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Mitteldentsche Sonntags⸗ Zeitung.
Nr. 4.
insbesondere auch zum Zwecke der Arbeitsver⸗ mittelung, eine möglichst große Fahrpreiser⸗ mäßigung gewährt werde.
Nette Krankenfürsorge. Die hessische Versicherungsanstalt hat nach Berichten ver⸗ schiedener Blätter verfügt, daß den Patienten, die einer Lungenheilstätte überwiesen werden, nur noch das Reisegeld für die vierte Klasse gewährt werden soll. Bisher wurde das Reise⸗ geld 3. Klasse gewährt.— Wer da weiß, was für ein„Vergnügen“ es sogar für einen Gesunden ist, auf der norddeutschen Eisenbahn vierter Klasse mit der sehr beschränkten Sitzgelegenheit und bei dem in den Wagen IV. Kl. oft vor⸗ handenen Schmutz und der schlechten Luft zu reisen, wird diese„Fürsorge“ für die Erkrankten gebührend zu würdigen wissen. Außerdem ist in diesen Wagen die Ansteckungsgefahr entschieden größer als in den andern Klassen.
Gießener Angelegenheiten.
— Kreiskonferenz. Wir machen die Parteigenossen nochmals auf die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen ausmerksam, die Sonntag den 2. Februar im Orbig'schen Lokale in Gießen stattfindet. Unsere Freunde allerorts müssen es sich angelegen sein lassen, dafür zu sorgen, daß jeder Parteiort vertreten ist. Die Delegierten müssen ferner pünktlich— vor⸗ mittags 10 Uhr— am Platze sein, damit alle Punkte der Tagesordnung regelmäßig erledigt werden können und die Teilnehmer aus weiter entfernten Orten wieder rechtzeitig nach Hause gelangen.— Etwaige Anträge müssen möglichst sofort eingereicht werden.
— Genosse Carl Thiel aus Kassel hielt, wie unsere Leser bereits aus den An⸗ kündigungen in der letzten Nummer wissen, in Gießen, Trohe, Heuchelheim und Alten⸗ Buseck Vorträge. Im soz.⸗dem. Verein in Gießen sprach er über:„Das Glück der Armut und der Fluch des Reichtums“. Zur Einleitung seines mit dieser ironischen Ueberschrift versehenen Vortrages bemerkte der Redner, daß T horen dem Volke von dem„Glücke“ der Armut vor⸗ redeten. Leider fänden sich aber noch mehr Thoren, die das glaubten. Der Dichter Boden⸗ stedt spreche von den„langen Ohren“ des Volkes und die Sendlinge des Sozialismus müßten täglich die Erfahrung machen, daß er nicht so unrecht habe. Wir müßten uns deshalb mal das„Glück“, das der Armut anhafte und den „Fluch“, der auf dem Reichtum laste, etwas genauer ansehen. Nun stellte der Redner in wohl durchdachten, teilweise recht satyrischen und humorvollen, auf reiches Zahlenmaterial gestützten Ausführungen, die Lebensverhältnisse des besitzlosen Arbeiters und des reichen Aktio⸗ närs oder Fabrikanten einander gegenüber. Unter Anderem führte er an, daß das Reich für die Unterhaltung eines Soldaten täglich 1 Mk. ohne Kleidung und Wohnung ausgebe. Trotzdem habe man noch nie gehört, daß je ein Soldat an der Fettsucht gestorben sei. Selbst besser situierte Arbeiter könnten aber diesen Betrag bei weitem nicht für den Kopf ihrer Familie ausgeben. Einem Maurer in Halle, der über seine Einnahmen und Ausgaben genau Buch führte, blieben bei einem Jahresverdienste von 1046 Mk. nur 42 Pfg. täglich auf den Kopf seiner Familie für Nahr⸗ ung, wobei er zwei Kinder für eine erwachsene Person rechnete. Hunderttausende von Arbeitern verfügen aber nur über/ bis der Ein⸗ nahme dieses Maurers! Demgegenüber stellte er das Haushaltungs⸗Budget eines Berliner Konfektionärs, der neulich beweglich darüber geklagt habe, daß er mit 12000 Mk. Jahres⸗ einnahme kaum auskommen könne! Dann kam der Redner auf den Zolltarif zu sprechen, der das arbeitende Volk zwinge, den Hunger⸗ riemen noch enger zu schnallen.
Wie oft klagten Fabrikanten über die schwere Last, die sie tragen, indem sie Hunderten Ar⸗ beiter Beschäftigung und Verdienst gewährten. Hat jemals ein solcher mit dem Arbeiter ge⸗ tauscht und sich selbst an Hobelbank oder Schraubstock gestellt? Kein solcher Fall sei je bekannt geworden! Das„Glück der Armut“ sei eine Fabel! Lerne deshalb jeder seine
Lage erkennen und kämpfe mit in den Reihen der Sozialdemokratie, um das Wohl der Gesamtheit zu begründen!— Gen. Thiel erntete für seine Darlegungen le le Beifall.
