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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung⸗
Nr. 49.
Von Nah und Lern.
Flug blattverbreiten ist keine geräusch⸗ volle Arbeit.
Eine große Anzahl sozialdemokratischer n ur im Wahlkreise Stendal⸗ sterburg waren während der Reichstags⸗ wahl mit Strafmandaten bedacht worden, weil sie Flugblätter an einem Sonntag ausgetragen hatten. Auf beantragte richterliche Entscheidung hat jedoch— verschiedene Amtsgerichte hatten das Strafmandat bestätigt!— das Landgericht Stendal sämtliche Angeklagte freigesprochen. In der Begründung hieß es, daß das Flug⸗ blattverteilen keineswegs eine„Arbeit“ darstelle, auch nicht gewerbsmäßig betrieben werde und vor allem keine im Sinne der Oberpräsidtal⸗ verfügung, betr. die Sonntagsruhe,„geräusch⸗ volle“ Tätigkeit sei. Die Kosten wurden der Staatskasse auferlegt.— Es ist gut, wenn sich unsere Genossen derartige Entscheidungen merken; oft genug werden auch in unserer Gegend die Genossen bei dem Flugblätter⸗ und Kalender⸗ verteilen wegen„Störung der Sonntagsruhe“ angehalten.
Ein Schweinepriester
stand am 23. Nov. in der Person des Kaplans Wilh. Knipp, gebürtig aus Aachen, vor der Strafkammer in Hanau. Er hatte sich dort wegen Sittlichkeits verbrechen zu ver⸗ antworten, die er in der Zeit von 1901 bis 1902 als Erzieher an der Knabenzwangser⸗ ziehungsanstalt Sannerz im Kreise Schlüchtern an Knaben, die der Anstalt als Zöglinge über⸗ wiesen waren, begangen hatte. Knipp sollte schon im Juli wegen dieser Vergehen abgeur⸗ teilt werden, damals wurde aber dem Antrag des Verteidigers stattgegeben und der Angeklagte zur Beobachtung seines Geisteszustandes der Irrenanstalt zu Marburg überwiesen. Diese Beobachtung ergab jedoch, daß Knipp geistig normal ist und dem entsprechend gab auch der als Sachverständiger geladene Arzt der Irren⸗ anstalt Marburg sein Gutachten ab. Knipp war in vollem Umfange geständig. Das Urteil lautete unter Einbeziehung der dem Angeklagten am 4. März l. J. in Dresden wegen gleicher Vergehen zudiktierten zweijährigen Gefängnis⸗ strafe auf sechs Jahre Gefängnis wegen Sittlichkeitsverbrechen in 8 Fällen. Auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte hat bereits das Landgericht Dresden gegen den Angeklagten erkannt.— Verurteilungen von Geistlichen wegen derartiger Verbrechen haben in den letzten Jahren sehr zahlreich stattfinden müssen. Trotz⸗ dem schimpft aber die Kaplanspresse nach Noten über die„unsittliche“— Sozialdemokratie.
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8 50 Unterhaltungs-Ceil. 17
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Der Sieg des Schwachen.
Erzählung von Melchior Meyr. 10.(Fortsetzung.)
Sie drehte sich um und wollte gehen; aber ein leidenschaftlich geflüstertes„Halt!“ hemmte ihren Schritt.„Halt!“ erwiderte Tobias;„ich komm' ohne weiteres— und wenn der Teufel 8 holt!“ as Mädchen hatte sich ihm wieder zuge⸗ wendet und konnte nicht 15 zu lächeln,. „Wann soll ich kommen?“ fuhr der Bursche
„Morgen nacht; die Hoftür wird auf sein, und nach elf Uhr schließ ich die Haustür auf.“
„Gut, ich komme,“ rief der durch die zweite Furcht von der ersten befreite und zum Hero⸗ rismus aufgestachelte Schneider.„Kreuzschwere⸗ not! Du hast recht, ich bin ein Narr, daß ich mir solche Skrupel mach', wo wir doch gar nichts Unrechtes im Sinne haben!“
fort
„Du guter Tobias,“ erwiderte die Bäbe mit
einem Lächeln, halb mitleidig, halb schalkhaft.
Dieser fuhr fort:„Es ist ja wahr! Soll ich mich genieren, wo sich's um unser Glück handelt? Das wär' ja der größte Unsinn! Genieren sich denn ander' Leut'?“
„Sein Lebtag nicht,“ versetzte die Bäbe. „Jeder braucht halt das Mittel, das ihn zu seinem Zwecke führt, und wenn er's dann hin⸗ ausgeführt hat, lobt ihn alle Welt. Aber jetzt muß ich fort. Gutnacht, schlaf wohl!“
„Du auch,“ rief Tobias, ihr nachsehend.
