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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 25.
niederträchter Betrüger bezeichnet werden, der sich nicht scheute, so viele kleine Leute um ihre sauer verdienten Ersparnisse zu bringen. Um zu betrügen, hat der Angeklagte die Ehren⸗ stellen angenommen, um zu betrügen, hat er Frömmigkeit geheuchelt, ist alle Tage zur Kirche gelaufen; das kennzeichnet wieder seine niederträchtige Gesinnung. Er ist ein erbärmlicher Heuchler, der eine scharfe Strafe verdient.“ Der Verteidiger versuchte, seinen Klienten gegen den Vorwurf der Heuchelei in Schutz zu nehmen; Thören sei nicht aus Osten⸗ tation zur Kirche gegangen, sondern aus dem Herzensbedürfnis, sein Inneres zu erleichtern h), da er Jahre lang unter den Verhältnissen gelitten und ein Jahrzehnt lang den Druck des Unrechtes mit sich herumgetragen habe.— Der Staatsanwalt erwiderte hierauf:„Ich habe wohl geglaubt, daß der Vertetdiger die Ver⸗ brechen des Angekagten in milderem Lichte dar⸗ stellen würde, aber ich habe nicht geglaubt, daß er so weit gehen würde, den Angeklagten zum redlichen Manne herauszustreichen. Der An⸗ geklagte war schon im Jahre 1886 ein ge⸗ meiner Fälscher, dem nur ein gewissenloser Auf⸗ sichtsrat, der niemals die Bücher ordnungs⸗ mäßig revidirte, es möglich gemacht hat, den Schwindel so lange zu betreiben. Er ist nicht das Opfer seiner Täuschungen geworden, sondern er hat Andere getäuscht. Die Sparer, so viele kleine Leute, sind die Opfer seiner Täuschung geworden. Er hat getäuscht durch seine Ehren⸗ ämter; um zu täuschen, ging er in die Kirche, nicht um sein Herz zu erleichtern. Ich bleibe dabei: der Angeklagte ist ein Heuchler, ein gemeiner Mensch.“— Wenn so der Staats⸗ anwalt den Ordnungsmann charakterisiert, muß es wohl zutreffend sein. Die gescheitelten und geschorenen Mucker sind sich überall gleich. Eine Brunnenaffäre, ähnlich der, wodurch Elberfeld in der ganzen Welt lächerlich gemacht wurde, scheint sich in
St. Johann herauszubilden. Ein reicher Bürger
hatte dort 20000 Mk. zu einem Monumen⸗ talbrunnen gestiftet. Dieser Brunnen, der zwischen dem Rathause und der evangelischen Johanneskirche steht, zeigt den sagenhaften Telemach, den Sohn des Odysseus, in böllig nackter Darstelluug. Das ißt
ist nun die Veran⸗ lassung, daß die ultramontaue Presse gegen dieses Kunstwerk in blindem Fanatismus zum Sturm bläst und als Verfechterin der guten Sitten aufzuspielen sich erdreistet. Die Geschtchte ist denn auch schon so weit, daß sie im Stadt⸗ verordnetenkollegium zur Verhandlung kommt. Die gute Stadt Elberfeld läuft vielleicht Ge⸗ fahr, von St. Johann übertroffen zu werden in der Kunst, sich unsterblich zu blamieren.
Edelste der Nation.
In Hildesheim lebte seit einiger Zeit Dr. v. Wedelstädt, Assistent an der landwirt⸗ schaftlichen Versuchsstation, mit seiner Gattin. Obgleich das Amtseinkommen des Ehepaares nur 800 Mark pro Jahr betrug, wurden kost⸗ spielige Anschaffungen gemacht und eine teuere Wohnung gemietet. Es stellte sich aber bald heraus, daß das Ehepaar lediglich auf Kredit lebte, den es sich dadurch zu verschaffen wußte, daß es angab, der Vater des Ehemannes sei ein hochstehender Regierungsbeamter in Pots⸗ dam— in Wirklichkeit ist er Geh. Rechnungs⸗ rat bei der Oberrechnungskammer daselbst— und die Ehefrau verfüge über große Besitzungen im Osten, die angeblich aus ihrer ersten Ehe mit einem bei Hofe bestens akkreditierten Offizier der Potsdamer Garnison herrühren sollten. Ferner rühmte das Ehepaar sich mit intimen Beziehungen zum kaiserlichen Hofe, behauptete, gelegentlich der Kieler Woche Gast auf der Iduna gewesen zu sein und ließ durch eine dortige Kunsthandlung ein Aquarellbild der Kaiserjacht an die Kaiserin absenden. Das edle Paar wurde jetzt verhaftet. Die beiden Schlauen wußten jedenfalls, was bei der Ge—⸗ schäftswelt am meisten zieht und womit sie in Deutschland am meisten imponieren können.
