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26.1.1902
 
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Nr. 4. Gießen, Sonntag, den 26. Januar 1902. 9. Jahrg. 5 Redaktion: 2 Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche A Nachnittag 4 Uhr. 8 5

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Vom Sparen.

Zu allen Zeiten haben die Reichen und Mächtigen sich den Armen und Unterdrückten gegerüber auf die Heuchelei verstanden. Und immer war dieser traurigen Kunst gerade das unterworfen, was wirklich heilig geachtet werden sollte: das menschliche Wohlwollen, die Nächsten⸗ liebe, die Gerechtigkeit, bie Wahrheit und Sitt⸗ lichkeit. Man hat die Armen und Elenden tyrannisiert und ihnen glauben zu machen ver⸗ sucht, das sei nötig zu ihrem Heil. Man hat ihnen die Entbehrung und Entsagung, alles schmähliche Erdulden gepriesen als dieTugend, die zurewigen Seligkeit, zurBelohnung im besseren Jenseits verhilft. Das war ein arger Trug; aber es lag darin doch wenigstens die Anerkennung des traurigen Loses der Unter⸗ drückten und der Hinweis auf eine dereinstige Vergeltung; man ließ ihnen den Trost einer Hoffnung. Nicht sie selbst macht man verant⸗ wortlich für ihre Not, ihr Elend; man ließ ihr Geschick als ein von der Gottheit bestimmtes erscheinen.

Die Wortführer der besitzenden Klasse und Verteidiger der heutigen Ordnung gehen in ihrer Heuchelei noch viel weiter. Auf den großen Kapitalbesitz als Produkt desSparens ver⸗ weisend, sagten sie den Arbeitern, es seiauch ihre Pflicht, zusparen. Ja, es giebt Schriften von Bekennern der Manchesterschule, in denen begreiflich zu machen versucht wird, daßjeder Arbeiter durch Fleiß und Sparsam⸗ keit ein Kapitalist werden kann! In der Hauptsache aber hat diese unerhörte Spartheorte, eine spekulative Tendenz dahin: je mehr der Arbeiter spart, je weniger hat er Anlaß, höheren Lohn zu fordern; denn wer sparen kann, ist nicht berechtigt zu sagen, daß er Not leide.

Wenn von einem Entbehrungslohn in des Wortes wahrster und zugleich schlimmster Be⸗ deutung die Rede sein soll, so allerdings beim Sparen des Arbeiters. Da ist in der That jeder Spargroschen eine Frucht der Entbehrung. Und welcher Entbehrung! Im vernünftigen Sinne ist unter Sparen ein Zurücklegen von Ueberflüssigem, ermöglicht durch kluges Wirt⸗ schaften, zu verstehen. Aber so wenig es ein Sparen ist, wenn der reiche Ausbeuter und Schmarotzer, trotzdem er herrlich und in Freuden, üppig und verschwenderisch lebt, von seinem Einkommen ein erheblich Teil zur Vermehrung seines Reichtums erübrigt, so wenig ist es Sparen, wenn der arme Arbeiter einen Teil seines Arbeitseinkommens zurücklegt. Das ist ein geradezu selbstmörderisches Abdarben an der äußersten Lebensnotdurft, zu deren Befrie⸗ digung der Lohn kaum ausreichend ist. Der Arbeiter, der 900 Mk. jährlich verdient, muß, wenn er auch nur 50 Mk. davon ersparen will, seine Lebenshaltung noch mehr verschlechtern, als sie ihm sowieso schon durch die Unzuläng⸗ lichkeit dieses Einkommens zugewiesen ist. Nehmen wir den Lohn der bestbezahlten Ar⸗ beiterkategorien die nur einen kleinen Bruch⸗ teil der Arbeiter klasse bilden mit 1200 bis 1500 Mk. jährlich an. Was ist davon ohne Verzichtleistung auf vieles Notwendige zuer⸗ sparen, wenn es sich um die Erhaltung einer Familie in der Großstadt handelt?!

Sparen, sparen, immer sparen soll der

Arbeiter.

Sparen unter allen Umständen, selbst wenn er kaum das Salz zum Brote hat. Gegen alle schlimmen Ereignisse und Schicksals⸗ schläge, die ihn treffen können und zumeist auch wirklich treffen: Krankheit, Siechtum, Arbeits⸗ unfähigkeit im Alter, Arbeitslosigkeit ꝛc. ꝛc., rät man ihm das Sparen an. Hat doch erst kürzlich wieder ein nationalliberales Blatt ge⸗ zetert, daß die Arbeiter in Zeiten guten Ge⸗ schäftsganges nicht so vielersparen, um in den Zeiten der Arbeitslosigkeit leben zu können. Und ein findiger Kopf, der Nationalökonom Professor Doktor Schanz, ist auf die Idee des individuellen Sparzwanges für die Arbeits⸗ losenversicherung verfallen. Jeder krankenver⸗ sicherungspflichtige Arbeiter soll gezwungen werden, sich wöchentlich einen bestimmten Betrag vom Lohne abziehen zu lassen, um mit der angesammelten Summe im Falle der Arbeits⸗ losigkeitunterstützt zu werden, so daß er nicht dem öffentlichen Wesen zur Last fällt.

