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23.2.1902
 
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Nr. 8.

Gießen, Sonntag, den 23. Februar 1902.

9. Jahrg.

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5 Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

tags⸗Jeitung.

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Stadt und Land.

Wie es schon Bismarck einmal that, beklagen heute viele Agrarier das Wachstum der Großstädte. Auch Graf Posadowsky erklärte es neulich bei Beantwortung der sozialdemo⸗ kratischen Interpellation über die Arbeitslosigkeit für ein schweres Uebel. Es sei kein erfreulicher Zustand, führte er aus, daß in den Großstädten in Folge des industriellen Aufschwungs sich die Bevölkerung immer mehr vermehre und das platte Land sich entvölkere. Von einer gesetz⸗ lichen Beschränkung der Freizügigkeit will er gleichwohl nichts wissen zur Zeit, möchten wir vorsichtig hinzusetzen. Dagegen soll dem Uebel dadurch gesteuert werden, daß man für die Landwirtschaft erträgliche Verhältnisse schafft, d. h. durch Erhöhung der Agrarzölle. Gegen diese Ansicht wandte sich kürzlich unser Stutt⸗ garter Parteiorgan in einem längeren Artikel mit folgenden sehr zutreffenden Ausführungen: Wie illusionär die Behauptung ist, daß höhere Getreidepreise eine Lohnsteigerung für land⸗ wirtschaftliche Arbeiter im Gefolge haben wür⸗ den, ist schon häufig dargethan worden. Im Gegenteil unterliegt es keinem Zweifel, daß ein etwaiges vermehrtes Arbeitsangebot auch unter Hochschutzzöllen die Arbeitslöhne senken wird. War es für die Industriearbeiter unter der Hochkonjunktur schon schwer genug, sich durch ihre Organisationen bessere Arbeitslöhne und Arbeitsbedingungen zu erkämpfen, um wie viel mehr den landwirtschaftlichen Arbeitern, für die das Koalitionsrecht nicht existiert.

Aber die Löhne sind es gar nicht allein, die den Zug in die Städte verursachen. Die Anziehungskraft der letzteren hat in noch allerlei andern Umständen ihren Grund. Wobei wir aber keineswegs den Hang zur Ungebundenheit und die Vergnügungssucht im Auge haben, womit agrarischerseits so gern gekrebst wird.

In Bezug auf die wichtigsten Lebensbezieh⸗ ungen sind die Großstädte den ländlichen Ort⸗ schaften weit überlegen. Sie sind Zentren der modernen Kultur, von der die Dörfer nur schwach beleckt sind. Sie sind nicht allein die Stapelplätze der neuesten Erzeugnisse der In⸗ dustrie, auch die Quellen des Wissens und der Aufklärung fließen da reichlich und die künst⸗ lerischen Darbietungen sind mannigfaltig und häufig. Um wie viel besser ist auch das Ge⸗ sundheitswesen in den Städten bestellt, so viel hierin auch noch zu geschehen hat, als auf den Dörfern. Aerzte sind in Menge vorhanden, während auf dem Lande oft in dringendsten Fällen der einzige Arzt lange nicht aufzutreiben ist, wenn er anderweitig in Anspruch genommen ist. An gut eingerichteten Spitälern fehlt es in der Stadt nicht und nicht an geschulten Personen für die häusliche Krankenpflege.

Diese und noch allerlei andere Vorteile des Stadtlebens, wie die größere persönliche Freiheit und die besseren Gelegenheiten zur Geselligkeit und namentlich auch zur Gründung eines selbst⸗ ständigen Haushalts, neben den vielerlei Be⸗ schäftigungsmöglichkeiten, locken Diejenigen in die Stadt, die nicht beruflich oder familiär an die Scholle gebunden sind, ganz besonders, wenn sie als Soldaten das Stadtleben geschmeckt haben; wiewohl auch das Landleben seine Vor⸗

züge besitzt, namentlich sofern man der Natur näher ist. Nicht allein der niedrige Arbeits⸗ verdienst, sondern wesentlich auch die kultu- relle Rückständigkeit des platten Landes erklärt die vielbeklagte Landflucht. Allerdings ist das stetige Anwachsen der Großstädte bei steigender Entvölkerung des platten Landes ein ungesundes Verhältnis. Aber es ist ein sekundäres Uebel, denn es ist die Wirkung des ungesunden Verhältnisses zwischen Stadt und Land, des schroffen Gegensatzes zwischen beiden, der selbst mit der Natur des Klassen⸗ staats aufs Engste zusammenhängt und erst mit diesem verschwinden kann.

Die Aufhebung der Scheidung von Stadt und Land ist keine Utopie, schreibt Engels und begründet das eingehend gegen Dühring, der sich von der gegenteiligen Vorstellung nicht loslösen konnte.

Im gleichen Sinne Kautsky in derNeuen Zeit:Die sozialistische Aufhebung der Waren⸗ produktion macht es möglich, dem Zusammen⸗ strömen der Bevölkerung in den Städten ent⸗ gegenzuwirken und sie wieder gleichmäßiger im Lande zu verteilen. Und da der Kulturmensch von stets wachsender Sehnsucht nach der Natur erfüllt ist, da die gleichmäßige Verteilung der Bevölkerung hygienisch und technisch die mannig⸗ faltigsten Vorteile mit sich bringt und jeder ökonomische Grund zur Konzentration der Be völkerung an wenigen Punkten durch die sozia⸗ listische Regelung der Produktion beseitigt wird, haben wir alle Ursache anzunehmen, der So⸗ zialismus werde zur Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land führen.