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gesetzten ein Geschäft abthun, einen Umgang
Unterhaltungs-Ceil.
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Das Goldmacherdorf.
Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.
(Fortsetzung). „Ja, das Gemeingut ist auch verschuldet und wird nur von den Reichen benutzt!“ antwortete der Müller,„denn wenn die Vor⸗
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an den Marken und Grenzen halten, eine
eg machen, oder sonst etwas extra
verrichten; so wird auf Kosten der Gemeinde
geschmauset und gezecht. Damit geht das Ver⸗
mögen der Gemeinde durch die Gurgel der Vorsteher. Jeden Gang wollen sie bezahlt haben. Dazu kommt, daß, weil die Reichen Kühe halten können und die Armen keine, so benutzten sie den Weidgang im Wald und auf den Allmenden allein für sich, und die Armen haben keinen Nutzen und Vorteil von den Gemeindegütern.“
„Wenn du das alles weißt, Müller, warum sagst du das nicht der ganzen Gemeinde und öffnest ihr die Augen?“ fragte Oswald zornig. „Weil es nichts hilft!“ erwiderte der Müller, „denn da die meisten im Dorfe bei den Reichen verschuldet sind, so thun die Reichen was ste wollen, und es darf ihnen keiner widersprechen. Und wenn unsereins gegen Mißbräuche den Mund aufthun will, so toben und lärmen die Lumpenkerle alle, daß man seines Lebens kaum sicher ist. Das wissen die Vorgesetzten und die Reichen wohl. Die betrachten die ver⸗ lumpten Kerle wie ihre Hunde, welche sie nach Belieben auf jeden loslassen können, der ihnen in die Quere kommt.“
„Das ist entsetzlich!“ schrie Oswald.„Wenn denn die Menschen keinen Verstand haben, so sollten sie doch ein Gewissen und Gottesfurcht haben.“
„Ja, ste sollten wohl“, sagte der Müller, „aber woher nehmen? Unser Herr Pfarrer ist ein alter Herr, der für seine Pfründe und Bequemlichkeit sorgt, immer vom Glauben predigt, von Himmel und Hölle, und seine Kirchengeschäfte verrichtet, wie ein anderer sein Tagwerk, und hat er es gethan, sich um anderes nicht bekümmert. Was man thun müsse, worin die christlichen Tugenden bestehen, und wie man sie erlangen und ausüben müsse— das lehrt er nicht. Er geht Jahre lang in keines Bauern Haus, als im Notfall, wo er gerufen wird. Folglich ist er kein wahrer Rat⸗ geber, kein wahrer Tröster, und kennt den Zustand der Familien lange nicht genau genug, um auch im häuslichen Leben auf ihre Fröm⸗ migkeit und Besserung hinzuarbeiten. Die Leute gehen aus Gewohnheit in die Kirche, der Pfarrer predigt aus Gewohnheit, und mit
gewohnten Lastern und Liederlichkeiten. Und weil die Menschen von innen in ihrem Herzen nicht besser werden, wird es auch von außen nicht besser, und wie die Alten, so die Jungen.“
„Was? Taugt der Schulmeister auch nichts?“ fragte der Oswald.
