Ausgabe 
23.11.1902
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung.

Nr. 47.

Der Weberstreiren Meerane dauert noch fort. Der zweite Versuch des Bürger⸗ meisteramtes, zwischen den streikenden Webern und den Fabrikanten zu vermitteln, ist ebenfalls gescheitert. Beide Parteien waren nach dem Rathause bestellt, doch kam es zu keiner gemeiu⸗ samen Aussprache. Bürgermeister Wirthgen konferierte mit beiden Gruppen getrennt, um dann den Arbeitern die Wiederaufnahme der Arbeit zu empfehlen, da die Fabrikanten zur Anerkennung eines neuen Lohntarifes nicht zu bewegen seien. Ju drei sehr stark besuchten Versammlungen berichteten die Arbeitsausschüsse über die Verhandlungen. Das Ansinnen, die

Arbeit bedingungslos wieder aufzunehmen, wurde entrüstet abgelehnt. f Der deutsche Bergarbeiterver⸗

band hat sich in der letzten Zeit recht erfreulich entwickelt. Die Mitgliederzahl betrug anfangs des Jahres 39000 und stieg bis Anfang No⸗ vember auf 48000. DieBergarbeiter⸗Zeitung, welche diese Zahlen angiebt, hofft, daß bis zum Jahresschlusse 50 000 Mitglieder zu verzeichnen sein werden. Darüber wird sich gewiß jeder aufgeklärte Arbeiter freuen. Trotzdem stehen noch zahllose Bergarbeiter der Gewerkschaft gleichgiltig gegenüber. Auch in unserer Gegend, in Oberhessen, im Dillthale, Westerwald, Sieger⸗ land arbeiten massenhaft Bergleute, von denen kaum einer etwas von Organisation weiß. Da giebt's für uns noch viel Arbeit!

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von Nah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

Ortskrankenkasse. Durch die von der letzten Generalversammlung beschlossenen Statuten änderungen sind, wie wir schon neulich erwähnten, die Leistungen der Kasse in verschiedener Beziehung erhöht worden. Dem § 2 wurde eine Fassung gegeben, wonach sogenannte Gelegenheitsarbeiter, deren Beschäftigung voraus sichtlich weniger als eine Woche dauert, versicherungs pflichtig sind. Diese Aenderung wird zur Folge haben, daß die Bürgermeisterei Gießen die Gemeindekrankenversicherung eingehen läßt und dadurch ist ein Schritt zur Verein⸗ heitlichung der Krankenversicherung gethan. Bei§ 5, der von der Beitrittsberechtigung handelt, wird bestimmt, daß in Zukunft alle im Kommunaldienst beschäftigten, nicht versicherungspflichtigen Personen, selbständige Ge⸗ werbetreibende, Apothekergehilfen und Lehrlinge, Dienst⸗ boten, beitreten können. 5 15 wurde dahin abge⸗ ändert, daß ledige Kassenmitglieder, die in einem Kranken⸗ hause untergebracht werden, in Zukunft ein Achtel des ihrem Krankengelde zu Grunde gelegten Durchschnitts⸗ lohnes erhalten. Seither erhielten sie ein Zehntel des Krankengeldes.§ 22 wird dahin abgeändert, daß den nicht im Bezirke wohnenden Mitgliedern bei Er⸗ krankung ihrer Angehörigen für eine Consultation des Arztes 50 Pf. und für einen Besuch desselben 1 Mk. auf die Rechnung zu vergüten ist; seither gab es nichts. Außerdem wird Sterbegeld für Ehefrauen und Kinder bezahlt und zwar für Erstere die Hälfte des dem Mit⸗ gliede zustehenden Sterbegeldes, für die Letzteren, sobald sie zwischen 6 und 14 Jahre alt sind, ein Viertel und unter 6 Jahren ein Fünftel des Satzes für Mitglieder. Bei 8 31 wurde beschlossen, daß Mitglieder, welche in den letzten drei Wochentagen eintreten für die betr. Woche Beiträge nicht zu zahlen brauchen. Schlteß⸗ lich sei noch erwähnt, daß bei geburtsärztlichen Hilfe⸗ leistungen die Kasse ab 1. Januar 1903 die Honorar⸗ zahlung übernimmt. Seither brauchte die Kasse für derartige Hilfeleistungen nichts zu bezahlen. Die Brotpre ise brachte unser Genosse Krumm

