Ausgabe 
19.10.1902
 
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N 1

Asche Sor Soeuntags-Zeituns.

Nr. 42.

Unterhaltungs-Ceil.

Das Goldmacherdorf.

Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.

21)(Fortsetzung).

Oswald versetzte darauf:Ich habe frei⸗ lich schon daran gedacht, das Spital abzuschaffen. Aber damit ist nichts gebessert. Es wird in den besteingerichteten Gemeinden immerdar Arme geben und Taugenichtse. Wohin mit diesen? Ich habe in den andern Gemeinden gesehen, daß man die dortigen Armen bei den vermöglichen Bauern umziehen läßt in die Runde, oder eine Woche lang von einer be⸗ stimmten Haushaltung Kost oder vielleicht auch den Stall zum Schlafen erhält. Das ist egen Alte und Kranke oft unmenschlich, und füt die Arbeitsfähigen Bestätigung im Müßig⸗ gang, seelen⸗ und sittengefährlich. Ich habe wieder in andern Gemeinden, die den Bettel abschafften, gesehen, daß sie ihre Bettler auf Unkosten der Gemeinde bei gewissen Leuten verkostgeldeten. Man übergab dann die Ver⸗ pflegung des Gesindels denjenigen, die am wenigsten dafür forderten. Das waren nun wieder höchst arme Leute, die damit ein Stückchen Geld verdienen wollten und in so ruchloser Gesellschaft ganz verdarben. Dabei hatte die Gemeinde gar keinen Nutzen, sondern Schaden, denn die Bettler besserten sich nicht und steckten andere mit ihrer Lüderlichkeit an, bei denen sie wohnten. Ja, Herr Pfarrer, und Blut weinen möchte ich, wenn ich zumal an arme, verwaisete Kinder denke, welche auf diese Weise durch die Gemeinden versteigerungsweise in

Verpflegung an den Wenigstnehmenden gegeben

ausge sind. Ich weiß, wie man in den

die Reiten für solche Kinder das Geld nahm, Ui hungern ließ; und wenn die armen Wulmer jammerten und vor Hunger schrien, wie man sie mit Ruthen gestrichen hat, um sie zum Schweigen zu bringen, damit die Leute es nicht vernehmen sollten. Ich weiß, wie einst der Leichnam eines solchen Kindes geöffnet

ist= wurde, fand sich im Magen nichts als etwas

Gras und Wasser, und der Rücken und die Lenden waren blutrünstig. Wahrlich, wahrlich, es ist unter Türken und Heiden mehr Barm⸗ herzigkeit, als bei unsern rohen Bauersleuten oft gefunden wird.

Ich weiß auch gar wohl, fuhr Oswald

fort,daß die Vorsteher in vielen Gemeinden

an Errichtung von Armenhäusern und Spitälern dachten, worein sie ihre Bedürftigen thun wollten. Das geschah aber nicht aus wahrer Mensch⸗ lichkeit; sondern die hartherzigen, bequemen Vorsteher wollten sich damit nur die Mühe erleichtern und die Plage abschaffen, immer an die armen Leute denken zu müssen. Denn der Stolz der Vorsteher liebt zwar im Dorfe die Würde, aber erleichtert sich auf ehr- und gottbergessene Weise die Bürde, wie es gehen mag!

So sprach Oswald. Der Herr Pfarrer freute sich über des Vorstehers gründliche Kenntnis der Dinge und sprach:Ich habe über diesen höchst wichtigen Gegenstand meine Gedanken einmal schriftlich verfaßt; leset doch diese Blätter. Es sind viele unreife Gedanken darin; aber ändert und bessert oder verwerfet alles, was ihr wollet.

Oswald nahm des Pfarrers Schrift zu sich. Er las sie mehrmals durch. Er sprach darüber mit den Beisitzern. Er ging zum Pfarrer und machte ihm allerlei Einwürfe, hörte dessen Antworten und beriet sich wieder mit den Beisitzern. Endlich verstand er sich mit dem Herrn Pfarrer über einen Plan zur bessern Versorgung der Armen im Dorfe. Dann versammelte er die achtbarsten Männer der Gemeinde, zog auch diese zu Rat und hörte

N selb⸗ ihre Einwende hr. en. Da ward wieder allerlei abgeändert um wieder verbessert.

27. Was die Goldenthaler mit ihren Bettlern machen.

Nachdem alles wohl beraten war, ging man ans Geschäft. Doch wußten wenige im Dorfe, wie man so viele Bettler, Müßigganger, hilflose Kranke, Gebrechliche und Kinder, ohne ungeheure Kosten ernähren könne und wolle.

