Ausgabe 
20.7.1902
 
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Mitteldentsche Seuntags⸗Zeitung.

Nr. 29. 1

Unterhaltungs-Ceil.

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Das Goldmacherdorf.

Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.

8)(Fortsetzung). 9. Von der Sonntagsschule, und dem Vorfalle in der Mühle.

So und auf andere Weise unterrichtete Oswald die Schulkinder; alle Tage hatte er etwas Neues für sie. Die Ratsherren und der Herr Parrer gaben ihm große Lobsprüche und nannten ihn den vortrefflichsten Schulmeister im Lande. Das konnten die Bauern in Golden⸗ thal nicht begreifen, und sprachen untereinander: Wie will's doch der Oswald besser verstehen, als die alten Schulmeister, die wir in unserer Jugend gehabt? Aber er kayn allerlei Blend⸗ werk machen, und hat es selbst dem Pfarrer und den Ratsherren angethan. Ganz richtig ist es mit ihm nicht.

Im Sommer war zu Goldenthal nie Schule gehalten worden; denn die größten Kinder mußten den Eltern in Feld- und Hausge⸗ schäften helfen. Aber Oswald nahm auch im Sommer die Kleinen zu sich, und unterrichtete ste einige Stunden und gab ihnen bei sich zu spielen, oder kleine Geschäfte in seinem Garten und Feld, wohin ste ihn begleiteten und Stein⸗ chen aus dem Acker trugen, Unkraut bejäten und dergleichen. Als das die andern Kinder sahen, baten sie Oswald beweglich, sie nicht zu vergessen, und er nahm sie, wenn Feierabend war, auch roch zu sich und setzte den Unter⸗ richt mit ihnen fort. An Sonn⸗ und Festtagen ging er mit ihnen sogar spazieren in Feld und Wald; zeigte ihnen die giftigen Kräuter und erzählte gräuelhafte Geschichten davon; oder er erzählte ihnen vom Leben und der Haus⸗ haltung der Tiere, der zahmen und wilden; von den Quellen, Strömen und Meeren; von den Bergen und Höhlen; von den Ländern und Menschen auf Erden; von den Sternen, und wie weit sie von uns entfernt wären und wie groß. Das hatte er alles gesehen und in Büchern gelesen.

Als das die großen erwachsenen Bursche im Dorfe sahen, bekamen einige Lust, Sonntags ebenfalls bei Oswald zu sein. Und er erlaubte es ihnen, denn ihre große Unwissenheit jammerte ihn. Und er lehrte sie noch allerlei, und gab ihnen auf, was sie in müßigen Stunden der Woche zu Hause lesen, rechnen und schreiben mußten. Das ging er dann Sonntags mit ihnen durch. So ward es eine wahre Sonn⸗ tagsschule. Und es kamen immer mehr junge Leute dazu. Wer aber nicht sehr reinlich ein⸗ herging, wer die Wirtshäuser besuchte, wer Karten spielte, wer jemals schwor und fluchte, oder einen Raufhandel hatte, stieß er von sich. Er war ihr Schiedsrichter, und that doch im⸗ mer, als wäre er ihresgleichen. Sie halfen ihm dankbar auch in der Woche gern bei der Feldarbeit, ohne daß er es forderte.

Die jungen Leute aber, welche es mit dem Oswald hielten, wurden von ihren Kameraden im Dorfe ausgelacht und verspottet; man hängte ihnen Uebelnahmen an, hieß sie Schul⸗ meister und Gelehrte, und spielte ihnen aller⸗ lei Possen. Und die Gemeindsvorsteher sahen

es gern, wenn man den Oswald und seine Freunde verfolgte; denn sie fürchteten sich, er wolle sich Anhang machen, um einst an ihre Stelle gewählt zu werden. Darum sagten sie ihm alles ersinnliche Böse nach, und wiegelten bei jeder Gelegenheit die Bauern und deren Weiber gegen ihn auf. Oswald kam daher auch zu niemanden; nur regelmäßig besuchte er die Mühle, wo er allzeit willkommen war.

Wie er aber eines Tages in die Mühle kam, fand er die lieben Leute darin alle mit ver- störten Gesichtern. Der alte Siegfried war

still und nachdenkend, die Müllerin kalt und verdrießlich, im Hause umherfahrend und die Thüren hinter sich zuwerfend; Elsbeth hatte rotgeweinte Augen. 5 Sobald Oswald mit Elsbeth allein war, sprach er:Welches Unglück ist hier geschehen, und welcher böse Geist ist in dieses Haus des Friedes eingezogen? Ihr alle seid wie ver⸗ wandelt. Sage mir Elsbeth, was ist vor⸗ gegangen?

