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Nr. 14.
Gießen, den 5 April 1903.
10. uhr
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Dienstag, den 16. Juni
finden nach einer nunmehr bekanntgegebenen amtlichen Verordnung
die Reichstagswahlen
statt. Monatelang wurden über den Wahl⸗ termin die widersprechendsten Nachrichten ver⸗ breitet. Noch am Samstag und Sonntag konnte der„Vorwärts“, gestützt auf Mitteilungen aus bester Quelle, den 17. Mai als Wahltag angeben. Tatsächlich war auch dieser Termin von der Regierung ins Auge gefaßt, an die Behörden war bereits die Anweisung ergangen, bei Aufstellung der Wählerlisten diefes Datum zu Grunde zu legen. Man plante eine Ueber⸗ rumpelung der Wähler, wollte vielleicht dadurch die Situation für die Sozialdemokratie und die opposttionellen Parteien ungünstiger gestalten. Uns wäre aber wahrlich der 17. Mat auch recht gewesen! Erst als der„Vorwärts“ diesen Tag als den in Aussicht genommenen veröffent- lichen konnte, wurde Gegenordre gegeben.
Parteigenossen! Der Wahltag steht nun fest. Jeder von uns hat die heilige Pflicht, soviel in seinen Kräften steht dafür zu sorgen, daß die Wahlschlacht für uns stegreich ende! Es handelt sich um schwerwiegende Entschei⸗ dungen. Wir haben schon oft an dieser Stelle darauf hingewiesen. Dem deutschen Volke droht Lebens mittelwucher, Heeresvermeh⸗ rung, Flotten vermehrung, Millionen⸗ ausgaben für Koloniesport und abermalige Erhöhung der indirekten, die Armen am stärksten belastenden Steuern!
Darum vorwärts! Gegen Ausbeutung und Unterdrückung, für Freiheit und Wohl⸗ ergehen des Volkes!
Hoch die Sozialdemokratie!
Der„Zukunftsstaat.“
Zu wie vielen Dingen muß er doch nützen, der„sozialistische Zukunftsstaat“! Gilt es, dem Spießer von Neuem ein Gruseln von der „Umsturzpartei“ über den Leib 1 jagen, dann wird ihm regelmäßig der„Zukunftsstaat“ an die Wand gemalt und alle seine„Schrecken“ werden geschildert, vom konfiszirten Kapitälchen der Sparagnes bis zum tragischen Tod der unglückseligen Strampelannie, von der Zucht⸗ hausnummer des Staatsbürgers bis zum stiefelwichsenden Universitätsprofessor. Gilt es dagegen, die Sozialdemokraten mit„geistigen Waffen“ zu überwinden, so muß wiederum der Zukunftsstaat herhalten, aber in anderer Beleuchtung. Nun ist er nicht mehr ein Schreckbild, sondern ganz einfach ein Unsinn, eine Unmöglichkeit, das Hirngespinnst wahn⸗ sinniger Fanatiker. Und da wird dann— immer nach der gleichen Methode, doch wechselnd in den einzelnen Argumenten— haarklein nach⸗ gewiesen, daß durch diejenigen Sozialisten, die vom Soztalismus und von der Welt wirklich etwas wüßten, haarklein das Absurde des Zu⸗ kunftsstaatsgedankes dargelegt worden sei, so daß sich die besten Köpfe der Partei längst von dieser Thorheit ab⸗ und praktischer Arbeit im Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordnung zugewendet hätten.
