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Nr. 48.
Gießen, Sonntag, den 30. November 1902.
Redaktion:
Kirchenplatz 11. Schloßgasse.
Mitteldeutsche
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Donnerstag Nachmittag 4 Uhr
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Zum Kampfe bereit!
Für die nächsten Reichstagswahlen machen Kapitalisten und Scharfmacher schon gehörig mobil. Das beweist folgender Aufruf, den eine Anzahl Junker, Kommerzienräte, Fabrik⸗ und Bankdirektoreu erlassen und von dem unsere Parteileitung Kenntnis erlangte. Es heißt darin, nachdem auf das bisherige Wachstum der Sozialdemokratie hingewiesen ist, daß unsere Partei bei der bevorstehenden Wahl 3 Millionen Stimmen aufzubringen und in viel mehr Wahl⸗ kreisen als 1898 in die Stichwahl zu kommen hoffe. Dann heißt es weiter:
„Hiernach muß leider befürchtet werden, daß die Zahl der sozialdemokratischen Reichstagsmandate, die zur Zeit bereits 58 beträgt, sich bei der nächstjährigen Wahl bedeutend erhöhen, und daß damit der Einfluß der sozialdemokratischen Partei, der sich schon jetzt im Reichstage stark fühlbar macht, noch wesentlich vermehrt werden wird. Welche Gefahr aber damit verbunden wäre, wenn etwa die Sozialdemokratie im deut schen Reichstage eine maßgebende Stellung erlangen würde, bedarf nicht der näheren Ausführung.
Einer solchen Gefahr mit allen Kräften vorzubeugen, ist eine Pflicht, deren Erfüllung aus nationalen, sozialen, wirtschaftlichen und sittlichen Gründen geboten ist. Vor allem gilt es, für gründliche, sachliche Aufklärung der gesamten Bevölkerung über die Unwahrheit der land⸗ läufigen sozialdemokratischen Behauptungen Sorge zu tragen, was bisher nur allzu sehr versäumt worden ist. In der Anlage leehren wir uns, Ihnen Abzüge einer in drei Ausgaben erschienenen Schrift zu übergeben, die dazu bestimmt ist, in allen Wahlkreisen, in denen es sich um den Kampf gegen die Sozialdemokratie handelt, sämtlichen Wahlberechtigten zugestellt zu werden; die drei Ausgaben sollen je nach den besonderen Verhältnissen der einzelnen Wahlkreise zur Verwendung kommen.
Die Zahl der in Betracht kommenden Wahlkreise beträgt 263 mit 8½ Millionen Wahlberechtigten. Die Kosten für Druck und Verteilung etwa einer halben Million Exemplare sind bereits gedeckt. Es handelt sich noch um die Aufbringung der Mittel für den Druck und die Verteilung von 3 Millionen Exemplaren der großen, 3 Millionen der mittleren und 2 Millionen der kleinen Ausgabe, wofür nach sachverständiger Berechnung, die auf Wunsch zur Verfügung steht, insgesamt 300000 Mk. erforderlich sind. Demgemäß gelangt vorliegendes Rund⸗ schreiben an die für die betr. Städte, Bezirke, Arbeits⸗ zweige usw. maßgebenden Herren bezw. Firmen, die hierdurch ergebenst gebeten werden, unter Mitwirkung der ihnen nahestehenden Kreise je 500 Mk. aufzu⸗ bringen und an den mitunterzeichneten Architekt König, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Baugewerksmeister, Berlin, einzusenden. Das im Einzelfalle zu leistende Opfer darf als verhältnis⸗ mäßig nicht groß im Hinblick darauf bezeichnet werden, daß die deutschen Anhänger der Sozialdemokratie, die doch meist nur über geringe Mittel verfügen, für ihre Partei nachgewiesenermaßen alljährlich 5 bis 6 Milltonen() Mark an Beiträgen aller Art zahlen.
