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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 25.
wertet werden möchten. Es wird auf die viel⸗ fachen Mißstände hingewiesen, welche mit dem Baubetriebe in seiner jetzigen Gestaltung ver⸗ bunden sind, und die ihren äußeren Ausdruck darin fänden, daß nach der Unfallstatistik der Baugewerks⸗Berufsgenossenschaften die Bauun⸗ fälle— auch in Hessen— von Jahr zu Jahr Zunehmen. Die Befugnisse der Baupolizei müßten erweitert und insbesondere Arbeiter zur baupolizeilichen Ueberwachung zugezogen werden.
Wegen Aenderung der Unfallverhütungs⸗ vorschriften trat die Regierung mit der Hessen⸗ Nassauischen Baugewerks⸗Berufsgenossenschaft in Verbindung. Diese teilte mit, daß die dies⸗ jährige Genossenschaftsversammlung auf Vor⸗ schlag des Vorstandes beschlossen habe, in eine Revlsion der Unfallverhütungsvorschriften ein⸗ zutreten und dabei den Grundsatz zur Geltung zu bringen, daß in dem neuen Entwurf auf die sämtlichen im Genossenschaftsbezirk be⸗ stehenden bezüglichen Polizetverordnungen Rück⸗ sicht genommen werden möge, um dadurch eine thunlichste Uebereinstimmung mit denselben zu⸗ erlangen.
Gießener Angelegenheiten.
— Zum Vorsitzen den des Gewerbe⸗ gerichts wählte die Stadtverordneten-Ver⸗ sammlung Herrn Bürgermeister Mecum. Diese Stelle war betanntlich verwaist, seitdem Bei⸗ geordneter Wolf Gießen verlassen hat.— In derselben Sitzung wurden auch die nötigsten Arbeiten für die Kanalisation vergeben und bestimmt, daß diese im August in Angriff genommen werden soll.— Ferner wurde be⸗ schlossen, daß in diesem Jahre wieder ein Jugendfest stattfinden soll und hierfur die Mittel bewilligt.
— Arbeiterversicherung. Ueber die Mängel der Arbeiterversicherung sprach am Samstag Abend Arbeitersekcetär Gräf-Frankfurt im„Wiener Hofe“ in recht gut besuchter Versammlung. In ein⸗ gehender Weise besprach Redner die Zerfahrenheit auf diesem Gebiet. 7 Arten Krankenkassen sind zu⸗ lässig, in Deutschland zirka 25000 Kassen, jede mit besonderem Statut, das sei ein Durcheinander, in dem sich der Arbeiter nicht zurecht finden könne. Betriebs⸗, Innungs⸗ usw. Kassen werden neugegründet, entweder um die Versicherten zu schädigen oder dem Größenwahn der Unternehmer zu schmeicheln. Heute noch seien viel⸗ fach Dienstboten, Kaufleute usw. nicht versicherungspflichtig. Ebenso ist das Krankengeld zu niedrig. Ein kranker Familienvater bedürfe doch zur Wiederherstellung mehr, wie wenn er Lesund sel; daß hier und da ein Simu— lant die Kassen schädige, sei nicht zu vermeiden, Drücke⸗ berger besitzt jeder Stand. Die Rücksicht auf diese un⸗ lauteren Elemente dürfe für die Leistungen der Kassen nicht von Einfluß sein. Die deutschen Krankenkassen besitzen 180 Millionen Mark Reserven, das ist viel zu viel, für die Gegenwart sei dies eine Schädigung der Kranken. Zur Unfallversicherung sagte dann Redner ungefähr Folgendes: Es sei Unrecht, daß bei Unfällen die ersten 13 Wochen die Kranken⸗ kassen die Lasten zu tragen hätten, das sei ein Ge— schenk an die Unternehmer. Was die Berufsgenossen⸗ schaften leisten im Her abdrücken der Renten, im Quälen der Versicherten in den Rentenquetschen, im Hinausziehen von Entscheidungen geht nicht auf eine Kuhhaut. In die Verwaltung müßten Arbeiter hinein, da dickbauchige Direktoren usw. keine Ahnung hätten, was Verstümmelungen für den Arbeiter bedeuteten. Leider giebt es eine Menge gefälliger Aerzte, die guf Grund der aller oberflächlichsten Unter⸗ suchungen sich zu willigen Handlangern der Berufs— genossenschaften hergeben. Habe doch ein Arzt in Nürn⸗ berg sogar bei einem Glasauge eine Zunahme der Sehkraft konstatiert! Die Unfall-Schiedsgerichte seien oft die reinste Komödie, da der Vorsitzende recht oft das fertige Urteil schon in der Tasche mitbringe und die Arbeiterbeisitzer meist zu waschlappig seien, um den Un— fehlbarkeitsdünkel der Aerzte und Vorsitzenden entgegen⸗ zutreten. Gräf machte auch noch manche vortreffliche Bemerkung zur Invaliden- und Altersversicherung; wir können nur wünschen, daß Redner, der gerade das Gebiet des Versicherungswesens sehr gut kennt, seinen ver— ständlichen, ausgezeichneten Vortrag vielleicht später nochmals in einer größeren Versammlung hält. In der lebhaften Diskussion schlossen sich, abgesehen von kleinen Meinungsverschiedenheiten, alle Redner Herrn Gräf an. Hoffen und wünschen wir, daß er manchen veranlaßt, sich mit der Versicherungsgesetzgebung zu be— fassen, da Unkenntnis jährlich tausende Arbeiter empfind⸗ ich schädigt.