Zuerst wurde aus dem Armengut eine Summe Geldes, mit Genehmigung der hohen Regierung, erhoben; damit schaffte man eine Drehbank, Aexte, Hobel, Sägen, Schaufeln, Spaten, Hacken und anderes Arbeitsgeräte an. Man verbesserte auch die Küche des Spitals, um daselbst für viele arme Familien zugleich kochen zu können, und machte allerlei Aender⸗ ungen im Hause des Spitals, also daß darin eine Arbeitsstube für Männer, eine andere für Weiber und zwei Krankenzimmer für Personen beiderlei Geschlechts angelegt wurden. Auch ward dafür gesorgt, daß für jeden Gesunden ein eigenes Schlafkämmerlein eingerichtet wurde. Das war eine enge Zelle, nur zehn Schuh lang und drei Schuh breit, am Boden nur Platz für einen Strohsack, ein Kopfkissen mit Stroh gefüllt, mit grobem Betttuch und einer warmen Wollendecke. Jede Zelle hatte eine eigene Thür mit Luftloch.Man muß es Bettlern nie ganz bequem machen, sagte Oswald, damit sie auch Lust bekommen, sich durch eigenes Bemühen eine bessere Lage zu schaffen. Darum ward jeder Winkel im Hause zu Schlaf⸗ stellen benutzt. Unter dem Dache des Hauses bewahrte man angekaufte Vorräte von Wolle, Hanf, Nutzholz und dergleichen.

Sobald alles und jedes vorbereitet war, nahmen die Vorgesetzten ein Namens verzeichnis auf von denjenigen Personen im Dorfe, welche nicht ohne Unterstützung von der Gemeinde leben konnten. Das war bald gemacht. Man kannte diese Leute nur allzugut. Verschiedene derselben hatten im Dorfe noch eigene Wohnungen; andere aber zogen ohne Obdach umher, dem Bettel nach, von Stall zu Stall. Diejenigen nun, welche keine eigenen Wohnungen besaßen, wurden aufgefangen und ins Spital gebracht. Sie gingen willig, denn der kalte Winter war vor der Thür. Diejenigen, welche zwar eine Stube hatten, aber mit andern armen Leuten gedrängt beisammen wohnten, so daß Alt und Jung, Leute beiderlei Geschlechts im gleichen Gemach schlafen mußten, wurden ohne Umstände ins Spital geführt. Nur diejenigen wurden in ihren Wohnungen gelassen, die darin nachweisen konnten, daß sie und ihre Kinder alle getrennt schliefen und gesund wohnten.

Also waren sämtliche Arme und Bedürftige des Dorfes in zwei Klassen zerfallen. Die, welche eigene Wohnungen hatten, hießen Häusler; die, welche ins Spital kamen, hießen Spittler. Beide aber wurden als Genossen der gemeinen Armenanstalt betrachtet, ohne Uuterschied. Wo Kinder waren, ließ man sie gern bei ihren Eltern. War aber die Behausung derselben zu klein, oder waren die Eltern ruchlos oder unsittlich oder im Spital: so suchte man die Kinder bei guten Haushaltungen im Dorfe oder in der Stadt unterzubringen, nicht bei armen Leuten um Geld, auch nicht bei reichen Leuten, sondern bei solchen, die durch ihre Rechtschaffenheit bekannt waren. Diese Kinder bekamen ihre Kleider von der Armenanstalt, und die Pflegeltern, wenn sie es verlangten, auch geringe Entschädigung. Aber die Wenigsten, die Kinder zu sich genommen hatten, forderten Entschädigung. Sie thaten es aus Ermahnung des Herrn Pfarrers und aus Frömmigkeit. Der Herr Pfarrer war der rechte allgemeine Waisenvater. Er hatte zwei böse, mutwillige, naschhafte Knaben, die keiner annehmen wollte, zu sich ins Haus genommen, und schon nach einem halben Jahre waren dieselben zu jeder⸗ manns Verwunderung recht artig geworden. Auf diese Weise brachte man die Kinder an, und sie sahen nicht täglich mehr das böse Bei⸗ spiel ihrer Eltern, und lernten arbeitsam werden, da sie sonst nur zum Betteln, Stehlen und müßigen Herumschwärmen gewöhnt worden waren.