in der letzten Stadtverordnetenversammlung zur Sprache. Er meinte, nachdem die Bäcker zu einem Teile selbst der Meinung sind, daß der jetzige Brotpreis im Verhältnis zu den Mehlpreisen zu hoch ist, sei die Frage am Platze, ob nicht die städtische Verwaltung etwas thun könne, um der Bevölkerung in dieser teueren Zeit wenigstens billigeres Brot zu verschaffen. Es sei Unrecht, wenn die Bäcker an den hohen Preisen festhielten, obgleich einige unter ihnen selbst einen Abschlag befürworten. Es scheint, die Bäcker bilden einen Ring, um künstlich die hohen Preise zu halten und jede gesunde Konkurrenz zu unterbinden. Er möchte nicht gern, daß die Konsumen⸗ ten veranlaßt werden, von auswärtigen Lieferanten zu beziehen; der Ringbildung zum Schaden der Konsumen⸗ ten müsse aber entgegengewirkt werden. Bürgermeister Mecum antwortete, daß er sich mit dieser Frage schon beschäftigt habe, er werde sie der sozialpolitischen Kom⸗

mission unterbreiten und vorschlagen, Brot als Wochen⸗ marktsartikel zuzulassen, wenn nicht ein Abschlag von

die Rede gewesen und darüber lietze sichvielleicht noch reden! Nach weiteren unwesentlichen Bemerkungen wird dieser Gegenstand verlassen. Also einen halben Pfen⸗ nig pro Pfund wollen die Herren gütigst heruntergehen. Und auch das thun sie erst, wenn die Oeffentlichkeit einen Druck ausübt. Im Anzeiger versuchte neulich je⸗ mand in einem Eingesandt darzuthun, daß die Bäcker wirklich nicht viel verdienten, die Forderung eines Brot⸗ abschlags ungerechtfertigt sei. Nun, wir gönnen gewiß jedem Gewerbetreibenden seinen angemessenen Gewinn, meinen aber, die Bäcker brauchten sich nicht zu beklagen. Wir können uns nicht erinnern, daß in Gießen ein Bäckermeister, der sein Geschäft verstand, Bankerott ge⸗ gangen ist, dagegen wissen wir eine ganze Anzahl, die reich geworden sind; wancher konnte sich sogar Grund⸗ stücksspekulationen leisten.

Versammlungen. Nächsten Dienstag, den 25. November, findet abends ½9 Uhr eine öffentliche Holzarbetter-Versammlung im Lokale zumWiener Hof statt, in der besonders die Arbeitsverhältnisse im Schreinergewerbe erörtert werden sollen. Für Mitt⸗ woch, ven 26. November ist eine Gewerkschafts⸗ versammlung in das Lokal Orbig einberufen. Diese soll sich zunächst mit den Wahlen der General⸗ versammlungsvertreter zur Ortskrankenkasse be assen und als zweiter Punkt ist dieSaalfrage auf die Tagesordnung gesetzt. Wir machen auf beide Versamm⸗ lungen aufmerksam.

n. Freie Turnerschaft Gießen. Der neu⸗ gegründete Turnverein macht über alles Erwarten gute Fortschritte; er zählt bereits über 80 Mitglieder. Wer sich noch zu den Gründern des Vereins gerechnet wissen möchte, muß seinen Beitritt noch im Monat November bewirken. Beitrittserklärungen und Beiträge nimmt der Kassierer P. Niewisch, Katharinenstr. 12, jeden Abend, sowie Sonntags vorm. von 1012 Uhr im Turnlokalezum Pfau entgegen.

Aus dem Rreise gießen.

r. Ueber die Aufgabe der Schule haben manche Geistliche merkwürdige Begriffe, so z. B. Herr Dekan Strack in Leihgestern. Dort wurde am Sonntag die neue Schule mit der nötigen Feierlichkeit eingeweiht, wobei natürlich auch verschiedene Reden zu hören waren. Regierungsrat Wagner übergab die Schlüssel der Gemeindevertretung mit dem Wunsche, daß diese Schule eine Pflanzstätte wahrer volkstümlicher Kultur, Bildung und Sitte sein möge. Hatten die Worte dieses Herrn auf die Zuhörer den besten Eindruck gemacht, so ist das von der Rede des Herrn Dekan Strack nicht zu sagen. In seiner längeren Ansprache betonte dieser Herr, daß die Schule die Aufgabe habe, die Kinder zu religösen, gehorsamen Menschen, zu untertänigen Dienern der Obrigkeit zu erziehen. Wir meinen im Gegenteil, daß die Schule die Kinder zu freien, selbständigen, klardenkenden Männern, nicht zu knechtseligen, muckerischen Kreaturen erziehen soll und wir hoffen, daß trotz Herrn Strack in der neuen Schule in diesem Sinne gewirkt wird.

