Ausgabe 
14.6.1903
 
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Scite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 24.

Von Nah und Fern.

* Aus dem Wahlkreise Dillen⸗ burg⸗Herborn. In Offdilln hielt am Sonntag Nachmittag der nationalliberale Kan⸗ didat und bisherige Abgeordnete Amtsgerichts⸗ rat Hoffmann eine Wähler⸗Versammlung ab und da er über die Stimmung seiner Wähler orientirt war, brachte er sich 24 Schützenbrüder von Haiger zur Unterstützung mit(denen er ja früher ein Bild geschenkt hat.) Hoffmann lobte seine Tätigkeit im Reichstage und hielt die übliche nationalliberale Rede. Am Schlusse erhielt er nur Beifall von den 24 Schützen⸗ brüdern, und 4 Offdillern, obgleich Hoffmann selbst Offdiller ist. Alsdann stellte Luy⸗ Haiger Hoffmann wegen seiner Stellung zur Westerwaldbahn und er erhielt großen Beifall der gesamten Offdiller. Nunmehr beleuchtet Genosse Trott⸗Haiger in ½ stündiger Rede die gerade nach dem eigenen Geständnis der natl. Partei für die Landwirtschaft so schädliche Zollpolitik, unter brausenden Beifall der an⸗ wesenden Wähler(ausschließlich der Schützen- brüder), speziell seine Ausführung über das Fleischbeschaugesetz und Quebracho⸗Zoll fanden die Zustimmung der Offdiller. Alsdann schil⸗ derte Trott die Tätigkeit der natl. Partei, bei dem Kriegs⸗Invalidengesetz und Veteranengesetz, und daß dann, wo schon kein Geld da sei für die heutigen Invaliden zu bezahlen, die Regier⸗ ungs⸗Parteien immer noch Geld bewilligen für Militär und Marine und Mordwaffen. Schließlich kommt es noch so weit, daß den Inva⸗ liden, das Vorrecht, für den Zivilversorgungs⸗ schein auf die Drehorgel und den Bettelsack reservirt würde daß, wenn der Invalide, auch der gewerbliche, die Rente erlangen wolle, erst sein sein Vermögen, wenn er welches hat, verprozessieren muß, ehe er was bekommt. Wegen seiner Aeußerung, die italienischen Arbeiter leisteten mehr als die Deutschen, stellte unser Genosse Hoffmann zur Rede und wies ihm Beispiele nach, daß unser deutscher Arbeiter, im All⸗ gemeinen mehr leiste und die Italiener nur als Lohndrücker verwandt werden. Herr Hoff⸗ mann konnte nichts Sachliches entgegnen und meinte zum Schlusse, zum Teil ginge er mit den Ausführungen Trotts. Der stürmische, ein⸗ stimmige Beifall, den unser Genosse erhielt, zeigte Hoffmann, daß die Sozialdemokratie auch in Offdillen festen Fuß gefaßt hat.

Ein Pestfall in Berlin.

In einer Isolier⸗Baracke der Berliner Charité starb am Samstag Nachmittag unter pestver⸗ dächtigen Umständen ein junger Arzt aus Wien, Dr. Milan Sachs, welcher sich seit einiger Zeit im Berliner Institut für Infektionskrank⸗ heiten mit bakteriologischen Arbeiten beschäftigt hatte. Von den zuständigen Behörden wurden in umfassendster Weise alle erforderlichen Maß⸗ nahmen getroffen, so daß eine Weiterverbreitung der Krankheit als ausgeschlossen anzusehen ist. Sachs kam vor fünf Wochen an, um sich im Institut für Infektionskrankheiten weiter aus⸗ zubilden. Er infizierte sich bei bakteriologischen Arbeiten durch einen Hautriß, sagte aber Nie mandem etwas von dem Vorfall. Am Donners- tag verschlimmerte sich das Uebel so, daß er das Krankenhaus in Charlottenburg aufsuchen mußte. Dort erkannte man sofort den Charakter der Ansteckung und ließ Sachs unverzüglich nach der Charité bringen. Am Sonntag Mittag fand anläßlich des Todesfalles eine Konferenz in der Charité statt, an der Geh. Obermedizinal⸗ rat Kirchner, Generalarzt Schaper, medizinische Vertreter des Reichsgesundheitsamtes, des Polizeipräsidiums, des Instituts für Infektions⸗ krankheiten und Andere teilnahmen. Späteren Mitteilungen zufolge soll auch der Wärter des verstorbenen Arztes erkrankt sein.

