Ausgabe 
23.3.1902
 
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Nr. 12. Gießen, Sonntag, den 23. Mürz 1902.

Mitteldeutsche

Sonntags⸗Zeitung.

9. Jahrg.

Redaktionsschlußz: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Pfahlbürgertum, das in den konservativen, an⸗ tüsemitischen und klerikalen Parteien seine poli⸗ tische Vertretung sieht, welches dem Reichstags⸗ Wahlgesetz, das auch dem Arbeiter Stimmrecht verleiht, innerlich längst die Freundschaft ge⸗ kündigt hat. Aeußerlich merkt man davon nicht viel. Der Entrechtung der Arbeiterschaft wagt mian öffentlich noch nicht so das Wort zu reden. Aber doch konnte man schon wiederholt um Aleußerungen von Führern der obengenann⸗ den Parteien erkennen, daß es bis in die linken Reihen der Nationalliberalen hinein Gegner des Reichstagswahlrechts giebt. Waren doch l Sachsen sogarJortschrittler mit auf der Seite der Wahlrechtsräuber! Und erst kürzlich brach sich derVolksmann Böckel in ähnlichem Sinne aus.

Vor allen Dingen sollten sich aber doch die Gelehrten nicht dazu hergeben, die Volksent⸗ techtung nochwissenschaftlich begründen zu vollen. Diesen Versuch machte aber kürzlich n solcher. Während der bekannte Professor Mrentano in München bei einer über das fbalitionsrecht der Arbeiter die in Preußen⸗ Deutschland thatsächlich herrschende Rechtsun⸗ leichheit für Unternehmer und Arbeiter scharf seißelte, hat ein anderer akademischer Lehrer in einer deutschen Uinversität die Gedanken herGebildeten bezüglich der Arbeiterbewegung und Wahlrechtsfrage enthüllt.

Vor einigen Wochen hat Dr. Joh. Con⸗ ad, Professor der Nationalökonomie an der miversttät Halle einen Zyklus öffentlicher lorträge über die soziale Frage gehalten. Der Nann gehört zur nationalliberalen Partei. In einen Vorträgen hat er, wie unser Hallenser Jarteiblatt berichtete, Ansichten vorgetragen, die ir die Beurteilung seiner Partei außerordent⸗ ih wertvoll sind. Im Reichstag, in Versamm⸗ lungen und bei anderen Gelegenheiten haben die Führer der nationalliberalen Partei stets häufig mit besonderem Nachdruck sich cer den Vorwurf verwahrt, sie seien Feinde 8 allgemeinen, gleichen Wahlrechts für den leichstag. Herr Conrad hat nun diese Be⸗ eterungen Lügen gestraft. Er ist nicht nur eit, das Reichstagswahlrecht in reaktionärem Eine zu ändern, er hält eine solche Aenderung ir eine Selbstverständlichkeit.

In zwei Vorträgen beschäftigte sich Conrad t der Sozialdemokratie. Er hält die Lozialdemokratie und ihre Agitation für be⸗ higenswert und gefährlich. Eine politische Ifahr sieht Herr Conrad in der Sozialdemo⸗ tie nicht; nach vieser Richtung hin hält er usere Partei für absolut bedeutungslos, und 1 bedauert, daß sie von allen Seiten überschätzt bede. Es sei beklagenswert, daß Viele sich uin einer weiteren Ausbreitung der sozialdemo⸗ luttischen Partei bangen, sich ängstlich die

waltsame, blutige Erhebung, und sich davor fürchtet, dann kennt man unser Staats- und Heerwesen schlecht. Unser Staatswesen ist so festgefügt, unser Heerwesen so gut und straff organistert, daß die Sozialdemokratie nie etwas ausrichten wird. Für ihn ist es gar nicht zweifelhaft, daß bei der großen Masse der So⸗ zialdemokraten die Absicht zu einem gewalt⸗ samen Vorgehen vorliegt;es fehlt ihnen nur die Macht, ihre Absicht zu verwirklichen. So weit der Hallenser Professor.

Die Freunde und Verteidiger des allgemeinen, gleichen Reichstagswahlrechts, besonders die Ar⸗ beiterklasse, haben alle Veranlassung, dem Herrn Conrad für seine Bekenntnisse dankbar zu sein. Man weiß doch wenigstens, woran man ist! Ihrer ganzen sozialen Stellung nach muß die Masse der Nationalliberalen solche Staats⸗ streichpläne in noch ausgesprochen entschiedener Weise hegen und pflegen wie Conrad. Dieser ist doch immer noch eingebildeter Mann, der sich auch den Schäden der kapitalistischen Wirt⸗ schaftsordnung nicht verschließt, er ist auch materiell nicht so an der Aufrechterhaltung der jetzigen Zustände interesstert wie dieMänner der Praxis, die Großkapitalisten und Gruben⸗ barone der nationalliberalen Partei. Es geht seit Langem etwas vor im Schooße der herr⸗ schenden Klasse, dunkle Pläne werden gesponnen, Anschläge vorbereitet. Das, was der Hallen⸗ ser Professor, eineLeuchte der Wissenschaft, bekannt hat, muß wie eine Fanfare wirken, die tönend zum Sammeln und zur Kampfbereit⸗ schaft auffordert. Und sie wird so wirken, da⸗ rauf mag sich der Hallenser Professer und sein politischer Anhang verlassen!

