Ausgabe 
28.9.1902
 
Einzelbild herunterladen

It so viel Holz gerug Aber wi 5 Häuser ad- und et Woche wenn die Ofen lle Hol t

Nr. 39.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Teite 7.

ste war auch vergnügt,

Doch der erste Vorsteher ließ sich nicht stören, und sprach weiter:Schauet rechts und links. Andere Gemeinden haben längst schon Ge⸗ meindswaschhäuser, deren sich alle Haus⸗ haltungen nach der Reihe bedienen, und wozu sie sich einschreiben lassen. Da ist mit dem Holz das gleiche Ersparnis, wegen Feuersge⸗ fahr die gleiche Sicherheit für das Dorf. Wir wissen das und wir finden das löblich. Warum muß denn bei uns jede Haushaltung noch ihre Wäsche bei sich im Hause halten? Durch das Feuer beim Backen werden unsere Oefen, durch das Feuer beim Waschen werden unsere Herde weit schneller ausgebrannt und schadhaft. Wir müssen daher beide öfters ausbessern lassen. Das kostet Geld. Hätte die Gemeinde ein gemeinsames Waschhaus, hätte eine ganze Reihe Häuser ihren gemeinsamen Backofen zu unter halten, das würde ungleich weniger kosten.

(Fortsetzung folgt.)

Im Zeichen des Telephons.

Wenn man per Zufall das Glück hat bei einem gemütlichen Schoppen mit einigen älteren, gutgelaunten Herren zusammenzutreffen und sie ergehen sich in der Erzählung von ausgelassenen Streichen, die sie in der Jugend verübt, dann erhält man mitunter reichlich Gelegenheit zum herzlichen Lachen und zur Freude über urwüch⸗ sigen Humor. Freilich, daß dieser Humor manchmal auch recht derber Natur war, das muß man dabei in Kauf nehmen und sich da mit trösten, daß der Paragraph, der den groben Unfug bestraft, damals noch nicht in Kraft war. Sind dann solche Erzählungen so richtig im Gange und auf den Höhepunkt gebracht, dann fällt es plötzlich einem der alten Grau⸗ oder Weißköpfe ein, daß man inzwischen alt geworden und seufzend macht er die Bemerkung: Ach solche Sachen werden heute gar nicht mehr gemacht, die heutige Jugend ist ganz anders und hat die Köpfe mit allen möglichen Dingen gefüllt, aber Sinn für einen guten und lustigen Streich hat ste nicht mehr. Die allseitige Zu⸗ stimmung an der Tafelrunde entspricht dem bekannten Gefühl, das man fast stündlich sich äußern hören kann: Zu meiner Zeit war das

anz anders, da war die Jugend nicht so roh,

ste war folgsamer, fleißiger, ordentlicher, gottesfürchtiger, kurzum, ein jeder ältere Mensch hat auf irgend einem Gebiet so ein Stück goldenes Zeitalter erlebt, von dem er in der Gegenwart nichts mehr sieht und deshalb klagt. Es ist ein eigen Ding um den Schalk, er fährt mit keinem zur Grube und noch hat er sich nicht völlig von dem einen verabschiedet, so sitzt er schon dem andern im Nacken. Also gemach, ehrenwerte alte Herren. Auch die Gegenwart hat ihren Humor und Ihr sollt sehen, daß die gehetzten und überlasteten Gegenwartskinder es sogar verstehen, eines der modernsten und wunderbarsten Verkehrsmittel in den Dienst ihres Humors zu stellen und Ihr werdet zugeben, um einen lustigen Streich auszuführen, ist den Beteiligten selbst das Telephon nicht heilig genug. Aber Ehre wem Ehre gebührt, das Alte hat den Vortritt und dann folgt das Neue. 4

Zwischen Rhein und Lahn liegt das schöne und obstreiche Städtchen Niederlahnstein; einige alte Thürme zeugen davon, daß auch dieser Ort einmal gezwungen war, sich gegen allzu eindringliche Nachbarn, die auf hohen Burgen in der Umgegend wohnten, zu schützen. Etner dieser Thürme mit seiner viereckigen Plattform und mächtigen Schießscharten war vor langer Zeit einmal der Schauplatz eines derben Streiches, der für den davon Betroffenen ein kräftiger Denkzettel war. Zur Jugendzeit meines Vaters, so erzählte uns eines Tages ein jovialer Hotelier in dem freundlichen Braubach, lebte in Nieder⸗ lahnstein ein Bauer, der sich nie genug thun konnte und dem der Tag nie lang genug war. Er war des Morgens der erste und des Abends der letzte im Feld, und wenn die anderen Bauern längst das Tagewerk beschlossen, dann kramte und hantierte er immer noch in seiner Hofraite herum. Glaubte ein Anderer einmal mit seiner Fuhre recht früh dran zu sein, so begegnete ihm