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

Die 6. Generalversammlung des deutschen Metallarbeiter⸗Verbandes wurde am 1. Juni im großen Saale ist des Gewerkschaftshauses zu Berlin eröffuet. Der Saal ist überaus geschmackvoll dekoriert. Petzold⸗

Berlin begrüßte den Kongreß mit einer Ansprache, in der Redner die Entwicklung der Berliner Metallarbeiterorganisation schildert, von der Gründung der Fachvereine, unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes, mit einigen hunderten Getreuen, bis zum heutigen Tage mit 135 000 Mitgliedern. Hiernach eröffnete der Verbands⸗ vorsitzende, Schlicke-Stuttgart, die Versamm⸗ lung. Es sind 152 Delegierte anwesend.

Der internationale Bergarbeiter⸗ kongreß tagte vorige Woche in Brüssel.

Zur Beachtung bei der Reichstagswahl!

Das Geheimnis der Wahl ist gesichert! Keine Stimmzettelspitzeleei mehr! Nach dreißigjährigem Sträuben hat sich die Regierung zum Aerger der Rückwärtser endlich entschlossen, die verfassungsmäßige Geheimhaltung der Wahl zu sichern.

Jedermann nehme sich in der Tasche von Hause einen sozialdemokratischen Wahl⸗ zettel ins Wahllokal mit. Er muß ungefähr 9 zu 12 Zentimeter groß sein.

Wesentliche Abweichungen in der Zettel⸗ größe machen die Wahl ungültig!

Im Wahllokal empfängt er ein amt⸗ liches Wahlkouvert, die alle gleich sind und keinerlei Kennzeichen haben dürfen.

Mit dem Wahlkouvert geht jeder einzeln in einen Nebenraum oder an einen durch einen Verschlag abgetrennten Tisch. Hier steckt der Wähler, unbeobachtet von jeder⸗ mann, seinen sozialdemokratischen Stimm⸗ zettel in den Umschlag und schließt ihn wie einen Brief; Zukleben ist nicht not⸗ wendig.

Der Wahlvorsteher darf keinen Zettel annehmen, der nicht vorher an der vor Zuschauern geschützten Stelle in den Um⸗ schlag gelegt ist.

Man achte darauf, daß der Nebenraum oder der Tisch so beschaffen ist, daß wirklich niemand beobachten kann, was für einen Zettel der Wähler ins Kouvert steckt.

Der Wahlvorsteher hat die Kouverts in geschlossene Gefäße(Urnen), die oben einen Spalt haben, zu legen.

Ungesetzliche Wahlgefäße Wahl ungültig!

Die Wahl dauert diesmal von 10 bis F

Niemand darf aber seine Stimme nach 7 Uhr abgeben, auch wenn er vor 7 Uhr im Lokal ist. Es empfiehlt sich also, nicht im letzten Augenblick, sondern so früh wie möglich zu erscheinen, damit jeder seine Stimme bis 7 Uhr abgeben kann.

Eure Arbeitgeber können Euch bei diesen Wahlen nicht mehr für die Betätigung

machen die

Eurer sozialdemokratischen Ueberzeugung bestrafen. Ihr wählt frei! Wählt sozialdemokratisch!

An dieLiberalen.

Ihr Beuchler und ihr Narren,

Da sitzt ja just der Knoten. Wir Lebenden verscharren

Mit Fug und Recht die Toten.

Wollt ihr im Geiste leben, Müßt ihr erst auferstehen;

Da hilft kein äuß'res Streben, Kein in die Schule gehen.

Der Geist läßt sich nicht pachten, Nicht als Rezept verschreiben; Er kann nur Blütenprachten In freiem Herzen treiben.

