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Witteldentsche Sountogs⸗Zeitung.
Nr. 20
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Das andere Lied“).
Nun klinge du mein ander Cied,
Du Lied voll Glut und Feuer.
Seig wie sie ihre Bahnen zieht,
Die kräft'ge Hand am Steuer,
Der Arbeit stolze Kämpferschaar, Gestählt im harten Streite,
Im Vorwärtsmarsch des Sögerns baar, Das Recht zum Schutzgeleite.
So tritt sie auf, der Kraft bewußt,
Die wohnt in ihren Reihen.
Das hohe Siel, der Kampfeslust'
Damit wird sie befreien
Sich von der Knechtschaft und dem Joch, Sersprengen alle Fesseln.
Und hemmt ihr sie, sie regt sich doch! Das wißt auf euern Sesseln.
Seid einig! tönt's von Ort zu Ort
Auf weitem Erdenrunde.
Seid einig! heißt das Losungswort,
Die Wissenschaft im Bunde.
Seid einig! was wird widersteh'n
Euch zielbewußten Massen d
Die Unechtschaft wird in Trümmer geh'n Vor euerm starken Hassen.
Seid einig! und ein neu Geschlecht, Gebt ihr der Welt Gesetze!
Verbürgt der Freiheit volles Recht
Und bannt die schnöde Hetze,
Die Bourgeois, Pfaff und Junker treibt Mit euch und eurem Schweiße, Und dazu noch Gesetze schreibt Als Nohn zu eurem Fleiße. W
) Das Gedicht gehört zu dem bereits in Nr. 3 veröffentlichten:„Die Arbeit“.
Auch ein Lild aus dem Rechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte.
Vorbemerkung der Redaktion. Die nach⸗ folgende Geschichte ist keine Dichtung, sondern es sind die Lebensschicksale eines Mannes, von ihm selbst in schmuckloser Weise erzählt. Fälle, daß Personen von ihren Angehörigen aus irgend einem Grunde der Irrenanstalt überliefert werden, sind schon sehr oft dage⸗ wesen und der Bericht des Unglücklichen zeigt, wie schwer es ist, Entmündigung wieder rück⸗ gängig zu machen. Umsomehr ist notwendig, daß in den Anstalten selbst die genaueste Kon⸗ trolle und Beobachtung des Kranken stattfindet, aber es bestehen in dieser Beziehung heute zweifellos noch viele Mißstände. Diese zu be⸗ leuchten und dadurch mit zu ihrer Beseitigung beizutragen, war in der Hauptsache die Veran⸗ lassung, daß wir diese Erzählung, die auch in mancher anderen Beziehung Interessantes bietet, aufnahmen. Verwunderlich bleibt, daß der Betroffene so wenig Energie entwickelte, gegen die ihm zu teil gewordene Behandlung zu protestieren. Möglich ist allerdings, daß ihm heftiges Auftreten nur noch geschadet hätte. Doch lassen wir ihn selbst reden:
Als gelernter Kaufmann und einziger Sohn neben einer älteren und jüngeren Schwester, hatte mich mein Vater, nachdem ich die Einj.⸗ Freiw.⸗Prüfung im Jahre 1880 abgelegt hatte, dazu beredet, in der kaufmännischen Karriere zu bleiben, um später sein Geschäft zu übernehmen. In der Tat war das für mich eine günstige Aussicht. Meine ältere Schwester verheiratete sich bald, und das Geschäft(von der Urgroß⸗ mutter stammend) ohne Konkurrenz, mit Aus⸗ nahme der wenigen, neu eingeführten Kurz⸗ waren, hatte immer noch ein Einkommen von ca. 3000 Mk. und konnte bei einiger Erwei⸗
So entschloß ich mich denn in das elterliche Geschäft einzutreten. Mit einem Geschäftszweig beg ann ich bald durch Reisen und zahlreiche Engrosverkäufe einen guten Jortschritt zu größerem Umsatz zu machen, auch gingen die Zahlungen durchweg richtig ein. Ein großes Hindernis in der Geschäftsentwicklung waren allerdings meine jeder geringen Neuerung heftig entgegenarbeitenden Eltern und ich hatte deshalb keinen so angenehmen Standpunkt. Eine Folge mancher Aufregungen war, daß ich zur Zeit meines Einj.⸗Dienstes an Herzklopfen litt, weshalb ich nach 3 Monaten abging. Ich ver⸗ zichtete auf die angebotene Zivilversorgung, denn ich dachte bald meinen eignen Herd zu gründen.