Der erdrückenden Mehrheit der Arbeiter kann man das rühmliche Zeugnis ausstellen, daß sie es versteht, mit ihrem durchweg unzu⸗ länglichen Einkommen gut zu wirtschaften, d. h. mit demselben unter dem Zwange der Ver⸗ hältnisse sich einzurjchten, um trotz Not und Entbehrung ehrlich, anständig, charaktervoll, sittlich intakt zu bleiben. Das ist die höchste Leistung, die man vernünftiger⸗ und gerechter⸗ weise vom Arbeiter verlangen kann. Ihre ganze Wirtschaftsweise ist nichts Anderes, als ein streng gewissenhaftes Abwägen der Ein⸗ nahmen und der notwendigen Ausgaben. Darüber hinaus auch noch von ihnen zu verlangen, daß sie die kapitalistische Spar⸗Theorie in die Praxts übersetzen, sich vom Nötigsten abdarben, ihre sowieso schon schlechte Lebenshaltung frei⸗ willig noch mehr verschlechtern, damit die Moralprediger des Kapitalismus sagen können: Seht, wir haben gutsituierte, zufriedene Arbeiter dags ist eine verbrecherische Tollheit.

Wir reden wahrlich nicht der Unwirtschaft⸗ lichkeit im Arbeiterhaushalt, effektiv nicht zu rechtfertigenden Ausgaben für die Befriedigung niedriger, frivoler Genußsucht, der Trunksucht, Spielsucht ꝛc das Wort. Wir wollen, daß die Arbeiter ihre Mittel außer zur Bestreitung der Lebensnotdurft, so reichlich wie nur irgend möglich, auch für gute und edle Genüsse aus⸗ geben; daß sie die Hebung der Lebenshaltung nicht nur in der besseren Befriedigung des Magens, sondern Alles in Allem in der Er⸗ reichung einer höheren Seufe der materiellen und geistigen Kultur sehen. Aber eben beshalb verurteilen wir den Sparschwindel, den die bessere undbeste Gesellschaft der Arheiter⸗ schaft gegenüber treibt. Wenn die Masse der Arbeiter diesem Schwindel Rechnung trüge, würden Industrie, Handel und Gewerbe in erster Linse den Schaden davon haben. Denn ste können nur bestehen und gedeihen, wenn die Massen ihren Konsum steigern. Sind sie gezwungen, ihn einzuschränken, oder schränken sie freiwillig ihn ein, so leiden Produktion und Handel. Was der Arbeiterspart, statt es zu verbrauchen, das wird dem Güteraustausch entzogen. Da war der Gelehrte Bertrand de Mandeville gescheider, indem er sagte: daß die Arbeiter zwar nur einen mäßigen Lohn haben, diesen aber auch wieder verausgaben,

also nichtsparen sollen. Denn vom Konsum der Massen ist das Bestehen und Gedeihen der Volks wirtschaft abhängig.Grundst.

Politische Rundschau.

Gießen, den 23. Januar.

Arbeitslosigkeit.

Notstand existirt nicht! Mit diesem geflügelten Worte sucht das satte Bürgertum die Hinweise auf die zunehmende Arbeitslosig⸗ keit abzuthun. Der Arbeiter aber, der unter Lohnreduktionen schwer zu leiden hat, wenn er nicht gar arbeitslos auf der Straße liegt, spürt die Ungunst der Verhältnisse am eignen Leibe und kennt sie deshalb doch etwas genauer, als die Minister, Regierungspräsidenten und Land⸗ räte, die sich auf unzuverlässige Berichte ihrer Unterbeamten stützen müssen. Zählungen der Arbeitslosen, die in verschiedenen Städten durch organisirte Arbeiter vorgenommen wurden, ergaben denn auch das Vorhandensein einer viel größeren Zahl Arbeitsloser als bisher öffentlich zugegeben wurde. In Dresden und seinen Vororten wurden am Sonntag 10170 be⸗ schäftigungslose Personen ermittelt, das sind zehn Prozent der erwerbsthätigen Ein⸗ wohner! In Nürnberg ermittelte man 4891 Arbeitslose; Erfurt weist deren 537 auf. Schon diese Beispiele zeigen, daß man da mit beschönigenden Redensarten nichts ausrichtet, sondern daß es Pflicht der Regierung ist, mit zweckentsprechenden Mitteln die allgemeine Not⸗ lage zu bekämpfen.

In der hessischen Zweiten Kammer hat sich infolge eines diesbezüglichen Antrages der vierte Ausschuß mit der Frage der Arbeitslosigkeit beschäftigt. Er beantragt bei der Kammer, die Regierung zu ersuchen, der Frage fortgesetzt ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, alle zur Milderung des Notstandes erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen und erforderlichenfalls den Ständen entsprechende Vorlage zu machen. Weiter soll die Regierung aufgefordert werden, bei dem Reiche auf Maßnahmen zu dringen, die zu einer wirksamen Bekämpfung der Arbeitslosig⸗ keit notwendig sind, als sachgemäße Ausgestaltung der Arbeiterstatistik und der kommunalen Arbeits⸗ nachweise, Einführung einer Versicherung gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit ꝛc. b 5

Die Gothaer Regierung hat nach Kenutnis⸗ nahme von dem Stande der Arbeitslosigkeit in Gotha dem Stadtrat 1000 Mk. zur Milderung der Not überwiesen. Der geplante Hofball wurde abgesagt; die Aufwendungen hierfür sollen an die Armen der Stadt verteilt werden.

Dies Vorgehen wäre an manchen Orten zur Nachahmung zu empfehlen.

Landarbeiter⸗Sklaverei.

Ueber die Behandlung der ländlichen Arbeiter und Dienstboten ist schon oft geklagt worden; in zahlreichen Fällen hatten die Zeitungen so⸗ gar von unmenschlichen Mißhandlungen zu be⸗ richten, denen die ländlichen Dienstboten von Seiten ihrerHerrschaften ausgesetzt waren. Die Schönheiten der verschiedenen, z. B. in Sachsen und in Preußen geltenden Gesinde⸗