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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 47. 9
Das Goldmacherdorf.
Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus,. Von Heinrich Zschokke.
(Schluß).
Wie nun drei Tage nach diesem der Sonn⸗ tag kam, da Oswalds Sohn getauft werden sollte, war alles im Dorfe schon früh wach. Oswald aber trat zu seiner Elsbeth an das Bette, küßte die junge Mutter und ihren holden Säugling und sprach:„Sieh' teure Elsbeth, mein Herz bricht vor Freude und Wehmut. Mein Söhnlein, das du geboren hast, macht mir große Wonne; aber noch größere Wonne macht mir der Anblick unseres Dorfes. Und es ist doch wahr, die Menschen sind so böse nicht, und nicht so herzlos, wie man oft sagt. Man soll den Glauben an die Güte der Menschheit nie verlieren. Siehe, in dieser Nacht haben sie unser Wohnhaus wieder mit Blumenkränzen bedeckt und verziert, wie es am Tage unserer Hochzeit war. Aber dabei ist es nicht geblieben. Alle Häuser des Dorfes sind mit Blumen und Zweigen ver⸗ ztert, als wäre unser Fest das Fest jedes Hauses. weg bis zur Kirchtür haben sie grünende Birkenstangen auf beiden Seiten des Kirchwegs gepflanzt und lange Blumenschnürre von Birke zu Birke gezogen, und den ganzen Weg mit grünnendem Laub und allerlei Blumen über⸗ streut.“
So sprach Oswald und die junge Wöchnerin errötete in stiller Rührung, und ihre Augen wurden feucht. Dann sagte sie nur:„Hab' ich doch in der Nacht oft ein Gehen und Sumsen draußen gehört, und wußte nicht, was es gab?“ Sie konnte nicht im Bette bleiben, und mußte auf und ans Fenster gehen und die Herrlichkeiten sehen. Da weinte sie still; denn nichts ist für ein zartes Gemüt rührender, als wenn es den Zusammenklang der Seelen in tugendhafter Erhebung wahrnimmt. Das ist die wahre Vergebung der Menschheit und eine Ahnung.
Als Elsbeth wieder zu ihrem Säugling gegangen war, kamen ihre Eltern, denn sie waren die erbetenen Taufzeugen. Die Müllerin konnte nicht genug sagen, wie ausgeschmückt die Häuser wären, wie lebendig alles im Dorfe sei, und sie rief einmal um das andere
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Und hintem vor unserm Haus hin⸗
aus:„Nein, solch eine Kindtaufe ist in Gol den⸗ thal noch nie geworden! So feiert man ja nicht die Geburt eines Fürsten.“
Und wie sie noch so redete, kam ein ganzer 11. junger Mädchen und Knaben gegen
8walds Haus, sämtlich in Feierkleidern, Paar um Paar. Alle trugen ein kleines Geschenk von ihren Eltern zur Wiege des Neugebornen; die einen schneeweißen Leinwand, die andern Zucker, oder Mandeln, oder Blumen, oder selbstgestrickte Strümpfe oder Handschuhe, die andern niedliches Hausgerät, kleine Bedürf⸗ nisse für Küche und dergleichen. So viele Haushaltungen im Dorfe, so viel Geschenke. Und alle Kinder küßten Elsbeths Hand und sagten: Mutter Elsbeth! und küßten Oswalds Hand, indem sie bloß dazu die Worte sprachen: Vater Oswald! Aber welcher Wohllaut lag für Oswald und Elsbeth in diesem Vater⸗ und Mutternamen! Cs gab keinen einfachern und rührendern Glückwunsch.
Da läuteten alle Glocken mit vollem Klange zur Kirche. Der Säugling ward zur Taufe getragen, er voran; ihm folgten die beiden Großeltern, hintennach der tiefgerührte Vater. Die ganze Gemeinde stand vor der Kirche in weitem Halbkreis, Alt und Jung, und sah den Oswald kommen. Sanft und freundlich sprach alles, wie er vorbei ging an der Menschen⸗ menge:„Guten Morgen, Vater Oswald.“ Dann folgte ihm alles in die Kirche.
Hier hielt der Pfarrer Roderich nach voll⸗ brachter Taufhandlung eine schöne Predigt über die Pflicht öffentlicher Dankbarkeit des Volks gegen eine gute Obrigkeit. Er schien noch nie so begeistert und salbungsvoll geredet zu haben. Wort auf Wort traf die Herzen. Es war im ganzen Volk die tiefste Andacht und wachsende Rührung. Jeder hielt an sich, seine Tränen zu unterdrücken. Als nun der Herr Pfarrer selber die Bewegung seines Gemüts nicht länger zurückzwingen konnte, und ihm unter Tränen der Name Oswald entschlüpfte — da ward lautes, heftiges Schluchzen in der ganzen Kirche. Da nun dachte jeder an das alles, was dieser Oswald der Gemeinde getan und gestiftet: jeder erkannte in ihm den Urheber des allgemeinen Glückes.
Der gute Oswald, sehr verlegen und be⸗ schämt, und doch froh gerührt, konnte kaum aufsehen, da er aus der Kirche ging, und begab
Menge zu seiner Elsbeth. Er konnte kaun reden. Zum Mittagsmahl maren bei ihm seine Schwiegereltern. und der Herr Pfarrer, der Schulmeister und die beiden Mitvorgesetzten. Die erzählten, daß fast in allen Häusern des Dorfes Gastmähler gehalten würden, wozu einer den andern eingeladen habe; die Aermern speiseten bei den Reichern. Oswald schüttelte den Kopf und sprach:„Das ist mir der Ehre allzuviel; ich habe es nicht verdient.“
Doch die allgemeine Freude machte auch ihn wieder froh und wohlgemut. Er gin gegen Abend, begleitet von seinen Gästen, hinaus ins Dorf, und ging da von Haus zu Haus, und setzte sich zu jeder Familie einige Augenblicke und dankte allen für so viel Liebe. Goldenthal war voller Freuden; denn man wußte in der Stadt von dem Feste, und wer konnte, eilte nun hierher, Zuschauer zu sein. Bis in die späte Nacht währte der Tanz der Jugend, man hörte aller Enden Musik und Gesang vor den Häusern, unter der Linde, unter den Blumenkräuzen und in den Gärten.
Man sprach und spricht noch lange zu Goldenthal von diesem schönen Tage. Und Oswald hieß seit demselben nur Vater Oswald, und die liebenswürdige Elsbeth hieß Mutter Elsbeth.
Wahrlich, wahrlich, was im Leben Gutes gesäet wird, das findet endlich immer seinen schönen Erntetag.
Geschichtskalender.
21. 1852: Wiedereinführung des Kaisertums in Frankreich. 22. 1871: Braunschweiger Hochverrats-Prozeß.
1863: Lassalle wegen Hochverrat verhaftet. N
23. 1896: Hafenarbeiterstreik in Hamburg.
24. 1900: Interpellation im Reichstage wegen der 12000 Mk.⸗Affalre. 1632: Baruch Spinoza, N Philosoph,*.
25. 1901: Heinrich Heines Grabdenkmal in Paris ö enthüllt.
26. 1901: Italien. sozialist. Landarbeiterkongreß. 1812: Uebergang des franz. Heeres unter Napoleon über die Beresina.
27. 1897: Marinevorlage veröffentlicht.
28. 1878: Kleiner Belogerungszustand über Berlin verhängt.
29. 1878: Massenaus weisungen aus Berlin. 1798: Prof. Beccaria, Malland, Gegner der Todesstrafe,.
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