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Mitteld Sonntaas⸗Zeitung.
Nr. 21.
Interesse der Würde der Stadtverwaltung ge⸗ richtlich vorzugehen. Der vom Bürgermeister gestellte Strafantrag gegen Löber wird zurück⸗ genommen, letzterer zahlt 100 Mk. als Sühne an die Armenkasse, außerdem hat er der Stadt eine günstige Gelände-Offerte gemacht. Die Versöhnung wurde mittels Handschlag feierlich bekräftigt. Es war eine rührende Scene. Die tiefe Ergriffenheit, die sich der Versammlung bemächtigt hatte, löste der Stadtvater Schäfer mit einer Rede aus, worin er seiner Freude über das Gelingen der mühevoll herbeigeführten Verständigung Ausdruck gab und Jeden ver⸗ pflichtete, die Geschichte ein für allemal ruhen zu lassen. Die Friedensliebe des Herrn Schäfer in Ehren; aber so sehr auch wir wünschen, daß die Stadtvertretung einträchtiglich und fried—⸗ sam über das Wohl der Stadt berate und es in ruhiger Arbeit för dere— in diesem Falle hätten wir es lieber gesehen, wenn der Bürger⸗ meister Gelegenheit gehabt hätte, vor Gericht zu zeigen, wie mancher Stadtverordnete seine Pflichten gegen das Gemeinwesen auffaßt. Nicht wegen Herrn Löber. Ihm mag es überlassen bleiben, darüber zu entscheiden, ob ihm seine Wähler nach dem Vorgefallenen noch das Ver— trauen entgegenbringen können, dessen ein Ver⸗ treter der Bürgerschaft unbedingt bedarf und ob er nicht klüger gehandelt und mehr Ein⸗ druck erzielt hätte, wenn er s in Mandat nieder⸗ gelegt, als daß er sich zu einer so kläglichen Abbitte verstand. Aber der Prozeß hätte zur Beleuchtung der im hiesigen Spießer- und Phi⸗ listertum herrschenden Begriffe über politischen Anstand gedient. Herrn Löber ist kein allzu⸗ großer Vorwurf zu machen. Er bethätigte nur die Anschauungen, die in weiten Kreisen des Bürgertums allgemein maßgebend sind. Wer wird für geeignet gehalten, öffentliche Ehrenämter zu bekleiden? Der glückliche Spekulant, der„zu Etwas gekommen“ ist, gleichviel auf welche Art. Mag er auch sonst noch so rück— ständig in seinen Ansichten sein, mag er jeder Intelligenz ermangeln, er wird doch stets dem in jeder Beziehung befähigteren aber armen Mitbürger vorgezogen werden. Wie verächtlich rümpft das Spießertum die Nase, wenn bei den Stadtverordnetenwahlen Arbeiter als Kandidaten präsentiert werden! Und diese ver⸗ fügen doch über weit mehr soziales Verständnis und bekunden viel mehr Interesse für das Ge⸗ meinwesen, als die meisten bürgerlichen Kandi⸗ daten.— Wir werden an den Fall Löber er⸗ innern, wenn zu der nächsten Wahl wieder die üblichen Phrasen zur Empfehlung der„Ord— nungs“ kandidaten verzapft werden.
— Unser Freund Scheidemann kommt zu unserer Freude demnächst wieder ins Hessenland und zwar wird er in einigen Wochen als leitender Redakteur bei dem Offenbacher Abendblatt eintreten. Vor kurzem brachte der„Gieß. Anz.“ eine dem„Fränk. Kurier“ entnommene Notiz des Inhalts, daß Genosse Scheidemann seine bisherige Stellung gekündigt worden sei. Das war unrichtig; Scheidemann giebt viel mehr seinen jetzigen Posten in Nürnberg aus eigener Entschließung auf. Uns war es übrigens bekannt, daz er sich dort schon seit längerer Zeit keineswegs wohl fühlte. Schon im Herbst vorigen Jahres wollte er wegen der jetzt noch immer nicht ganz beigelegten Parteidifferenzen fort und blieb nur auf vielseitiges Zureden. Wir begrüßen seine Rückkehr nach Hessen, wo wir seine agitatorische Kraft gut gebrauchen können.
— Farblos schillernd, parteilos. Unter diesem Titel hält der Frankfurter General⸗ anzeiger— so schreibt uns ein Freund— eine interessante kleine Rede pro domo(für's eigne Haus). Farblos und schillernd will er nicht sein. Und wir müssen ihm allerdings zugeben, daß er sogar sehr deutlich und sehr kräftig Farbe bekennt. Aber das„parteilos“ möchte er doch retten. Mit einer kleinen Definition Gegriffsbestimmung) ist das rasch gemacht: Parteilos ist, wer keiner Partei angehört. Also ist der Gen.⸗Anz. parteilos. Der 59 115 dieser Parteilosigkeit ist nach seiner Ansicht der, daß sich die Persönlichkeit eines Parteilosen unge⸗ hinderter bethätigen kann. Und wie stolz müssen die Mitarbeiter des Gen.⸗Anz. auf die ihrige
alle sein! Man höre nur in jeder Nummer,; auf jeder Seite diesen unendlich erhabenen Ton, in dem sich die Anzeigerrhetorik über alle andern Politiker der Zeit ergeht(den Kaiser und den Freiherrn von Worms natürlich ausgenommen).
