Nr. 50. Gießen, Sonntag, den 14. Dezem ber 1902. 9. Jahrg Redaktion: 9 MNedaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. M 11 Id tsch Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. —— itteldeutsche ede
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Alles bedroht!
Wp. Die Majorität der Konservativen, des Zentrums und der Nationalliberalen, still⸗ schweigend unterstützt von der Regierung, zerstört die parlamentarischen Garüntlen der Gesetzlichkeit. Das Recht der Majorität ist das Recht des Stärkeren. Dieses Recht in nackter Brutalität, uneingeschräukt durch irgend eine beschlossene 180 durch irgend ein ge⸗ schriebenes Gesetz, soll nur noch allein gelten.
Diese Reichstags mehrheit ist die Vertreterin des wirtschaftlichen Rückschritts. Es stehen hinter ihr die mächtigsten und die rückständigsten Interessentengruppen des Ausbeutertums.
Von der Industrie das kartellierte Groß⸗ kapital— diese gewaltigen Verbände, die in ihren Produktionzweigen das Privateigentum aller anderen bereits expropriiert haben, im Inlande jede Konkurrenz ausschließen können und nun die Zölle, um eine ewige Teuerung — wie das Kohlensyndikat— zustande zu bringen. Sie werden dann, auf Kosten der einheimischen Konsumenten, im Auslande zu Schleuderpreisen verkaufen. Wenn aber diese Kapltalistenklasse erst den inländischen Waren⸗ markt beherrscht, so beherrscht sie auch den Arbeitsmarkt. Wie 5 den Konsumenten die Warenpreise diktieren, so werden sie den Arbeitern die Arbeitslöhne diktieren. Sie wollen teuere Warenpreise und billige Arbeitslöhne.
Von der Landwirtschaft— die Agrarier. Da sind vor allem die Junker— der grund⸗ besttzende Adel, dessen ganze geschichtliche Tra⸗ dition aus politischer Knechtung und schamloser Ausbeutung der Volksmassen sich zusammensetzt, der das Volk jahrhundertelang von der Kultur zurückhielt, als Arbeitsbestie, Mittelding zwischen Mensch und Tier, behandelte und nahe daran war, die Natton, deren politische Interessen er wiederholt verraten und verkauft hat, zu Grunde zu richten. Dieser deutsche Adel ver⸗ stand es, auch nach der Revolution sich die Herrschaft im Staate zu sichern, die er benutzt, um als Staatspensionär ein üppiges Leben zu führen. Der Fiskus ersetzt ihm die gutsherr⸗ liche Gewalt, früher beutete er bloß seine Hörigen und Leibeigenen aus, jetzt mit Hilfe der Brotzölle das ganze Volk. Dem Adel folgt der Rest der Gutsbesitzer, ohne Unterschted von Stand und Rasse. Ihnen allen bietet der Brotwucher einen mühelosen Erwerb. Der Brotzoll macht zwar nicht den Boden fett, aber er verwandelt die magere Frucht in eine üppige Ernte, eine Goldernte aus den Taschen des brotverzehrenden Volkes.
Schließlich der Großbauer! Nicht der freie Bauer der alten Zeit, der hie und da, unter günstigen Umständen, seine Unabhängigkeit gegen⸗ über dem Gutsherrn wahrte, sondern eine neue Spezies— der moderne Großbauer, der seinen Knechten Margarine auf's Brot streicht, der in den Wirtschaften, auf den Viehmärkten und in der Stadt mehr Zeit verbringt als auf dem Ackerfelde, der sich vorzüglich auf den Geschäfts⸗ verkehr mit Händlern, Fleischern und Milch- lieferanten versteht und sein Konto bei der Bank hat, dessen grobe Finger zwar noch un⸗ gelenk den Rechenstift führen, aber schon verlernt haben, den Pflug zu handhak en, der seine
Töchter nicht in den Viehstall schickt, sondern
an das Klavier setzt, kurz, der Geldbauer!
Auch er fordert seinen Teil am Brot⸗ und Fleischwucher.
Um diese herum eine Anzahl Mittelexistenzen, die dem Mittelstand, der längst nicht mehr existiert, den historischen Namen gestohlen haben. Sie pochen auf ihr Deutschtum, eus dem ste ihr Anrecht ableiten, auf irgend welche Weise zu einem Staatsalmosen zu gelangen. Das e ihnen freilich sehr selten. Sie werden mit Versprechungen abgespeist. Sie werfen sich stolz in die Brust und schimpfen auf das Kapital, sind aber jeden Augenblick bereit, sich vom Kapital für wenige Groschen kaufen zu lassen. Sie betreiben die Fremdenfresserei als Beruf und treten für den Schutzzoll ein, um ihre Wahrnehmung der„nationalen Interessen“ zu dokumentieren, wobei ste geflissentlich über⸗ sehen, daß es nur die Interessen der Ausbeuter der Nation sind.
Die so zusammengesetzte Reichstagsmajorität weiß, daß sie nur einen winzigen Bruchteil der Nation vertritt. Sie scheut deshalb jede Be⸗ rührung mit den Massen. Sie beugt das parlamentarische Recht, um die Wähler vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Die wirt⸗ schaftliche Reaktion bedarf zu ihrer Unterstützung der politischen Reaktion. Aber jede reaktionäre Maßregel gebiert neue, denn sie erweitert die Kluft zwischen dem Reichstage und dem Volke.
