400 000 Stimmen, die Nationalliberalen über

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