Elsbeth antwortete mit zitternder Stimme: Gott seis geklagt, Oswald, ich muß es dir sagen. Ja es muß heraus. Ich bin recht unglücklich. So sprach sie, und konnte vor Weinen und Schluchzen nicht weiter sprechen.

Nachdem er sie beruhigt hatte, sagte sie: Nun ist's ein Jahr, Oswald, da fandest du mich mit verweinten Augen und fragtest mich, und sagte dir's nicht. Damals war der Löwen⸗ wirt Brenzel zu uns gekommen, und hatte bei meinem Vater und meiner Mutter um mich angehalten für seinen Sohn, der schon eine Mühle im Dorfe Altenstein hat. Und Vater und Mutter hatten nichts dagegen, denn der Löwenwirt ist der reichste Mann im Dorf, und erster Vorsteher der Gemeinde, der uns viel schaden und nützen kann; und mein Vater will keinen Schwiegersohn als Müller. Ich aber sagte, ich sei noch jung und wolle noch ein Jahr warten, und blieb dabei, und sie richteten bei mir nichts aus. Nun ist das Jahr vorbei, und auf den Tag kam der Löwen⸗ wirt mit seinem Sohne wieder. Sie haben bei uns gespeiset, und Vater und Mutter hatten mit dem Löwenwirt schon alles in Richtigkeit gebracht, und die Verlobung sollte heute geschehen. Aber ich habe gesagt, ich wollte mich nie ver⸗ heiraten und bin dabei geblieben. Denn der junge Brenzel ist ein wüster Gesell, gleichwie sein Vater ein harter und wüster Mann ist. Nun ist im Hause Unglück und Herzeleid.

Als Oswald dies hörte, ward er sehr un⸗ ruhig. Er ging im Zimmer schweigend auf und ab. Er selber hatte sich im Stillen Hoff⸗ nung gemacht, daß Elsbeth einmal seine Frau werden müsse. Dann trat er mit hastigen Schritten zu ihr und sagte:Elsbeth, liebe Elsbeth, du willst dich niemals verheiraten? So will auch ich ohne Weib bleiben mein Lebenlang, denn ich hätte kein anderes gewählt, als dich. Und habe dich allezeit mehr geliebt als mich selber, und hoffte immer, du würdest mir noch recht gut werden.

Da sank Elsbeth weinend an die Brust Oswalds und sprach mit gebrochener Stimme: Ach, Oswald, Gott weiß es, du bist mir allzulieb geworden, mehr denn recht ist. Aber mein Vater ist reich, und will einen reichen Sohn haben, und ändert seinen streugen Sinn nicht. Du aber bist nur ein geringer Schulmeister, und kannst noch lange keine Frau ernähren.

Da schloß Oswald die gute weinende Elsbeth in seine Arme, und drückte den ersten Kuß anf ihre Lippen und sagte:Nun bist du meine Braut und Verlobte, und keine Macht auf Erden soll dich wieder von mir nehmen. Fürchte dich nicht, du Holdselige, denn nun gehörst du mir an.

Und er ging hinaus, den alten Siegfried und die Mutter zu suchen. Und Elsbeth hörte ste alle sehr laut und heftig mit einander reden, aber verstand nichts. Und sie zitterte vor großer Angst und wußte in ihrer Not keinen Rat. Da fiel sie an der Fensterbank auf ihre Kniee, und faltete ihre Hände und betete inbrünstig mit thränenvollen Augen zum Himmel, während die andern stritten. Und als es ihr leichter ums Herz ward und sie aufstand, sah sie draußen den Oswald, begleitet vom Vater und der Mutter, von der Mühle weg, ins Dorf gehen.

Das vermehrte die Furcht und Angst über die Maßen. Keines in der Mühle wußte, wohin die Eltern mit dem Oswald gegangen. Sie wußte aber wohl, Oswald war hitzig und aufbraufend, und konnte gegen die Eltern ge⸗ fehlt haben und mit ihnen vor den Richter gegangen sein, und das war der Löwenwirt!

