Ausgabe 
28.9.1902
 
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Nr. 39. Gießen, Sonntag, den 28. September 1902. 9. Jahra. Redaktion: 2 Redaktions schluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. N 8 55 6 Abonnementspreis: Bestellungen JInserate 2 Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt.

Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.

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RNüstet zum Kampfe!

Parteigenossen allerorts!

Wie Ihr alle wißt, stehen uns für die nächsten Monate schwere Kämpfe bevor, wo es gilt, die weitere Herabdrückung der Lebens⸗ haltung der großen Masse des arbeitenden Volkes zu verhüten.

Unsere beste Waffe in diesem Kampfe ist Uunsere Presse, die zu stärken die vornehmste Pflicht eines jeden Parteigenossen ist. Sorge deshalb ein Jeder bei dem bevorstehenden Quartalswechsel für Gewinnung neuer Abon⸗ nenten für die

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung,

Den einzigen Arbefterblatte in Oberhessen und den Nachbarbezirken. Die Bezugsbedingungen sind bekannt. Thue jeder Genosse seine Schuldigkeit!

Glaube und Moral.

William Thurston Brown, Prediger der Plymouth Kongregationalisten-Gemeinde in Rochester im Staate New⸗York, welcher seit längerer Zeit der sozialdemokratischen Partei angehört und für dieselbe durch Wort und Schrift eifrig agitiert, hat sein Amt, das er seit vier Jahren bekleidete, kürzlich niedergelegt, weil er als Sozialist nicht länger die Heuchelei mitmachen wollte, zu welcher heutzutage alle christlichen Prediger, die einigermaßen finanziell erfolgreich sein wollen, gezwungen sind.

Er hat daher seiner Gemeinde einen Absage⸗ brief geschickt, in welchem er unter Anderem sagt:Ich wünsche nicht, daß Ihr länger für meine Lehren oder mein Thun verantwortlich sein sollt. Unter keinen Umständen kann ich den Frieden meines Gemüts und meine Männ⸗ lichkeit opfern, um meine Lehren einem Glauben, den ich nie teile, unterzuordnen, oder mein Leben unmoralischen Gebräuchen anzupassen. Religiöse Glaubensbekenntnisse und soziale Kon⸗ ventionalität verdummen den Menschen und erdrosseln unsere Männlichkeit. Es ist ebenso schlimm, im Leben zu heucheln, als Lügen zu verbreiten. Als ich einchristlicher Prediger wurde, that ich es nicht, weil ich glaubte, die Menschen seien von einer zukünftigen Hölle be⸗ droht, sondern weil ich dachte, der Hauptzweck unseres Lebens sei es, das Himmelreich auf Erden, d. h. das Glück der Menschen zu be⸗ gründen und ich hielt die Kirche dazu für am besten geeiguet, denn sie hatte Jesus zu ihrem Haupt erwählt. Aber ich entdeckte, daß ich mich bitter getäuscht hatte. Ich fand, daß die Kirche kein solches Programm hat und weder die materiellen noch intellektuellen Mittel besitzt, um ein derartiges Resultat zu erzielen. Ich hörte viel von derBrüderschaft der Menschen und derVaterschaft Gottes, aber das waren nur bedeutungslose Phrasen, denn thatsächlich sind die Beziehungen der Menschen zu einander heutzutage von einer Heuchelei verdeckt, die schlimmer ist, als diejeulge der Pharisäer und Schriftgelehrten in Palästing. Ich habe mich davon überzeugt, daß die heutigen Zustände nicht durch Personen, sondern durch

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Kräfte während kurz darauf die Berliner Gewerk

herbeigeführt wurden, welche weder von Religion noch von der Kirche beeinflußt werden können. Da ich die Darwin'sche Lehre von der Ent⸗ wicklung als richtig erkannt, habe ich meine Ansichten über soziale Probleme und persönliche Pflichten vollständig verändert. Ich habe ein⸗ gesehen, daß die ganze Thätigkeit der Religiösen und sogenannten Philanthropen, der Kirche und der Wohlthätigkeits⸗Anstalten in falschgeleiteter Energie besteht. Meine Hoffnung auf morali⸗ schen Fortschritt liegt in der Richtung der Auf⸗ klärung und der Entwicklung der Klassen⸗ interessen, welche die Menschen zu Lenkern ihres eigenen Schicksals machen werden. Die Kräfte, durch welche wir uns von aller Sklaverei emanzipieren können, liegen in uns selbst. Kein Mensch kann ehrlich denken, wenn sein Handeln nicht mit seiner Ueberzeugung im Einklang ist. Wer anders handelt, als er denkt, ist ein Heuchler und in der christlichen Kirche ist das ehrliche Handeln ebenso unmöglich, wie in irgend einem andern Geschäft. Wir sind heutzutage keine freien Menschen mehr, denn wir bestehen nur noch aus monotonen Reflexen veralteter Ge bräuche, welche auf ökonomischer Sklaverei basieren.

