Ausgabe 
24.8.1902
 
Einzelbild herunterladen

1% A

bn an οοα˙

ole

8

Lehtung! Fumeler 8e 222 dergewöhnlich

uh 30 Pfg., uschuhl,80 Ml. uh 150 Ml., nopsschuh 2,35 Mk., guürschuh 2.80 Mk., uschuh 70 Pfg. tamiuschuh Big. lbschuh zum 1 3 dalbschn . 3,40 Ml., seusliesel! Ak, nun dleder⸗ sel 4 Ml., dalbschuh ten 4 Mk., halbschuh u 4,50 Ml., sel 5,30. 255 enstiefel ö M/ schuhe d At, 1 und Eties

ima Ibrod aermtistel üer 2 1 5222 2 2 ; 7 2

1 7 1

Nr. 34. Gießen, Sonntag, den 24. August 1902. 9. Jahrg Redaktion:* 0 7 Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Nene el 1 9 1 4 Uhr

e

U

Mitteldeuts che

1 53

5

Abounementspreis: Die Mitteldeutsche

Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.

Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die

finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.

Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. K. 4940) 33% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt,

Juserate 2

Die 5 gespalt Bei mindestens

Militär und Bürgertum.

Das berühmte Gumbinnen in Ostpreußen war kürzlich der Schauplatz einer lärmenden Ovation. Der begnadigte und nach einer Garnison im Westen versetzte Duellmörder Hildebrandt feierte Abschied. Bürgerliche Blätter berichteten darüber:Im Offiziers⸗ kasino in Gumbinnen ging es am Sonnabend flott her. Lustige Weisen gab die Militärkapelle des Artillerie⸗Regiments 1 im Kasinogarten zum besten; wiederholt ertönten Hochs und Hurras. Die Teilnahme der Anwohner stieg, als in der neunten Abendstunde eine Abteilung Artillerie 20 bis 30 Mann zu Pferde in Gala mit Haarbusch anrückte, einen Offizier in vier⸗ spänniger Equipage zum Bahnhof eskor⸗ tierte und sich von dem Insassen des Wagens mit dreimaligem Hurra verabschiedete. Der Jusasse war der soeben begnadigte Duellant Oberleutnant Hildebrandt.An diesem Ab⸗ schieds⸗Diner nahmen auch zwei Generäle teil! Dieses Vorkommnis, daß sich geradezu als eine Verhöhnung der Gesetze und des Rechts⸗ gefühls darstellt, rief natürlich erregte Diskus⸗ sionen in der Presse hervor, verschiedene bürger⸗ liche Blätter trugen tiefe Entrüstung über die Gumbinner Vorgänge zur Schau. Aber ein Hamburger Blatt feierte den Duellant als Märtyrer der Standesehre. Sicher giebt es im Bürgertum weite Kreise, die gleichfalls das Duell als eine notwendige Einrichtung ansehen.

Unser Leipziger Parteiorgan schreibt darüber:

Das Militär nahm früher in Deutschland, namentlich in Süd⸗ und Mitteldeutschland, keineswegs die gesellschaftliche Stellung ein, die ihm heute zugefallen ist. Heute giebt es weite bürgerliche Kreise, die sich um den Um⸗ gang mit Offizieren geradezu reißen. Die Wendung ist mit dem Kriege von 1870 einge⸗ treten. Als das Heer siegreich aus Frankreich zurückkam, hatten sich die Offiziere ganz von selbst eine bevorzugte Stellung in denpatri⸗ otischen, man kann auch sagen nationalliberalen Kreisen des Bürgertums erobert. Die Leute, die täglich und nächtlich in den Häusern die Wacht am Rhein sangen und die besiegten und getöteten Franzosen auf der Bierbank noch einmal besiegten und töteten, waren außer⸗ ordentlich glücklich, wenn sie sich in der leib⸗ haftigen Gesellschaft eines der Sieger von Gravelotte oder Sedan befinden und seine Thaten aus seinem eigenen Mund vernehmen durften. Das weitere gab sich dann ganz von selbst. Diese Wandlung war auch nicht ohne Einfluß auf den Kampf des Militarismus gegen -den Parlamentarismus und Konstitutionalis⸗ mus; das läßt sich leicht nachweisen.