— O, welche Lust, Soldat zu sein! Landwehrleute haben eben hier in Gießen eine
leider mehrere Menschenleben zu beklagen.
14 tägige Uebung absolviert. Ueber den Wert derartiger Uebungen sind selbst bei den militä⸗ rischen Fachleuten die Meinungen sehr geteilt. Sicher ist, daß die zur Dlenffleistung Heran⸗ gezogenen, seien es nun Arbeiter oder kleine Geschäftsleute, ganz erheblichen materiellen Schaden erleiden; oft genug haben sie monate⸗ lang zu thun, um ihn wieder auszuwetzen. Sind die Leute so schon geschädigt, so sollte man ihnen wenigstens den Dienst nach Mög⸗ lichkeit erleichtern. Doch über die Behandlung klagten uns mehrere Landwehrleute. Besonders die Leute der 3. Kompagnie, deren Chef Haupt⸗ mann Großmann war, hatten viel und schweren Dienst. Sie wurden auf dem Exerzierplatze unzähliche Male wie Rekruten durcheinander gejagt. Wenn das einer mit ausieht, der den preußisch⸗deutschen Drill nicht kennt, muß er sich wundern, daß sich das die alten dreißig⸗ jährigen Leute gefallen lassen, welche Verwun⸗ derung ja schon einmal der alte Fritz ausge⸗ sprochen hat.— Es genügt doch unseres Er⸗ achtens, wenn nur das Notwendigste gemacht wird, und es sollten von den höheren Militär⸗ behörden diesbezügliche Anordnungen ergehen. Manchem Kriegervereinler gönnen wir es, wenn er scharf herangenommen wird, dann vergeht ihm der Mordspatriotismus ein wenig.
Aus dem Rreise gießen.
Ein schreckliches Grubenunglück hat sich am Dienstag Abend auf der Grube„Fried⸗ rich“ bei Hungen ereignet. Wie es heißt, durch Explosion des Kohlenstaubs, die durch eine warm gelaufene Welle verursacht worden sei, geriet die Grube in Brand. Es befanden sich ca. 80 Bergleute unter der Erde, der größte Teil konnte sich wohl noch retten, doch 10
ie Arbeiter Lotz aus Inheiden und Bombach aus Trais⸗Horloff waren sofort tot, zwei andere, Lind und Völbel sind ebenfalls ihren schweren Verletzungen erlegen. Der Brand, der sich auf große Haufen aufgestapelter Briquettes ausdehnte, wütete die ganze Nacht und konnte erst am Mittwoch durch die ver⸗ einten Anstrengungen der Feuerwehren aller Nachbarorte gedämpft worden. Der in Berlin wegen Sittlichkeitsverbrechen verurteilte Bankier Sternberg war früher der Haupt⸗ beteiligte an dem Unternehmen. Ungefähr 700 Waggons Briquettes sollen verbrannt sein; der Schaden dürfte sich auf zirka 300000 Mk. be⸗ laufen. Ein großer Teil der Arbeiter wird durch das Unglück arbeitslos.
Aus dem Rreise Weßhlar.
h. In einer mißlichen Lage soll
sich nach zuverlässigen Berichten der Eisenstein⸗ bergbau befinden. Schon vor Jahrzehnten wären vielmehr Gruben in Betrieb gewesen als jetzt. Gegenwärtig werden kaum 2000 Berg⸗ leute im Lahnbezirk beschäftigt. Viele Arbeiter suchen sich deshalb außerhalb Arbeit, wodurch die Bevölkerungsziffer mancher Dörfer be— deutend zurückgeht. Das bleibt natürlich auch auf die finanziellen Verhältnisse der Gemeinden nicht ohne Einfluß, denn die Einnahmen der⸗ selben werden schwächer, während sich die Aus⸗ gaben auf der gleichen Höhe erhalten. Die Einwohner müssen demzufolge höhere Steuern ahlen. g egen Messer ee verurteilte die Wetzlarer Strafkammer am Mittwoch einen zwanzigjährigen Schmied aus Giezen zu sechs Monaten Gefängnis. Trotz der erheblichen Strafen kommen Roheiten dieser Art noch immer zahlreich vor.