Rein sachlich betrachtet wird man sagen müssen, daß der Generalanzeiger und diejenigen seiner Leser, welche ein eigenes Urteil nicht haben, auch nichts anderes darstellen, als eine Partet, deren Wünsche und Ansichten in den Anzeigerspalten genau so konsequent und ge⸗ sinnungstüchtig formuliert werden, wie die unsrigen in unserm Programm. Daher giebt es manche bedeutende Persönlichkeit, möglicher⸗ weise vielleicht sogar fast ebenso bedeutende als die des Herrn Stein, die trotzdem unter der Mitarbeiterschaft desselben keinen Raum fände.
Was unsere und andere Parteien von dieser Generalanzeigerpartet scheidet, ist dieses, daß wir eine Organisation haben, d. h. eine geregelte politische Erziehungsarbeit nach innen, ein ge⸗ schlossenes Auftreten nach außen. Es ist über⸗ flüssig, über Berechtigung und Zweck auch nur eine Silbe zu verlieren.
Wie steht es nun innerhalb der organisterten Partei mit der Persönlichkeit? Ich denke, die ganze Parteiarbeit wird eben auch von Per⸗ sönlichkeiten geleistet. Natürlich sind größere und kleinere, klügere und dümmere darunter. Die letzteren werden die Parteianschauungen mehr mechanisch in sich aufnehmen und ver⸗ breiten. Nicht anders, wie es z. B. auch in der staatlichen Beamtenschaft viele derartige erbmonarchischer, christlicher und sonstiger alt⸗ hergebrachter Ideen giebt. Ihnen gegenüber werden die bedeutenderen Köpfe, denen das demokratische Prinzip nach Menschenmöglichkeit alle Gelegenheit zum Emporkommen bietet, mit ihrer Arbeit an das Programm selbst gehen. Sie werden teils neue Einsichten in seine Be⸗ rechtigung, neue Waffen zu seiner Verteidigung gewinnen, teils werden ste es kritisieren, neuen Verhältnissen anpassen, ergänzen, weiterbilden. Denn ein Progamm ist nicht, wie der Gen.“ Anz. zu glauben scheint, eine starre Schablone, ein Prokustesbett“), sondern eine organisch er⸗ wachsene und stets noch ferner entwicklungs⸗ fähige Verkörperung weitverbreiteter Anschau— ungen. Es erleichtert die politische Arbeit, in⸗ dem es der wirkenden Persönlichkeit die ersten Anknüpfungspunkte bietet, die Masse derjenigen um sie sammelt, bei welchen wenigstens die großen leitenden Gesichtspunkte— bei uns also die sozialen und demokratischen— schon vor⸗ ausgesetzt werden können. Wem diese nicht zusagen, muß eben einen anderen Boden für seine Saat suchen. So wird das Generalan⸗ zeigerprogramm irgendwo in dem Wirrwarr der Nationalliberalen seinen ganz bestimmten Platz finden.
Welcher nun von den großen Grundge⸗ danken die ewige Lebensfähigkeit in sich trägt, ob der erbkaiserliche oder der demokratische, ob der kapitalistische oder der soziale, das mag jeder uach seiner Ueberzeugung entscheiden. Die uns⸗ rige wird durch das hochnäsige geistreichelnde Journalistenpathos des großen Annoncenblattes jedenfalls nicht erschüttert.—„Unparteiisch“ in der Politik— so fügen wir hinzu— ist stets soviel wie unehrlich; die sogenannten unpartetischen Preßorgane verfolgen nur ihre Geschäftszwecke und sind durchgängig ar⸗ beiterf eindlich. Pflicht jedes vernünftigen Arbeiters ist es, die Arbeiterpresse zu unter— stützen.
— Der Errichtung zweier neuer Irrenanstalten stimmte der Finanzaus⸗ schuß der Zweiten Kammer zu. Zuerst soll die für Oberhessen in Gießen gebaut werden. Weiter stimmte der Ausschuß dem Main⸗Neckarbahnvertrage im Sinne der Re⸗ gierungsvorlage zu. 5
1% Prokustes nennt die alte griechische Sage einen Riesen, der alle zu ihm kommenden Fremden auf ein Bettgestell legte und dann denjenigen, die zu groß 975 dasselbe waren, die überstehenden Glieder abhackte, ie anderen, die zu klein waren, ausreckte, bis sie hineinpaßten. Als er den Helden Theseus ebenso be⸗ handeln wollte, wurde er jedoch von diesem über⸗ wältigt auf eben jenes Bett geworfen und ihm die
natürlich viel zu langen Glieder abgeschlagen, sodaß er starb.
