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Nr. 17.

Gießen, Sonntag, den 27. April 1902.

9. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

FJonut

Mitteldeutsche

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Eine dichterische Verherrlichung des Streikbrechertums.

Daß in der Presse unserer Gegner, in den Kapitalisten⸗ Kreis⸗ und Muckerblättern, nicht weniger auch in denunpartelischen Organen die moderne Arbeiterbewegung, die Sozialdemo⸗ kratie, ihre Bestrebungen und ihre Vertreter tagtäglich verdächtigt, verleumdet, beschimpft und heruntergerissen werden, daran haben sich die Arbeiter längst gewöhnt und regen sich nicht mehr viel darüber auf. Nur ganz außer⸗ gewöhnliche Gemeinheiten zieht unsere Presse ab und zu ans Licht und hängt ste tiefer. Auf alle die gehässigen und niedrigen Anwürfe zu antworten, mit der verbohrte Soldschreiber des Kapitals unsere Partei bedenken, wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Unfähig, den offenen sachlichen Kampf gegen die Sozialdemokratie zu führen, versuchen ihre Gegner, sie mit den vergifteten Waffen der Lüge und Verleumdung u vernichten. Als Generalissimus in diesem . Kreuzzuge kommandiert Herr Schweinburg das große Herr der bezahlten Soldschreiber, das in den Zeitungen der besttzen⸗ den Klasse sein Wesen treibt.

Unsere Leser wissen, wer Schweinburg ist. 9 5 dieses hübschen Namens ist ein vielge⸗ wandter Preßkosake, aus Galizien, der sich, wie im Tausch⸗Prozeß gerichtlich festgestellt, 15 die Kleipigkeit von 15000 Mk. pr. Jahr

em Verbande der Industriellen verschrieben hat und dafür verpflichtet ist, fortgesetzt die Sozialdemokratie und die Arbeiterbewegung zu verdächtigen und zu beschimpfen. Wie man sieht, nährt das Metier seinen Mann. Ist auch anz ungefährlich. Strafe braucht er nicht zu 1 Auf die Sozialdemokratie und die rbeiter kann man schimpfen, so viel man nur will, da fühlt sich so leicht kein Staatsanwalt berufen,im öffentlichen Interesse Straf⸗Ver⸗ folgung einzuleiten. Wägen Arbeiter oder gar etwa sozialdemokratische Redakteure ihre Worte nicht ganz vorsichtig ab, so ist die Sache schon um vieles bedenklicher. Beispiele brauchen dafür nicht besonders angeführt zu werden.

Wenn ein im Solde des Kapitals Stehender die gerechte Sache der Arbeiter verunglimpft, kann er sich schließlich noch damit entschuldigen, daß er es um seiner Existenz, um des lieben Vrodes willen thut. Seine Ueberzeugung predigt er ja nicht. Er treibt sein Gewerbe, wenn auch ein schmutziges. Verteidigt aber einer die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die heutige Gesellschaftsordnung mit ihrer Ungerechtigkeit und Unterdrückung der Besitzlosen und bekämpft die auf wirtschaftliche und soziale Besserung gerichteten Bestrebungen der Arbeiterklasse ohne dabei besonders interesstert zu sein, gewissermaßen ausIdealismus, so finden wir das unverständlich. Rechnet sich dieser Jemand gar noch zu dengebildeten Kreisen, wird uns seine Stellungnahme noch unbegreiflicher. Und wenn besagter Ordnungs⸗ held nach Schweinburgischem Muster verfährt, dann beweist er seine totale Unkenntuis der thatsächlichen Verhältnisse, zeigt, daß ihm ein

bedauerlich hohes Maß von Voreingenommen⸗ heit und Beschränktheit eigen ist.

In dieser arbeiterfeindlichen Tendenz be⸗ wegt sich eineDichtung die vor einigen Monaten in Dresden erschienen ist, in welcher der Streik⸗ brecher seinen Dichter gefunden hat. Das Schauspiel betitelt sich:Streik, und sein Verfasser ist Fritz Sommerlad, Oberlehrer an der höheren Mädchenschule in Gießen. Was sich der Mann erkühnt, hier den Arbeitern nachzusagen, grenzt ans Unglaubliche. Ein Lobgesang des Streikbrechertums! Eine Schwein⸗ burgtade in fünf Aufzügen!

Folgendes ist kurz der Inhalt:

Die Arbeiter eines Maschinenfabrikanten in einer kleinen Fabrikstadt sticht der Haber. Zweimal kurz hintereinander hat der gute Fabrikant Heiligen... nicht doch, Thöbel heißt er die Löhne erhöht, trotzdem sind seine begehrlichen und unersättlichen Arbeiter nicht zufrieden. Sie verlangen vielmehr eine Lohn⸗ 11 1 von dreißig Prozent. Im For⸗ dern sind also die Leute beinahe so wenig blöde, wie die höheren Lehrer. Daran ist aber die Hetzarbeit eines niederträchtigen sozialistischen Agitators schuld, der öfters in den Ort kommt, wühlt, Sekt säuft, die Tochter eines Arbei⸗ ters verführt, schließlich sich von den Fabri⸗ kanten bestechen läßt und die Streikenden verrät. Wie man sieht, verfügt der sozial⸗ demokratische Agitator es ist auch noch ein Doktor, über alle möglichen Tugenden, es fehlt leider nur noch, daß er die Streikkasse bestahl. Bei Zeichnung dieses Bildes hatte der Herr Oberlehrer der heren Töchter offenbar die zahlreich vorhandenen Muster ausbesse⸗ ren Kreisen stehe die Harmlosen und viele andere gebrochenen Ordnungsstützen vor Augen. Im weiteren Verlauf der Handlung schlägt ein Arbeiter einen Ingenieur des guten Fabrikanten tot bekanntlich ein alltägliches Vorkommnis! über die Schande ihrer von dem sozialdemo⸗ kratischen Doktor verführten Tochter grämt sich die Frau des Streikführers zu Tode, dieser selbst wird zum Streikbrecher, zwischen den Ar⸗ beitswilligen und den Streikenden kommt es zur blutigen Schlägerei, wobei der arbeits⸗ willig gewordene Streikführer totgeschlagen wird.