sicher der Schaffer schon mit seinem Geschirr und war auf dem Heimweg. Solches Treiben erregte den Aerger der Bauern und einige be⸗ schlossen ihrem Kollegen einmal tüchtige Arbeit zu schaffen, damit er genug kriege und ste eine lasen. hätten; den Aerger wollten sie ihm auch assen.

Wieder einmal spät Abends noch hatte unser Bauer seinen Wagen mit Mist geladen, um ihn am anderen Morgen, bis die Anderen richtig wach waren, längst im Feld zu haben. Darauf hatte man gewartet und kaum war man sicher, daß der Schlaf auch den Schaffer niederge⸗ zwungen, so gings ans Werk. Kräftige Gestalten zogen und schoben den Wagen bis hin zu dem erwähnten Thurm, dort wurde er abgeladen, auseinander genommen und in seinen einzelnen Teilen auf den mehrere Stockwerk hohen Thurm getragen. Oben wurde der Wagen wieder zu⸗ sammengestellt, die Deichsel zu einer Schieß⸗ scharte hinaus gesteckt und dann der Mist her⸗ aufgeholt und wieder aufgeladen. Damit war das Werk gethan und der Schalk ging zu Bett. Lange konnte er nicht schlafen, denn kaum graute der Morgen, da ging der Spektakel los. Wie gewohnt, war unser Schaffer früh bei der Hand, um seinen Mist hinauszufahren, aber o weh! Wagen mit samt dem Mist war fort gestohlen, der erste Gedanke eines habgierigen Bauern. Das Schimpfen und Fluchen weckte die Nach barn und bald war der ganze Ort auf Beinen, gar manches Gesicht mit schlecht verhaltener Schadenfreude, und Stichelreden fielen wie Spießruten.

Vom Wagen war nichts zu sehen und Nie mand hatte etwas gehört, wo war er hin⸗ gekommen und wer war der Dieb? Eine be⸗ stimmte Spur führte nach der Richtung des Thurmes. Richtig, da oben guckt ja eine Deichsel durch die Schießscharte, ist das vielleicht Dein Wagen, fragt einer spöttisch den Geplagten. Allgemeines Halloh und wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Die Arbeit des Hinaufschaffens war von Vielen gethan, aber das Herunterholen mußte der Schaffer allein besorgen, keiner half ihm mit den Händen, aber destomehr mit aufmunternd neckenden Worten. Geholfen aber hatte der Streich dem Schaffer sehr. Von da ab wollte er es nicht mehr allen Anderen zuvor thun und wurde doch mit seiner Arbeit fertig. Das war ein lustiger Streich der jungen Alten, lassen wir jetzt einen der alten Jungen folgen.

Ju dem schönen Frankfurt haben wir in der Altstadt eine alte renommierte Wirtschaft, mancher Schoppen ist dort schon gepetzt und viele Witze sind dort schon gerissen worden, gute und schlechte. Eine Anzahl behäbiger Bürger hat da ihre Stammkneipe aufgeschlagen und zur Tafelrunde gehört auch der Metzger meister H. Zur Kräftigung der Glieder unter nimmt die feuchtfröhliche Gesellschaft jeden Donnerstag einen Ausflug nach dem Taunus. Daß sie sich dabei auch auf dem Laufenden unterhält und feststellt, wo es jeweilig den besten Schoppen Hohenastheimer giebt, das liegt in der Natur der Sache. Lange schon möchte sich unser Metzgermeister auch einmal an einem solchen Ausflug beteiligen, aber immer wieder hindern ihn dringende Geschäfte. Wieder ist es Donnerstag und wieder muß er zu seinem Leidwesen zu Hause bleiben. Fröhlich erreichen die Anderen den Feldberg und lassen sichs da oben gut gehen.Wißt Ihr was, unser Freund H. liegt jetzt in seinem besten Mittagsschlaf, wie wär's, wenn wir ihm telephonierten? Zweimal brauchte der Schalk nicht zu fragen, denn schon hat einer den Druckknopf in Be⸗ wegung gesetzt und das Amt Königsteis ant⸗ wortet prompt. Bitte, mit Frankfurt, Nr. X. Lange dauert es nicht und das Rufglöckchen ertönt. Wer dort? Hier Metzgerweister H., Frankfurt. Sind Sie Herr H. selber? Nein, ich werde ihn aber rufen. Ja, bitte, wir möchten ihn selber sprechen. Eilig stürzt der Sohn des H. hinauf in die Wohnung und weckt seinen schnarchenden Vater mit den Worten: Vater, Du sollst gleich mal an's Telephon kommen, das Amt Königstein hat angerufen. Schleunigst eilt der so Gestörte zum Apparat und nimmt die vorher von seinem Sohn geführte Unter⸗