Der Sozialismus erst wird das platte Land von seiner kulturellen Rückständigkeit erlösen, die Errungenschaften der modernen Kultur auch ihm zuwenden und seine Gleichstellung mit den von ihren eigentümlichen Uebeln befreiten Städten herbeiführen.

um den Zolltarif.

Lebhafte Debatten in der Zoll⸗Rom⸗ mission. Vorigen Freitag kam es in der Sitzung der Zolltarifkommission zu einem ge⸗ hörigen Krach, der durch das terroristische Vor⸗ gehen der Vorsitzenden, des Junkers Kardorff veranlaßt wurde und zu dessen Abdankung führte. Die Kommission nahm trotz des Wider⸗ spruchs der Regierung mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Freisinnigen und So⸗ zialdemokraten den Antrag an, das Zolltarif⸗ gesetz durch kaiserliche Verordnung mit Zu⸗ stimmung des Bundesrates spätestens am 1. Januar 1905 in Kraft treten zu lassen. Der Vorsitzende ließ nun ohne Weiteres und unter Mißachtung der Geschäftsordnung dar⸗ über abstimmen, daß die Anträge Gotheins, die eine Untersuchung über landwirtschaftliche Verhältnisse bezweckten, bis nach der zweiten Beratung zurückgestellt werden sollten. Damit sollte die Minderheit überrumpelt werden. Sofort verlangten die Vertreter der Linken das Wort zur Geschäftsordnung. Aber jede Ge⸗ schäftsordnungsdebatte wurde vom Vorsitzenden verweigert, weil er schon in der Abstimmung

sei. Nun kannte die Erregung keine Grenzen

mehr, es wurde mit den Fäusten auf den Tisch geschlagen und Abgeordneter Stadt hagen ergriff den Stuhl, auf dem er gesessen und stampfte mit ihm auf den Boden, dessen Teppich den Schall freilich dämpfte. Um so gewaltiger tönten die Stimmen. Weit draußen auf dem Korridor hörte man die Rufe: Despotismus, Terrorismus,Das ist die wahre Obstruktion,wir lassen uns nicht vergewaltigen,Sie sollen Hüter, nicht Brecher der Geschäftsordnung sein. Im Saale selbst gerieten die Gruppen um ein Haar körperlich aneinander, auch die Begütigungsversuche fruchteten nichts:Be⸗ ruhigen Sie sich dochSeien Sie selber ruhigWir lassen uns das nicht gefallen, schwirrte es hinüber und herüber. Die Regse⸗ rungsvertreter sahen sich zum Teil mit unver⸗ hohlenem Vergnügen das aufgeregte Bild an. Keiner von ihnen wich vom Platze.

Trotz des Tumultes ließ Herr v. Kardorff über den Antrag Müller-Fulda abstimmen. Dafür stimmten jedoch nur vier Mitglieder. Dies faßte Kardorff als Mißtrauensvotum auf und legte den Vorsitz nieder. Er war mit seiner Gewaltpolitik abgeblitzt.

Nun blieben die Kommissionsmitglieder noch zu einemgeselligen Beisammensein, wie Singer es humoristisch nannte, zusammen. Man unter⸗ hielt sich über Kardorffs Nachfolger. Ernsthaft kam der Konservative Rettich in Betracht, da das Zentrum keine Lust hatte Kardorffs Erb⸗ schaft anzutreten.

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Der Kubhandel beginnt. Wie berichtet wird, soll einKompromiß, eine Verstän⸗ digung innerhalb der agrarischen Mehrheit der Zolltarifkommission zu Stande gekommen sein. Die Schutzzöllner hätten sich über die Höhe der Getreidezölle geeinigt. Darnach sollen als Maximalsätze gelten Mk. 7,50 für Weizen, Mk. 7 für Roggen, Hafer und Gerste. Als Minimal sätze wollen die Herren für Weizen Mk. 6(Regierungsvorlage Mk. 5,50), für Roggen, Hafer und Gerste Mk. 5.50(Regie⸗ rungsvorlage Mk. 5.5 und 3) haben.

DieserVerständigung haben sich ange⸗ schlossen die Kommissionsmitglieder des Zentrums und der Konservativen, mit Ausnahme des Herrn v. Wangenheim, der sich der Abstimmung enthalten will; hierzu tritt noch ein Mitglied der Nationalliberaten, wahrscheinlich Heyl v. Herrusheim. Das sind insgesamt 14 Mitglieder, die, wenn Herr v. Wangenheim sich der Ab⸗ stimmung enthält, das Kompromiß in der Kommission mit einer Stimme Majorität durchsetzen könnten.

Wenn die Kommission die hier vorgeschlagenen Zollsätze annimmt, so kann die Regierung ihre Vorlage nur gleich zurückziehen, denn der Ab⸗ schluß neuer Handels verträge wäre dann eine absolute Unmöglichkeit. Die Sozialdemokratie steht natürlich diesem Kuhhandel kühl bis ans Herz hinan gegenüber. Sie bekämpft nicht nur fede Erhöhung der Getreidezölle, sondern diese überhaupt und wird alles daran setzen, um die Auswucherung des Volkes, wie sie auch in

dieserVerständigung liegt, zu vereiteln.