Dazu kamen die Einrichtungen, die zum guten Teil auf die Eitelkeit der Bourgebisie berechnet waren: Die Einjährig⸗Frei⸗ willigen und die Reserveoffiziere. Die Herren Bourgeois lachen zwar im Theater so herzlich wie möglich, wenn daselbst Suder⸗ mannsEhre gegeben wird und die bekannte Stelle vorkommt:Was sind Sie? Leutn int der Reserve!Sonst nichts? aber auch die demokratisch und opposttionell gesinnten Bürger halten sehr viel darauf, daß ihre Söhne, wenn ste als Einjährige gedient, Reserveoffiziere werden, denn das bunte Tuch

schmeichelt eben doch ihrer Eitelkeit und das Leutenantspatent erst recht. Auf diesem Wege ist eine ganz neue Gesellschaftsschicht herangezogen worden, welche sich bemüht, den militärischen Geist und die militärischeSchnei⸗ digkeit in dasCivil hineinzutragen und den Nichtmilitärs großartig damit zu imponieren. Das geht bis zu kleinen Subalternbeamten hinab, die vielleicht es bis zum Gefreiten gebracht haben, aber an ihren Tisch, im Bureau oder am Schalter sichschneidig benehmen und nur den respektieren, der auchgedient hat.

Damit hängt auch die Uniformierung der Vertreter von Berufen zusammen, die sonst weniger auf solche Dinge Gewicht legten. Feuerwehr, Eisenbahnbeamte, Förster, Zöllner überall tritt das Uniformierte mehr hervor, als früher.

Daß in einem Gemeinwesen, wo man so viel auf militärische Aeußerlichkeiten hält, auch die Autorität des Offiziers in gewissen Kreisen eminent steigt, ist selbstverständlich.

Wir wollen von der Vorliebe der Damen des Bürgertums gar nicht reden aber man kann den Offizieren wirklich nicht den Vorwurf machen, daß sie sich der übrigen Gesellschaft aufbrängen. Im Gegenteil, sie sondern sich ab, in ihren Kasinos und in ihren ausgewählten Zirkeln und es ist ihnen dies in der demokra⸗ tischen Presse schon so oft zum Vorwurf gemacht worden. Von unserer Seite ist das gewiß nicht geschehen, aber der größte Teil des Bürgertums reißt sich um die Ehre, sich in Gesellschaft von Offizieren bewegen zu dürfen; man fühlt sich dadurch ungeheuer gehoben; man erkennt die Offiziere als Autoritäten in Fragen gesellschaft⸗ lichen Benehmens und gesellschaftlichen Taktes an; man läßt sich von ihnen über künstlerische und litterarische Dinge belehren kurzum, es hat noch nie eine Zeit gegeben, in der die Autorität des Offizierstandes vom Bürgertum so förmlich sanktioniert und die Minderwertigkeit des Nichtmilitärs vom Bürgertum selbst so zur Schau getragen worden ist, wie heute. Das geht hinab bis zu den Wirten, die das Militär fast immer aufmerksamer bedienen lassen, als andere Gäste, obschon sie keinen besonderen Nutzen davon haben. Und nicht nur Offiziere, auch Unteroffiziere dieStellvertreter Gottes fühlen sich heute ganz anders gegenüber so manchemdämlichen Zivilisten, als etwa vor dem großen Kriege.

Daß das Militär dem Bürgertum gegenüber auf dessen devotes Benehmen die entsprechende Haltung einnimmt, ist ebenso menschlich als selbstverständlich. Und wer die Hoffnung hegt, das Bürgertum würde das Militärhübsch für sich lassen, der täuscht sich ganz gewaltig.