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Und wie verhalten sich die Gegner zur hessischen Wahlrechtsvorlage? Da ließen sich ebenfalls schon mehrere Stimmen aus na⸗ tionalliberalem und antisemitischem Lager vernehmem, die sich gegen die Einführung des direkten Wahlrechts zum Landtage aussprachen. Vor einigen Wochen wurde die Frage im Darmstädter nationalliberalen Verein diskutirt, wobei sich verschiedene Redner mit nichtigsten Gründen gegen die Vorlage wandten. So wurde gesagt, der Zweck des indirekten Wahl⸗ rechts seidie Intelligenz jedenfalls der Abgeordneten zu verdichten. Bei der direk⸗ ten Wahl werde oft ein Abgeordneter den Wählern aufgezwungen,den kein Mensch kenne. Solcher und ähnlicher Blödsinn wurde in der Versammlung der Drehscheibenmänner verzapft, welche schließlich ihre Weisheit in dieWarung zusammenfaßten, daß man der, Wahlrechtsvorlage nicht ohne Vorbehalte zustimmen solle. Auch die antisemitischen Mittelstandsretter und Bauern⸗ freunde wollen nach Aeußerungen eiuiger der

Bc Politische Rundschau.

Gießen, den 21. März.

Was wird bei der Zollkommission her⸗ auskommen?

Ueber die Arbeit der Zolltarifkommis⸗ sion brachte der Vorwärts am Sonntag einen Leitartikel. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, daß wie sich auch die Zollauseinandersetzung entwickeln möge, es sicher sei: Die Kommis⸗ sion arbeitet für nichts. Giebt man ihr Diäten, wozu die Zollopposition nicht die Hand bieten wird, so wären diese Diäten der einzige positive Ertrag der ganzen Zollbemühung; die Einstreichung dieser Dläten durch die Zoll⸗ wucher⸗Parteten würde das heillose Wucherwerk mit vollendeter Lächerlichkeit krönen. Daran knüpft der Vorwärts diese Mahnung: Ferner aber steht schon heute unerschütterlich fest, daß die deutschen Wähler Gelegenheit erhalten werden, ihr Votum über die Zollfrage zu sprechen.

Mit dieser Thatsache hat insbesondere die Sozialdemokratie zu rechnen. Für die Zoll⸗ Neuwahlen vorzubereiten, ist jetzt unsere un⸗ mittelbarste Aufgabe, zu deren befriedigender Lösung kein Tag versäumt werden darf.

Die Befestigung und Ausdehnung der Or⸗ ganisation in den einzelnen Wahlkreisen, die Sammlung von Geldmitteln, die Aufstellung von Kandidaten, wo solche noch nicht vorhanden sind, muß mit allem Nachdruck betrieben werden!.

Es wird gelten, einen Wahlkampf zu führen, wie bisher die Partei noch keinen zu führen hatte. Die Brot- und Lebensmittelwucher⸗Par⸗ teien werden alles aufbieten, um sich im neuen Reichstag die Mehrheit zu sichern. Das muß, koste es, was es wolle, verhindert werden. Die Wahlparole ist die beste, die wir uns wünschen können. Es handelt sich um die Brot- und Lebensinteressen der großen Volks⸗ mehrheit, die es zu verteidigen gilt gegen die Raub⸗ und Beutepolitik der Junker und Junker⸗ genossen. Dieser mit allen zu Gebote stehenden Kräften entgegenzuwirken ist Selbsterhaltungs pflicht des gesamten Proletariats!

Neue Schiffs⸗Kanonen.

Wie unserm Leipziger Parteiorgan mitge⸗ teilt wird, baut Krupp in Essenauf eigenes Risiko Marine⸗Geschütze jeglichen Kalibers in ganz neuen Typen. Man erinnert sich, daß bei der Artillerievorlage von 1897 Krupp die neuen Kanonen schon ff dase be hatte, als die Regierung die Mittel dafür bei Reichstag anforderte. Auch damals wurde erklärt, Krupp habeauf eigenes Risiko fabriziert, und es