N 32
Gießen, Weihnachten 1902.
9 Jahro.
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Lieber Freund und Genosse!
Sie wollen einen Weihnachtsartikel von mir geschrieben haben? Ich danke Ihnen für das in mich gesetzte Vertrauen, aber ich glaube, ich bin der Aufgabe nicht gewachsen. Es muß ja schön sein als frommer gläu⸗ biger Christ einen solchen Artikel für eine ebenso fromme Zeitung zu schreiben. Denken Sie sich einen bequemen Schreibpult in einer wohldurchwärmten Stube, einen satten Magen also wenig Sorgen um das, wovon wir uns nähren, womit wir uns kleiden, und die schwungvollsten Worte können so von selbst aus der Feder fließen. Neuer Gedanken be⸗ darfs auch nicht. Die Segnungen des Christen⸗ tums sind schon so oft geschildert worden, der Klang der Weihnachtsglocken so oft gefeiert und das„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ schon so oft und in allen Tonarten zitiert worden, daß man jedenfalls nur eine einzige einzuschlagen braucht, um so⸗ fort die ganze Mustk zu hören. Wie leicht muß es da sein, sich im Halbtraum aus der Wirklichkeit hinaus zu begeben und so gleich⸗ sam von den Wolken herunter auf die Stätte der Menschen zu schauen!
Dem frommen Ohre ertönen nur noch die Glocken der Kirchen; das Geräusch der Ma⸗ schinen, der Lärm der Straßen, das Aechzen und Stöhnen der Ueberhetzten, Ueberlaufenen, Ueberfahrenen, Zerquetschten, Gestoßenen, Ge⸗ tretenen u. s. w.— das alles ist verstummt in diesen Höhen. Das fromme Auge sieht nur noch die Paläste und Villen der Reichen; die Hütten der Armut mit ihrem Elend, ihrem unsäglichen Elend, sie liegen im Nebel, ver⸗ hüllt und eingeschlossen. Sehen Sie, so hat die fromme Phantasie einen weiten glücklichen Spielraum, nichts stört ihr die künstlich ge⸗ schaffene Harmonie. Kein Schrei nach Arbeit, kein Ruf nach Brod stört ihre Zirkel. Für diese Phantaste giebt es keine Kinder, die ge⸗ zwungen sind frierend und hungernd den Lehren der christlichen Religion zu lauschen. In lauter Wonne schwimmt sie und mit Wonne schreibt sie: Oh, du glückliche, oh du selige Weihnachtszeit! Und über dem Allen schwebt dann noch dieser frommlächelnden Phantasie der allgütige, allwissende, allliebende und all⸗ gerechte Christengott. 5
Stellen Sie sich z. B. nur einmal so einen frommen, christlichen Engländer vor— und es giebt deren ja noch so viele,— der für ein from⸗ mes, gut kirchliches Blatt einen Weihnachts⸗ artikel schreiben soll. Wie leicht muß das dem fallen. Jahrelang hat er zu seinem allgütigen Christengott gebetet, daß er seine allmächtige Hilfe zur Niederwerfung und Vernichtung der christlichen, frommen Buren leihen und den Sieg in diesem mörderischen Krieg an die Fah⸗ nen Englands heften möge. Endlich, endlich glaubt er Erhörung gefunden zu haben, der Krieg ist beendet, die Engländer haben gestegt, der Frieden ist geschlossen, die Selbständigkeit eines braven, tapferen Volkes ist vernichtet, England ist wieder gewachsen und der offtzielle Erfolg ist auf seiner Seite. Welch reicher und dankbarer Stoff! Ist das nicht die sichthare Gnade Gottes, wie ste in überreichem Maße sich herniedergesenktt auf das fromme englische Volk und auf das Haupt seines geliebten
Königs? Tröstet euch, ihr Witwen und Mütter, eure Männer und Söhne sind auf dem Felde der Ehre geblieben, tröstet euch, ihr Krüppel und Siechen, der Himmel wirds wohl machen. Vor allem aber, du stolzes, unternehmendes England, freue dich und danke deinem Gott. Welch neue, groze Aufgabe hat er dir gestellt! Unbestritten bist du jetzt Herr über die mäch⸗ tigen Goldfelder, über die reichen Diamant— lager. Stolzes England, Beherrscherin der Meere, weite und verbreite das Christentum, sein Gott ist mit dir! Freue dich unter dem Mistelzweig und rufe Hosianna!
Oder denken Sie sich so einen recht frommen Centrumsmann, der sich jetzt gerade von den Strapazen der letzten Reichstagsverhandlungen wieder einigermaßen erholt hat. Er soll einen Weihnachtsartikel schreiben. Sagen Sie, braucht der nur einen einzigen neuen Gedanken zu pro⸗ duzieren? Haufenweise liegt das Material zu seiner Verfügung, höchstens kann es ihm Qual bereiten, ob er mehr von dem Haufen der Lüge oder mehr von dem Haufen der Heuchelei zur salbungsvollen Verwendung bringen soll.
