Ausgabe 
12.10.1902
 
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a 7 Unterhaltungs-Ceil.

Das Goldmacherdorf.

Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinric Zschokke. 20)(Fortsetzung). Der Vorschlag erregte zwar auch Murren, aber er ging durch. Und als ihn die hohe Landesregierung nicht nur billigte, sondern auch belobte, ward nahe und fern der Holzschlag angekündigt. Es kamen viele Käufer von nahe und fern zur Steigerung. Man schlug in Gegenwart und unter Anweisung des Ober försters das älteste Bauholz, auch an vielen Orten junges an, wo es zu dicht stand, ver⸗ kaufte aber daran zwei Jahre lang, um die Preise nicht zu niedrig zu halten, und in zwei Jahren waren sechstausend Gulden gelöset, so daß die Gemeindsschuld nicht nur bezaht, sondern auch ein schöner Geldüberschuß für Notfälle der Gemeinde auf Zins gethan werden konnte. Nun aber folgte Oswald auch dem Willen des Oberförsters und der Regierung. Nämlich

um den Wald, als das beste Stück vom Gemeindsvermögen, recht ordentlich bewirt⸗

schaften zu können, ließ man einen Feldmesser kommen. Der vermaß alle Waldungen und brachte sie in Karten. Der Oberförster ging durch die Gehölze, und nachdem er sie besichtigt halte, teilte er sie in Portionen oder Schläge, und schrieb dazu, welchen Schlag man in jedem Jahre abholzen könne. Und so war dabei für dreißig und für hundert Jahre Vorforge gethan. Der Tberförster machte den Orls vorgesetzten eine schriftliche Lehre und Anweisung dazu, was sie alle Jahre beim Abholzen und beim Anpflanzen neuer Schläge zu beobachten hätten. Und die Vorgesetzten machten der Gemeinde eine neue Waldordnung, darin, als in einem Gesetz fürs Dorf, geschrieben war, was künftig bei Fällung des Holzes, bei Austeilung der Gaben, bei Anweisung not wendigen Bauholzes in der Gemeinde, bei Freveln, bei Ernennung der Baunwarte oder Waldvögte usw. zu beobachten sei, damit alles recht unparteiisch und gemeinnützlich vor sich gehe.

Diese Einrichtungen waren ganz vortrefflich. Und wenn es einmal an einen Schlag im Walde kim, der zu wenig Holz gab, ward das Fehleude aus dem Urberfluß eines andern ersetzt. Der Baumwart empfing bessern Gehalt, damit er den Lumpen und Holzoieben Tag und Nacht fleißiger nachgehen könne. Alle zwei Jahre wurden die Marken und Grenzen der Wälder und Aecker und Wiesen von den Vorgesetzten, Feldhütern, Baumwarten, Güterbesitzern usw., von alten Männern und jungen Kuaben um gangen, besichtigt und berichtigt. Das verhütete vielen Grenzstreit, viele Prozesse, die aus Ver wahrlosung der Marken entstanden waren.

26. Es ist noch viel Not im Dorfe.

Das ganze Land konnte sich nicht genug uber die Goldenthaler verwundern. Denn der Wohlstand der Leute nahm sichtlich zu. Nicht nur das Dorf hatte keine Schulden, sondern Leute, vie soust tief darin steckten, trugen nach und nach ihre erborgten kleine Kapitale ab. Jedermann in der Stadt, welcher Geld austhun wollte, lieh den Goldenthalern am liebsten; denn jedermann wußte, die Ortsvorgesetzten waren bei Schätzung der Unterpfändler sehr ae wissenhaft, und kannten haargenau, wie viel Schuld auf einem Stück Landes haftete. Das war nicht so in andern Gemeinden, darum hatten die Goldenthaler überall den Vorzug und das Ansehen. Und wenn einmal ein Bettler kam, und sagte, er sei aus Goldenthal, so sprach man:Pfui, schamst du dich nicht zu beiteln, und du bit aus Goldenthal? Man bildete sich ein, im Gol dmacherdorf waren gar keine bettelarmen Leute.