Nun ist es interessant, einmal zu konstatiren, daß sich die Bourgeois im Herzen doch nicht
so ganz sicher vor dem Kommen des Zukunfts⸗ staats fühlen, und daß ste durch die„Beweise“ der besten Köpfe, der Praktiker, der nüchternen Forscher und wie sie sonst noch schmeichelnd jene Sozialisten nennen, die ihnen Wasser auf ihre Mühlen liefern, keineswegs ganz beruhigt sind. Ein Beispiel, wie durch Beobachten und Nachdenken gelegentlich auch eine kapitalistische Seele in zukunftsstaatliche Ketzerei verfallen kann, hat in diesen Tagen unvorsichtig genug die„Kölnische Volks⸗Ztg.“ geliefert, die— man staune!— das Hineinwachsen in den soztaldemokratischen Zukunftsstaat zugesteht, zwar nur bedingt, aber doch deutlich. „Mehr Freiheit!“ überschreibt sie einen Artikel, in dem es wörtlich heißt:
„Wir entwickeln uns, wenigstens in der Großstadt, mit unheimlicher Geschwindigkeit in der Richtung, wo der sozialdemokratische Zukunftsstaat liegt, der aus der Welt, wie man oft gesagt hat, ein großes Zuchthaus machen würde. Dabei kann die Freiheit natürlich nicht gedeihen, und von Jahr zu Jahr nimmt auch die Un⸗ freiheit zu, die moderne Form der Leibeigenschaft. Der Leser gestattet mir wohl, an eine Jugenderinnerung anzuknüpfen. In meinem Heimatstädtchen lebten nur sehr wenige Beamte, in der Hauptsache der Amtsrichter, der Amtmann und der Amtsrentmeister, die aber alle drei so gut wie souverän dastanden. Die übrigen Bürger, meist Kaufleute und Handwerksweister, waren sämtlich vollständig unabhängig, besonders habe ich keinen verheirateten Mann gekannt, der im Dienste eines anderen stand. Wenn ich nun hier in Berlin den Kreis meiner Umgebung und weiteren Bekanntschaft überschaue, so finde ich nach einer oberflächlichen Abschätzung, daß von den Männern über 25 Jahre nur 5 Prozent völlig unabhängig dastehen! Die übrigen 95 Prozent sind im Staatsdienst(Zivil und Militär), oder im Privat⸗ dienst. Ist das nicht bedenklich, zeugt es nicht von einer starken Veränderung unserer sozialen Zustände?“
Ohne Weiteres lassen sich die Verhältnis⸗ zahlen, die der Artikelschreiber angiebt, natür⸗ lich nicht e Aber das Gesamt⸗ bild, das er giebt, ist richtig. Qb es nun 95 oder 90 oder nur 85 Prozent der erwachsenen Männer der Großstadt sind, die im Staats⸗ und Privatdienst stehen, ist für die Frage selbst von untergeordneter Bedeutung. Sicher ist, daß die Entwicklung in der Richtung geht,„wo der sozialdemokratische Zukunftsstaat liegt“, wie die„Kölner Volks⸗Ztg.“ sich ausdrückt, die das Bourgeoisgewissen dadurch salvirt, daß sie so nebenbei das„große Zuchthaus“ düster vor dem Auge auftauchen läßt.
Staatsdienst und Privatdienst nehmen also die große Mehrzahl der erwachsenen Männer in Anspruch. Beamte, Offiziere usw. stehen im Staatsdienst; im Privatdienst stehen die Angestellten und Arbeiter der industriellen und Verkehrsunternehmungen. Diesem ungeheuren Heer gegenüber kommt— immer in der Groß⸗ stadt, um bei dem Beispiel zu bleiben— das kleine Häuflein der unabhängigen Männer wenig in Betracht, so daß über das Wesen der Unabhängigkeit, worüber sich mancherlei sagen läßt, zuächst keine Erörterung nötig ist. Wir haben es zunächst mit den Abhängigen zu tun, deren Anwachsen ja in den Zukunfts⸗ 11 in das„große Zuchthaus“ hinüberleiten
oll.