Und mögt ihr tausend Jahre Bei Folianten schwitzen:

Seid ihr nicht selbst das Wahre, So könnt' ihr's nie besitzen.

Ihr wollt an frischem Wagen,

An off'nem Mut uns gleichen d Da müßt ihr erst entsagen

Euch selbst und Euresgleichen.

Zu polterndem Erfrechen

Bringt's höchstens die Gemeinheit. Den Mut, der nicht zu brechen,

Gibt nur der Sache Reinheit.

Ningebung heißt der Schlüssel Sum Vätsel uns'res Mutes. Ihr liebt nur Flasch' und Schüssel, Such selbst, nichts Großes, Gutes.

NHingebung heißt der Schlüssel Sum Rätsel uns'res Schauens.

Was frommt des Ebers Rüssel Die Müh' des Perlenkauens.

Selbstsucht, so heißt der Teufel Des Sagens und der Dummheit,

Den hört das Volk mit Sweifel, Drum hüllt er sich in Stummheit!

Weicht aus des Geist's Bezirken, Und geht zu euren Pferden! Wollt ihr auf Menschen wirken, Müßt ihr erst Menschen werden! Friedrich v. Salle.

Auf zum Wahlkampf! (Ein Wahltagslied.)

Vorwärts! Kämpfer, zu den Waffen!

Denn es gilt ein heiß Gefecht.

Laßt heut nicht den Mut erschlaffen,

Denn Ihr kämpft den Kampf ums Recht.

Zwar ist es kein blutig Ringen, Denn wir hassen Mörderstahl; Und doch wird ein Sieg gelingen, Trefft Ihr alle rechte Wahl!

Hört Ihr sie wie Raben krächzen, Die nach ihrer Beute schrein? Seht Ihr sie wie Tiger lechzen, Die Euch dem Verderben weihn?

Wisset, das sind Brotverteurer, Die Euch bringen Wucherzoll!

Wisset, das sind Wahlrechtsneurer, Euch entrechtend, ränkevoll!

Vorwärts! Männer, auf die Schanzen! Fällt Euch selbst ein Urteil heut'! Nieder mit den Kriechern, Schranzern! Hoch! wer frei die Stirn: beut!

Für des Volkes Recht zu walten, Ist bei Sozialisten Brauch, Und wie immer wir's gehalten, Halten wir es fürder auch! Amalie Thamm.

Humoristisches.

Heiteres von der Wahlbewegung. Der Frkftr. Ztg. wird geschrieben: Es war in einem Dorf an der württembergischen Grenze. Der Kandidat, ein angesehener höherer Beamter, hatte eben seine Wahl⸗ rede mit den Worten:Das walte Gott! beendet, als ein biederes Bäu rlein seinen Nachbarn anstieß und sagte:Du, den wähle mer, der hot no Religkon im Ranze!

Mißglückte Drohung. Großbauer: Wannst an Soz wählst, nacha hast am längsten a Brot g'habt.

Arbeiter: Und wenn i dan Kornzöllner wähl, aa!

(Südd. Postill.)

Geschichtskalender.

14. Juni. 1866: Auflösung des deutschen Bundes. 1848: Zeughaussturm in Berlin. 5 15. 1893: Reichstagswahlen, 1750 000 soz.⸗dem. Stimmen. 1381: Wat Tylor, engl, Bauernführer auf kgl. Befehl ermordet.

16. 1898: Reichstagswahlen, 2 105 305 soz.⸗dem. Stimmen.

17. 1810: Ferd. Freiligrath, Dichter,. 1789: Dritter Stand erklärt sich als Nationalversammlung.

aris. 5 18. Wilh. II. Arbeitswilligendrohrede in Bielefeld. 1815: Schlacht bei Waterloo.

19. 1899: Erste Lesung der Zuchthausvorlage. 1867: Kaiser Maximilian von Mexiko erschossen.

20. 1898: Jakob Au dorf, Dichter der Arbeiter⸗ Marseillaise gestorben. 1792: Ludwig XVI. vos Frankreich muß die phrygische Mütze aufsetzen.