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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonuntags⸗Zeitung.
Nr. 16.
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b Unterhaltungs-Ceil. ———
Im Stillen erblüht.
Von E. Langer.
(Fortsetzung).
„Eines Tages stand in den Zeitungen, daß ein neugeborenes Kind, ein Knabe, ausgesetzt, die unnatürliche Mutter aber entdeckt und ver⸗ haftet worden sei.
Ach, wie leicht man doch darüber hinweg⸗ geht, oder mit sittlicher Entrüstung liest, daß hier eine Mutter ihr Kind getötet, dort aus⸗ gesetzt habe, während unter hundert Lesern kaum Einer daran denkt, daß die Schmach, welche die Gesellschaft an eine uneheliche Geburt heftet, die als unnatürlich gescholtenen Mütter zu der That getrieben hat.
Marie hatte das heimlich geborene Kind nicht zu töten vermocht. Die Hand, welche sie schon um das Hälschen gelegt, um es zusam⸗ menzudrücken, war kraftlos herabgesunken, und wie erstarrt hatte sie dagesessen und auf das kleine Wesen geschaut, bis die Angst und Ver⸗ zweiflung 15 aufgerüttelt. Fort mußte es. Wohin mit ihm? Es irgendwo hinlegen. Gute Menschen würden es finden und aufer⸗ ziehen.
Schwach, wie sie war, erhob sie sich und kleidete sich an. Das Kind packte sie in ihren Marktkorb und verließ damit das Haus. Es war noch früh am Morgen und noch still auf den Straßen. Sie ging und ging, immer mit dem Gefühl, daß sie beim nächsten Schritte zu⸗ sammenbrechen würde. Jetzt endlich mußte es geschehen. Dort der Thorweg, kein Mensch in der Nähe— sie schlüpfte hinein, im nächsten Augenblick erschien sie wieder, am ganzen Leibe zitternd, das Gesicht mit Todesblässe bedeckt. Einige Schritte schwankte sie noch, dann stürzte sie ohnmächtig zu Boden.—
Vor dem Richter legte sie ein vollständiges Bekenntnis ab, doch ohne Reue über ihre That zu zeigen. Das Urteil lautet auf drei Monate Gefängnis.
Als sie dasselbe verließ, ein Schatten ihrer selbst, übergab man ihr einen Brief mit der Nachricht von dem Tode ihres Vaters und die Adresse der Frau, welche das Kind in Pflege genommen hatte. Mechanisch verfügte sie sich nach der ihr bezeichneten Wohnung.
Ihr Empfang von Seiten der Frau, einer Korbmacherswittwe, die das Geschäft nach dem Tode ihres Mannes mit einem Gesellen fort⸗ setzte, war kein sehr freundlicher, weil diese das Kostgeld, welches sie von der Waisenverwaltung für das Kind bezog, nun zu verlieren fürchten mußte. Bald überzeugte sie sich jedoch, daß Marie gar nicht gewillt war, ihr das Kind abzunehmen. Stumpf betrachtete sie dasselbe, wie es kärglich bekleidet auf seinem keineswegs sauberen Bette lag und eifrig an einer nach saurer Milch riechenden Flasche sog. Wieder⸗ erkannt hätte sie es niemals und der mütter⸗ liche Instinkt sagte ihr nichts. Auch hörte sie kaum darauf, als die Frau nun zu ihr trat und ihre auf das Kind verwendete Pflege zu rühmen begann.
„„Und es ist ein so gutes Geschöpfchen, immer still und freundlich. Was werden Sie denn nun mit ihm anfangen?“
Ja, was sollte sie mit ihm anfangen?
„Kann es denn nicht bei Ihnen bleiben 29 fragte sie.„Ich muß doch wieder in Dienst 1 soll ich denn dabei mit dem
urm?“
Die Frau betrachtete sie von oben bis unten. „Na, machen Sie man erst, daß Sie zu Kräften kommen. So, wie Sie jetzt sind, nimmt Sie keine Herrschaft. Sie sehen ja aus, wie efragt Umblasen.“ könne
Man kam dann überein, daß Marie en je⸗ Erste bei der Korbmacherin in Schlo Bahn⸗ bleiben sollte. Von der kleinen Sumnt Fried-
sie aus dem Nachlaß ihres Vaters erhalten, konnte sie das Kostgeld erlegen. Die Räum⸗ lichkeiten waren allerdings äußerst beschränkt. Marie mußte in einem Verschlage schlafen, in dem nur gerade das Bett und ein Stuhl Platz hatten, aber nach dem Gefängnis erschien ihr diese Unterkunft wie ein Paradies.
