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Seite 6.
Mittel dentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 28
A n 5 AUnterhaltungs-Ceil.
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Das Goldmacherdorf.
Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.
7(Fortsetzung).
Oswald war ein Mann, der sich auch bei Erwachsenen in Ansehen zu setzen wußte, der zwar nie schwor und fluchte, aber keinen fürch⸗ tete; kein Wunder, daß alle Kinder Hochachtung für ihn empfanden, und ihn zuletzt fast mehr lieb hatten, als sie ihre Eltern liebten. Da hätte man sehen sollen, wie ihm alle mit Ehr⸗ furcht schmeichelten; wie freundlich sie zu ihm liefen; wenn er ihnen begegnete; wie sie ihm seine Wünsche aus den Augen zu lesen suchten; wie ein Wink genug war zum freudigen Ge⸗ horsam.
Das war den Bauern im Goldenthal ganz unbegreiflich, um so mehr, da dieser Schul⸗ meister sich weder des Haselstockes, noch der Birkenrute bediente. Manche Leute wurden ängstlich und erzählten sich die Historie von einem Ratzenfänger zu Hameln, der auch die Kinder an sich zu locken gewußt, und endlich alle in die Höhle eines Berges geführt habe, wo sie mit ihm verschwunden seien. Einige alte Bauernweiber sagten öffentlich, das ginge nicht mit rechten Dingen zu, und rieten, man solle keine Kinder mehr zum Schulmeister lassen. Doch dazu kam es nicht.
Oswald aber redete und sprach:„Reinheit des Jerzen ist die Gesundheit der Seele: Reinlich⸗ keit des Leibes ist die Gesundheit des Körpers. Die Tiere mögen sich wälzen im Kot, aber der Mensch soll sich rein erheben zum reinen Himmel. Solches muß der Anfang aller Kinderzucht sein, daß die Kindlein wissen, sie seien Menschen und viel besser als Tiere. Dann ist aus ihnen Alles zu machen, aus den Tieren läßt sich nichts machen.“
Ferner redete Oswald und sprach:„Ein Schulmeister, welcher nicht einmal versteht, die zarten Kinderherzen durch Ernst und Liebe zu leiten, daß sie ihm willig folgen, der versteht sein Handwerk schlecht. Und man sollte billig den Stock auf des Schulmeisters Rücken zer⸗ schlagen, womit er die Kinder züchtigt, als hätte er Affen, Hunde und andere Tiere abzu⸗ richten, die keine Vernunft und kein menschliches Herz haben.“
8. Was ferner in der Schule vorgeht.
Es ging aber ein Geschrei im Dorfe, der Oswald verführe die Kinder und bringe ihnen eine neue Religion bei, und die Kinder könnten nichts bei ihm lernen. Denn es sei erschreck— lich anzusehen, wie die Kinder alltäglich daran treiben, um in die Schule zu kommen, da doch sonst die Jugend nicht gern mit dem Schulgehen zu thun hat; das sei wider die Natur. Des⸗ gleichen sei es den ganzen Tag in dem Schul⸗ hause totenstill, wie in einer Kirche, wo man sonst Lärmen und Geschrei der Lernenden weit hinaus über das Dorf seit Menschengedenken gehört habe; selbst in den Singstunden töne es nur wie Bienengesumse. Ferner vernehme man, daß beim Gebet ärgerliche Neuerungen vorfallen, und daß die Kinder zur Hexerei an⸗ geleitet würden, wozu sie schon die verdächtig⸗ sten Zeichen machen lernten.
Diese und andere Reden gelangten endlich selbst vor die Ohren des Herrn Pfarres und der hochobrigkeitlichen Schulräte in der Stadt. Und weil in der That niemand wußte und begriff, was der Oswald treibe, ward zur Untersuchung und Abhilfe der Beschwerden eine Kommission abgeordnet, die aus zwei Herren von der Stadt und dem Herrn Pfarrer bestand. Diese traten eines Morgens unerwartet, ehe die Schule angefangen war, zum Oswald und
sagten, was ihr Auftrag sei, und er solle in ihrer Gegenwart lehren, wie er gewöhnlich thue.
