Ausgabe 
29.6.1902
 
Einzelbild herunterladen

Seite 6.

Mitteldeutsche Ssuntags⸗Zeitung.

Nr. 26.

G e* b Unterhaltungs-Ceil.

5 2

Das Goldmacherdorf.

Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.

4(Fortsetzung).

5. Wie Oswald von seinen Feinden verfolgt wird, und was er dagegen thut.

Oswald hatte seit dem Tage, da er an die Gemeinde geredet, eitel Verdruß und Not. Böse Buben warfen ihm Nachts die Fenster mit Steinen ein.In einer andern Nacht hatten sie ihm sechs junge Obstbäume abgebrochen, die er im Garten gepflanzt hatte. In einer andern Nacht hatten sie ihm den Salat von den Beeten e Als er zu den Vorgesetzten ging und Klage führte, lachten sie höhnisch und sprachen:Du hättest wohl mehr Strafe verdient, wenn wir mit dir nach aller Strenge verfahren wollten. Packe dich von hinnen, du Lästermaul!

Oswald sagte:Wenn ihr mir gegen Böse⸗ wichter weder Recht noch Schutz verleihen wollet, so machet in der Gemeinde bekannt, daß ich mich selber zu beschirmen wissen werde, und sich jeder vor Schaden hüten solle.

Die Feinde aber fuhren fort, ihn zu plagen, doch nie ohne ihren Schaden und Schrecken. Denn als er eines Abend in der Mühle war, und sie es wußten, und sich in seinen Garten schlichen, um ihm alles zu zerstören, geschahen plötzlich aus den Fenstern seines Hauses zwei Schüsse. Da liefen sie mit Entsetzen davon und meinten, er müsse den bösen Geist im Hause zum Wächter haben. Denn während sie noch ltefen, begegnete ihnen Oswald, der von der Mühle kam; er packte einen von ihnen und sprach mit fürchterlicher Stimme:Warum habt ihr, wie Diebe, in meinen Garten ein brechen wollen? Doch that er ihnen nichts zu leide. Ein andermal, da schlechte Kerls ihm einen Possen spielen wollten, und nach Mitternacht, vom Branntwein erhitzt, über den Haag stiegen, der sein kleines Gut umfing, wurden sie an den Füßen blutig verwundet, daß sie vor Schmerzen laut aufschrieen, und kaum über den Haag zurück konnten.

Diese und andere Geschichten verbreiteten im Dorfe große Furcht und es wagte sich keiner

mehr des Nachts in die Gegend von Oswalds Haus.

Er aber blieb freundlich gegen jedermann, wie zuvor; gab dem einen guten Rat, dem andern in der Not ein Stück Geld. Doch that ihm der elende Zustand der Gemeinde leid, und er begab sich eines Tages zum Pfarrer und klagte es.

Der Pfarrer sprach:Ich bin Pfarrer, und habe hier nicht zu befehlen, und kann mich in Eure Händel nicht mischen. Alles Unglück dieses Dorfes kommt daher, daß die Leute im Schlamm und Unflat der Sünden untergehen. Sie fragen dem Worte Gottes nichts nach, und verkürzen aller Orten das Einkommen meiner Pfründe. Es wird aber ein schweres Zorngericht des Herrn über sie kommen, und die Langmut des Himmels nicht länger ihren Sünden nachschauen.

Oswald sagte:Herr Pfarrer, mit Er⸗ laubnis, Ihr könnet doch, wenn Ihr wollet, vieles zur Rettung der Gemeinde thun. Denn das Herz dieser Menschen ist verwildert, weil ihr Verstand verwildert ist. Wenn Ihr Euch der Schule annehmen und die Jugend in guten Sitten und im christlichen Lebenswandel unter⸗ richten wollet, daß sie die Tugend lieben und das Laster scheuen lernte: es würden die guten Früchte der Besserung nicht ausbleiben.

Der Pfarrer antwortet:Dafür ist der Schulmeister und nicht der Pfarrer. Ich habe bei der Menge meiner wichtigen Amtsgeschäfte

keine Zeit dazu übrig. ist Schuld, daß sie keinen rechten Schulmeister haben kann, weil sie ihn schlecht besoldet.