Aus dem Nreise sriedberg⸗Büdingen.

k. Recht viel Beschwerden haben die Einwohner von Rödgen bei Bad⸗Nauheim zu führen. Besonders sind verschiedene Beschlüsse des Gemeinderats Gegenstand herber Kritik. Abgelehnt wurde z. B. der Antrag eines Bürgers, den Weg zu seinem Hause in Stand setzen zu lassen, damit er nicht durch Wasser zu waten braucht; ferner wurde im Sommer der Antrag auf Errichtung eines Bleichplatzes abgelehnt, erst nachdem eine Menge Strafen über verschiedene Einwohner verhängt waren, stellte der Gemeinderat einen Platz zur Verfügung. So sind noch viele Beschwerden, deren Abhülfe sich der Ge⸗ meinderat angelegen sein lassen sollte, wenn er sich das Vertrauen der Gemeindemitglieder erhalten will. Diese sollten aber bei den Wahlen vorsichtiger sein.

Aus dem Nreise Alsfeld-Cauterbach.

e. Die Kreiskonferenz, die am Sonntag in Lauterbach stattsand, war gut besucht. In dem Berichte des Vorstandes wird mitgeteilt, daß leider nur eine größere Versammlung seit der letzten Konferenz statt⸗ finden konnte. Zur weiteren Agitation wurden 6000 Kalender verteilt, die überall gute Aufnahme fanden. An Einnahmen verzeichnet der Bericht 110,32 Mk., Ausgaben 87,37 Mk., es ergiebt sich also ein Ueber⸗ schuß von 22,95 Mk. In den Vorstand des Kreis⸗ wahlvereins wurde Grünewald als Vorsitzender; die Gen. Linn als Schriftführer und Wahl als Kassirer gewählt. Als Kreisvertrauensmann wird Eder⸗Alsfeld bestimmt, nachdem sein Vorgänger eingehend Bericht aber seine Tätigkeit erstattet hat. Zu PunktPresse werden mehrfache Klagen über mangelhafte Zustellung der Mitteld. S.⸗Ztg. vorgebracht. Außerdem wird darüber geklagt, daß die Zeitung öfter als einmal die Woche erscheinen möge; dadurch würde sie eine größere Ver⸗

4 Pf. per Laib erfolge.

Herr Löber meinte, es set in der Bäckerversammlung nur von einem 2.-Abschlig

verein zu verbinden. Nach einen ausgezeichneten Referat des Genossen Wieg andte Alsfeld über die nächste Reichstagswahl, das beifällige. Aufnahme fand, erfolgte Schluß der Konferenz.

(Die Klagen gegen die Redaktion müssen wir als durchaus unberechtigt bezeichnen. Die Alsfelder Genossen berichten leider so wenig, daß wir kaum in die Lage kommen, etwas zu kürzen oder in den Papier⸗ korb zu werfen. Wir würden es im Gegenteil mit Freuden begrüßen, wenn unsere Freunde dort oben und auch anderwärts mehr von sich hören ließen. Daß sich manche Einsendung als un verwendbar erweist, ist nicht unsere Schuld. Doch erinnern wir uns keines Falles, daß eine Alsfelder Korrespondenz zurückgeblieben wäre. D. Red.) 5

Grimme Fehde, geschäftlichen Boykott haben die Schlitzer den Lauterbachern angesagt. Und warum? Weil nicht der Schlitzer, sondern der Lauterbacher Bürger⸗ meister in den Landtag gewählt wurde. Was so eine Wahl doch alles nach sich zieht bei Spießbürgern. Ein Raubmord, der am Sonntag auf der Straße Ilbeshausen⸗Grebenhain an einem früher im Basaltwerk Ilbeshausen beschäftigten Arbeiter namens Zinntritz begangen wurde, hält die Bewohner des Vogelsberges in Aufregung. Im Gebüsch an der Straße wurde Z. mit durchschnittener Kehle aufgefunden, In Verdacht, den Mord begangen zu haben, ist ein Kroate, der flüchtig ist. Dem Mord muß ein starkes Ringen vorausgegangen sein, wie die Spuren unmittelbar an der Staatsstraße zeigen. Neben der Leiche lagen der entleerte Geldbeutel und die Uhrkapsel.