haltung wieder auf. Frankfurt, womit kann ich dienen? Sind Sie Herr H. selber? Jawohl. Sehr schön, wir haben gehört, Sie machten sehr gute Leberwurst. Ah, sehr schmeichelhaft. Haben Sie noch welche? Gewiß. Können Sie uns noch etwas davon schicken? Recht gern, bitte wieviel? Na, dann schicken Sie uns sofort 10 Mal für 10 Pfg. herauf auf den Feldberg, aber warm muß sie noch sein. Jetzt erkannte Herr H. mit wem er's zu thun hatte und daß er geutzt war, und die bekannte Einladung des Götz von Berlichingen sauste durch's Telephon, allerdings mit der kleinen Modifikation, daß Herr H. eine zehnmalige Wiederholung offerierte und darnach den Hör⸗ löffel an seinen Platz hing. Bringe einem die Kerl auch noch um seinen Mittagsschlaf, der Teufel soll sie holen! So soll es noch seinen Lippen entflohen sein. Eine Lust war es die Stichelreden bei der nächsten Stammkneipe zu hören. L. W.

Splitter.

Kein Laster ist so frech, das nicht von Tugend In seinem Aeußern gern ein Zeichen borgte.

Shakespeare. *

* Im Leben reichen sich die Hand Gar oftmals Glück und Unverstand. Das Glück, wie immer sehr galant, Macht Unverstand dann zu Verstand.

Martin Fließ. **

* Leidenschaften wünscht sich kein Mensch. Denn wer will sich in Ketten legen lassen, wenn er frei sein kann.

*

Selbstdenken heißt, den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst, in seiner eigenen Vernunft suchen, und die Maxime(Grundsatz), jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung. Ihr Wahlspruch: Habe den Mut, dich deines eignen Verstandes zu bedienen!

Kant. **

* O glaube nicht, du seist so wichtig Im großen Räderwerk der Welt, Daß, wenn du fehlst, sie nicht mehr richtig In Fug' und Glied zusammenhält: Sie sah ihr Herrlichstes vergehen, Und niemand hat ihr's angesehen.

F. Dahn. *

* Die Ehre ist ein unsichtbares Wesen,

Und oft besitzt sie der, der sie nicht hat. Shakespeare

Humoristisches. Praktische Kleidung. Pfarrer: Ihr seid

schon wieder betrunken, Huberbauer; Eure Beine schwanken hin und her. Huberbauer: J muß mir eben aa so'n langen Rock... hupp... wie der Herr Pfarrer kaufen... hupp.. der verdeckt das!

Dazu langt's immer!Ich bin total ruiniert! Was soll ich jetzt anfangen? Nischt gelernt....! Werden Sie doch Wanderredner beim Bund der Landwirte!(W. Jak.)

Geschichtskalender.

23. September. 1883: Niederwald-Attentats⸗ Versuch. 1864: Gründung der Internattonale.

29. 1899: Reichstagsabg. Schmidt⸗Magdeburg zu 3 Jahren Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung ver⸗ urteilt. 1879: Nr. 1 desSozialdemokrat in Zürich erschienen.

30. 1890: Ende des Sozialisten⸗Gesetzes

1. Oktober. 1789: Der franz. National⸗Konvent proklamiert die Menschenrechte.

2. 1888: Jul. Kräcker, sozialdem. Abg., f in Breslau. 1881: Sozialist. Welt⸗Kongreß in Chur.

3. 1898: Parteitag in Stuttgart. 1896: Der Gemeinderat in Lille(Frankreich) lehnt die Zarenhuldi⸗ gung ab.

4. 1830: Belgische Unabhängigkeits⸗ Erklärung. 1472: Lukas Kranach, Maler,*.

geboren; gestorben.

Hier Metzger meister H., i

eee

0 1