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Nr. 44.
Gießen, den 1. November 1903.
10. Juhrg.
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Mitläufer der Besitzenden.
Von dem„nationalen Arbeiterkon⸗ greß“, der in vergangener Woche in Frankfurt a. M. tagte, haben die bürgerlichen Blätter schon Wochen vorher ein großes Geschrei gemacht. Diese Veranstaltung sollte den Beweis liefern, daß noch in dem größeren Teile der deutschen
Arbeiter vaterländische Gesinnung und Königs⸗
treue wurzelt, sowie auch, daß diese Arbeiter besser wie die sogenannten sozialdemokratischen Gewerkschaftler in der Lage sind, die Arbeiter⸗ interessen wahrzunehmen. Der Sozialdemo⸗ kratie sollte gründlich auf den Leib gerückt, ihr ein empsindlicher Schlag beigebracht werden und zwar von denjenigen, deren Befreiung sie auf ihre Fahne geschrieben hat. Nun ist die Tagung vorüber und ihre Leistungen liegen vor uns. Sie entsprechen nicht dem, was prahlerisch angekündigt wurde und die Sozial demokratie braucht sich nicht beunruhigt zu fühlen. Ent⸗ täuscht legen die kapitalistischen Gönner der gutgesinnten Arbeiter die Berichte beiseite und ihre Preßleute hüllen sich in verlegenes Schweigen.
Es war schon eine starke Anmaßung, diese Zusammenkunft als„Ersten deutschen Arbeiter⸗ kongreß“ zu bezeichnen. Für die biederen Ver⸗ anstalter waren also die zahlreichen früheren Arbeiterkongresse einfach nicht da, obwohl jeder einzelne von ihnen mehr Bedeutung beansprucht als der Frankfurter. Eine solches Beginnen ist lächerlich, alberne Mache.
Und die Leistungen? Man stellte Forde⸗ rungen auf, für welche die freien Gewerkschaften schon seit Jahrzehnten energischen Kampf führen. Mit Recht schreibt ein Mitarbeiter unserm Hamburger Parteiblatt:
Die auf dem Kongresse zu Frankfurt a. M. vertretenen Arbeiter werden auf 620 000 ange⸗ geben, unter denen sich wohl nicht wenige Fal⸗ staffsche„Steifleinene“ befinden dürften. Es sind die christlichen Arbeiterveceine aller Schat⸗ tierungen, die von Pfaffen, reaktionären Poli⸗ tikern und Unternehmern geleitet und vom Klassenkampf abgehalten werden. In diesen Organisationen wird die kapitalistische Produk⸗ tionsweise, die den Proletarier in der modernen Gesellschaft zum Sklaven macht, in allen ihren Ursachen und Wirkungen anerkannt, und diese 620000 Arbeiter lassen sich dazu gebrauchen, an der Verewigung ihrer Knechtschaft mitzuarbeiten. Um die eigentlichen Leiter dieser christlichen„Ar⸗ beiterbewegung“ hinter einer Kulisse zu ver⸗ bergen, hat man den demagogischen Kniff ge⸗ braucht, daß„nar Arbeiter und von Arbeitern Angestellte“ auf dem Kongresse stimmberechtigt sein sollten. Die Fäden werden natürlich trotz⸗ dem von den Leitern in der alten Weise ge⸗ zogen. Wenn ein Delegierter sagte, die christ⸗ lichen Arbeiter sollten auf diese Weise zur Selb⸗ ständigkeit erzogen und daran gewöhnt werden, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen, so klang das gewiß sehr schön. In der Praxis wird die Sache anders erscheinen.
Die Ausfälle der Redner dieses Kongresses gegen die Sozialdemokratie übergehen wir, da diese Plattheiten täglich in der reaktionären Presse zu lesen sind. Der Kongreß hat am ersten Tage eine an sich bedeutungsvolle Frage aufgeworfen; er hat sich mit dem Koalitions⸗ recht der Arbeiter befaßt. Eine Resolution zu dessen Gunsten fand in den Reihen der christ⸗
lichen Arbeiter selbst großen Widerstand. So⸗ gar der Vertreter des Berliner katholischen Ar⸗ beitervereins behauptete, ein uneingeschränktes Koalitionsrecht sei unheilvoll und ein Streik⸗ posten müsse auch„einem unvernünftigen Befehl eines Schutzmannes“ Folge leisten, weil es „scheinen“ könne, als stehe der Streikposten dem Verkehr im Wege. Dieser Berliner Delegterte war offen genug, den hinter den Phrasen der Redner lauernden reaktionären Geist zu ent⸗ hüllen. Er sprach davon, daß der Streik zur Empörung, zum Aufruhr führe— ganz wie der selige Puttkamer die„Hydra der Repolu⸗ tion“ hinter jedem Streik lauern sah. Auch noch andere sprachen sich in diesem Geiste aus; sie verwarfen den freien Arbeitsvertrag und das uneingeschränkte Koalitionsrecht. Man steht, daß man es hier mit„wohlerzogenen“ Untertanen zu tun hat. Diese Arbeiter wollen die Hände selbst gebunden haben, soweit sie noch nicht ge⸗ bunden sind. Indessen wurde die Resolution zu Gunsten des Koalttionsrechts angenommen, nachdem man vielen Rednern das Wort abge⸗ schnitten. Diese hätten ohne Zweifel noch mehr aus der Schule geschwatzt.
Und doch müssen wir bekennen, daß die Redner, welche ganz offen die reaktionären Ziele der Leiter der christlichen Arbeiterorganisationen dargelegt, uns einen gewissen Respekt einflößen; sie machen das alte Kulissenspiel nicht mit, auf welches die Führer der christlichen„Bewe⸗ gung“ so gut eingeübt sind.
