Ausgabe 
19.4.1903
 
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Ar. 10.

so erstreckt sich seine Wirksamkeit nur auf die Angehörigen dieser Organisation. Die Grenze soll aber nicht mit großer Strenge beachtet werden, vor Allem nicht gegenüber den län d⸗ lichen Arbeitern. Als weitere Aufgabe des Sekretariats wird es betrachtet, bei den Wahlen zu den Arbeitervertretungen, die auf Grund des Uufallversicherungs⸗ und des Inpaliden⸗ esetzes 1 5 sind, den Gewerkschaften 15 zur Seite zu stehen und die Vorbereitungen er Wahlen zu übernehmen. Alle Zuschriften ind an den Sekretär Robert Schmidt

erlin, 8. 0. Engel Ufer 15 IV zu richten.

1 Der Tabakarbeiter⸗Verband hatte am Jahresschluß in 337 Zahlstellen 18 040 Mitglieder, darunter 5573 weibliche. Die Ein⸗ nahmen der Organisatlon beliefen sich auf 182 964,57 Mk., die Ausgaben auf 168 519,60 Mk., so daß ein Ueberschuß von 14 444,67 Mk. erzielt wurde. Der Kassenbestand betrug am Jahresschluß 34 349,11 Mk. Von den Ein⸗ nahmen entfallen auf die Verbandsbeiträge 136 809,05 Mk., auf Beiträge für die Zuschuß⸗ kasse 38 858,10. Größere Ausgabeposten sind: Reiseunterstützung 21 345,99 Mk., Streikunter⸗ stützung 20 966,52 Mk., Maßregelungsunter⸗ stützung 6 288,23 Mk., Unterstützung beim Ableben der Ehehälfte 5695 Mk., weitere Unterstützung aus der Zuschußkasse 40 545,18 Mark ꝛc. Seine XI. Generalversammlung hielt der Verband vergangene Woche in Dresden ab. Vom Vorstand wurde mitgeteilt, daß von 112000 organisationsfähigen Tabakarbeitern nur rund 18 pgt organistert seten; am schlech⸗ testen stehe es in Baden und Westphalen.(In Hessen müßten die Tabakarbeiter auch viel⸗ mehr auf dem Posten sein!) Der Wechsel sei ein ungeheurer und um die Mitglieder an die Organisation zu fesseln, schlägt der Vorstand Einführung von Kranken⸗ und Arbeitslosen⸗ unterstützung vor. Letztere wurde nach ein⸗ gehender Debatte angenommen.

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14 r C SN 7 b AUnterhaltungs-Ceil.

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Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. 10(Fortsetzung) Das Gespräch auf der Höhe von Flyeln.

So erzählte Olivier.

Ich verberge es nicht, alles, was er mir gesagt hatte, alles, was ich in Flyeln gesehen hatte, machte großen Eindruck auf mich. Ich be⸗ wunderte seinen Starkmut, seinen wohltätigen Schöpfergeist und bemitleidete sein Los, in solchem Grade verkannt zu werden, als er es war.

Es gehörte gar nicht die Ueberredungsgabe meines Freundes, gar nicht die zauberische Schmeichelei in den Bitten der schönen Baronin dazu, um mich zur Verlängerung meines Aufenthalts in dieser herrlichen Oase zu be⸗ wegen. Ja, ich muß dies Flyeln eine Oase nennen, eine blühende Insel in den wüsten umliegenden Gegenden. Denn hier, sobald man diesen Boden betritt, wenn man aus den teils sandigen, teils versumpften Landschaften der Umgebung, aus den weiten, verwilderten Kieferwäldern, aus den ärmlichen, kotigen, un⸗ ordentlichen Dörfern voller Baracken und ver- wahrloster Menschen tritt, wird der Boden plötzlich grüner, der Mensch plötzlich mensch⸗ licher. Auch hier waren Baracken gewesen, und sie sind saubere Hütten geworden, in denen ich mit Vergnügen am Arm der Baronin Besuche machte; auch hier waren Moräste ge⸗ wesen; man erkennt ste nur noch an den langen Gräben und unterirdischen, mit Stein gefüllten, mit Erde überdeckten Wasserabzügen; auch hier waren Sklaven gewesen, die vor dem Ober⸗