In Trohe sprach Th. Sonntag Nachmittag in sehr stark besuchter Versammlung über „Politische Tagesfragen“, wobei er den Zoll⸗ tarif, die China⸗Geschichte, die Kolonialpolitik, die gegenwärtige Krise ꝛc. behandelte. Auch hier fand er begeisterte Zustimmung.
Sonntag Abend in Heuchelheim war „Die Bibel als Agitationsmittel“ das Vortrags- thema. Hier zeigte der Redner, wie das „Christentum“ der besttzenden Klasse mit den Vorschriften der Bibel im schreiensten Wider⸗ spruch steht. Die gleichfalls sehr gut besuchte Versammlung nahm einen prächtigen Verlauf.
Ebenso am Montag Abend in Alten⸗ Buseck, wo das gleiche Thema wie in Gießen gewählt war. Hier betonte Gen. Vetters in der Diskusston, daß wir in Oberhessen mehr Opfer als bisher bringen müßten, wenn wir den Kampf für unsere gerechte Sache wirksam führen wollten. Allen Versammlungs⸗Teil⸗ nehmern haben die Vorträge Thiels recht gut gefallen.
— Selig entschafen ist das Gießener „unparteiische“ Organ, die„Gieß. Neueste Nach⸗ richten.“ Sie sind gegangen, ohne ihren Lesern einen Abschiedsgruß zuzurufen. Der Verleger, Dr. Rehm aus Nürnberg, der von Herrn Klebert das Blatt und die Druckerei zu einem respektablen Preise erwarb, ist in Concurs geraten.— Es geht das Gerücht, hervorragende Mitglieder der freisinnigen Partei beabsichtigten das Blatt zu erwerben und es zu einem frei⸗ sinnigen Parteiorgan umzugestalten.
Aus dem Rreise friedberg-Püdingen.
p. Autisemitische Agitation in Schwalheim. Am Sonntag 12. Jan. hielten die Antisemiten in diesem Orte eine öffentliche Versammlung ab, in der Bürgermeister Gon⸗ dolf, Oberwöllstadt und Otto Hirschel⸗ Offenbach, ersterer über Gründung einer Ge⸗ nossenschaft, letzterer über die Getreidezölle sprachen.— Der Bürgermeister klagte, daß die Regierung zu wenig für die Bauern sorge. Die landwirtschaftlichen Prämierungen seien nur für einige wenige da; in den landwirt⸗ schaftlichen Bezirksvereinen ständen die Kreis⸗ räte an der Spitze, für die Bauern geschehe da auch nichts. Drum müßten sich diese dem hessischen Bauernbund anschließen. Hirschel sprach dann in der bekannten Weise von dem Nutzen, den die Zölle für den Landmann hätten. Das näher nachzuweisen, unterließ er kluger⸗ weise. Doch erwähnte er ebenso wenig, wie sein Vorredner, die Sozialdemokratie. Merk⸗ würdig, sonst find die Herren nicht so zart⸗ fühlend. Genosse Busold ergriff hierauf das Wort und schilderte die Schäden, die durch die Zölle heute schon, und falls der neue Tarif angenommen würde, in noch stärkerem Maße der Bevölkerung und auch den Kleinbauern erwachsen, wobei er sich vielfach auf die Aus⸗ führungen der Vorredner bezog. Schlteßlich machte Redner an der Hand unseres Programms einige Vorschläge zur Verbesserung der bäuer⸗ lichen Verhältnisse, bezeichnete den Zusammen⸗ schluß der Arbeiter und Kleinbauern als wün⸗ schenswert, warnte aber davor, sich unter das Kommando der Firma Böckel, Hirschel und Ko. zu begeben, man solle dabei an die Erfahrungen denken, die andere Vereine bereits gemacht haben. Die Entgegnung der beiden Referenten, Gondolf und Hirschel, fiel sehr lahm aus. Mit keinem Wort versuchten sie Busold zu widerlegen, sondern begnügten, sich mit einigen Richtigstellungen im Uebrigen aber erklärten. sie sich mit seinen Vorschlägen einverstanden. Interessant war, daß, als Genosse Busold seinem Erstaunen Ausdruck gab, daß Hirschel hier ganz anders rede als seinerzeit in Hungen, er erklärte, daß da der Vetters da gewesen sei, der ihn fortwährend in der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung rempele und daß auf einen groben Klotz ein grober Keil gehöre.
