„ fu, ungen — Jon gewent b den
it der
el de
h.
dung järts
2
nn
NMmota
RG Nuala nas
FFF ⁹%ůãℳꝛ!;!.. r-.
rr
nee
——*
e
Nr. 3.
Gießen, den 18. Januar 1903.
10. Juhrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Sonnt
Mitteldeuts ch
kit
Medaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche
Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.
Bestellungen nehmen alle Assträger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)
finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.
4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 331/%ͤ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt,
1 Jnserate 2 Die ögespalt. Bet mindestens
Unsere„Ordnungs“presse.
Welcher Art die„öffentliche Meinung“ ist, die in den Amts⸗ und Kreisblättern verzapft wird, das ist von der sozialdemokratischen Presse schon oft in gebührende Beleuchtung gerückt worden. Sozialistenfresserei, Verdächtigung und Beschimpfung der Arbeiterbewegung, Vertei⸗ digung der Geldsacksinteressen, Kriechen vor den Großen und Mächtigen— das betrachten jene Ordnungsblätter für ihre hauptsächlichste Auf⸗ gabe. Man bezeichnet diese ehrenwerten Organe als Reptilien. Was versteht man darunter? Reptilien sind, wie jeder weis, Kriechtiere. Diese Bezeichnung wandte man nach der Rede Bis marcks vom 29 Januar 1869 auf die„gut⸗ gesinnten“ Zeitungen an, die direkt oder indirekt von den Behörden unterstützt werden, also käuflich sind.
Unter Bismarck sind zahlreiche Blätter direkt un terstützt worden, damit sie seine Politik dem Spießbürger, der nur„beschränkten Untertanen⸗ verstand“ hat, mundgerecht machten. Die Un⸗ terstützungen wurden aus den Summen bezahlt, die die Preußen dem König von Hannover abknöpften, nachdem sie zuvor sein Land„ge— pachtet“ hatten.
Nebenbei sei nur bemerkt, schreibt unser Offenbacher Parteiorgan, daß die besten Freunde und Helfer Bismarcks bei dem Umstürzen der Throne in Hannover und Kassel die Begründer des Nationalvereins waren, also die tüchtigsten Nationalliberalen; jetzt glauben die kleinen nationalliberalen Hausburschen der preußischen Junker bekanntlich etwas besonders Furchtbares den Sozialdemokraten vorzuwerfen, wenn sie sagen, diese wollten tun, was Bis⸗ marck mit nationalliberaler Hilfe 1866 getan hat.. 8
Die Millionen also, die dem verjagten König von Hannover weggebismärckert waren, wurden als sogenaunter Welfenfonds verwaltet. Der Fonds sollte dazu dienen, die Bestrebungen auf Wiederherstellung des Rechtszustandes vor 1866 seitens derjenigen Hannoveraner, die ihrem davongejagten König treu bleiben wollten, zu unterdrücken.
Kurzum: der Welfenfonds wurde zum Rep⸗ tilienfonds, zahlreiche Blätter wurden mit Geld unterstützt, um den bisherigen Untertanen der von ihren Thronen verjagten Fürsten die Treue aus dem Herzen zu merzen und dafür die Liebe, Verehrung und Treue für den neuen so plötzlich„angestammten“ Landesvater hinein- zupflanzen. Es schadet gewiß nichts, an diese wunderschönen Perlen preußisch⸗deutscher Poli⸗ tik hin und wieder einmal zu erinnern.