Dekoriert! Aus Hachenburg schreibt man uns: Leute, die in der Wahl ihrer Eltern vorstchtig waren und es dann während ihres Erdenwallens„durch Fleiß und Sparsamkeit“ — manchmal auch noch durch manches anderen „zu Etwas brachten“, haben in der Regel immer noch einen heißen Wunsch, an dessen Erfüllung sie alles daran setzen. Ihr Sehnen kann zur Krankheit werden. Diese Art Leute soll der alte Kaiser Wilhelm als am„Bandwurm lei⸗ dend“ bezeichnet haben, weil sie nicht etwa den
Bandwurm haben, sondern um alles in der Welt ein Band im Knopfloch haben möch⸗ ten. Zu dem Band gehört nämlich irgend ein blecherner Vogel oder eine sonstige Bijouterte⸗ ware. Die Wünsche des tapferen Kriegerver⸗ einspräsidenten in Hachenburg bewegten sich auch in dieser Richtung und fanden bald Er⸗ hörung und Erfüllung. In Rücksicht auf die Verdienste, die sich Herr C. Henney bei Re⸗ novierung des Denlmals der gefallenen Oester⸗ reicher bei Marienstatt erworben hat, wurde ihm vom Kaiser Franz Joseph von Oesterreich das goldene Verdienstkreuz verliehen. Aus diesem Anlasse veranstaltete der Kriegerverein am 8. Juni ein großes Fest. Herr Kreis⸗ sekretär Münscher schmückte dem überaus beliebten Patrioten die Heldenbrust mit dem Kreuze, wobei er die Tugenden des Dekorierten in so ergreifender Weise schilderte, daß dieser selbst von deren Vorhandensein überzeugt und zu Thränen gerührt wurde. Möge er uns noch lange erhalten bleiben!
Aus dem Rreise Marburg⸗-Rirchhain.
St. Der Gesangverein„Eintracht“ begeht am Sonntag, den 22. d. M., im Schloß⸗ garten dahier eine Familienfeier, bestehend in Gesangvorträgen, Preiskegeln ꝛc. und Tanz. Ein Eintrittsgeld wird nicht erhoben. Die Arbeiter Marburgs und der Umgegend sind freundlichst eingeladen.
— Gewerkschaftliches. Die hiesige Gewerkschaftskommission hat nach vorhergegan⸗ gener Zustimmung der in derselben vertretenen Gewerkschaften beschlossen, daß pro Mitglied und Vierteljahr 10 Pfg. an die Kommission entrichtet werden. Dieser Betrag soll haupt⸗ sächlich dazu verwandt werden, den Gewerk— schaften mehr wie seither zu bieten und zwar durch Vorträge oder soystige zur Bildung die⸗ nende Veranstaltungen. Auf diese Weise hofft die Kommission, daß die Gewerkschafts mitglieder, wenn der Eintritt für sie nur ganz gering oder womöglich frei ist, sich reger an solchen Darbietungen betelligen. Der Beschluß tritt am 1. Juli d. J. in kraft.— Das diesjährige Sommer fest der vereinigten hiesigen Gewerk⸗ schaften findet am Sonntag, den 27. Juli statt. Dasselbe besteht aus einem Waldfest im schön gelegenen Dammelsberg und darauf folgendem Tanz im Café Quentin. Alles Nähere besagt später folgendes Inserat. In der am vergangenen Samstagabend bei Jesberg stattgefundenen Generalversammlung der hiesigen Filiale der Zentralkrankenkasse der Tischler usw. wurden die Mitglieder Hans Brunner zum Bevollmächtigten und Richard Rößler zum Kassirer gewählt.— Welch' rückständige An⸗ sichten unter den nichtorganistrten Arbeitern leider noch immer herrschen, konnte man kürzlich hier nach der Metallarbeiter-Versammlung, in welcher Gen. Ehrler aus Frankfurt referirte, wahrnehmen. Ein Arbeiter jener Branche, der es wahuscheinlich nicht nötig hat, seiner Orga⸗ nisation beizutreten, äußerte sich in so abfälliger Weise über diese und hauptsächlich über deren Führer, und gebrauchte noch dazu derlei— hier nicht wiederzugebende— Ausdrücke, daß man einfach ein solches Auftreten nicht begreifen und jenen Arbeiter nur bedauern kann.
— Schul⸗Prügel. Einen seiner Schüler,
den 11 jährigen Weimer, prügelte kürzlich der Lehrer Bierwirth in Ebsdorf geradezu fürchterlich. Der Junge kam halb ohnmächtig nach Hause, Wangen und Mund waren ange— schwollen, auf dem Oberarm zeigten sich zahl— reiche blutunterlaufene Striemen. Es mußte ärztliche Hilfe in Auspruch genommen werden und der Knabe 8 Tage im Bette liegen. Und der Grund dieser Mißhandlung? Der Junge hatte für den Lehrer täglich Hausarbeiten zu verrichten, die ihm sein Vater verboten hatte, weiter zu thun, weil der Lehrer nur monatlich 2 Mk. statt früher 3 Mk. dafür gegeben hatte! Die Sache ist zur Anzeige gebracht worden und dürfte ein gerichtliches Nachspiel haben. Wir verkennen gewiß dee Schwierigkeiten des Lehrerberufs nicht; derartige Prügeleien müssen aber entschieden verurteilt werden.
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