Es war zehn Uhr nachts, da hörte sie draußen Geräusch. Es kamen Vater und Mutter mit Oswald. Und Siegfried nahm

seine Tochter und sprach:Elsbeth, du hast

ob sie träume.

also den Oswald lieb? Sie antwortete und sprach:Kann ich dafür? Ihr hattet inn ja auch lieb. Da legten die Eltern die Hände Oswalds und Elsbeths in einander und segneten die beiden als ihre Kinder. N Elsbeth war ganz erschrocken, und wußte nicht,

10. Oswald kommt in schlechten Ruf.

Als am folgenden Sonntag in der Kirche der Schulmeister Oswald und Elsbeth als Brautleute von der Kanzel herab gekündigt wurden, da rissen die Goldenthaler Bauern 4 die Augen gewaltig auf, und die Weiber zischelten beständig einander etwas in die Ohren, 1 und der Löwenwirt ging aus der Kirche, wie ein grimmiger Löwe, und schwor, er wolle nicht ruhen, bis er den meineidigen Müller samt seinem ganzen Hause und den Schul- meister zu Grund gerichtet, aus dem Dorfe 0 vertrieben und alle ins Zuchthaus gebract hätte oder an den Galgen. Nichtsdestoweniger 5 feierten Oswald und seine Elsbeth nach drei Wochen in der Mühle sehr vergnügt ihre Hoch⸗ zeit, dem grimmigen Löwen zum Trotz. 1

Und als die Neuvermählten abends aus 8 der Mühle heim kamen in Oswalds Haus, fiel Elsbeth ihrem Manne um den Hals und sagte:Ach Gott, wie bin ich so glücklich! Ich kann noch nicht daran glauben, das alles wahr sei. Und man sagt wohl, es giebt be⸗* trübte, übelgeratene Ehen; könnten mir auch wohl beide jemals aufhören, uns lieb zu haben, und könnten wir jemals wünschen, lieber getrennt, als ewig verbunden zu sein? 1

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Oswald antwortete und sprach: werden beide mit einander glücklich sein, so lange wir leben auf Erden; aber wir müssen ein dreifaches Gelübde thun. Und so lange wir es redlich halten, wird Eintracht in unserer 15 Ehe sein. Von heute an lebst du für mich, 1 und ich lebe für dich; und wir wollen nie vor einander das geringste Geheim⸗ nis haben, und selbst wenn wir gefehlt haben, es uns einander sogleich offenbaren. Dadurch werden wir manchen Fehltritt und manches Mißverständnis verhüten, das oft schmerzliche Folgen haben kann. Dann aber wollen wir von unsern häuslichen Sachen niemanden, auch Vater und Mutter nichts offenbaren, daß niemand in unsern Dingen reden könne, oder sich zwischen uns dränge. Nur so gehören wir beide uns ganz an, als wären wir allein in der Welt. Endlich wollen wir niemals gegen ein⸗ ander böse werden, und nicht einmal zum 5 Scherz mit einander böse thun; denn ans Neckerei wird oft Ernst, und was man zuweilen thut, daran gewöhnt man sich leicht. 1

(Fortsetzung folgt.) 5

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Gemeinnütziges.

Schwarzer Rettig als vorzügliches I Mittel gegen Husten. Schwarzer Rettig wird gerieben und mit gleichen Teilen gestoßenen Kandis vermischt. Nachdem sich reichlich Saft gebildet hat, läßt man denselben durch ein feines Läppchen laufen und nimmt täglich einen Theelöffel voll, ganz besonders, wenn starker Reiz zum Husten vorhanden ist, sowie vor dem Schlafengehen. 4

Appetitlosigkeit. Ein ebenso einfaches als sicher wirkendes Mittel gegen Appetitlosi⸗ keit bereitet man sich, indem man Bitterklee, Wachholderbeeren und Wermutkraut(je für etwa 10 Pfg.) in 2 Liter Wasser kocht und auf 1 Liter Flüssigkeit einkochen läßt. Dann seiht man die Mischung durch und nimmt von der⸗ selben vor jeder Mahlzeit einen Eßlöffel voll kalt. Nach wenigen Tagen schon wird der erwünschte Erfolg eintreten.

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Splitter.

Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst, Er trägt nicht Gold, er trägt nicht Flasteneunst Er bringt Verbannung, Hunger, Schmach u. Tod

Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst. Ludwig Uhlant

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