Reptilienblätter nannte jeder anständige Mensch diejenigen Zeitungen, die aus dem Welfenfonds subventionirt wurden. Dieser Fonds besteht jetzt nicht mehr. Sind mit ihm auch die„Reptilien“ verschwunden? Keines⸗ wegs! Es besteht jetzt eine über das ganze Reich verbreitete Reptilienpresse, kein Krels im en 2 1 in dem nicht ein
eptil sein Leben fristete! f 95. Aufgaben der von Bismarck gezüchteten und gefütterten Reptilien haben fetzt die Amtsblätter zu erfüllen. Diese müssen die Politik der Staats⸗ und Stadtverwaltungen unterstützen und erhalten als Belohnung die
behördlichen Bekanntmachungen. Selbst wenn letztere mit keinem Pfennig bezahlt würden, bedeuteten sie doch für die betr. Blätter baar Geld. Viele Interessenten gibt es, die die amtlichen Publikation genau beachten müssen; sie sind geradezu gezwungen, die Amtsblätter zu lesen. Dadurch werden den Reptilien nicht nur behördlich Abonnenten zugetrieben, sondern mit diesen auch Inserenten. So fördern also die Behörden Blätter, die unter allen Umstäuden dann die behördliche Poli⸗ tik fördern müssen.
Einen neuen und schlagenden Beweis dafür, wie die Amtsblätter alles unterdrücken, was nur irgendwie einer Kritik der Regierung oder der Behörden ähnlich stieht, wie sie ihren Man⸗ tel nach dem Winde hängen, der von„oben“ weht, liefert der Professor der Staats- wissenschaft an der Universität Gießen, Dr. Biermer. Das ist gewiß kein nörgelnder Sozi, ein auch in den Augen der„Gutgesinn⸗ ten“ unverdächtiger Zeuge!
Dieser hat eine Broschüre:„Die Finanzen des Großherzogtums Hessen“ herausgegeben, in deren Vorwort er einen klassischen Beitrag zur Naturgeschichte der Reptilien liefert. Diese Broschüre sollte erst in Form von Zeitungs⸗ artikeln erscheinen. Der„Gießener Anzeiger“, Organ des Kreisamts, hatte Herrn Biermer Ae gebeten, Aufsätze für das Blatt zu schrelben. Biermer sandte Artikel ein. Dann erzählt er weiter:
„Zu meiner großen Ueberraschung ließ mir der Verleger des Gießener Anzeiger nach zwei Tagen durch seinen politischen Redakteur mitteilen, daß er die Artikel in seinem Blatte doch nicht aufnehmen könne; denn die Art kel kritisirten die hessische Finanzwirtschaft der letzten Jahre, und eine solche Kritik könne dem Blatte, das amtliches Organ des Großherzoglichen Kreisamtes sei, schaden. Ich bemerke hinzu, daß natürlich meine Artikel nicht anonym erscheinen sollten, sondern mit meinem vollen Namen unterzeichnet waren und, wie alle Zeitungsartikel, die ich bisher geschrieben habe, unter grundsätzlichem Verzicht auf jedes Honorar. Obgleich also der Gießener Anzeiger gar nicht die Verantwortung zu tragen gehabt hätte, machte er mir aus einer geradezu kind⸗ lichen Angst vor der Staatsregierung unüberwindlich' Schwi rigkeiten, mich in sachlicher Weise über die Finanz⸗ zustände des Großherzogtums in seinen Spaltes zu äußern. Dasselbe Blatt, das noch kürzlich einen Auf⸗ ruf von antisemitischer Seite, in dem mit einem neuen Bauernkrieg der oberhessischen Bauernbündler gegen Land und Reich gedroht wurde, zum Abdruck gebracht hatte, weigert sich also, dem Professor der Staats⸗ wifsenschaften an der Landesuniversität Gelegenheit zu geben, den Staatsvoranschlag wissenschaftlich zu be⸗ leuchten. i
Diese Vorgänge sind ungemein charakteristisch, denn ste bewelsen, auf welchem Niveau der Geschäfts⸗ journalismus Gießens steht. Wir haben es in Geeßen mit unseren Preßverhältnissen also wirklich so weit gebracht, daß man Originalartikel von allge⸗ meinem Interesse die nach der einen oder nach der anderen Richtung hin vielleicht unbequem werden könnten, nicht unterbringen kann.