Mit Gottes Hilfe und im Bunde mit der unersättlichen Habgier kulturfeindlicher preußi⸗ scher Junker, hat er dem deutschen Volke in Form von Zöllen auf lange Jahre hinaus eine Last auferlegt, unter der er physisch und geistig zusammenbrechen soll. Wie inbrünstig hat er darum gebetet, daß ihm und seinen Freunden die Kraft verliehen werden möge, auszuharren und um jeden Preis mit dieser ruhlosen, hartnäckigen Opposition fertig zu werden. Noch ist die Brust geschwellt von dem errungenen Sieg, er ist mit dabei gewesen, wie Recht, Geschäftsordnung und Verfassung nieder⸗ getreten wurden, um den Reichen die Millionen zu geben und den Armen zu nehmen. Reiche und Arme müssen ja untereinander sein, der Herr hat sie beide gemacht. Wohlan, deutsches Volk, blicke dankerfüllt zu deinen frommen Ver⸗ tretern! Zu lange schon hat dich der Satan umgarnt und dir große Summen unter dem Vorwand der Aufklärung und Kultur abge⸗ nommen, den Schweiß deines Angesichtes in Sündenwerk verkehrt. Alle Warnungen gott⸗ begnadeter Fürsten, die Lockungen der dazu berufenen Priester, die offenen Arme der christlichen Kirche, alles hast du zurückgewiesen. Immer gewaltiger schwillt sie an, die Flut des Umsturzes, und es sind deine Kinder, die sie nähren, nähren mit dem Fleiß und ihrem ver⸗ gifteten Herzblut. Nur die Armut, die wirk⸗ lich bittere Armut in deinen Massen kann dich wieder auf den rechten Weg zurückführen. Dann werden deinen Verführern keine Mittel mehr zufließen um ihr satanisches Werk der sogen. Aufklärung und Befreiung zu betreiben, du wirst sie vergessen lernen, die wissenschaftlichen Schriften und falschen Bildungsmittel, du wirst zurückkehren in den Schoß der christlichen Kirche und dich erbauen an ihren erhabenen Lehren. Um dich reich in Gott zu machen mußt du arm am Leib werden. Und deshalb, deutsches Volk, werden die so gefürchteten und gelästerten Wucherzölle zu einem Segen des Himmels für dich werden. Deine große Seele wird da⸗ mit wuchern im Himmel, und auf deutscher Erde wird sein eine einzige christliche Religion, kein Ketzer, kein Jude wird mehr die erhabene christliche Kultur stören. Dann erst können
wir wieder froh hinaussingen das Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Oder stellen Sie sich endlich gar einen Sold⸗ schreiber des Kapitalismus vor, so wie ste jetzt wieder so recht an der Arbeit sind. Von Sittlichkeit triefend und mit Entrüstung weist er zurück die Begehrlichkeit der bethörten Massen, die Verleumdungssucht ihrer Führer. Himmelhoch preist er die edle und weitschauende Fürsorge der braven, menschenfreundlichen Unternehmer. Entzückt ist er von dem Ge⸗ danken, daß es endlich gelungen ist im Bunde mit den Verhältnissen— das ist der Hunger— ein Mittel zu entdecken, die Arbeiter in Massen von der Sozialdemokratie abwendig zu machen. Gesegnet sei der Tag, der uns die patriotischen Adressen mit den erzwungenen Unterschriften gebracht hat. Heil, Heil der Zukunft in welcher die Sozialdemokratie sich von selbst losgeschrieben hat! Welcher Frieden und welches Wohlgefallen wird dann auf Erden seinl
Sehen Sie, so haben sie es leicht alle die anderen glücklichen Artikelschreiber, aber wir armen Sozialisten, was sollen wir loben, was sollen wir preisen und bewundern. E wa den Mut, die Ausdauer, die Unerschrockenhteit und Kampfesfreudigkeit, mit welcher unsere Reichs⸗ tagsfraktion alles daran gesetzt hat, um Recht und Gerechtigkeit zu schützen, um die armen und Elenden vor dem völligen Aushungern durch eine beutegierige Mehrheit zu verteldigen 2 Die Anerkennnug und die Bewunderung hier⸗ für hat unsere Reichstagsfraktion vor Mit⸗ und Nachwelt. Keine Lüge, keine Heuchelei, und wenn sie noch so frömmelnd vorgetragen, kann ihr dieselbe rauben. Oder sollen wir davon reden, wie in Millionen und abermals Mil⸗ lionen Proletarierköpfen die feste Ueberzeugung leblt, daß es trotz alledem dem Pro⸗ letariat gelingen wird, Herr seiner eigenen Geschicke zu werden? Oder sollen wir reden von der Begeisterung und Opferfreudigkeit, mit welcher das Proletariat seine Ueberzeugung verwirklichen will? Die Ueberzeugung von seinem Recht, der Begeisterung und Opferfreu⸗ digkeit für die Erreichung eines hohen Zieles, sie wurzeln so fest in Kopf und Herz des Proletariats, daß sie durch kein Schmeichelwort, keine Entrüstung, keine erzwungene Unterschrift je wieder herausgerissen werden können. Ueber zeugung, Begeisterung und Kampfesmut, sie haben durch die harten Thatsachen dieser Staaisstreich-Dezemberwochen sovtel Nahrung erhalten, daß es keines be⸗ sonderen Weihnachtsartikels bedarf um si zu schüren und sie zu entflammen.
So, nun kennen Sie die Gründe, warum ich Ihnen diesmal keinen Weihnachtsartikel schreiben kann. Aber allen Ihren Lesern wünsche ich fröhliche Weine 10
An das arbeitende Volk Deutschlands
Aufruf der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion.
Der Reichstag hat in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember nach einer ununterbroche⸗ nen fast 19stündigen Sitzung das Zolltarifgesetz
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