Langsam ging er in die Gasse zurück, ent⸗ schlossen trat er den Rückweg nach Hause an.
Der Gesichtspunkt, den er in Bezug auf sein neues Unternehmen gewonnen hatte, be⸗ währte sich nicht nur am selben Abend noch, sondern auch am andern Tage. Er war heiter erwacht und machte sich im Laufe des Vormittags die schönsten Vorstellungen von der Zusammen⸗ kunft und ihrem Ergebnis. Infolge davon er⸗ langte er eine Munterkeit, die endlich zum förm⸗ lichen Uebermut gedieh. Beim Mittagessen blieb er keine Rede schuldig und hatte Einfälle, wo⸗ rauf die andern entweder lachen oder schweigen mußten.
„Wie schnell sich doch jung' Leut' wieder trösten!“ sagte die Walpurg in der Küche für sich, als sie das Geschirr spülte.
Der Alte hatte einen ähnlichen Gedanken, knüpfte aber einen Vorsatz daran. Er schickte den Kaspar in den Hof und sagte dann zu Tobias:„Nun, du scheinst dein trauriges Wesen jetzt ganz ausgeschwitzt zu haben.— It endlich die Zeit gekommen, wo du dein Versprechen halten kannst?“
Diese Frage hätte den Tobias zu einer an⸗ dern Zeit in Verlegenheit gebracht. Jetzt, im Vorausbesitz eines Rettungsmittels, das die Bäbe ihm heute nacht in die Hand geben mußte, fragte er ruhig:„Was denn für ein Versprechen?“
„Nun, daß du mit der Sillylle reden willst!“ .„Ja so“, erwiderte der Bursche. Und in diesem Augenblick stieg ein Gedanke in ihm auf, ein vortrefflicher Gedanke. Er konnte nachts fortgehen und braucht' es nicht zu verbergen; er konnte ausbleiben, so lang er wollte; er er⸗ sparte sich einen Streit, der üble Folgen haben konnte, und machte den Vater gläubig und sorglos— wenn er jetzt zum Schein auf seine Ansichten einging.— Mit einem Lächeln, dessen Schlauheit einem feinern Beobachter, als der alte Schneider war, verdächtig vorgekommen wäre, fuhr der zum Schelm gewordene Bursche fort:„Nun, am End', ein Weib muß ich doch haben! In Gottes Namen— heut nacht will ich mein Glück einmal vecsuchen.“
„Heut nacht?“ fragte der Alte, indem er das letzte Wort betonte. a
„Ja wohl“, erwiderte der Sohn;„bei den
Mädchen richtet man da am meisten aus. Ich will's frisch angreifen und der Sach' mit einem⸗ mal ein End' machen.“ „Ei,“ rief der Alte, indem ein Schmunzeln über seinen Ernst siegte,„du hast dich aber gebessert! Seht, seht! Am End' erleb' ich noch meine Freud' an dir!“
„Ich hoff's“ versetzte Tobias. soll's wenigstens nicht fehlen!“
„Diese schöne, mutige Stimmung währte mit leichten Schwankungen den ganzen Tag.
Als es zu dunkeln begann, trat der Bursche vor seinen Vater und sagte:„So, ich geh' jetzt ins Wirtshaus.“
Der Alte schmunzelte wohlwollend und sagte: „Willst du dir Courage trinken?“— Dann setzte er hinzu:„Halt noch ein wenig, ich geh' auch mitl“
Während er die Juppe anzog und die Pelz⸗ kappe aufsetzte, lächelte Tobias vor sich hin, und beide wandelten dann in einer Eintracht, wie man sie nie bei ihnen gesehen hatte, der Schenke zu.
„Dort angekommen, setzte sich der Sohn zu einigen Ledigen, der Vater zu älteren Mäunern, und beide Teile unterhielten sich gemütlich über das Wetter, die zu erwartende Ernte und andere ländliche Gesprächsgegenstände.
Als der Zeiger der Wirtsuhr Zehn und ein Viertel wies, leerte Tobias den Rest seines „Krügles“, trat zu seinem Vater und sagte mit
„An mir
einem Blicke, der seine Worte Lügen strafte: „Ich bin müd und will einstweilen heimgehen. Du scheinst dich hier so gut zu unterhalten—“
„Geh' nur zu,“ fiel der Alte in behaglichem Brummton ein,„ich brauch' dich nicht zum Heimgehen!“
Tobias wünschte allerseits Gutn acht und verließ die Stube.