Sonst erfreute ich mich stets der besten Gesundheit, das Herzklopfen genierte mich in meinem Berufe weiter nicht. Aber im Jahre 1887 hatte ich ein paar Wochen schlaflose Nächte und nach ununterbrochener geschäftlicher Tätigkeit wurde ich 3 Tage stark nervös und unruhig, wobei ich selbst den Arzt Dr. A. zu Rate zog. Diese Krisis hatte einen harmlosen Verlauf, und konnte ich nach 8 Tagen Bettliegen, dem Ge— schäft wieder nachgehen. Die noch vorhandene körperliche Schwäche heilte nach ½ Jahr voll⸗ ständig aus, und ich war nun wieder voll⸗ kommen und dauernd gesund geworden. Beide Eltern lebten nun noch, eine Schwester war nach auswärts(C.) verheiratet, die andere, welche noch zu Hause war, verlobte sich mit einem Kommis Nabel. Mein Vater starb im Jahre 1890 und führte der Sohn mit Hilfe von Mutter und Schwester das Geschäft weiter. Im Sep⸗ tember ließ nun die Schwester ihren Bräutigam N., der inzwischen nach auswärts gegangen und stellenlos geworden war, auf Besuch kommen. Derselbe führte nun mit seiner Braut ein behagliches Leben und die etwas beschränkte, aber sonst im Haushalt ordentliche Mutter war für ihren zukünftigen Schwiegersohn sehr eingenommen, und wie das bei manchen Bürger⸗ familien oft der Fall ist, stand ihr der Besuch, namentlich des verehrten Bräutigams, näher als eins ihrer eigenen Familienglieder. Die Verlobten wollten nun bald heiraten, aber es war keine andere Existenz in Aussicht als im Geschäft ihres Bruders behilflich zu sein. Dies paßte ihnen nicht. Sie sannen daher wie sie ihn wohl los werden könnten und gaben mir zunächst den Rat, mir irgend eine Stelle zu suchen, was ich natürlich entschieden zurückwies. Jetzt saßen sie oben im Hause und beratschlagten täglich, was sie beginnen sollten. Die Schwester meinte da unter anderem, daß der Bruder doch nicht mehr heirate, da er schon 28 Jahre alt und noch ledig sei, und sagte dann, wie ich aus verschiedenen Aeußerungen herauslesen konnte, daß ihr Bruder einmal mit den Nerven zu tun gehabt hätte, man könne ihn einfach in eine Anstalt schicken, da wäre ja so gute Behandlung und er brauchte sich mit keinem Geschäft zu quälen, wogegen sie doch das Geschäft haben könnten. Ihre Mutter wurde dann täglich mit diesen schönen Vorschlägen be⸗ arbeitet, die auch nichts dagegen zu sagen wußte, da sie von einem Anstaltswesen überhaupt keinen Begriff hatte. Auf die Launen meiner Schwester, und auf solche Aeußerungen habe ich nie Wert gelegt. Ich war mir sicher, daß eine so dumme Anspielung bei einer Behörde überhaupt nicht ernst genommen werden könne. N., der Bräuti⸗ gam, ein großer starker Mensch, begann nun einfach im Geschäft tätig zu werden und hatte dazu nur die einseitige Zustimmung der Mutter. Er paßte nur noch auf einen Moment, bei irgend einer Gelegenheit den bewußten Plan zur Ausführung zu bringen. Ich duldete ihn, soweit er mich nicht gerade genierte. Als er sich nun auch die Geschäftsbriefe durch die Mutter geben ließ, sich in die Korrespondenzen einmischte und Briefe schrieb, welche den meinigen vollständig entgegen waren, schrieb ich an den betreffenden Lieferanten, daß Briefe von Nicht⸗ angestellten im Hause— überhaupt keine Giltig⸗ keit hätten und las diese Zeilen meiner Mutter in Gegenwart des N. vor. N. sprang auf,
terung in letzteren Artikeln und der vorzüg⸗ lichsten Verkehrslage noch bedeutend mehr bringen.