Der Wartung des Kindes unterzog sie sich jedoch nur mit Widerwillen. Das Kind war an ihrem Unglück schuld und dann hatte es auch die blauen Augen ihres Verführers, jenes Schurken, den sie haßte— haßte. Bei schönem Wetter trug sie es hinaus, bei schlechtem saß sie mit ihm stumpf und gleichgültig in einer Ecke des Arbeitsraumes, in dem die Kinder der Wittwe umherspielten, und sah den Hantie⸗ rungen der Frau und ihres Gesellen zu.
Bei diesem müßigen Leben und dem häufigen Aufenthalt in freier Luft blühte Marie bald wieder auf und verfehlte nicht, das Wohlgefallen des Gesellen zu erregen, der gutmütige Mensch hatte zudem herzliches Mitleid mit ihr. Er war auch in den Jahren, eine Frau zu nehmen, und da er sein Geschäft gut verstand, so würde er ja auch sein Auskommen haben.
„Frau Henning,“ sagte er eines Tages zu seiner Brotherrin,„was meinen Sie, wenn ich die Marie Grunert heiraten thät?“
Die Wittwe glaubte, nicht recht zu hören. Denn sie hatte selbst im Stillen gehofft, den Gesellen zum Mann zu bekommen, obgleich ste zehn Jahre älter war.
„Was, heiraten wollen Sie? Und die an⸗ gebrannte Grütze ist Ihnen gut genug?“
„Reden sie doch nicht so, Frau Henning. Ist denn das was Anderes, als wenn man eine Witwe freit?“ versetzte der Geselle arglos. „Da spricht doch kein Mensch von angebrannter Grütze, und so'n Mädchen denkt nicht einmal mehr an den Lump von Verführer, während eine Witwe sich am Ende noch immer um ihren ersten grämt.“
„Kann schon sein; der Zweite taugt auch gewöhnlich nicht viel,“ sagte die Frau kühl. „Na, probieren Sie's doch. Ich werd! mich dann aber gleich nach einem anderen Gesellen umsehen, denn Sie werden doch wohl auf eigene Rechnung arbeiten wollen.“
Das würde wohl so'rauskommen, meinte der Geselle, und noch selbigen Tages ging er, nachdem er Feierabend gemacht, der Marie nach, die mit dem Kind auf einer Bank des nahen Spielplatzes saß.
Als er sich ihr eröffnete, sah sie ihn eine Weile stumm mit großen Augen an und dann sagte sie, daß sie es sich überlegen wollte. Der stille bescheidene Mensch mit dem Dutzendgesicht war ihr niemals begehrenswert erschienen. Einer, der ihr gefallen sollte, mußte ganz anders aus⸗ sehen. Aber es schmeichelte ihr doch, daß er sie trotz des Kindes heiraten wollte, und nach⸗ dem sie ihre Lage recht überdacht, erschien es ihr als das Beste, den Ankrag anzunehmen und mit guter Manier unter die Haube zu kommen.
So war denn Marie Frau Fengler ge⸗ worden und die Ehe ließ sich ganz gut an. Aus dem Arbeiten auf eigene Rechnung war freilich nichts gewordeu, denn Fengler hatte eingesehen, daß der Kleinbetritz, sich nicht verlohnte und daher in einer gro an Korbwarenfabrik Arbeit genommen. Marie Krug zum Erwerb mit bei, indem sie feine Wäsche bügelte, was ste als Hausmädchen gründlich gelernt hatte. Es war soweit ein ganz ordentlicher und friedlicher Hausstand, allein es fehlte ihm von vornherein etwas, und das war die Liebe der Frau für Mann und Kind. Obgleich sich das Letztere sehr gut entwickelte und bei allen Leuten für ein herziges Bübchen galt, blieb es für Marie die Ursache ihres Unglücks, denn als solches betrachtete sie ihre Ehe mit dem schlichten Arbeiter. In ihrer Eitelkeit und Selbstsucht hatte sie viel höher hinaus gewollt und es kam ihr nicht in den Sinn, daß eben dieser Hochmnt zu ihrem Fall geführt hatte. Je herzloser sich
ie Mutter gegen das Kind verhielt, desto inniger ahm sich Fengler des Kleinen an. Er machte Larie keine Vorwürfe, wie er überhaupt ihr zesen schweigend ertrug, denn er liebte sie um rer hübschen Erscheinung und der Ordnung
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willen, mit der sie den Haushalt führte. Er hätte ihr die Hände unter die Füße legen mögen, wenn er einmal ein freundliches Gesicht von ihr bekam. Aber das war selten genug. Immer und immer grübelte sie über die Vergangenheit, und wie Alles anders und besser gekommen wäre, wenn sie ihrem Verführer nicht blindlings Glauben geschenkt hätte. Sie bildete sich noch immer ein, daß er sie geheiratet haben würde, wenn sie ihm nicht zu Willen gewesen wäre.