Der Müller sagte:„Seit dein Vater ge⸗ storben ist, der ein gottesfürchtiger, verständiger Mann war, geht es mit der Schule schlecht. Die Knaben und Mädchen lernen zur Not lesen, schreiben und rechnen, auch wohl ein Gebet. Aber von ihren Eltern daheim lernen sie, was sie sehen, nämlich Lug und Trug, Schwören und Fluchen, Unzucht und Heuchelet, Raufen und Balgen, Betteln und Stehlen, Spielen und Saufen, Müßiggang und Mut⸗ willen, Hader und Neid, Verleumden und Lästern.“
Als Oswald diese Dinge hörte, schüttelte er den Kopf und ging in seiner Seele betrübt
dem Schritt aus der Kirche bleibt es bei den
4. Wie der Oswald erschrecklich thut, und es ihm nicht hilft. An einem Sonntage nach der Predigt, wurde die ganze Gemeinde versammelt; denn es war uter Rat teuer, woher Geld nehmen, weil im zande eine außerordentliche Steuer ausgeschrie⸗ ben, und noch dazu der Gemeinde eine Schuld aufgekündigt war, die bisher nicht gehörig verzinset worden. Und das ganze Dorf kam nach alter Uebung unter der großen Linde auf dem Platz zusammen. Die Vorsteher waren im Kreise der Bürgerschaft, und außer dem Kreise standen die Weiber, Töchter und Kinder, zu hören, was vorgehe. Oswald war auch dahin gegangen, und hatte sich vorgenommen, seinen Mitbürgern über ihren traurigen Zustand die Augen zu öffnen. Daher, als die Vorgesetzten ihre An⸗ träge gemacht und ihre Reden geendet hatten, stieg Oswald auf einen Stein, der mitten auf dem Wege lag. Da ward er von jedermann gesehen. Also hob er an zu reden: „Liebe Mitbürger! Ich bin vorzeiten als ein Knabe von euch gegangen in den Krieg, und als Mann wieder zurückgekommen. Aber wie ich in unser Dorf kam, habe ich es kaum wieder gekannt, und mir ist in Wehmut das Herz gebrochen, als ich sah, wie alles verändert worden ist. Denn vorzeiten hieß unser Dorf mit Recht Goldenthal, weil es ein goldenes Thal war, worin Gottes reicher Segen wohnte, mehr denn anderswo. Es waren bei uns die meisten Leute wohlhabend, nur wenige arm, und Bettler gar keine. Damals pflegte man uns, wegen unseres Wohlstandes, auch noch im ganzen Lande die Herren Goldenthaler zu heißen. Denn wir gingen nicht in zerrissenen Kleidern, wie Bettler, sondern stattlich einher, in sauberm, doch einfachem Gewande; und hatten nicht nur im Hause zur Notdurft, sondern auch einen Gulden darüber hinaus. Damals hatte die Gemeinde keine Schulden zu verzinsen, sondern sie bezog sogar von andern Orten Zinsen für ausgeltehene Kapitalien, die wir erspart hatten. Damals war alles Land wohl gedüngt und angebaut, denn jeder hatte seine Kuh und sein Roß im Stall, und auch wohl Geißen und Schafe oder ein Paar Schweine daneben. Da⸗ mals glich unser Dorf schon von außen einem zierlichen Marktflecken. Die Häuser standen schön und nett, von innen wie von außen, daß sich kein Herr aus der Stadt hätte schämen dürfen, darin zu wohnen. Haus⸗ und Küchen⸗ gerät verkündeten, man sei wohl versorgt, und die Fenster glänzten wie Spiegel. Wentge Leute hatten Schulden, und wer sie hatte, dem war nicht bange, wie er sie bezahlen müsse. Damals bekam ein Goldenthaler ohne Hand⸗ schrift und Unterpfand aus der Stadt auf sein ehrliches Wort hundert und mehr Gulden ge⸗ borgt. Damals war für Goldenthal noch eine goldene Zeit.“
Wie Oswald so redete, nickten ihm alle freundlichen Beifall, und einige sagten:„Der Oswald hat wohl recht!“ a
Er aber redete weiter und sprach:„Nun ist es nicht mehr so. Man sollte unser Dorf nicht mehr Goldenthal nennen, sondern Kot⸗ und Dreck, Dornen- und Distelthal. Von unsern Aeckern ist meistens der Segen ver⸗ schwunden; denn die einen von uns haben zu viel Land, die andern gar keines; die übrigen können es nicht in Ordnung anbauen und be⸗ nutzen. Die Bettelei ist von vielen nicht mehr für Schmach gehalten, sondern für einen ordent⸗ lichen Beruf und Erwerb angesehen. Die meisten Haushaltungen sind verschuldet, und eine um die andere sieht den Tag vor, da ihr alles versteigert und sie ausgetrieben werden muß. Die Schuldboten verlassen unser Dorf nie. Mit den benachbarten Orten haben wir
schaft und Parteien. Wir haben noch den alten Hochmut, aber nicht mehr das alte Geld; auf den Straßen Kot und in den Häusern Unflat und Gestank, den meisten Unflat aber im Herzen. Denn hier versteht sich fast jedermann besser aufs Saufen, als aufs Arbeiten; besser aufs Borgen, als aufs Bezahlen; besser aufs Prellen
von dannen.
Zank und Prozeß, und unter uns selbst Feind⸗ i
und Stehlen, als aufs Geben; besser auf Hin⸗
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