Aus dem Rreise Weßlar.

Oswalt Zimmermann in Dresden, der Häuptling der sächsischen Antisemiten, dürfte kaum wieder im Wetzlarer Kreise, den er 1898 erobern wollte, als Reichstagskandidat aufgestellt werden. Er hat stch vielmehr, nach dem er auch in Dresden als Mischmaschkandidat abgelehnt wurde, in den stark ländlichen 3. säch sischen Wahlkreis geflüchtet, den sein Parteige v osse Gräf gegenwärtig vertritt. Dieser will aber zu Zimmermanns Gunsten verzichten, um ihm zu einem Mandat zu verhelfen. Für Wetzlar wurde uns kürzlich Hirschel als antisemitischer Kandidat genannt. a

h. Mit der Lahnmühle und den dort existierenden Arbeitsverhältnissen beschäftigte sich eine Notiz in Nr. 44, in der öber einen thätlichen Konflikt des Besitzers mit seinem Obermüller berichtet wurde. Dieser Streit fand vor dem Schöffengericht am Freitag sein gericht⸗ liches Nachspiel. Es stellte sich dabei heraus, daß der Freund Obermüller der beste Bruder auch nicht ist, denn er hat schon mehrfache Vorstrafen wegen Körper⸗ verletzung erlitten. Er ist in diesem Falle beschuldigt, seinen Arbeitgeber thätlich angegriffen und beleidigt zu haben. Dafür werden ihm 3 Monate Gefängnis zu⸗ diktiert. Das günstige Zeugnis, was in der damaligen Notiz dem Obermüller ausgestellt war, daß er allgemein als ein ruhiger und anständiger Mensch bekannt sei, wird dadurch allerdings erheblich beeinträchtigt. Wenn aber Herr Amend in einer Zuschrift an uns meint, dem Einsender wäre es nur darauf angekommen, den Arbeitgeber mit Schmutz zu bewerfen, so müssen wir dagegen mit aller Entschiedenheit Verwahrung einlegen. Unser Gewährsmann hat sich stets als durchaus gewissen⸗ haft und zuverlässig erwiesen. Es geht auch nicht gut an, daß Herr A. mit Bezugnahme auf diesen Fall aus⸗ schließlich den Arbeitern die Schuld an den starkem Wechsel in seinem Betriebe aufladen will. Alle Ar⸗ beiter sind doch nicht so renitent?

h. Keine Not der Lan dwirtschaft. Im Wetzl. Anz. Nr. 270 lesen wir:Wie ertragreich die Schweine⸗ zucht in gegenwärtiger Zeit ist, dafür liefert ein Zucht⸗ ergebnis den Beweis, welches ein sehr bekannter und beliebter Landwirt des Kreises zu verzeichnen hat. Ge⸗ nannter Herr hat im Lause eines einzigen Jahres von einem einzigen Mutterschwein so viel Ferkel bekommen, daß er daraus die stattliche Zahl von 800 Mk. sage und schreibe: Achthundert Mark zu erlösen vermochte. Nun also. Beweist, daß die Landwirtschaft, wo sie intensiv betrieben werden kann, gar nicht so unrentabel ist. Die Bündler⸗Lamentationen von der Not der Land⸗ wirtschaft, die stets in das Geschrei nach höheren Zöllen auslaufen, hat aber das Kreisblatt stets unbesehen nach⸗ gedruckt.(Siehe den Artikel unter Pol. Rundschau. Red.)

Herr Burckhard, der Sekretär der Stöckerianer durchquert gegenwärtig den Westerwald, um den 5. nass. Wahlkreis für die Christlich⸗Sozlalen zu bearbeiten und zu erobern. Er tritt natürlich für die Zölle ein,

Darlegungen mundgerecht zu machen sucht. schwach besuchten Versammlung in kannte er sich

breitung erlangen. Dann wurde noch in Anregung gebracht, eine Krankenunterstützungskasse mit dem Wahl⸗

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die er der armen Westerwald⸗Bevölkerung durch unklare In einer

Rabenscheid be⸗ am Montag sogar als Kanalgegner! Gen. unsere Ansicht über die Zollpolitik dar. 1

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