Nunmehr kam Gen. Kluge aus Dresden zum Wort, der erklärte, daß in Dresden bereits
ein großer Konsumverein bestehe, den aber die antisemitische Stadtverwaltung mit einer Erdrosselungssteuer belegt habe. Wenn nun hier von Antisemiten ein derartiger Verein gegründet werden solle, so beweise das, daß man nur Bauerufang treibe.
Diese Worte machten auf die Versammlung erstchtlichen Eindruck, den auch die Erklärung Hirschels nicht verwischen konnte, daß die Dresdener Recht hätten und daß ein Unterschied gemacht werden müsse zwischen Bauern⸗ und Arbeiterver⸗ einen.(Ahal) Genosse Rep p machte darauf auf⸗ merksam, daß diese Erklärung beweise, daß die Herren nicht ehrlich seien, sonst könnten sie nach ihren ersten abgehen eine derartige Erklärung nicht abgeben. Sodann bewies er unter Bezugnahme auf das vorher von Gondolf gebrauchte Wort:„Fett schwimmt oben“, wie heutzutage alles was geschaffen werde, immer zu Gunsten der Reichen ausfalle; so verhalte es sich auch beim Zolltarif, bei allen Bewilli⸗ gungen für die Landwirtschaft usw. und wie nur die Umgestaltung dieser Gesellschaftsord⸗ nung eine wirkliche Besserung der Verhältnisse herbeiführen könne. Der reiche Beifall der unseren Genossen zu teil wurde, schien die Herren belehrt zu haben, daß für sie nichts zu holen war, denn sie erhoben sich und machten sich aus dem Staube. Für uns hatte die Ver⸗ sammlung den Erfolg, daß die Gründung eines Wahlvereins beschlossen wurde. Eine konstiturerende Versammlung wird demnächst stattfinden.
J. Menschenfreundlicher Seelsorger. Aus Rödgen bei Bad Nauheim schreibt man uns: Am Sonntag wurde ein hiesiger Ein⸗ wohner H. beerdigt. Durch zerrüttete Familien⸗ verhältnisse war er vollständig heruntergekommen und, wie man oft beobachten konnte, manchmal nicht mehr Herr seiner Sinne. In einem solchen Anfalle hatte er seinem Leben selbst ein Ende gemacht. Die Angehörigen desselben schickten zum Pfarrer zwecks kirchlicher Beerdigung. Diese wurde ihnen aber rundweg abgeschlagen. Dadurch wurde die ganze Gemeinde empört und manches Gemeindeglied ging nun mit, das sonst vielleicht nicht mitgegangen wäre. Und als der Zug am offenen Grabe hielt und der Sarg in das Grab gesenkt wurde, da kannte die Wut keine Grenzen. Fast sämtliche Frauen weinten mit den Kindern und vielen Männern standen die Thränen in den Augen. Zahlreiche Verwünschungen wurden gegen den Pfarrer laut, und vielfach hörte man auf dem Pfarrer gemünzte Ausdrücke, die wirklich in keinem Komplimentierbuch zu finden sind. Und warum diese Empörung? Nicht etwa, daß man den Pfarrer Schäfer unbedingt für notwendig gehalten hätte, nein, er hat aber in derselben Gemeinde vorher 2 Selbstmördern die kirchlichen Ehren erwiesen, wovon der letzte Gemeinde⸗ rechner und Kirchenältester war und reiche Anverwandte hat, während der jetzt Begrabene ein armer Teufel war.
Rreis Alsfesd-Cauterbach.
Ueber seine Thätigkeit im Reichs- tage berichtete am Sonntag der Abgeordnete des Wahlkreises Alsfeld, der Antisemit Binde⸗ wald in einer ziemlich zahlreich besuchten Ver⸗ sammlung in Alsfeld. Etwa ein Drittel der Anwesenden waren Sozialdemokraten. Herr Bindewald besprach in langen Aus⸗ führungen die hauptsächlichsten im Reichstage verhandelten Fragen und seine Stellung dazu. Besonders lange hielt er sich bei dem Zolltarif auf, für den er eintreten zu wollen erklärte, während andere hesstsche antisemitische Ab⸗ geordnete bekanntlich für den 7,50 Mk.⸗Zoll agitieren. Vom Vieh⸗ und Fleischzoll hätte auch der Arbeiter Nutzen, meinte er unter Anderem, denn so mancher unter ihnen mäste sich ein Schwein und sei froh, wenn er dafür beim Verkauf mehr bekomme! Die Weisheit wird gewiß jeden Arbeiter einleuchten
und zum begeisterten Wucherzöllner machen!
Für die Flottenvermehrung hat er gestimmt, er begeistert sich auch für die Kolonien, die dem deutschen Volke bekanntlich alljährlich
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