Oswald sagte:Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, ein guter Hirt, der seine Heerde wohl weidet, bekümmert sich auch um jedes einzelne in derselben. Die Leute sind unwissend, und verderben oft blos aus Unverstand, weil sie nicht wissen, wie sich helfen und ihre Sachen einrichten? Wenn Ihr nun bald zu dieser, bald zu jener Haushaltung in müßigen Stunden ginget, und sehet die Unvernunft der armen Leute, die oft nur zu Grunde gehen, weil ste sich nicht recht zu raten wissen; sehet, wie sich die armen Menschen nach und nach an ihr Verderben gewöhnen, bis sie von Haus und Hof getrieben werden; sehet, wie die Kinder, erbärmlich verwahrloset, unmöglich besser werden können, weil sie nur das schlechteste auf der Erde hören und sehen; o, Herr Pfarrer, wenn Ihr nun einmal...

Der Pfarrer unterbrach den Oswald in seiner Rede und schrie:Was ficht Euch an? Wollet Ihr dem Pfarrer gute Lehren geben und Unterricht, was er als Pfarrer zu thun habe. Hebet Euch weg von mir mit Euren Versuchungen. Ich bin ein geistlicher Hirt, der für die armen Seelen sorgt, und bete täg⸗ lich für sie. Aber Ihr wollet mich, glaub ich, zum Säutreiber machen:

Als der Herr Pfarrer so zornig sprach, ging Oswald von dannen und sein Herz war sehr betrübt. Aber er konnte doch nicht ruhen und dachte: es muß und soll geholfen werden, und Gott wird mir beistehen.

Und er legte Feierkleider an, nahm den Stab, und wanderte in die Hauptstadt des Landes. Da ging er umher zu den obersten Staatsbeamten, von Haus zu Haus, sein schweres Anliegen vorzubringen. Aber der eine von den Herren hatte ein großes Gastmahl und konnte ihn nicht hören; der andere war spa⸗ zieren gefahren und konnte ihn nicht hören; der dritte saß eben beim Spieltisch mit den Karten in der Hand und konnte ihn nicht hören; der vierte zählte die eingegangenen Zinsen und konnte ihn nicht hören; der fünfte führte ein junges Frauenzimmer zum Tanzhaus und konnte ihn nicht hören. Endlich kam er zum letzten, der hörte ihn an. Es war ein steinalter Mann mit einer weißen Haarbeutel⸗ perücke. Vor diesem schüttelte Oswald sein Herz aus, sprach vom Elend seines Dorfes, von der Schlechtigkeit der Vorgesetzten, von der Gleichgültigkeit des Pfarrers, von der Unwissenheit des Schulmeisters.

Darauf antwortete der alte Herr in der Haarbeutelperücke ganz freundlich und sprach zu ihm:Du Flegel, der du geistliche und weltliche Obrigkeiten verlästerst, packe dich und räsonniere nicht weiter, oder ich lasse dich ins Zuchthaus bringen. Euer Herr Pfarrer ist ein vortrefflicher Mann, denn er ist mein eigener Vetter.

Mit diesem Bescheid verließ Oswald die Hauptstadt. Als er wieder außer dem Stadt⸗ thor in die freie Luft kam, brach ihm das Herz, und er weinte laut.

6. Der neuerwählte Schulmeister.

Als er am Nachmittag in das Dorf zurück⸗ kam, ließ er keinen Menschen wissen, warum er in die Hauptstadt des Landes gereiset, und wie es ihm da ergangen sei. Vielmehr stellte er sich wohlvergnügt und redete jedermann freundlich an, selbst seinen ärgsten Feind, den Löwenwirt Brenzel, welcher im Dorfe der reichste Mann, und im Gemeinderat der Vor⸗ nehmste war. Der stand breitbeinig vor der Hausthür, die Kappe schief auf dem Ohr, die Hände über den Bauch gefaltet, und schaute gar gebieterisch rechts und links.

Guten Abend, Herr Brenzel! rief ihm Oswald zu:Habt Ihr schon Feierabend?

Brenzel nickte vornehm mit dem Kopfe und sprach, ohne den Oswald anzusehen:Ich verdiene meinen Taglohn, wenn ich mit der Hundspeitsche daheim bleibe und die Bettler von meinem Hause treibe.