herrn und noch mehr vor seinen Beamten zitterten und hinterrücks beide zu betrügen ge⸗ wohnt waren; jetzt aber haben sie die aufrechte, kecke Stellung freier Menschen, sie sehen im Baron ihresgleichen aber mit welcher kind⸗ lichen Ehrfurcht und Liebe umringen sie jetzt ihn und die Seinigen! Diese Umschaffungen im Zeitraum eines halben Jahrzehnts wären einem Wunder ähnlich, wenn man nicht wüßte, wie klug und fest Olivier dabei zu Werke ging; wie er nur sehr langsam aus der Rolle des ane pe Leibherrn zu der des Lehrers, ann des Vaters überging; wie er seine Bauern, hinter welche er die Furcht der Strafen als Treiber stellte, vorwärts lockte und kirrte durch ihren groben Eigennutz; wie er nie auf ihre Erkenntlichkeit, nie auf ihren Verstand, nie auf ihr sittliches oder religöses Gefühl rechnete, sondern sie anfangs mehr bloß abrichtete als unterrichtete und dann auf die Stärke mehr⸗ jähriger, gewohnter Einübung zum Bessern hoffte und auf die nachwachsende Jugend. Daher übernahm er und die Baronin, der Pfarrer und Schullehrer die Unterweisung aller; daher kam es auch, daß die Beisitzer des Gerichts, daß die Vorsteher der Gemeinden meistens junge Leute von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren waren; wenigstens erblickte ich keinen der alten Bauern unter ihnen.

Doch alles das gehört hierher nicht. Ich will ja nur das Los meines Freundes erzählen, nicht die Art und Weise, wie er seine Unter⸗ gebenen entwilderte oder seine unwirtbaren Schollen blühend machte.

Als mir Olivier seine Haushaltungsbuͤcher vorwies und unwiderleglich zeigte, daß er, weit entfernt, bei den vorgenommenen Aender⸗ ungen an Einkünften zu verlieren, mehr gewinne, als sein verstorbener Oheim und jeder seiner Vorfahren bezogen hatte, warf er lächelnd das Wort hin:Nun siehst du, Norbert, wo die Narrheit zu Hause ist, ob in Flyeln oder in der königlichen Residenz? Weil ich gewinne, werde ich als Verschwender behandelt und muß jährlich fremden Menschen, die man mir zur Untersuchung meiner Rechnungen schickt, Blicke in das Innerste meines Hauswesens erlauben.

Warum beklagst du dich nicht darüber? Es ist Ungerechtigkeit, es ist Gewalttat.

Meine Beschwerden würden eitel sein. Kein Gericht, sondern kurzweg ein Kabinetts⸗ befehl, vom Ministerium ausgegangen, ver⸗ dammte mich zu diesem Verhältnis. Die Sache ist nicht leicht abzustellen. Denn das Miuisterum wird keinen Rückschritt tun wollen, weil es sich damit selber fehlbar erklären müßte. Die jähr⸗ lich kommende Untersuchungskommission wird dazu nicht raten, weil sie sonst das Vergnügen einer Lustreise und den Gewinn von Taggeldern, auf meine Kosten gezahlt, verlöre. Daß man mich hier auf das Gut meiner Vorfahren wie einen Gefangenen eingebannt hat, ist noch das Erträglichste. Jetzt, Norbert, ehrlich, wie denkst du von allen?

Ich gestehe dir, Olivier, ich kam mit Vorurteil und Trauer zu dir; ich werde dich mit den angenehmsten Erinnerungen verlassen. Man hat dich überall für einen Wahnsinnigen ausgegeben. Der bist du nicht, sondern ich stimme deinem ehemalichen Administrator bei: du bist nur ein edler, wunderlicher Sonderling.

Sonderling? Nun ja, es ist der rechte Name für diejenigen, welche sich von dem Schlendrian und dem Unwesen des Zeitalters absondern. Diognes von Sinope galt auch für einen Thoren, Cato, der Zensor bei den Römern, für einen Pedanten; Colomb ward auf den Straßen Madrids als Narr betrachtet, Olavides der Inquisition übergeben, Rousseau von den Bernern aus seinem Asyl verstoßen, so wie Pestalozzi von vielen seiner Landsleute zu den Halbnarren gezählt ward, weil er mit Bettlern und räudigen Kindern lieber als mit der gepuderten Haarbeutel Welt umging. Und daß ihr mich einen Sonderling heißet, mich, der ich doch nur mein von Gott empfangenes Recht, vernünftig und naturgemäß zu denken, zu sprechen und zu handeln, nichts anderes gültig mache ist das nicht ein herber Vor⸗ wurf gegen euch selbst?