Also, der Redakeur selbst darf keine eigene Entscheidung treffen, aber er darf wenigstens als„besserer“ Hausdiener seines Verlegers dem Autor ausrichten, was der Herr Zeitungsbesitzer, der für seinen Profit zittert, ihm aufgetragen hat. Beueidenswerte Männer, diese Amtsblattsredakteure!
Herr Prof. Biermer irrt gewaltig, wenn er etwa annehmen sollte, daß das„Niveau des Geschäftsjournalismus“ anderswo höher sei als in Gießen. Es herrscht fast in allen Amts⸗ blättern dieselbe„kindliche Angst vor der Staatsregierung.“ Wenn der Redakteur eines Reptilienblattes einmal etwas nicht gut finden sollte, was Staats-, Kreis- oder Stadt⸗ regierung ausgeführt haben, dann muß er seinen Zorn hinunterschlucken, andernfalls steigt einer der Herrn„Regierenden“ dem Verleger des Blattes auf's Dach und dieser zeigt dann seinem Kuli, wo der Zimmermann das Loch in der Redaktionsstube gelassen hat. Der Reptilien⸗ redakteur muß so handeln, wie sein Verleger befiehlt, und der Verleger befiehlt so, wie er befehlen muß, wenn er die behördlichen In⸗ serate nicht entzogen haben will.
Die„Unabhängigkeit“ des„Gieß. Anzeigers“ trat schon früher einmal recht schön zu Tage. Als nämlich die sozialdemokratische Partei vor einigen Jahren einen Wahlaufruf als In serat aufgeben wollte, befragten die Herren vom Anzeiger erst den Kreisrat, ob er gegen die Aufnahme des Inserats nicht einzuwenden hat!
Die niedliche Affaire sollte jeden Arbeiter veranlassen, sich die Amtsblätter vom Halse zu halten und nur die Zeitungen abonnieren, die ohne Scheu die Wahrheit sagen. Das sind aber nur die sozialdemokratischen!
Politische Rundschau.
Gießen, den 15. Jauuar.
Der Reichstag
ist am Dienstag wieder zusammengetreten. Verschiedene Resolutionen zum Zolltarif waren erster Beratungsgegenstand. Zunächst eine Resolution der Kommission, die dahin geht, mit möglichster Beschleunigung und unter Hin⸗ zuziehung von Interessenten des inländischen Tabakbaues in eine Prüfung darüber einzu⸗ treten, in welchen Beziehungen die Vorschriften über die Besteuerung des Tabaks im Interesse der kleineren Tabakbauern vereinfacht werden können. Der hessische Agrarter und Lederkönig v. Heyl will höhere Tabakzölle. Unser Genosse Ehrhardt⸗Ludwigshafen schildert die Placke⸗ reien, die das Besteuern des Tabakbaues im Gefolge hat, und geht besonders auf die Verhältnisse der kleinen pfälzischen Tabakbauern ein. Trotzdem die Resolution nur ein Ver⸗ legenheltspflaster sei, würden aber die Sozlal⸗ demokraten dafür stimmen. Ueber die Resolu⸗ tion selbst, die den kleinen Tabakbauern einen übrigens mehr formellen als materiellen Nutzen zu bringen bestimmt ist, waren sich alle Parteien einig: wenn die Resolution auch nicht allzu viel nützen dürfte, so schaͤdet sie wenigstens auch nicht. Das wurde auch von den übrigen Red⸗ nern unserer Partet Geyer, Molkenbuhr und Elm hervorgehoben, die auch auf die schädlichen Wirkungen des Tabakzolls und auf die Mehrbelastungspläne, mit welchen die Re⸗ gierung sich trägt, hinwiesen, während die Agrarier Rösicke⸗Kaiserslautern, Lucke, der salbungsvolle Schrempf usw. natürlich die Wunderwirkungen des Zolls nicht genug zu rühmen wußten. Herr v. Heyl spielte die gekränkte Leberwurst und behauptete, beim Tabakbau sei gar nichts zu verdienen.
e
——T—•——Sê N— 8 7
———
See
ä
—


