Ausgabe 
23.11.1902
 
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Nr. 47.

Gießen, Sonntag, den 23. November

1992

1002.

9. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

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Der Fluch der Armut.

Es giebt eine stattliche Anzahl wohlklingender Sprichwörter, welche das Wohl der Armut singen; es giebt eine große Religion, deren Stifter die Armut als besonderes Verdienst verherrlicht hat. Es giebt aber auch Gesetzgeber und mit ihnen Gemeindevertretungen, welche unbekümmert und Moral und Christentum ihr Bedauern mit Not und Elend ihrer Mitmenschen dadurch zum Ausdruck bringen, daß sie der Armut noch den Stempel politischer Recht- losigkeit aufdrücken.

Armut ist keine Schande; das hindert aber nicht, daß dem unglücklichen Armenunterstützungs⸗ empfänger gleich einem Zuchthäusler die ohnehin spärlichen politischen Rechte entzogen werden. Wochen lang hat er ein Opfer der Krisis, ausgebeutet durch die schrankenlose kapitalistische Begehrlichkeit gekämpft, gerungen und ge⸗ litten, uur um sich und die Seinen ohne die infamierende Armenunterstützung durchzuschlagen. Als der industrielle und gewerbliche Absatz noch flott von Statten ging, da durfte er in auf⸗ reibenden Ueberstunden seine Kräfte im Dienste des Unternehmertums bis zum Zusammenbrechen ausnützen. Winkten ihm doch einige Pfennige mehr Lohn, hoffte er doch, in ruhigen Zeiten sich und den Seinen etwas mehr Sonnenschein gönnen zu können, als sonst dem Arbeiterlos beschieden ist. Dabet vergaß er, daß der un⸗ verhältnismäßige Kräfteverbrauch in den Ueber stunden nie wieder ersetzt werden kann; dabei übersah er, daß er durch seine Ueberstunden⸗ arbeit mit zur Ueberproduktion beitrug und unbewußt am Grabe seiner eigenen Arbeits- thätigkeit schaufelte.

Mit Macht bricht die Krisis herein, und der Arbeiter, diese edle und doch so wertlose mensch⸗ liche Maschine, fliegt als Opfer der anarchischen bürgerlichen Produktionsweise aufs Pflaster. Was liegt daran? Kommen günstigere Zeiten, so finden sich neue Tausende fleißiger Hände; jetzt ist die günstigste Zeit für eine kräftige Ausbeutung der Frauen-, ja selbst der Kinder⸗ arbeit. Was kümmert sich die bürgerliche Gesellschaft darum, was aus den ungezählten Schaaren Arbeitsloser wird. Ist doch die Arbeitslosigkeit gleichbedeutend mit Arbeitsscheue, ist sie doch nur ein künstliches Gebilde sozialisti⸗ scher Hetzer! Die bürgerliche Gesellschaft sieht ja den Arbeiter in der Vorstadt nicht, will den Arbeiter nicht sehen, der arbeitslos, verdienstlos mit der Verzweiflung ringt. Ueber Ersparnisse verfügt er nur in seltenen Fällen. Woher sollten sie auch kommen, wenn der Arbeiter nur so viel erhält, um sich notdürftig durchzu⸗

-schlagen! Woher sollten sie kommen, wenn

Weib und eine mehr oder minder zahlreiche Kinderschaar zu Hause nach Brot und Kleidung schreien? Und unermüblich läuft der Arbeiter da und dorthin, in der Hoffnung, doch wieder Arbeit zu finden. Er muß ja Arbeit finden; denn wer nährt seine Kleinen, wer kleidet sein armes, abgehärmtes Weib? 5 Aber überall findet er verschlossene Thüren, bald bedauernd, bald gleichgiltig, bald höhnisch weist man ihn ab. Mag er sehen, wie er aus Steinen Brot gewinnt, wie er aus Fetzen Kleider schafft, wie er für sich und seine Familie ein kümmerliches Obdach bekommt. Da bricht wohl

manches Menschenherz entzwei, das auch unter dem schlechten Arbeitsrock für alles Gute und Schöne warm geschlagen, da frägt wohl manches Mutterherz, was die armen Kinder verschuldet, daß sie nicht einmal an trockenem Brot sich satt essen können? Und wenn so ein abgehetztes, darbendes Menschenkind an den wohl gefüllten, mit allen Herrlichkeiten und Leckerbissen aus⸗ gestatteten Schaufenstern vorbeigeht, während zu Hause die Kleinen nach Brot und Milch schreien, wenn so ein Verstoßener den Reichen in gummiberädertem Wagen dahinfchren sieht, von Fürstendenkmälern, Staatskarossen, schönen Trostreden und Brotaufschlag hört, dann bleibt ihm ja noch das Jenseits, das ihm seine Kirche in Aussicht stellt, und Staat und Gemeinde, die von Gott gewollte Obrigkeit!

Es wird Winter, und immer höher steigt die Not; zum Hunger gesellt sich als ebenbürtige Schwester die Kälte. Und keine Arbeit für den verzweifelnden, hungernden und frierenden Ar beitsmann! Ja, wäre er allein, ohne Familie, so könnte er zum Wanderstab greifen, er könnte diesem Elendsdasein durch einen gefundenen Strick ein rasches Ende bereiten; aber Frau und Kinder, die binden ihn fest, die klammern sich an ihn an als ihren einzigen Halt. Er hat dem Staat als Soldat gedient, er hat seine Steuerpfennige entrichtet, er hat jederzeit seine Verpflichtungen gegen seine Mitarbeiter, seine Mitmenschen und die Gesammtheit treu erfüllt. Wäre es da nicht ein Gebot elemen⸗ tarster Gerechtigkeit und Menschenpflicht, daß sich diese Gesammtheit auch seiner und seiner Familie vorbehalts- und bedingungslos annimmt, um sie vor dem Aeußersten zu bewahren?

