WNitteldentsche Sountass⸗Zeitung.
Unterhaltungs-Ceil.
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Sum 18. märz. 1848.
Vor dem Berliner Schlosse Ertönt ein Trauerlied:
Da liegen viel hundert Tote, Sie liegen in Reih und Glied. Und Leich' um Leiche tragen Die Bürger stumm heran, Als wollten sie sagen: König! Da sieh, was Du gethan!
Da liegen sie, Mann und Knabe, Starr mit zerfetztem Leib;
Da kommen sie weinend und klagend, Braut, Schwester, Bruder, Weib.
Da schauen Väter und Mütter
Die toten Söhne an— 5 Herrgott! und das hat ein König, Ein deutscher König gethan!
Viel tausend Stimmen drohen:
Der König muß herab;
Er salutiert die Toten
Und nimmt die Mütze ab.
Da bluten all aufs neue
Bei ihres Mörders Nahn,
Als sprächen sie: das hat ein Hönig, Ein deutscher König gethan!
Und viele werden's sprechen,
Viel tausend fern und nah;
Die Völker werden rächen
Den Frevel, der geschah.
Auf Sturmesflügeln bricht sich Durch Land und Länder Bahn
Der Sornschrei: Das hat ein Hönig, Ein deutscher König gethan!
Weh! Volk, vom eig' nen Blute Sind Deine Hände rot;
Der Bruder schlug den Bruder, Weil es ein Fürst gebot.
Ein großes Grab soll alle
In seinen Schoß empfahn;
Drauf schreibt: Das hat ein König, Ein deutscher König gethan!
Dies Grab, es wird zum Grabe Der königlichen Macht;
Die Blut gesäet haben,
Die ernten eine Schlacht.
Im Blute wird ersticken
Der alten Treue Wahn: Gottlob! und das hat ein König, Ein deutscher König gethan!
Schluß der Erzählung nächste Nummer.
Johann Jakoby.
Am 6. März waren 25 Jahre verflossen, daß einer der tüchtigsten Kämpfer für die Volks⸗ rechte, Johann Jacoby in Königsberg die Augen schloß. Als ein Wortführer der buͤrger⸗ lichen Opposition trat Joh. Jacoby im Anfang der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts in die Politik ein: unerschrocken hat er die Forde⸗ rungen der bürgerlichen Demokratie verfochten, bis die Fortschrittspartei, der er angehörte, sich immer weiter nach rechts„entwickelte“ und mit dem Junker Bismarck ihren Frieden machte. So mußte Jacoby, der unwiderstehlichen Logik der Thatsachen folgend, seinen Anschluß an die Sozialdemokratie suchen, den er vollzog als 1872 das Urteil im Leipziger Hochverratspro⸗ zeß gesprochen worden war.
Ein Mann von tiefem und breitem Wissen, ein krystallklarer Charakter von unbeugsamer Festigkeit, ein Schriftsteller, der seiner Ueber⸗ zeugung wuchtigen Ausdruck zu geben wußte, ein Redner, dem der Augenblick immer das 1 Wort zuführte, so war Jakoby das
orbild eines Parlamentariers großen Stils. Hier einige seiner Worte: Als Mitglied der Deputation der preußischen Nationalversamm⸗
lung, die im November 1848 dem im Wahn⸗ sinn verkommenen Friedrich Wilhelm IV. eine Adresse gegen die Ernennung des Ministeriums Brandenburg überreichen sollte, rief er dem Könige zu:„Das eben ist das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen.“—„Die Gründung des kleinsten Arbeitervereins wird für den künftigen Kulturhistoriker von größerem Werte sein, als der Schlachttag von Sadowa.“ 5
In der Vorrede zu der 1872 erschienenen Sammlung seiner Schriften und Reden legte er in knappen Sätzen sein Glaubensbekenntnis nieder: Er spricht von den„drei Zauberfor⸗ meln“: Im Namen der Kirche— im Namen des Staats— im Namen der Gesellschaft. Durch diese dreifache Zauberformel habe seit jeher Herrschbegier und Selbstsucht ein⸗ zelner den Geist, den Willen, die Arbeitskraft der Völker gefesselt und ausgebeutet.„Die Kirche— das heißt die Anmaßung der Priester— sagt zu den Laien: Euer Geist ist zu schwach, die Wahrheit zu ergründen. 1 in Irrtum und Sünde verfallt, müßt Ihr— ohne Prüfung— glauben, was wir, die Dol⸗ metscher des göttlichen Geistes, als Wahrheit verkünden!... Der Staat— das heißt die Herrschsucht der weltlichen Machthaber— sagt zu den Staatsangehörigen: ohne Unterordnung keine Ordnung auf Erden! Nicht dem eignen beschränkten Urteile dürft Ihr in Eurem Handeln folgen, sondern dem, was wir als Recht fest⸗ stellen.... Die Gesellschaft— das heißt die Habgier der besitzenden Klassen— sagt zu den Besitzlosen: Uns verdankt Ihr Arbeit und Brod. Darum sollt Ihr den Früchten Eures Schweißes und so viel abgeben, als wir für billig er⸗ achten. Wollt Ihr dies nicht, so steht es Euch frei, ohne Arbeit und Lohn zu verhungern. Gedankenlos— willenlos, besitzlos ist die Masse des Volkes den Zwecken der Kirche, des Staates, der Gesellschaft unterthan.“
Diesen drei„Zauberformeln“ setzte er die drei Forderungen entgegen, denen er lebte und starb: Freiheit, Gleichheit, Brüderlich⸗ keit.„Geistesfreiheit, Willensfreiheit, Arbeits⸗ freiheit, das ist die Losung.“(S. A.⸗Ztg.)