Dazu kommen aber auch noch andere Gründe. Der Kapitalismus braucht die Bajonette zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Giebt es einen großen Streik, dann ist das Militär da, um zu verhüten, daß er zursozialen Revolution werde, wie die Firma Angstmeyer u. Co. stets befürchtet. Und wenn das Militär nicht wäre, so würde der ängstliche Spießbürger überhaupt keinen Moment Ruhe haben und für seinen Geldschrank zittern. Und die Poltizei reicht doch lange nicht mehr aus. Wenn es Unruhen giebt, denkt der Philister: was sollte aus uns werden ohne das Militär?

Nimmt man alle diese Umstände zusammen,

so kann man sich erklären, daß sich die Militärs um die bürgerlichen Anschauungen wenig küm⸗ mern. Und so kommt es auch, daß die Sozial⸗ demokratie in ihrem prinzipiellen Kampfe gegen den Militarismus fast ganz allein steht.

Schon im Jahre 1799 hat Friedrich Wilh. III. von Preußen eine Kabinetsordre erlassen, in der es heißt:Ich habe sehr mißfällig vernehmen müssen, wie besonders junge Offiziere Vorzüge ihres Standes vor dem Zivilstande behaupten wollen. Allein es darf sich kein Soldat unter⸗ stehen, wes Standes und Ranges er auch sei, einen meiner Bürger zu brüskieren. Sie find es, nicht ich, die die Armee unterhalten, in ihrem Brotesteht das Heer der meinen Befehlen anvertrauten Truppen, und Arrest, Kassation und Todesstrafe werden die Folgen sein, die jeder Kontravenient von meiner unbe⸗ beweglichen Strenge zu erwarten hat.

Es hätte für das Bürgertum keinen Zweck, diese Grundsätze heute von neuem einzuschärfen; es fehlt die große Masse des Bürgertums, die danach Verlangen trägt.

Die Sozialdemokratie im Reichstage.

(Siehe die Artikel in beiden vorhergehenden Nummern.)

Bei Besprechung des Marineetats be⸗ handelt der Bericht unserer Reichstagsfraktion eingehend den Marine-Erlaß des Herrn v. Tirpitz. Darin wird mit dürren Worten gesagt, daß der Wassermilitarismus, als er 1899/1900 seine Flottenvorlage einbrachte, nach einem in seinen Grundzügen fertigen Plan handelte, der in Wahrheit eine weit größere Forderung als die aufgestellte vorsah. Dieser umfassende Plan wurde dem Reichstage ver- schwiegen, man ließ ihn in dem Glauben, daß die eingebrachte Vorlage die ganze Forderung sei, während sie doch in Wahrheit nur ein Teil derselben war. Man verstcherte, diese Vorlage sei ausführbar ohne neue Steuern und die Reichstagsmajorität, in dem Glauben, ein ab⸗ geschlossenes Ganzes zu bewilligen, stimmte zu. Die Wasserpolitiker der Regierung steckten schmunzelnd das Bewilligte ein; wußten sie doch besser als der ahnungslose Reichstag, daß das dicke Ende nachkommen werde. Und es wird bald kommen, denn in dem Tirpitz-Erlasse wird die Vorlage einer Novelle zum Flotten⸗ gesetze für 1904 angekündigt. Möglicherweise kommt sie auch noch früher. Unsere Genossen kennzeichneten in gebührender Weise den Vor gang, zeigten, wie der Reichstag hinter's Licht geführt worden war und geißelten das Verhalten der bürgerlichen Parteien, so daß diese wie die geprügelten Pudel aus der Debatte hervorgingen.

Der Kolonialetat erfordert in diesem Jahre bei einer Gesamt⸗ summe der Einnahmen und Ausgaben von 37402 496 Mk. einen Reichszuschuß aus den Taschen der Steuerzahler von 28961600 Mk. Der Bericht führt die Einnahmen und Ausgaben der einzelnen Kolonien an und sagt daun weiter: Besser als lange Ausführungen zeigen diese Zahlen die Wertlosigkeit unseres kolontalen Besitzes, der sich nicht durch seine eigenen wirt⸗ schaftlichen Hülfskräfte, sondern nur durch die Zuwendungen aus den Taschen der deutschen Steuerzahler erhält. Die Kolonialpolitik, die Begleiterscheinung der Marine- und Weltpolitik,

g eee