Ich bin daher entschlossen, um meine Selbst⸗ achtung zu behalten, wenigstens den Versuch zu machen mich zu befreien. Es giebt keinen heiligeren Messias, als die Freiheit, und damit meine ich die Abwesenheit allen formellen Zwanges. Nur im Lichte der Freiheit sind wir befähigt, uns selbst, oder die Welt, in welcher wir leben, zu erkennen. Nur in der Freiheit erfüllt das Leben seinen Zweck. Um Gewissensfreiheit zu erlangen, kamen die Pilger nach Plymouth dem Felsen, nicht der Kirche. Ihrethalben kamen die Katholiken nach Maryland. Um sie zu erlangen, haben Männer und Frauen Alles gewagt und sie werden das auch in der Zukunft thun. Mein Gewissen gebietet mir, mich zu befreien und meine Gedanken frei auszusprechen. Ich wünsche Niemanden zu schädigen: Jeder soll frei und glücklich sein. Aber für mich beanspruche ich deshalb auch volle Gerechtigkeit und Freiheit. Wenn ich zwischen Ausbeutern und Ausge⸗ beuteten wählen muß, entscheide ich mich für die Letzteren.

Das sind tapfere Worte.

Vom Münchener Parteitag.

Ueber die weiteren am Mittwoch und die folgenden Tage stattgefundenen Verhandlungen des Parteitags haben wir auf S. 5 der letzten Nummer nur kurz berichten können, wir setzen deshalb den ausführlicheren Bericht mit der Rede Rosenows über die parlamentari⸗ sche Thätigkeit der Reichstagsfraktion fort. Nachdem der Redner die Gefährlichkeit des Zolltarif-⸗Entwurfs für die Lebenshaltung des Volkes dargelegt und erklärt hatte, daß die Fraktion Alles aufbieten werde, um das Ungeheuer zu beseitigen, wandte er sich den übrigen Gegenständen zu, die den Reichstag beschäftigt haben. Für sozialpolitische Dinge

hat die Mehrheit des Reichstages in der letzten Session wenig Interesse f Eine Er⸗ hebung über die Arbeitslosigkeit er⸗ klärte Graf Posadowsky für unmöglich,

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kommission bewies, wie sehr wohl eine genaue Zählung der Arbeitslosen möglich sei. Das einzig positive sozialpolitische Ergebnis der Session war die Seemannsordnung, die aber in wesentlichen Punkten von der Mehrheit so verschlechtert wurde, daß wir in der Schluß⸗ abstimmung dagegen stimmen mußten.

Weiter ist noch der Gesetzentwurf über die Kinderarbeit eingegangen. Er ist aber ganz unzulänglich. Der Entwurf ist völlig mit Rücksicht auf die Agrarier ausgearbeitet. Als wir die Beschränkung der ländlichen Kinder⸗ arbeit verlangten, wurde die poetische Rolle hervorgehoben, die der Hirtenknabe in der deutschen Dichtung spielt. Gerade auf dem Lande ist die Kinderausbeutung am ärgsten. Ich weiß nicht, ob die Herren um Stöcker je mals Kartoffeln ausgemacht haben; ist dies der Fall gewesen, dann waren es jedenfalls die dicksten!

Redner bespricht dann die an den Parteitag gestellten Anträge, die meist besseren Arbeiter⸗ schutz verlangen, besonders wünschen, daß die Fraktion einen Gesetzentwurf für Einführung des achtstündigen Normalarbeitstages im Reichs⸗ tage einbringen möge.

Referent hält alle die Anträge für nützliche, gut gemeinte Anregungen, die die Fraktion, so weit sie sie nicht schon berücksichtigt habe, gewiß berücksichtigen werde. Bezüglich des Achtstunden⸗ tags betont Redner, daß er bei jeder passenden Gelegenheit von der Fraktion propagiert worden ist. Ob man sofort die Einführung des Acht⸗ stundentags fordern oder eine bestimmte kurze Uebergangsfrist gestatten dürfe, das sei in der Hauptsache ein Streit um Worte.

Mit der Stellung von Anträgen sei es nicht gethan. Die Gewerkschaften sollten die Fraktion bei neuen Gesetzentwürfen mehr als bisher mit Material, statistischem und anderm, versehen. Er schließt unter Beifall mit den Worten: Vorwärts und immer vorwärts, damit bald auch dem ärmsten Proletarier die Stunde der Erlösung schlägt!

Die Diskussion war eine sehr ausgiebige. Zuerst sprach der Seemann Müller von Hamburg, welcher die Haltung der Fraktion bei der Beratung der Seemannsordnung billigte. Es sind in der That direkt reaktionäre Bestimmungen in die Vorlage gekommen, so die kriminale Bestrafung des Kontraktbruchs. Ein Koalitionsrecht haben die Seeleute auch durch das neue Gesetz nicht erhalten. Schon aus diesem Grunde war eine Zustimmung zu der Vorlage unmöglich, trotzdem sie ja in einigen Punkten die Verhältnisse der Seeleute gegenüber dem bisherigen Zustand verbessert. Das see⸗ männische Proletariat ist der soztaldemokratischen Fraktion dankbar für ihre Verbesserungsvorschläge bei Gelegenheit der Beratung der Seemanns ordnung und hat in zahlreichen Versammlungen seine Zustimmung zu der schließlichen Ablehnung der Vorlage durch die Fraktion ausgesprochen.

Eichhorn-Mannheim verlangte, die Frak tion möge dafür sorgen, daß die außerordentlich langen Etatsdebatten zu Gunsten mehr prak-

tischer Arbeit und der Erledigung unserer Inf⸗ tiativanträge abgekürzt werden könnten. 8 In seinem Schlußwort geht Rosenow auf die Anträge und die einzelnen D ionsredner ein und konstatiert, daß der Part mit der Thätigkeit der Reichstags io janz einver-

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