Er fällt für seinen Fabrikanten und der Vor⸗ hang über dem Meisterwerke des Gießener Ober⸗ lehrers. Nebenher laufen noch recht nied⸗ liche Episoden, die für die Denkweise des Ver⸗ fassers bezeichnend sind, deren Beleuchtung wir uns indessen schenken wollen. Alles läuft aber darauf hinaus, die organisierten Arbeiter als Heerde verhetzter, fanatisterter, unwissender und roher Gesellen hinzustellen, die sich willig von jedem hergelaufenem Tropf leithammeln und in den Streik jagen lassen. Dagegen sind die Unternehmer kreuzbrave Leute. Manchmal gleitet Herrn Sommerlad die Feder aus und er eichnet unbewußt den Fabrikanten als pro⸗ sitgterigen Ausbeuter und Scharfmacher. Reizen darf man die Arbeiter nichtoder man muß eine Macht hinter sich haben sagt der gute Fabrikant Thöbel. Wird also die Arbeiterschaft etwa durch ein Zuchthausge⸗ gesetz geknebelt, kann man sich schon eher er⸗ lauben, sie zu schuhriegeln!

Schade, daß die Dichtung nicht ein paar Jahre früher erschien, damals, als die Zucht⸗ hausvorlage dem Reichstage vorlag! Da hätte sie der berühmte Denkschrift beigefügt werden können und möglicherweise wäre dabei noch et⸗ was von der 12 000 Mark⸗Spende für den Verfasser abgefallen. Eine Aufführung vor den Reichsboten und sie hätten sämtlich für das Zuchthausgesetz gestimmt!

Zu einer Betrachtung dieser muckerisch⸗scharf⸗ macherischen Dichtung wurden wir nicht etwa durch ihre Bedeutung veranlaßt, wir wollten nur unsern Lesern und Genossen zeigen, wie ein Volksbildner, ein Erzieher der höheren Töchter über die Arbeiter und ihre Bestrebungen denkt. Man kann daraus ersehen, in welchem Geiste die Kinder derbesseren Kreise erzogen werden und braucht sich nicht zu wundern, wenn ste als Erwachsene immer anmaßender auftreten, die Arbeiter und ihre Dienstboten als ihre Sklaven betrachten. Was mögen die Schülerinnen sonst noch für Schauergeschichten über die So⸗ zialdemokratie eingetrichtert bekommen!

Die sozialdemokratischen Arbeiter schätzen die Lehrer hoch; immer wo sie konnten, sind ste durch ihre Presse, durch ihre Vertreter für die Hebung und Besserung der Lehrerverhält⸗ nisse eingetreten. Für dies ihr Verhalten will die Sozialdemotratie keinen Dank; doch dürfte ste wenigstens erwarten, daß die Lehrer keine bewußten Lügen über ihre Bestrebungen ver⸗ breiten, ihre Vorkämpfer nicht in Schweinburg⸗ Manier verdächtigen!

Das geschieht hier. Während die Verfasser der neueren sogenannten sozialen Stücke sich bemühen, die Verhältnisse zu zeigen, wie sie sind und damit aufklärend und belehrend wirken, stellt hier der Scharfmacher⸗Dichter die Ver⸗ hältnisse auf den Kopf und kann bei allen Ver⸗ ständigen nur das Gegenteil dessen erreichen, was er beabsichtigte. Drum würde das Stück auch, wenn sich irgend eine Bühne zu seiner Aufführung entschlösse, bei Arbeitern nur Heiterkeit erregen. Sie würden lachen, lachen, wie bei Robert u. Bertram! Das Drama und sein Verfasser wären unfehlbar der Lächer⸗ lichkeit überantwortet; und das Lächerliche tötet! Diese grausame Strafe wünschen wir dem Oberlehrer nicht. Aber Strafe muß sein. Wer lügt, muß Prügel haben. Herr Sommer⸗ lad lügt nicht, er redet nur öffentlich über die Arbeiterbewegung⸗ und Verhältnisse, die er nicht kennt. Wir würden ihn könnten wir es damit strafen, daß wir ihn zwängen, seine Kenntnisse zu bereichern. Wir würden ihn zwar nicht in die Gifthütten von Gries⸗ heim und Höchst stecken, er sollte nur ein Jahr lang als Arbeiter irgendwo, in den Lollarer Eisenwerken, oder sonstwo als Schlosser, Schreiner, Taglöhner für den üblichen Lohn von 2.50 pr. Tag arbeiten müssen uud dabei eine Familie ernähren. Wenn er dann noch die Arbeiterbewegung für eine Sünde hält; dann erklären wir uns zu allen Gegendiensten bereit! Bis dahin werden wir unbeirrt mit allen zielbewußten Arbeitern für die Verwirk⸗ lichung der Forderungen der Arbeiterklasse kämpfen!

Drum: hoch der Achtstundentag, trotz Schweinburg und Sommerlad!

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