Da nun die Kinder einzeln ankamen, war auch in armen und zerrissenen Kleidern Sau⸗ berkeit und Ordnung lieblich zu schauen, und wie alle erst zum Schulmeister gingen, ihm die Hand zu geben, dann sich still zu ihren Sitzen begaben, wo sie freundlich mit einander flüsterten und auf die Fremden schauten. Es waren der Kinder in allem fünfundfünfzig; die Knaben saßen auf der einen, die Mägdlein auf der andern Seite.
Nachdem sie alle versammelt waren, sprach Oswald mit lauter Stimme:„Ihr lieben Kindlein, lasset uns vor allen Dingen erst vor dem allgegenwärtigen lieben Gott, unserm Vater, uns demütigen, und ihm unsere Gedanken und Bitten ehrfurchtsvoll vortragen.“ Und wie er dies sprach, falteten alle fünfundfünfzig Kindlein ihre Händlein und sanken auf die Knie, still vor sich zur Erde schauend. Auch Oswald kniete nieder; und der Herr Pfarrer und die Ratsherren aus der Stadt, da sie alles sich demütigen sahen vor dem Ewigen, folgten dem Beispiel aller und knieten auch. Dann las der Schulmeister ein schönes, rührendes Gebet, welches vor ihm auf dem Stuhle lag. Es war so verständig abgefaßt, daß es auch dem Verstande des kleinen sechsjährigen Kindes begreiflich war. Das bewegte das Herz eines der Ratsherren so tief, daß ihm die Augen voller Thränen wurden.
Da standen alle auf, und die Aeltesten der Schule, indem sie auf eine mit Noten und Worten beschriebene schwarze Tafel sahen, sangen mit sanfter Stimme vierstimmig ein schönes Morgenlied. Die kleinen sumseten den Gesang für sich ganz leise nach. Darauf lasen die besseren Leser aus einem Buche, abwechselnd einen frommen Vers; jede Zeile aber wurde von der ganzen Schule mit halblauter Stimme nachgesprochen, dann das Buch geschlossen, und erst von der Schule, dann wieder von einzelen Kindern, die Oswald aufrief, der fromme Vers auswendig hergesagt.
Nach diesem wandten sich die Kinder in vier Haufen nach vier verschiedenen Seiten vor eben so viele schwarze Tafeln, auf welchen teils lateinische, teils deutsche Buchstaben, teils Silben, teils ganze Zeilen in großer Vorschrift geschrieben zu sehen waren. Alle schrieben und malten auf Rechentafeln mit Tinte und Feder die Vorschriften nach. Oswald ging von Kind zu Kind, belobte das eine, belehrte das andere, ließ das dritte Feder und Griffel besser halten, und dergleichen mehr.
Nach einer Stunde teilten sich die Kinder wieder in vier Haufen, und man sah statt eines Schulmeisters pier Schulmeister. Denn die, welche am besten lesen konnten, stellten auf den schwarzen Tafeln gedruckte lateinische oder deutsche Buchstaben einzeln oder in Silben oder in ganzen Sätzen auf, wie Oswald es an⸗ gab. Die Buchstaben waren auf Pappe ge⸗ klebt, beweglich und einzeln. Dann sah Oswald nach, ob alles recht gemacht sei; und jeder der kleinen Schulmeister ließ seinen Haufen die Buchstaben, die Silben, die Wörter und Sätze sprechen mit halblauter Stimme. Keiner störte den andern. Oswald Auge und Ohr war bei allen, und mit leiser Stimme half er bald links bald rechts nach.
Und abermals nach einer Stunde verteilten sich die Haufen, und statt der Buchstaben kamen Zahlen und Rechenexempel auf die schwarzen Tafeln, und neue Lehrmeister und Lehrmeiste⸗ rinnen dazu; und die einen sprachen Zahlen zusammen, die andern addirten, die dritten subtrahirten, die vierten sagten das Einmaleins, und so weiter. Den besten Rechnern gab Oswald geschriebene Exempel, die rechneten für sich. Am Ende sagte jeder an, was er herausge⸗ bracht. Oswald sah in einem Büchlein nach, worin die gelösten Aufgaben standen, und sagte auf der Stelle, ob recht oder falsch.