Aus dem Rreise Friedberg⸗Püdingen.
J. Wahlverein. In der nächsten Ver⸗ sammlung, die am 31. Mai im Vereinslokal „Stadt New⸗ York“ stattfindet, wird Krumm aus Gießen einen Vortrag über:„Politische Zeit⸗ und Streitfragen“ halten. Die Ge⸗ nossen werden ersucht, zahlreich zu erscheinen. Außer dem Vortrag steht noch die Abrechnung und sonstige Vereinsangelegenheiten auf der Tagesordnung.
Aus dem Rreise Alsselsd-Cauterbach.
r. Das Alsfelder Kreisblatt! sucht sich nach besten Kräften an der Ssozialisten⸗ vernichtung zu beteiligen. Kürzlich machte es sich einen Sermon der„Konservativen Korre⸗ spondenz“ zu eigen, in dem die Menschheit mit der Religionsfeindschaft der Sozialdemokratte graulich gemacht wird. Diese Kapuzinerpredigten verfangen nur in ganz beschränkten Kreisen. Offenbar kennt das Blatt unsern die Religion betreffenden Programmsatz gar nicht, oder es sucht, wie das ja für ein„Ordnungsblatt“ selbstverständlich ist, absichtlich Verwirrung über die Bestrebungen der Sozialdemokratie zu ver⸗ breiten, um uns so zu„vernichten“. Das wird aber auch damit nicht gelingen; wir haben nicht nötig, die Religion zu bekämpfen, die Verhält⸗ nisse im„christlichen“ Staate und das Verhalten der Musterchristen geben uns Angriffspunkte genug. Der finstere Glaubenswahn wird ganz von selbst weichen.
Aus dem Nreise Weßlar.
Von der Firma Hensoldt& Söhne, optische Werke in Wetzlar, erhalten wir eine Zuschrift, in der gesagt wird, daß unsere Mit⸗ teilung in der vorletzten Nummer, wonach in dem genannten Geschäft Lohnabzüge stattge⸗ funden hätten, auf„grober Unwahrheit“ beruhe; ein Lohnabzug sei nicht erfolgt.— Die Herren machen da nur einen sehr 1195 Unterschied. Wenn man unter„Lohnabzug“ eine Kürzung des Tagelohns versteht, so hat ein solcher allerdings nicht stattgefunden; wohl aber sind die Akkordpreise so, wie in unserer Notiz angegeben, herabgesetzt worden. Und für die Arbeiter kommt das doch beides auf eins heraus.
h. Werden noch immer Chinakämp⸗ 11 gebraucht? Bei den letzten Koutrollver⸗ ammlungen in Wetzlar wurde wieder Umfrage gehalten nach Leuten, die nach China zu gehen bereit sind. Das ist merkwürdig, was sollen die Leute in China, da der Rachezug doch zu Ende ist? Auch von anderwärts wird berichtet, daß bei den Kontrollversammlungen Chinafreiwillige angeworben werden. Bei dieser Gelegenheit meinte in Bruck(Bayern) der Bezirksoffizier, es würde jeder sich Meldende auf seinen 155 mund geprüft werden, damit nicht wieder„solche Individuen und arbeitsscheues Ge⸗ sindel angeworben wird, wie vor zwei Jahren.“ Nun also, da hatten die Kritiker des Kreuzzuges doch recht!
n Ist das Amtsblatt soztalistisch gewor- den? In dem Pfingstartikel des„Wetzl. Anz.“ finden sich folgende Sätze:
Dann wird das letzte Schwert zur Pflugschaar, das verderbliche Pulver.... wird nur noch dazu dienen, Wege durch Felsenwüsten zu erzwingen und der Civilisation und Kultur eine Gasse zu öffnen in unwegsame Klüfte und Bergeinödden. Man wird nicht mehr begreifen, wie ein Bruder den an⸗ dern bekriegen konnte mit Feuer und Schwert um schnöden Gewinnstes willen, anstatt sich mit ihm zu verständigen in freiem und offenem Worte— man wird nicht mehr fassen, wie die Sprache, die uns gegeben war, die Gedanken zu offenbaren, die Herzen zu finden und zu verbinden, mißbraucht wer⸗ den konnte, um die Gedanken zu verbergen, zu Trug, Verrat, List und Ränken. Man wird nicht ver⸗ stehen, wie ein Bruder sich besser glauben konn te als sein Bruder, weil diejenigen, aus deren Blute er entsprossen, sich Thaten und Verdienste erwarben, wie Völker einander zerfleischten, weil sie verschieden waren an Sprache, äußerer Bildung oder Hautfarbe, oder weil sie die Güte und Macht des Schöpfers verehrten in einer anderen Form, nach einem andern Ritus!
Das ist ja für das Amtsblatt ganz überraschend vernünftig! Für die Folge wird es also gewiß den
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