Nichts ist mehr sicher. Alle Volksrechte sind in Gefahr und vor allem das Reichs⸗ tags wahlrecht. Denn alles, was geschieht, rächt sich bei den Wahlen, solange die Arbeiter 1 79 0 Stimmrecht haben. Das will die
eaktion vermeiden. Man behandelt bereits die Arbeitervertreter als Abgeordnete zweiter Klasse, man wird bald die Arbeiter zu Bürgern zweiter Klasse machen wollen.
Innere Zwistigkeiten haben bis jetzt die Sammlung der reaktionären Kräfte verhindert. Jetzt haben sie sich zusammengefunden. Ihr Auftreten ist Gewalt und sie werden Gewalt auf Gewalt häufen müssen, um sich gegen den Willen der Nation halten zu können. Der augenblickliche Erfolg hat sie berauscht und macht sie toll. In ihrer Tollheit glauben sie wirklich, die Entwicklung Deutschlands um ein Menschenalter zurückwerfen zu können.
Vergessen sind die Erfahrungen des Sozia⸗ listengesetzes. Man provoziert aufs neue die Arbeitermassen. Das deutsche Proletariat muß aufs neue sich seine politischen Rechte erkämpfen.
Nicht allein die parlamentarische Ver⸗ tretung der Arbeiterklasse, nicht allein ihre politische Organisation ist bedroht! Gerade die ka pitalistischen Verbände dulden am wenigsten die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter. Sie wollen ein absolutes Regiment in der Fabrik— in der Art von Krupp und Stumm— wie sie ja auch den Absolutismus im Staate erstreben; eine förmliche Versklavung der Arbeiter.
Es gilt eine Kraftprobe zwischen dem Pro⸗ letariat und den reaktionären Gewalten des kapitalistischen Staats. Der Kampf muß aus⸗ gefochten werden. Es giebt für uns kein Zurück mehr. Geben wir nach, so ermuntern wir bloß die Reaktion das auszuführen, was sie sich, nicht erst jetzt, sondern seit langen Jahren vor⸗ genommen hat. Sie war nicht um einen Vor⸗ wand oder eine Veranlassung verlegen— es
fehlte ihr nur die Einigung und damit die Macht.„Wohl ist es anzunehmen, daß die Reakttonäre angesichts der Wahlen nach der Durchdrückung der Tarifvorlage das Volk zu beschwichtigen suchen werden,— aber unzweifel⸗ haft ist es, daß sie, wenn sie sich erst wieder die Mehrheit im Reichstage gesichert haben werden, alles aufbieten werden, um sich für die Zukunft durch Aenderung des Wahlrechts die Mandate zu sichern. Unsere Losung für die nächsten Wahlen ist: Schutz der Volks⸗ rechte! Nieder mit der Reaktion!
Große Kämpfe stehen bevor, und alle Kräfte müssen angespannt werden. Jeder Arbeiter mag es sich gesagt sein lassen.
Die Sache der Arbeiterklasse ist die Sache jedes einzelnen Arbeiters. Keiner darf ruhen, jeder muß sein bestes tun. In die Versammlungen, in die Vereine— jeder gehört da hinein. Dabei allein darf es aber nicht bleiben. Von Mund zu Mund, von Haus zu Haus, in den Arbeitsbuden, in den Wirtschaften muß Agitation getrieben werden. Jeder muß Parteigänger werden. Die Organi⸗ sationen, die Kassen müssen gefüllt werden. Wir müssen auf alles gerüstet sein. Es gilt, den letzten Mann und den letzten Groschen auf⸗ zubieten. Der Arbeiterpresse nicht zu vergessen— sie ist das wichtigste Bindemittel der Partei. Kein Tag, keine Stunde darf nutzlos vergehen— es ist höchste Zeit.
Tut so jeder seine Pflicht, so können wir gefaßten Mutes den kommenden Dingen ent⸗ gegensehen. Für uns spricht die Weltgeschichte, unser die Masse der Ausgebeuteten, von uns erhoffen Kunst und Wissenschaft die Lösung der Sklavenfesseln, in denen sie das Kapital auf den Markt bringt, von uns erwartet die gesamte denkende Menschheit die befreiende Tat, die einer neuen Kulturentwicktung die Bahnen eröffnet— uns gehört die Zukunft, unser der Sieg!—
Der Wuchertarif im Reichstage.
Kuebelung der Redefreiheit.
Die saubere Sorte„Volksvertreter“, die zur gegenwärtigen Mehrheit zählen, die Beute⸗ politiker der Pfaffen⸗ und Junkerpartei schreiten von Gewaltstreich zu Gewaltstreich. Sie achtet nicht die jahrzehnte alten parlamentarischen Rechte, nicht die unbedingt notwendige Rede⸗ freiheit! Rücksichtslos wird niedergetrampelt, was nur irgendwie die Rechte der Minderheit zu schützen geeignet ist. Erst beseitigte man den Namensaufruf bei Abstimmungen, nunmehr wurde die Diktatur des Präsidenten aufgerichtet, der das Wort zur Geschäftsordnung geben und nicht geben kann, wem er will. Und diesen parlamentarischen Selbstmord zu dem Zweck, den Hungertarif im Ramsch zu erledigen. „Koste es, was es wolle, der Zolltarif muß durchgesetzt werden!“ So hat der Zentrums⸗ mann Trimborn in Köln verkündet. Zu Weihnachten soll dem deutschen Volke der Hungertarif beschert werden. Dem Men⸗ schen ein Wohlgefallen!— Nun, soviel steht fest: Die Sozialdemokratie wird von der Annahme des Tarifs keinen Nachteil haben.
———= UDO ULD