Aber wie erfüllt der Vater Staat diese seine Pflichten?

Dem Reichen eröffnet er Aemter und Ehrenstellen und sichert ihm Prämien und Zölle; dem Darbenden aber bietet er mit der einen Hand ein Stück trockenen Brotes, um ihm mit der anderen das einzige Arbeiterrecht, das Wahlrecht, zu entreißen! Kein Arbeiter würde freiwillig auf dieses Grundrecht ver⸗ zichten. Darum ist es nötig, ihm die Pistole auf die Brust zu setzen, ihn dann rechtlos zu machen, wenn er friert, wenn er hungert, wenn er der physischen und seelischen Vernichtung nahe ist. Dann ist die Zeit für den christlichen Staat gekommen, dann schleicht die bürgerliche Nächstenliebe des Klassenstaates heran, um dem Arbeiter die Wahl zu lassen zwischen dem Untergang und dem Verzicht auf sein politisches Recht. Wohl ist der Kampf schwer; aber zuletzt siegt doch der Wunsch zu leben; zu leben für sich, zu leben für seine Familie, und in gieriger Hast greift der Hilflose nach dem ihm hingehaltenen Stück Brot, während der Vater Staat ihn schmunzelnd aus der Liste der Wahlberechtigten streicht.

Und freudig stellen Staat und Gemeinde fest: Wieder ein Gegner weniger! Ja, in der Liste der Wähler; aber ein Ankläger mehr in der Zahl Derjenigen, welche der bürgerlichen Gesellschaft die Totenglocke läuten!

(Fr. Tagespst.)

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Der Zollkampf im Reichstage.

Zoll⸗Verständigung.

Der Kuhhandel zwischen den Wucher⸗ zöllnern und der hohen Reichsregierung ist im vollen Schwange. Ein bestimmtes Ergebnis liegt allerdings noch nicht vor, doch gewinnt es mehr und mehr den Anschein, daß die Agra⸗ rier mit wenigen Ausnahmen umfallen und sich auf die Regierungsvorlage zurückziehen. Nachdem schon seit längerer Zeit ziemlich in Verständigungsversuchen gemacht wurde, haben am Samstag bei einem vom Reichstagspräsi⸗ denten Ballestrem gegebenen Essen offizielle Verhandlungen zwischen der Regierung und der Reichstagsmehrheit stattgefunden. Die Bemüh⸗ ungen der anwesenden Minister gingen selbst⸗ redend in der Richtung, die Mehrheitsparteien möglichst zur Annahme der Regierungsvorlage mit möglichst geringen Konzessionen zu bewegen, während die Bemühungen der Mitglieder der Mehrheitsparteien dahin gingen, möglichst große Konzessionen zu erlangen. Nach neuerlichen Mit⸗ teilungen verschiedeuer Blätter wären die Kom⸗ promißverhandlungen vollkommen gescheitert. Die Regierung habe bestimmt erklärt, daß sie nicht über den Entwurf hinausgehen könne, sie erwarte vielmehr von dem Patriotismus der Agrarier, daß sie die Vorlage so wie ste ist, annehmen. Man komme den Agrariern mit Patriotismus! Darauf pfeifen sie, wenn sie sich nicht dabei die Taschen füllen können! Thatsächlich herrscht also noch keine Einigkeit zwischen Regierung und Wucherzöllner. Diese tiefgehenden Differenzen sind für das Zustande⸗ kommen des Zolltarifs weit gefährlicher als die sogenannte sozialdemokratischeObstruktion, welche die bündlerischen Organe für sein Scheitern verantwortlich machen. Von einer Obstruktion kann übrigens gar keine Rede sein. Die Zöllner nennen aber jede Bekämpfung des Tarifs Ob⸗ struktion und suchen damit bei dem Volke unsere Partei ins Unrecht zu setzen.

* 5* Vergewaltigung

der Minderheit, Schmälerung der parlamenta rischen Rechte ist für die Wucherparteien das einzige Mittel, sich die langersehnte reiche Beute zu sichern. Sie haben denn auch die Aende⸗ rung der Geschäftsordnung des Reichstages durchgesetzt. Dieselbe Gesellschaft, welche den Sozialdemokraten vorwirft, daß sie denParla⸗ mentarismus schädigen, wenn sie nicht die Wucherzölle in Bausch und Bogen bewllligen, sondern wenigstens beraten wissen wollen, tastet die Verfassung des Reichstags, seine Ge⸗ schäftsordnung an, um den Junkern den Raub heimzubringen! Eine erbärmlichere Heuchelei ist noch nicht vorgekommen, als sie in den Gründen zu Tage trat, die von den Junkern und Pfaffen für die Aenderung der Geschäftsordnung ange führt wurden. Das wären gerade die rechten Leute, die Würde des Parlamentes zu wahren! Sie sind viel eher zum Staatsstreiche, zur gänzlichen Beseitigung der kümmerlichen Volks⸗ rechte, über die wir noch in Deutschland ver fügen, bereit. Verschiedene Reaktionäre drohen bereits mit weiterer Aenderung der Geschäfts ordnung in dieser Richtung und konservative Preßorgane plaidieren ja schon längst für die

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