Gar bewunderungswürdig war die Stille, die Ordnung, die Lernbegierde aller. So etwas hatten die Ratsherren und der Pfarrer in ihrem Leben noch nicht gesehen.
Als nun so der Morgen vollbracht war, begaben sich die Kinder, den Schulmeister
und die Fremden grüßend, still hinweg. Draußen aber war frohes Gelächter und lauter Jubel der Kleinen.
Und Nachmittag sah man in der Schule die Kinder wieder vor den schwarzen Tafeln. Da zeichneten sie künstliche Figuren von geraden und krummen Linien auf ihren Rechentafeln und Papier, einige sogar schon Umrisse von Blumen und wunderbaren Gefäßen. Dies gethan, lasen die besten Leser aus einem Buche lustige und lehreiche Geschichten und Gespräche vor. Da hätte man die Freude der Kinder sehen sollen über alles das, was sie hörten. Dann befahl Oswald denen, die am besten schreiben konnten, die angehörte Geschichte auf⸗ zuschreiben, und ihm morgen zu bringen, doch keine Fehler gegen die Rechtschreibung zu be⸗ gehen. Zuletzt nannte Oswald öffentlich und mit Lobspruch die Namen derer, die an diesem Tage ihre Sache am besten gethan. Und weil derselben sechs waren, machte er allen die Freude, ihnen noch eine Stunde lang etwas Schönes zu erzählen. Und er erzählte ihnen eine ganz erschreckliche Geschichte von einem Manne, der in der strengsten Winterkälte auf der Landstraße schläfrig geworden und erfroren sei, daß man ihn tot in ein Dorf gebracht; und wie unwissende Bauern ihn haben sogleich in eine warme Stube legen und auftauen wollen. Aber ein geschickter Arzt sei gekommen, habe den Erfrorenen entkleidet und bis an die Nase im Schnee begraben, nachher sogar in eiskaltes Wasser gelegt, daß um die Glied⸗ maßen dünnes Eis geworden; dann habe er den Leib in kalte Betten in ein ungeheiztes Zimmer gebracht, mit Wollentüchern stark ge⸗ rieben, bis der Totgeglaubte wieder zum Leben gekommen wäre. Wie das zugegangen, erklärte Oswald alles.
So war der Schultag zu Ende.
(Fortsetzung folgt.)
Splitter.
Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht ruhig, tc st ol z.
essing.
5 0 Der Mut besteht nicht darin, daß man bei
Gefahr blind übersieht, sondern daß man sie sehend überwindet.
Jean Paul. Humoristisches. Der fatalste Streik ist es doch, wenn Bank⸗ kassierer ihre Zahlungen einstellen— und gerade in
solchem Falle melden sich keine Streikbrecher. („Der wahre Jakob.“) Der wahre Grund. A.: Das ist aber hübsch von dem neuen Eisenbahngeneral, daß er den Photo⸗ graphie Rummel nicht mitmacht. Er hat seinem Photo⸗ graphen bei höchster Ungnade verboten, ein Bild von ihm zu verkaufen. B.: Hm, Hm! Ich glaube, das geschieht blos aus Angst vor den Karikaturenzeichnern und Witzblättern. (Südd. Postillon.)
Geschichtskalender.
13. Juli. 1874: Kullmann⸗Attentat auf Bis marck. 1870: Fälschung der Emser Depesche durch Bismarck.(Was zur Kriegserklärung führte.)
14. 1901: Stahlarbeiter⸗Riesenstreik in Amerlka. 1861: Attentat Becker auf Wilh. I. 1789: Erstür⸗ mung der Bastille in Paris.
15. 1839: Aufstand der Chartisten in Birmingham.
17. 1854: Eröffnung der Sömmerringbahn. 1798: Charlotte Corday hingerichtet.
18. 1898: Zolaprozeß in Versailles. 1870: Ver⸗ kündigung des Unfehlbarkeitsdogmas in Rom.
19. 1879: Louis Ferose, Erbauer des Gott, hardttunnels, gestorben. 1838: Eröffnung der Eisen⸗ bahn Leipzig⸗Dresden.(Erste längere Strecke in Deutsch land.)
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