f Ob diese Leute nun wirklich so arge Scheu vor dem„großen Zuchthaus“ haben? Der Beamte, an dem eine Heirat aus Neigung mit der Eutlassung geahndet wird, sollte der sich
vor dem Zwang des Zukunftsstaates fürchten? Oder sollte im Zukunftsstaate jener Staatsan⸗ gestellte über die verlorene Freiheit sich grämen, der im Gegenwartsstaat abgesetzt worden, weil er eine seinen Vorgesetzten nichtangenehme Zeitung hielt? Sollten alle die Beamten, die den Druck des Kastengeistes täglich empfinden, die von einem Tag auf den anderen durch ein unbesonnenes Wort Opfer der Gesinnungs⸗ schnüffelei werden können, vor dem Zukunfts⸗ staat zittern? Könnte ihnen, wenn das Schlimmste, was vom„großen Zuchthaus“ prophezeit wird, wahr würde, wohl ein härteres Joch auferlegt werden, als sie jetzt tragen müssen? Nun aber erst die im Privatdienst stehenden Personen. Von den Arbeitern und den ihnen zunächst folgenden Schichten sehen wir ab; unseren Lesern braucht nicht erst gesagt zu werden, was der Gegenwartsstaat ihnen bietet und was er ihnen versagt. Wir wollen nur auf die„besseren“ Privatbeamten in gewerblichen und sonstigen Unternehmungen hinweisen, von denen der zitirte Artikel des Zeutrumsblattes eingesteht:
„Im Staats⸗ und Kommunaldienst ist es ja noch eher erträglich als im Privatdienst, wo meist kurze Kündigungsfristen bestehen und es eine alltägliche Er⸗ scheinung ist, daß ein bejahrter Familienvater aus irgend einem Grunde, oft nur wegen einer Meinungsverschieden⸗ heit, auf die Straße gesetzt wird. Di Leute, welche so stehen, sind schließlich auch Leibeigene, Leibeigene in der modernisierten Form des 20. Jahr⸗ hunderts.“
Ganz richtig! Diesen Leibeigenen kann der Zukunftsstaat kein Grauen einflößen, denn —„schlimmer kann es nicht mehr werden“, dürften auch die Skeptiker unter ihnen sagen.
Weiter heißt es:
„Haben die Sozialdemokraten so Unrecht, wenn sie Angesichts derartiger Zustände sagen:„Wir wachsen von selbst in den sozialdemokratischen Zukunftsstaat hin⸗ ein!?“ Es fehlt nur noch, daß auch in der Lan d— wirtschaft das System des Großbetriebes immer mehr zur Geltung kommt. Wenn der Kleinbauer all⸗ mählich verschwindet und sich nur noch Großgrundbesitzer und Landarbeiter gegenüberstehen, dann wird die Frucht für die Sozialdemokratie reif sein. B bel hat schon vor Jahren bemerkt, einige Hundert Großkapitalisten ließen sich leichter expropriiren als Zehntausende.. Wird es noch möglich sein, den Konsequenzen der rapiden Entwicklung des Großbetriebes zu entgehen?“
Mit dieser bangen Frage schließt der Artikel, der mit der etwas unklaren Forderung von „mehr Freiheit“ begonnen hat. Wie die be⸗ gehrte persönliche Freiheit unter dem Regime des Kapitalismus zu erreichen wäre, wie sie mit ihm zu vereinbaren wäre, da doch das eigentliche Wesen des Kapitalismus grade darin besteht, daß dem Vorteil der einen Persou andere Personen dienstbar gemacht werden, darüber fehlt jede Andeutung. Sie muß ja auch fehlen!
Wenn von dem Bourgeoisschriftsteller der „sozialdemokratische Zukunftsstaat“ gemalt wird, so wird die persönliche Unfreiheit des Indivi— duums als der Schrecken aller Schrecken dar⸗ gestellt. Keine Berufswahl mehr; Du wirst von einer unsichtbaren Zentralbehörde zu einer Arbeit kommandirt, für die Du keine Neigung hast. Keine Möglichkeit, der Tyrannei zu ent⸗ gehen, denn nur ein Arbeitgeber ist vorhanden, und Du kannst nicht wählen, wem Du Deine Dienste leisten willst. Keine Aussicht, Selbst⸗
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