Die Abstammung Liebknechts von Luther.
In den Dokumenten des Sozialismus war kürzlich die Frage aufgeworfen worden, ob über die Abstammung Liebknechts von Dr. Martin Luther etwas näher bekannt sei. Genosse Bern⸗ stein, der Herausgeber der Dokumente, bemerkte dazu, daß Liebknecht selbst wiederholt von dieser Abstammung gesprochen habe, daß ihm jedoch nicht bekannt sei, ob Dokumente darüber existier⸗ ten. Jetzt liefert in der in Marburg erschei⸗ nenden„Christlichen Welt“ ein Herr Walther Köhler einen interessanten Beitrag zu der Frage, aus dem hervorgeht, daß die Annahme der nahen Verwandschaft der Familie Liebknecht mit Luther eine hohe Wahrscheinlichkeit für sich hat. Er schreibt:
„Liebknecht ist bekanntlich in Gießen ge⸗ boren; die Familie kam dorthin mit der Be⸗ rufung des Johann Georg Liebknecht als Uni⸗ versitätsprofessor im Jahre 1707. Von diesem Johann Georg Liebknecht nun heißt es, wie mir Herr Dr. Becker aus dem Universitätsar⸗ chiv gütigst mitteilte, in dem offiziellen Leichen⸗ programm der Universität Gießen auf seinen Tod d. d. 19. September 1749 aus dem la⸗ teinisch verfaßten Programm in's deutsche über⸗ tragen,— folgendermaßen:
„Unser Liebknecht wurde geboren und ans Licht der Welt gebracht zu Wasungen im Henne⸗ bergischen, am 23. April 1679. Sein Vater war der gelehrte Michael Liebknecht, Lehrer und Amtsgenosse an der Bürgerschule jener Stadt 53 Jahre lang, wohlverdient, dessen Vor⸗ fahren mit unserm seligen Luther durch Ver⸗ wandtschaft verbunden waren.“
Also schon jener Johann Georg Liebknecht hat um die Abstammung der Liebknechts von Luther gewußt, allem Anschein nach durch seinen Vater; woher dieser die Kunde hat, wissen wir
Auf daß Ihr nicht
eeinstweslen nicht, wir dürfen aber ohne
denken die Familientradition bis etwa zum Jahre 1650 heraufrücken. Das wäre bis rund hundert Jahre nach Luthers Tod, also keines⸗ weg eine schlechte Bezeugung, zumal man nehmen darf, daß man auf eine solche Abkor menschaft zu achten pflegte. Wie nun und 9 wirklich ein Glied der Lutherschen Familie si mit einem des Liebknechtschen Geschlechts ve bunden hat, wäre noch zu ermitteln. Nobb „Stammbaum der Familie des Dr. Ma Luthers“(2. A. 1856) giebt keinen Fingerzei und eine Anfrage beim Pfarramt Wasunge brachte bisher keinen Ertrag.“—
Der Zweikampf.
In der öffentlichen Diskusston, die sich u den in letzter Zeit mehr um sich greifend Duell⸗Un fug entsponnen hat, ergreift au Peter Schlemihl im„Simplicissimus“ m folgendem Gedicht das Wort:
Sie wollen mich Verehrtester, befragen,
Wie ich mich eigentlich zum Zweikampf stelle? Nun ja, ich sag' es rund heraus, ich schätze
Als Mensch von guter Bildung die Duelle.