Wie man die gesamten armen Leute mit ihren Kinder also verteilte und Jeglichem sein rechtes Obdach gab, ward zugleich von den Ortsvorgesetzten ein Hauptgrundsatz aufgestellt, nämlich: Wer nicht im Stande ist, sich selbst zu erhalten, und von keinem versorgt wird, den muß die Gemeinde versorgen. Wen aber die Gemeinde versorgen muß, den hat sie auch das Recht zu beaufsfichtigen und zu bevogten, damit er sich selbst erhalten und versorgen lerne. Das war nicht anders als recht und billig.

Darum ward jeder einzelnen Armenfamilie ein rechtschaffener Mann zum Vormund oder Vogt gesetzt. Dieser Vogt hatte über Nahrung, Kleidung, Vermögen, Schulden und Erwerb seiner ihm übergebenen Familie Vorsorge zu thun; mußte über Ordnung und Reinlichkeit der Häusler in ihren Wohnungen und über die Arbeit wachen, die ihnen gegeben ward. Dabei verfuhr man sehr streng. Denn da auch die Häusler ihre Nahrung aus der

Spitalküche bekamen, wo, wie in der teuern

Zeit, die Sparsuppe gemeinschaftlich gekocht wurde, und sie Kleider und Gerät von der Armenpflege erhielten, so mußten sie auch für die Armenanstalt arbeiten, und damit ihr Brot und was ihnen sonst zukam wieder ab⸗ verdienen. Was sie außer der aufgetragenen Arbeit durch größern Fleiß verdienten, ward ihnen bezahlt. Sowohl dies Geld, als das, was sie im Taglohn bei den Bauern verdienten, bekamen sie nicht in die Hände, sondern es wurde in die Ersparniskasse für sie gelegt. Denn Leute, die zu ihrem Unterhalt alles und jedes empfingen, brauchten kein bares Geld, sie mußten aber erst sparen und haushalten lernen.

Jeder Vogt mußte dem Herrn Pfarrer von Zeit zu Zeit über das Betragen und Schicksal der anvertrauten Familie Rechenschaft geben. Denn der Herr Pfarrer war der rechte Ober ausseher aller Vögte; er war der Pfleger aller Armen und führte darüber ein eigenes Buch. Fand er gegen ein Vogt zu klagen, so daß derselbe sein menschenfreundliches Amt übel versah, so ward der Unwürdige von dem Orts vorstehern geradezu abgesetzt.

Diese beständige, unmittelbare Aufsicht und Bevogtung jeder armen Haushaltung oder Person im Dorfe hatte ungemein viel Gutes. Denn weil das Geschäft der Aufsicht für jeden Vogt nur auf eine Familie ging, ward es weniger mühsam und besser und sorgfältiger verrichtet. Jeder that das Wenige gern und unentgeltlich aus christlichem Gemüt. Es wurde bald ein ordentlicher Wetteifer unter den Vormündern, wie jeglicher nach dem Ruhm trachtete, die ihm anvertrauten Person durch Rat und Anweisung und Beihilfe emporzu⸗ bringen. So hatte ganz unerwartet jede sonst verlassen gewesene arme Haushaltung einen Freund, Vater und Fürsprecher gefunden, dem sie lebenslänglich dankbar wurde.

Nun aber war die Frage: woher Nahrung

und Kleidung für die Armen nehmen? Der

Zins des Armenguts reicht nicht dazu. Oswald aber sagte:Es wäre wohl böse, wenn die Leute mit gesunden Händen nicht ihr Brot verdienen können. Alle zusammen, Häusler und Spittler, Männer und Weiber machen jetzt gleichsam eine einzige große Haushaltung, und müssen Einer für Alle, Alle für Einen arbeiten. Die Häusler müssen in der Woche arbeiten, was ihnen aufgegeben wird; die Spittler müssen des Tages acht Stunden arbeiten, mit Ausnahme der Sonn⸗ und Feiertage.

Und so ging es. Wer nicht arbeiten wollte, der ward in's finstere Loch des Turms gesperrt; da saß er und bekam zum Getränk kaltes Wasser, und zur Nahrung geschwellte Erdäpfel, kalt und ohne Salz, welche die andern nicht hatten essen mögen. Das war reinem angenehm. Wer aber arbeitete, hatte täglich warme Speisen, Suppe, Gemüs und zweimal in der Woche Fleisch. Wer, außer den acht Arbeitsstunden, noch fleißiger sein wollte, konnte sich damit Geld verdienen. Seine verfertigte Waare ward für ihn verkauft, und das erlösete Geld für ihn als ein kleines Kapital in die Ersparniskasse an Zins gethan. So sammelten ste sich ein kleines Vermögen. Wer aber

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