Das Köalttionsrecht ist für diese Organi⸗ sationen nur Dekoration. Sie können ja keinen Gebrauch davon machen, denn sowie die christlichen Organisationen Forderungen stellen wollen, so kommen die an der Spitze stehenden Pfaffen und Unternehmer und„vermitteln“. Daß eine solche Vermittlung die Interessen der Unternehmer stets über die der Arbeiter stellen wird, versteht sich von selbst. Mit anderen Worten: diese Organisationen sollen über haupt nicht kämpfen. Das wurde mehrfach ausge⸗ sprochen; das Gespenst eines Streiks der Eisen⸗ bahner stieg anch auf und der ultramontane bayerische Landtagsabgeordnete Schirmer, der dem bayerischen Staatsarbeiterverband angehört, hält sich offenbar für eine so bedeutende Persön⸗ lichkeit, daß er für die sämtlichen deutschen Eisenbahner glaubte die Versicherung abgeben zu können, dieselben würden niemals in einen Streik eintreten. Dieser„christliche Arbeiter“ charakterisierte die„Vermittlung“ sehr gut; er meinte, man müsse die Wünsche der Arbeiter bei der Regierung vorbringen, aber bei Excell. Budde sei das sehr schwierig, weil dort die Arbeiter mit dem Tranchieren der Krebse zu sehr in Anspruch genommen seien. Die Ver⸗ sammlung lachte dazu und das war auch be⸗ zeichnend.
„In der Politik läßt sich nichts so leicht fortsetzen, als was einmal erprobt ist“, sagt ein französischer Schriftsteller, und nach dieser alten Regel wollen auch die Regisseure des „ersten deutschen Arbeiterkongresses“ zu Frank⸗ furt am Main verfahren. Sie reden den Arbeitern von deren Rechten vor; allein die Organisationen, die auf diesem Kongresse ver⸗ treten sind, haben den doppelten Zweck, einen Zwiespalt in die große soziale Bewegung unserer Zeit zu tragen und zugleich die Arbeiter an der Verwirklichung und Ausübung ihrer auf
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dem Papier stehenden Rechte zu verhindern. Unter diesen Arbeitern sind viele, die sich zu freieren Ansichten durchgerungen haben und die begreifen, daß ein Streik noch lange kein Auf⸗ ruhr ist, wie auch der katholische Delegierte für Hagen gesagt hat. Wir wollen deshalb auch mit unserem sonst wohlberechtigten Spokte sparsam sein und wollen die Hoffnung nicht unterdrücken, daß auch in die Finsternis, die diese Organisationen einhüllt, mit der Zeit die Lichtstrahlen eines modernen Geistes eindringen werden. Denn während die Arbeiterorgani⸗ sationen, die im Klassenkampf stehen, das „Vorwärts!“ unserer Zeit proklamieren, bleiben diese christlichen Organisationen einfach stille stehen; es ist für sie auch ganz gleichgültig, ob sie zahlreiche Mitglieder haben oder nicht, da sie ja keine Kraftproben machen dürfen. Das haben die Verhandlungen dieses„ersten deutschen Arbeiterkongresses“ gleich anfangs zur Evidenz gezeigt. Indessen wird die Macht der Tatsachen auch dem Gros dieser Arbeiter die Augen öffnen. Sie lassen sich heute noch vorspiegeln, der große Zwiespalt der Interessen in der Gesellschaft destände nicht oder sei nur von der Sozial⸗ demokratie künstlich hervorgerufen.
Die wirtschaftlichen Kämpfe, die der deutschen Arbeiterschaft bevorstehen, werden den Wahn zerstören, als ob man es mit einer Idylle zu tun habe, innerhalb deren bei Mtnister⸗ und Unternehmerfrühstücken die großen Fragen der Zeit erledigt werden können, und die größte Lehrmeisterin, die Not, wird das übrige tun.
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Politische Rundschau. Gießen, 29. Oktober.
Einen empörenden Gewaltakt gegen Arbeiter
haben sich die städtischen Behörden in Dresden erlaubt. Dort beschlossen die Stadtverordneten, den städtischen Arbeitern die Zugehörigkeit zu Konsumvereinen zu verbieten und der Stadtrat hat diesem, vom rückständigsten Geiste diktierten Beschlusse zugestimmt. Derartiges steht wirklich einzig da und ist wohl mit das Stärkste, was je Gemeindebehörden Arbeitern auferlegten. Die Maßnahme muß überall den allerschärfsten Protest hervorrufen. Ein solcher Gewaltstreich, der die Arbeiter zu Staats⸗ bürgern zweiter Klasse degradiert, in ihre eigensten privaten Angelegenheiten in ganz un⸗ zulässiger Weise eingreift, ist natürlich nur bei einer Stadtvertretung möglich, die wie die Dres⸗ dener zusammengesetzt ist. Diese besteht in ihrer Mehrheit aus antisemitisch verbohrten Spieß⸗ bürgern, die nach antisemitischem Rezepte den „Mittelstand retten“ wollen. Eine Gelegenheit dazu glaubten sie bei der Beratung der Arbeits⸗ ordnung für städtische Arbeiter gefunden zu haben, die ihnen kürzlich vom Rate vorgelegt wurde.
Um aber auch ihre Arbeiterfreundlichkeit zu zeigen, hatten sie bereits vorher beschlossen, den Arbeitern eine kleine Lohnerhöhung zuteil werden zu lassen, dafür aber sollten diese sich dann auch hübsch artig zeigen und das Verbot der Beteiligung an einem Konsumverein ohne Murren entgegennehmen.
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