Se. Majestät der Kaiser hat wiederholt in markigen Worten zum tatkräftigen Kampf gegen die Sozialdemo⸗ kratie aufgerufen. Es ist hohe Zeit, diesen Appell zu ee,
Auf dem kürzlich in München abgehaltenen sozial⸗ demokratischen Parteitage erklärte der Vorsitzende Abg. Singer:„Wir wollen Alles aufbieten, um in die gesetzgebenden Körperschaften eine so stattliche Zahl von Sozialdemokraten hineinzubringen, daß man ohne die Sozialdemokratie in Deutschland nichts mehr machen kann, auch keine Gesetze.“ Und der Führer der deutschen Sozialisten, der Abg. Bebel, sagte:„Es ist unsere dringendste Pflicht, ungesäumt, ohne auch nur einen Tag zu zögern, in die Wahlagttation einzutreten.“ Unter brausendem Jubel seiner Genossen rief Bebel aus:
„In dem beginnenden Wahlkampf müssen wir unsere vollste Schuldigkeit leisten bis zur völligen Er⸗ schöpfung unserer physischen und morali⸗ schen!) Kräfte“.— Wohlan, möge dem seitens der Feinde der bestehenden Ordnung uns angekündigten heftigen Ansturm durch umsassende Belehrung der breitesten Wählermassen über die Wertlosigkeit des soztalistischen Programms begegnet werden!“
Nun folgt das„Hochachtungsvollst und er⸗ gebenst“ und die Unterschrift von 80— 90 Fürsten, Grafen, Börsenleuten, Generaldirektoren von Aktiengesellschaften, Fabrikbesitzern und Junkern. Träger des zuerst unterzeichneten edlen Namens ist jener Graf Arnim, welcher, als Bebel im vorigen Jahre im Reichstage schilderte, daß Kinder hungrig zur Schule kämen, diesem zurief: „Der Vater wird wohl Alles versoffen haben!“ Daun folgt der berühmte Baare; der Scharf⸗ machersekretär Beumer; der biedere Schneider⸗ meister Jakobs kötter in Erfurt; ferner Graf Kanitz, der Mann mit den geflickten Stroh— dächern; Krawinkel, nationalliberaler Kan⸗ didat im dritten nass. Wahlkreise; Landrat Meister in Homburg v. d. H.; Bürger⸗ meister Morneweg⸗Darmstadt, sowie eine Menge anderer, zu den oberen Zehntausend gehöriger Leute mit ellenlangen Titeln.
Unsere Reichstagsfraktion antwortet darauf:
Parteigenossen! Das vorflehend abge⸗ druckte Rundschreiben werdet Ihr mit ebenso viel Interesse wie Vergnügen gelesen haben.
Der Hauptschlag, den unsere Gegner im nächsten Wahlkampf wider uns zu führen hofften, ist entdeckt. Wir sind nicht nur in den Besitz des Rundschreibens, sondern auch in den Besitz der Broschüren gelangt, welche die vereinigten Scharfmacher ihren Klassengenossen als„Sozialistentod“ zur Ver⸗ breitung empfehlen. An der entsprechenden Antwort von unserer Seite wird es nicht fehlen.
„Juden und Judengenossen“ um im Tone eines Konservativen zu sprechen, reichen sich wider uns die Hände. Die Herren der Börse stehen Arm in Arm mit den feudalen Ueber⸗ zöllnern wider uns im Bunde. Soweit die Unterzeichner des Rundschreibens Mitglieder des Reichstags sind, gehören sie den Parteien an, die eben mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln arbeiten, um den berüchtigten Wucher⸗ tarif dem deutschen Volke als Angebinde cuf den Weihnachtstisch zu legen.
Ste können mit Recht singen:„O du selige, o du fröhliche, gnadenbringende Weih⸗ nachtszeit!“
Das Elend der Milltonen, die unter dieser Gnade für unsere Junker und Junkergenossen seufzen und hungern werden, kümmert diese Edelsten der Nation ebensowenig, wie die Herren der Börse, die im Golde schwimmen.