Zwei Mädchen, die im Laufe der Jahre geboren wurden, lenkten zwar Marie von ihren selbstsüchtigen Gedanken ab, aber nun kam ein Anderes hinzu, was zu ernstlichen Zerwürfnissen zwischen den Eheleuten führte. Bisher hatte Fengler einen, wenn auch kargen, so doch regel⸗ mäßigen Verdienst gehabt, der bei Maxien's Ordnung und des Mannes Bedürfnislosigkeit zum Leben hingereicht hatte. Infolge einer allgemeinen Flauheit des Geschäftsverkehrs begann man nun aber ihm wie seinen Kame⸗ raden willkürliche Lohnabzüge zu machen, ja man zahlte au den Löhnungstagen nicht einmal den Rest vollständig aus. Fengler wußte oft nicht, woher er die nötigen Lebensmittel für die Familie schaffen sollte. Die Wirtschaft
ging mehr und mehr zurück. In dieser Zeit
war es, wo der nun fast achtjährige Fritz seine Stelle als Semmeljunge antrat, wie sehr der Vater sich dagegen sträubte, das Kind so früh aus dem Schlaf reißen zu lassen. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Als Fengler an einem Sonnabend wieder nur einen Teil seines Wochenlohnes ausgezahlt erhielt und sich bei dem Prinzipal darüber beschwerte, wurde er ohne Angabe des Grundes entlassen. Seine Bemühungen, anderwärts Arbeit zu finden, blieben fruchtlos. Die Korbmacherfirmen wett⸗ eiferten förmlich mit der Herabdrückung der Arbeitslöhne, aber selbst wenn er für den nied⸗ rigsten Lohn hätte arbeiten wollen, die Werk⸗ stätten blieben ihm wie auf Verabredung ver⸗
schlossen. (Fortsetzung folgt.)
Wie Bebel und Singer reich wurden.
Unserm kölnischen Parteiorgan war, offenbar aus sehr gutgläubigen Kreisen folgende Anfrage mit altem Inhalt zugegangen:„Hierdurch die
ergebenste Anfrage, aus welchen Mitteln das
dem Abgeordneten Bebel gehörige Schloß am Züricher See erbaut wurde, vieleicht aus Arbeitergroschen? Ferner, wie sich der Sozialisten⸗ Millionär Singer als Vertreter des„ausge⸗ heuteten Volkes“ aufzuspielen wagt, ist mir ein Rätsel; er ist doch jedenfalls auch ein Börsenspekulant, der somit auf die Getreidepreise und somit auch auf die Verteuerung des Brodes einen großen Einfluß hat. Anstatt den „Zentrumsjudassen“ sollet Ihr Heuchler den „Juden“ mal zu Leibe gehen; aber nein, „Singer“ ist ja auch ein Jude! Bitte um Auskunft!“ Unser Bruderblatt antwortet sehr witzig wie folgt:„Da Sie so höflich um Aus⸗ kunft bitten und außerdem ohne Zweifel ein sehr christlicher Mann sind, dem wir seine Osterfreude gönnen, so wollen wir Ihre Fragen gerne beantworten. Bebel ist, wie sie wissen, ein geborener Kölner; als solcher ist er mit Dr. Röckerath bekannt geworden und hat mit diesem in glücklichen Terrainspekulationen gemacht. Daher sein Vermögen. Sein„Schloß“ am Züricher See soll übrigens, wie er bereits testamentarisch festgelegt hat, nach seinem Tode in eine Kapelle umgebaut werden. Was Singer betrifft, so sind Sie im Irrtum. Singer hat sein Vermögen nicht an der Börse erworben, er hat auch nicht in Getreidespekulationen gemacht; an der Verteuerung des Getreides sind so viele Christenseelen, vor allen Dingen Zentrumsmänner thätig, daß Singer es für gut fand, hier die Konkurrenz nicht noch zu vergrößern. Wir rechnen auf Ihre Verschwiegen⸗ heit, wenn wir Ihnen verraten, daß Singer von 1882 bis 1891 den Peterspfennig gepachtet hatte; er hat damit ein anständiges Stück Geld verdient. Der Papst hat ihn sogar für seine Umsicht, mit der er den Peterpfennig in den genannten Jahren eintrieb, zum Grafen ernannt
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