Er schlug den Weg zum Hause der Sibylle ein. Diese Vorsicht war sehr nötig.
Der Alte, plötzlich von einem Gedanken beunruhigt, verließ bald nach seinem Abgang die Stube, um vom Hofe die Gasse hinabzusehen, die zum Weber führte. Als er den Sohn lang⸗ sam darauf hinschleudern sah, freute sich seine Seele; er ging ins Wirtshaus zurück, bestellte noch eine Maß Braunes und pflanzte sich in die Ecke mit einem Behagen hin, als ob er heute die Polizeistunde nicht zu beachten gedächte.
Tobias ging bis zum Hause des Webers. Die Fenster waren dunkel— die Leute zu Bette. Da er noch Zeit herumzubringen hatte, so folgte er einem Gelüsten, das plötzlich in ihm auf⸗ gestiegen war. Er ging ums Haus und stie über den niederen Zaun in den Garten, auf welchen das Kammerfenster der Sibylle hinaus ging. Hier war noch Licht. Der Bursche näherte sich demselben bis auf einige Schritte, blieb dann stehen und weidete sich an der Mög⸗ lichkeit, etwas tun zu können, was er zu unter⸗ lassen entschlossen war. dachte er,„dir könnte ich eine Freude machen — wenn ich möcht'! Aber jeder ist sich selbst der Nächste.“— Das Licht erlosch.„Sie geht zu Bett,“ sagte er zu fich.„Nun, sie mag. schlafen!“— Er ging vorsichtig zurück, stieg.
auf den Wasen hinaus und schlug den Weg 1
ein, der zum Pfarrhaus führte.
Auf dem Gange zur Sibylle war er ruhig; als er aber langsam dem Ziele des Abends entgegenwandelte, fing sein Herz an zu schlagen. Er verwunderte sich über die erneute Bangigkeit, wo er doch ganz entschlossen gewesen war, und ärgerte sich darüber; aber das bewirkte nicht, daß sie nachließ. Das Herzklopfen und Beben dauerte fort und geriet in einen Gang, als ob es heute nicht leicht mehr aufhören wollte. Am Zaune des Pfarrhofs angekommen, machte er Halt und verlor sich wartend in dumpfes Sinnen.
Auf einmal schlug die Glocke auf dem nahen
Kirchturm so stark, wie er nie geglaubt hätte, daß es möglich wäre. Nach leichtem Schreck sich fassend, zählte er die Schläge. Es waren elf.— Die Zeit war gekommen— es mußte gewagt sein!
Indem er sich vorsichtig umschaute und zu
seinem Troste niemand gewahrte, schlich er zu
der Hoftür, öffnete sie, lehnte sie wieder an und zog sich hinter den Holderbaum zurück. Hier konnte er nicht gesehen werden, aber auf den Ruf der Geliebten gleich erscheinen.
Die Stille des Grabes umgab ihn. Die
dunkle Nacht, die nur von einzelnen, zwischen
Wolken vorblickenden Sternen erhellt war, der
heilige Bezirk, in dem er sich befand, und der
ganze feierliche Umkreis stimmten ihn erust und ernster. Er begann zu überlegen, was er eigentlich im Sinne habe, und wie es ausfallen könnte. Bei tieferregter Empfindung, bei einem Geiste, der durch Furcht und Sorge geschärft und zu lebhaften Vorstellungen befähigt war, sah er die Größe seines Wagnisses in hellem Lichte und wurde besonders durch diejenige Seite des Unternehmens getroffen, wonach es als eine Entweihung des Pfarrhauses angesehen werden konnte. Zur Nachtzeit, heimlich wie ein Dieb, drang er in die Wohnung des Geist⸗ lichen!— Wenn es nun unglücklich ablief? Wenn die Pfarrleute erwachten und ihn bei dem Mädchen trafen, was dachten diese von ihm?— Daß er der unverschämteste und gott⸗ loseste Mensch sei auf der ganzen Welt! Und sie behandelten ihn, wie er's nach ihrer Meinung verdiente— die Sache kam auf, kam im Dorfe
„Du gute Sibylle,“
herum— und sein Vater, den er auf alle Weise
angelogen hatte, schlug ihn zum Krüppel! Die Bäbe verlor den Dienst und mußte aus dem Dorfe— alles war aus und alles verloren! — Wer konnte gutstehen, daß es nicht so ging? Alte Leute haben keinen festen Schlaf— und
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