Diese eine That charakterisiert diese Gesell⸗ schaft, vom Reichstags- Abgeordneten Grafen von Arnim⸗Muskau bis zum Herrenhausmitglied Graf von Ziethen-Schwerin besser, als lange Artikel es vermöchten. Daß diese Gesellschaft sich herausnimmt im Namen des Patriotismus, ja sogar im Namen der Sittlichkeit— warum nicht auch im Namen der Religion?— zum Kampfe wider die Sozial demokratie aufzurufen, kann nur ein homerisches Gelächter hervorrufen,
) Hier leisten sich die Herren einen Unsinn. Bebel hat natürlich nur von der Erschöpfung der materiellen Mittel gesprochen.
vereinigten
wo immer deutsche Proletarier das obige Rund⸗ schreiben lesen.
Parteigenossen! Auf diese Herausforde⸗ rung unserer grimmigsten Feinde giebt es nur eine Antwort. Wir müssen ohne Rast und ohne Ruh den Wahlkampf aufs vorzüglichste organisteren in allen Wahlkreisen, in welchen wir Anhänger habeg. Wir müssen unausgesetzt Mittel sammeln, wo immer die Gelegenheit sich bietet.
Thun wir alle unsere Schuldig keit,
so stellen wir den 300000 Mark, die unsere Feinde zur Verwendung gegen uns zu sammeln sich bemühen, Millionen gegenüber. Die klassenbewußten Arbeiter Deutschlands haben alle Zeit verstanden, in bewundernswerter Weise für ihre Ideale zu opfern, das erkennen selbst unsere Feinde in dem oben ver⸗ öffentlichten Rundschreiben au. Zeigen wir, daß sie auch diesmal sich nicht in uns getäuscht haben. Wie immer die Not der Zeit auf Hunderttausende von Euch drückt und schwer auf Euch lastet, andere Hundert⸗ tausende werden noch die Mittel finden, deren wir bedürfen, um einen Wahlkampf zu führen wie bisher keiner geführt worden ist Giebt der Einzelne auch wenig, die Masse der Opfernden bringt viel.
Zum Kriegführen gehört vor allem Geld und der nächste Wahlkampf ist ein Krieg, in dem sehr vieles auf dem Spiele steht, wenn er nicht mit einem glänzenden Siege der Sozial⸗ demokratie endet.
Parteigenossen! Geht ohne Zögern ans Werk! Organisiert und agittert für die große Schlacht, die der nächste Juni uns bringt! Arbeitet für unsere gemeinsame Sache mit all der Begeisterung, die ein großes die Menschheit befreiendes Ziel uns giebt!
Unser Schlachtruf sei: Nieder mit unseren Feinden! Hoch die Sozialdemokratie!
Berlin, den 21. November 1902.
Die sozialdemokratische Fraktion des Deutschen Reichstags.
Der Zollkampf im Reichstage. Der Kuhhan el ist fertig!
Nach den bisher vorliegenden Nachrichten soll eine Mehrheit für ein Kompromiß vorhanden sein, welches das Zentrum mit den Regierungen abgeschlossen hat. Bei so und soviel Diners, an reichbesetzten Tafeln, bei Wein und Austern „verständigten“ sich„Volksvertreter“ mit der Regierung über die Höhe des Satzes, der den Armen durch Verteuerung ihrer notwendigsten Lebensmittel auferlegt werden soll!
Die Regierung ist einverstanden mit der Erhöhung des Mindestzolls für Gerste von 3 auf 4 Mark, sofern es sich um Braugerste handelt, wogegen der Mindestzoll für Futter⸗ gerste überhaupt in Fortfall kommt. Für Futter⸗ gerste soll der Tarifzoll gleich dem Maiszoll auf 4 Mark festgesetzt werden. Durch dieses Zugeständnis bei der Braugerste ist die Zent⸗ rumspartei für die Regierungsvorlage gewonnen. Für diese Abmachungen sollen 220 Stimmen vorhanden sein. Kommt dieses Komprom ß zu Stande, so wird natürlich das Bier, das sich
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