Sie murmeln etwas vom„Gebote Gottes“? 8 Und daß geschrieben steht:„Du sollst nicht töten?“ Die Hand aufs Herz, mein Bester, ohne Pathos, Macht der Appell an Gott Sie nicht erröten?
Gebote Gottes! Unsre frommen Priester, Die immer feine Unterschiede machten, Sie sprechen je nachdem vom Gott des Friedens
Und von dem höchsten Lenker blut'ger Schlachte n. 4 0
Es geht von Alters her in Gottes Namen
Das heerdenweise Morden, Sengen, Schinden.
Warum nicht, wenn sich zwei das Fell durchlöchern? Läßt sich dafür kein frommes Sprüchlein finden?
„Du sollst nur töten, wenn die Fürsten pfeifen,“ Steht so geschrieben in der Christen Lehre? Und dann, mein Herr, Sie dürfen nicht vergessen,
Das Höchste, was der Mensch hat, ist die Ehre! 4 0
Sie ist es wert, daß wir für sie das Leben
Und Gut und Blut, und Alles daran setzen. 8
Worin sie liegt? Das weiß kein Mensch zu sagen, Man kennt sie erst, wenn Andre sie verletzen. 85
Und wer sie hat? Das läßt sich nicht erklären; Nur wer sie nicht hat, kann ich Ihnen sagen: „Die sich und Andern täglich Brod verdienen Und von der Arbeit wüste Schwielen tragen!“
—
Litterarisches.
Die sozialistischen Monatshefte haben so⸗
eben das Märzheft ihres 8. Jahrganges erscheinen lassen. Aus dem Inhalt heben wir hervor: Jean Jaures: Ein⸗ bildung oder Wirklichkeit?— Adolph v. Elm: Neutra⸗ lität der Genossenschaften.— Eduard Bernstein: Vom
deutschen Arbeiter einst und jetzt.— Robert Schmidt?
N 1
1
9
Arbeiterkammern und Arbeitsamt.— Isegrimm: Skizzen
aus der sozialpolitischen Litteratur und Bewegung. Arbeitsnachweis und f
Herr Gamp, die Regierung, Arbeitervertretung.— Ricarda Huch: Der Mensch in der romantischen Weltanschauung.— Rudolf Klein: Die Darmstädter Künstlerkolonie.— Fanny Imle: Die Ar⸗
beitslosenunterstützung in den deutschen Gewerkschaften.— 3
Ferner enthält das Heft eine große Anzahl weiterer
Artikel sozialpolitischen Inhalts. Preis des Heftes 50 5.
Pfennig.
Quittungen.
N.⸗Sch. Mart 3. 20, Lth⸗Th. 1.60, Dr. Schw. 1,
Kl. Rdgn. 8.—, By.⸗Dllbg. 3.60, Hp.⸗Bdhm. 4.8
Mglf.⸗Gbg. 2.60, Lfflr.⸗Fdbg. 30.—, E.⸗Dhm. 3.60, f a
Ve. Bogn. 10.70, Ed. Afd. 19.20, Gge. Hoͤbgn. 6.4
Wklr.⸗Rdhm. 11.15, Fth.⸗Wtzlr. 30.—, Gr.⸗Mbg. 2
Rg. Etbch. 22.20, Sg. Hst. 5.40, Mhr.⸗Ekhn. 2 N. Sch. 3.—, Kbch.⸗Wek. 50.—, Fbch.⸗Otbg. Schdt.⸗Ihgstn. 3.—, Ly,⸗G. 12.90, Z.⸗Nohsn. 4. Ttt.⸗Hgr. 2.—, Lth.⸗The. 1.60, Bsr.⸗Roͤgn. 2. Fth.⸗Wtzlr. 25.—, Kch.⸗Kfdf. 6.30, Sgfd.⸗Abck. 6.40, Kch.⸗Bsses. 9.60, Gge.⸗Odbgn. 6.40, Rnn.⸗Ochhm. 53.60 Mhl.⸗G. 25.20, Wtr.⸗Wwe. Lbch. 2.—, Fy.⸗Gbtch. 2.2 Mglf.⸗Gbg. 2.60, Kbch.⸗Wek. 26.—, Ly.⸗G. 29.2 Mhr.⸗Eck. 2.60, Kch.⸗Noflst. 12.40, Mtths.⸗Gbch. 11.8 Sg.⸗Hst. 1.80, Wtr.⸗Lbch. 6.40, Hdch.⸗Kzbch. 5.1 Wbr.⸗G. 1.40, Bsr.⸗Rdgn. 2.—, Vlpl.⸗llr. 32.8 Wzl.⸗Lgsdf. 2.80. 2
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Man nehme die Gelegenheit wahr! 3
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