Nein, Olivier, kein Vorwurf, weder gegen

die Welt noch gegen dich. Niemand wehrt dir, vernünftig und natürlich zu denken und zu handeln; aber schone auch du die Rechte anderer,

nach ihren gegenwärtigen Begriffen, Gewohn⸗

heiten und selbst nach ihren Vorurteilen zu

denken, zu sprechen, zu handeln, bis sie oder ö

ihre Kinder einst weiser sind. Nicht alle Menschen können Philosophen sein.

Habe ich ihrer nicht geschont? habe ich sie

angegriffen?

u dla 3598 wenn du mir es zu

feen erlaubst. Indem du deine Sitten den allgemeinen Sitten zu grell gegenüberstellest, brachst du den Frieden mit denen, unter welchen

du lebest, und wirktest du die Hälfte des Guten,

was du wirken konntest, ja nicht einmal die Hälfte. Christus nahm Judäas Sitte an, ließ sich herab sogar zu Judäas Vorurteilen, um mächtiger zu wirken. Was liegt am Ende

an einer lächerlichen Mode, was daran, ob

man den steifen Zopf oder das abgeschnittene

Haar, den Bart oder das glatte Kinn trägt?

Du kennst die Bedeutung des Sie im Deutschen, desVous im Französtschen. Nun ja, ich gebe zu, es sei thöricht, eine Person in der mehrern Zahl anzureden. Uebung zuletzt? Redeten nicht auch Griechen und Römer von sich in der mehrern Zahl? Du kennst die Bedeutung desSie im Deutschen und des Du. Warst du nun nicht angreifender Teil, wenn du dich über die herrschenden un⸗

schuldigen Uebungen wegsetztest und ohne Unter⸗

schied gegen die bisherigen Begriffe vom An⸗ ständigen das Du jedem aufdrängst? Wer sich

der Welt gegenüberstellt, dem steht sie gegenüber.

Könntest du dich darüber wundern?

Ich wundere mich keineswegs, weil ich das erwartete. von Christus an, nach Weise derer, die alle

ihre Trägheit und Schalkheit mit frommer

Miene hinter verdrehten Schriftstellen der Bibel verstecken. Der Göttliche hatte mit seinen Zeit⸗ genossen Höheres abzutun als ich, darum schwieg er zu den mindern Torheiten; ich aber habe es mit diesen allein zu tun und will wenigstens mich nicht zwingen lassen, Barbareien zu loben, zu entschuldigen oder gar mitzumachen. So viel Recht wird dem Menschen auf Erden doch wohl noch unter Menschen gestattet sein, daß er 19 von seinem schlichten Verstand mache.

Freund, wie mir es scheint, hat man dir dies Recht nicht streitig machen wollen, wohl aber das Recht, durch unbehutsame Mitteilung deiner Ueberzeugungen, zumal wenn sie im offenen Streit mit noch bestehenden Ordnungen sind, gefährliche Verwirrungen zu veranlassen. Du selbst hast anfangs in Flyeln bei deinen Leibeigenen den gestrengen Grundherrn gespielt, hast sie nur nach und nach, je nachdem sie vorbereitet waren, zur Freiheit eingeführt, nicht jählings. Du wußtet wohl, daß es verderben⸗ voll sein würde, Kindern in die ungeübte Hand ein Messer zu legen, das in geübten Händen das nützlichste Werkzeug ist. Was würdest du gesagt haben, wenn einer deiner Leibeigenen plötzlich seinen Genossen die Sprache der Wahr⸗ heit von den ewigen Grundrechten der Mensch⸗ heit, von der Barbarei und Ruchlosigkeit des Feudalwesens, von der natürlichen Gleichheit der Menschen geführt hätte? Würde dieser Reformator nicht alle deine edlen Entwürfe zerrissen haben?

Allerdings! Norbert. Aber ich hoffe, das Beispiel geht nicht mich und mein Tun an. Ich habe nie gegen bestehende Ordnungen geredet, auch wenn sie schlecht waren, sondern ich gab

Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was

dem Kaiser ist. Ich rede nur gegen bestehende

Mißbräuche und Vorurteile, die nicht eiumal durch bürgerliche oder Staatsverträge geheiligt sind. Gegen euer en gegen eure Mas⸗

keraden und heuchlerischen Komplimente, 7

euren unnatürlichen Luxus, gegen eure weibischen, 7 hölzernen Verunstaltungen durch welsche Moden,

gegen eure Begriffe von Ehre und Schande,

von Verdienst und e 5 1 r meine Person,

und nur verteidigungsweise wenn ihr Europäer mich nötigen wolltet, meine Rückkehr zur Vernunft zu verdammen, und

Aber was schadet diese

Führe mir nicht das Beispiel

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