Wie Oswald diese unchrtistliche Rede von einem Vorsteher der Gemeinde hörte, welcher

Die Gemeinde selbst;

ein Vater der Armen, der Witwen und Waisen

sein sollte, lief es ihm heiß und kalt über die

Haut, und er verdoppelte seine Schritte, um

davon zu kommen. Desto mehr erquickte ihn, da er an der Mühle vorüberging und er Elsbeth sah, die schöne Tochter des Müllers Siegfried. Sie saß auf der Bank vor dem Hause im spielenden Schatten eines jungen Kirschbaumes und nähte neue Hemden. Und sie ward feuer⸗ rot, wie sie den Oswald erblickte, reichte ihm

die Hand zitternd, lächelte ihn holdselig an,

und ihre Augen glänzten von Thränen.

Warum weinest du, Elsbeth? fragte Os⸗

wald erschrocken.

Elsbeth wischte sich schnell die Augen, lächelte noch freundlicher und sagte, indem ste den Kopf schüttelte:Heute sag ich dir's nicht, lieber Oswald, du sollst es schon einmal erfahren. Sie schien ihm schöner und zärtlicher, als er sie je gesehen. Aber wie viel er auch fragen 555 er erfuhr nicht, warum sie geweint abe.

Darauf fragte ihn Elsbeth: bist in der Hauptstadt gewesen. Gelt, da hast du dir ein paar lustige Tage gemacht, wohl gar mit den schönen Stadtjungfern getanzt? Wie? Oswald, du seufzest? E, ei, Oswald, das will mir nicht gefallen. Nun hast du Heimweh zur Stadt, und in unserm armen Dörflein ist es dir nicht schön ge ug.

(Fortsetzung folgt.)

Gemeinnütziges.

Bei verhagelten Kartoffeln treibt das Kraut frisch nach und zwar auf Kosten der Wurzeln und Knollen, welche in dieser Zeit an Größe nicht zulegen; deshalb ist eine Düngung mit Chilisalpeter nötig, damit möglichst rasch frisches Kraut nachwächst.

Die Vertilgung der Ackerschnecke gelingt durch öfteres Ausstreuen von staub⸗ förmigem, gelöschtem, gebranntem Kalk. Der⸗ selbe wirkt so scharf ätzend, daß die davon ge⸗ troffene Schnecke zu Grunde geht. Um möglichst alle Schnecken zu treffen, bedarf es aber des mehrmaligen Ueberstreuens, und zwar nimmt man diese Arbeit bei trockenem Wetter früh Morgens vor.

Splitter.

Der Glaube ist zum Ruhen gut, Doch bringt er nicht von der Stelle; Der Zweifel in ehrlicher Männerfaust, Der sprengt die Pforten der Hölle. Theodor Storm.

* E Die Kunst, Staaten zu erschüttern, besteht darin, geltende Gewohnheiten zu erschüttern, indem man ihre Quelle untersucht und darin aal Mangel an Autorität und Gerechtigkeit zeigt. Pascal.

r

Humoristisches.

Auch ein Vergleich. Gattin(zum Gatten, der nach einer häuslichen Scene zärtlich wird):Mann, Du bist wie ein Ofen, erst wenn man Dir einmal ordent⸗ lich einheizt, wirst Du wieder wärmer!

Stilblüte. Aus einem Rom an:Der Gatte sizt mit seiner Gattin beim Mittagessen. Sie schweigen. Augenscheinlich herrscht eine Mißstimmung zwischen ihnen. Sie verzehren ihr opulentes Mahl, ohne auch nur ein einziges Mal ihren Mund zu öffnen!

Geschichtskalender.

29. Juni. 1896: Dr. Sax, National⸗Oekonom, gestorben.

30. 1896: Soz. Wahlsieg in Halle. Joseph II. von Oesterreich erläßt Toleranz⸗Edikt.

1. Juli. 1876: Michel Bakunin, russischer Revo⸗ lutionär, gestorben. 1885: Lieske in Frankfurt wegen Ermordung des Poltizeirats Rumpf zum Tode verurteilt.

2. 1901: Wilhelm II. Racherede gegen China in Wilhelmshaven.

3. 1889: Wilh. Hasencle ver, soz. Reichstags⸗ abgeordneter, gestorben. 1878: J. J. Rousseau gestorben.

4. Jesuitenausweisung ans Deutschland.

5. 1792: Letzte deutsche Kaiserwahl durch die Kur⸗ fürsten. ö

1781:

Du aber

4