stürzte mir wütend nach, erreichte mich auf der Treppe und würgte mich am Halse. Ich
verteidigte mich durch einen Faustschlag in des Gegners Gesicht und entschlüpfte ihm. Zu der hinzukommenden Mutter sagte der Heuchler kläglich, er wäre angegriffen worden. Als ich nun im Laden war, sagle mir darauf meine Mutter: ich solle N. gehen lassen, er packe schon und ginge weg. Ich sagte, ich würde ihn dennoch anzeigen. Meine Mutter ging nun wieder hinauf, aber noch bevor ich mich fertig machen konnte, um zur Polizei zu gehen, kam N. in den Laden und belästigte mich durch Herumlaufen und Grunzen. Als ich rief, er solle sich hinausscheeren, stürzte N. auf mich zu und erfaßte mich noch an den Füßen, um mich die innere Ladentreppe herunterzuzerren, was ihm aber nicht so schnell gelang. Er ließ schließlich los, da es schien, daß Jemand in den Laden treten wollte, was auch geschah. N. ging vor die Türe. Ich bediente die Kundin, sagte derselben jedoch von dem Vorgefallenen nichts, indem sie keine Augenzeugin war. Die Mutter kam dann die Treppe herunter und stellte sich in die Haustüre, N. stellte sich neben ste und redete in lächelnder Weise zu ihr. Dies Benehmen empörte mich und ich spuckte gegen N. aus. N., welcher sich getroffen fühlte, kam wütend auf mich zu, ich bersuchte die Laden⸗ türe zuzuschlagen, N. stemmte jedoch ein Bein dazwischen, drückte sie mit Gewalt ein und drang in den Laden, während ich zurückwich. Doch die Treppe hinauf zu kommen, war mir nicht mehr möglich, so ergriff ich denn den Hammer und gab ihm beim Herankommen 2 Schläge auf den Kopf, welche aber nur die Haut verletzten, jedoch entstand eine ziemliche Blutlache am Boden. Da ließ ich ab, beugte mich nach der freien rechten Seite, schleuderte den Hammer nach der Ecke hin zu Boden und wehrte nur mit bloßen Händen, um ihn hin⸗ zuhalten, bis Jemand hinzukam. Die Mutter war gleich aufangs hinaufgesprungen und ssandte die Dienstmagd hinunter, damit der geehrte Bräutigam, nicht nochmals wie auf der Treppe angegriffen würde. Als die Magd kam, rief N. gleich ihm zu helfen. Da banden Beide mich mit Stricken, die Füße fest zusammen, die Hände auf den Rücken und ließen mich so am Boden liegen. N. wütend darüber, daß ich ihm, dem kräftigen Athleten so lange wider⸗ standen hatte, mißhandelte mich jetzt Wehrlosen mit Ohrfeigen und sagte dann:„So nun will ich Dir zeigen, wo du hingehörst.“— Inzwischen waren einige neugierige kleine Kinder an die offene Ladentüre gekommen und befand sich dabei auc ein Metzgerbursche(bei Dr...) Derselbe hielt mich für den Schuldigen, schrie gräßlich, er wolle mich mit den Füßen in's Gesicht treten. Da jedoch einige größere Kinder hinzukamen, ließ er von seinem Vorhaben ab. Darauf ließ N. eine Chaise bestellen. Ich war ruhig und hoffte, daß eine Verhandlung die Sache schon aufklären würde, fragte schließlich: Ob die Chaise nicht bald da sei.“ Endlich kam sie. N., welcher seine Heuchelei so gut spielte, daß er dem Metzgerburschen sagte: es wäre bedauerlich und ich sei ein armer Kerl, schnitt er nur die Stricke von den Füßen los und ließ mich einsteigen, N. und der Metzger⸗ bursche stiegen ebenfalls ein und fort ging es auf die Irrenheilanstalt. Dort war nur Herr Dr. Tuczek anwesend. Er schnitt mir den Strick von den Händen los und frug, wie ich dazu gekommen sei. N. antwortete gleich, ich hätte ihn mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen und zeigte seine Wunde. Ist das wahr? frug Dr. T.— Ich antwortete, um N.'s Bosheit nicht aufzureizen und auf eine ordentliche Ver⸗ handlung hoffend, einfach:„Ja, es tut mir leid. Darauf schellte er. Es erschien ein nicht be⸗ mich abführen. Den Wärter befragte ich vor sprechen.“ Er tat es aber nicht und führte mich auf Abteilung III, wo ich ausgekleidet,
Dies geschah am 30. Oktober 1890 nachmittags.
teiliges über mich vor und Dr. T. gab sich
sonders kräftiger Wärter(K.) und Dr. T. ließ
der Türe:„Ich möchte Herrn T. gerne allein
gewogen, gebadet und ins Bett gesteckt wurde. Währenddessen verhandelte N. unten mit Br. T.— N. hatte nicht den geringsten Ausweis. In frecher Weise log er T. verschiedenes Nach⸗
keine Mühe, die handgreiflichen Verleumdungen 1
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