MNitteldentsche Ssuntags⸗Jeitung.

Nr. 41.

Darin aver irrte man sih sehr. Deun in diesem neuaufblühenden Dorfe war noch immer ein ansehnlicher Bodensatz aus der alten Zeit. Da lebten einige verlumpte Familien, die nicht zu bessern waren, der Herr Pfarrer mochte mit ihnen reden, oder die Obrigkeit drohen, wie sie wollte. Da lebten Leute, die lieber müßig gehen, hungern und betteln wollten, als im Schweiß ihres Angesichts das saure Brot verdienen. Da lebten Leute, die sogar ihre Kinder zum Bettel⸗ und Diebshandwerk abrich⸗ teten, und sie Abends abprügelten, wenn sie nicht genug gesammelt hatten. Da lebten Leute, die immer wieder das, was sie entweder ver dient, oder als Almosen bekommen hatten, für Wein, Branntewein und allerlei Nasch⸗ und Leckerwaaren hingaben. Man hatte auch keine Hoffnung, daß die Menschen endlich ein mal aussterben würden. Umgekehrt, ste ver⸗ mehrten sich mit dem Wohlstande der Golden⸗ thaler. Denn sie verheirateten sich unter einander And setzten Kinder in die Welt, ohne sich darum zu bekümmern, wie sie sich und ihre Kinder er nähren möchten. Die Lumpen sagten nur: Die Gemeinde hat ein Armengut, das gehört uns an; und es ist die Schuldigkei der Gemeinde, sie muß uns erhalten, sie mag wollen oder nicht.

Dem guten Herru Pfarrer Roderich gingen diese frechen Redensarten des unverschämten Gesindels besonders zu Herzen.

Und er sagte niemals zu den Vorstehern: Arbeitet, wie ihr wollet: so lange ihr noch die Bespiele der Faulheit, Ueppigkeit und Lüderlichkeit, die Pflanzschule alles Lasters, im Dorfe habet, so lange kommt die Gemeinde auf keinen grünen Zweig. Denn was recht⸗ schaffene Haushaltungen verdienen, davon zehren die Müßiggänger auch mit. Diese vermindern immerdar das Vermögen der andern, und verführen durch ihre Schlechtigkeit andere Leute zur Schlechtigkeit.

Die Ortsvorgesetzten sahen dies so gut ein, wie der Pfarrer. Aber wie sollte man dem mutwilligen Bettel und Müßiggang abhelfen? Das war der Knoten! Im Dorfe befand sich zwar eine Art Armenhaus, welches man das Spital hieß, allein es war für gie Menge der Bettelschaft zu klein; darum kauen viele nicht hinein. Und man mußte sich scheuen, Meuschen hinein zu thun. Der Herr Pfarrer ging oft in das sogenannte Spital, und hoffte die Leute darin zu besseru, aber hoffte ver gebens. Hier wohnten Alt und Jung; Männer, Weiber, die sonst kein eigenes Obdach mehr hatten, elend beisammen. Das Haus war, wie der Herr Pfarrer oft sagte, eine wahrhafte Mördergrube der Seelen. Denn die Kinder sahen und hörten da von den Alten viele schandliche Sachen. Das Beisammensein von Personen beiderlei Geschlechts und von den schlechtesten Sitten gab zu vielen Ausschweifungen Anlaß. Das Land, welches zum Spital gehörte, war immer am unordentlichsten besorgt, und Oswald hatte große Mühe, im Hause selbst nur mehr äußerliche Reinlichkeit herzustellen. Aber wie sehr er auch den Kopf anstreugte, er konnt nichts ersinnen, dies zusammengepackte, müßige, lüderliche Gesündel zu ändern, und er glaubte zuletzt selbst, das sei nun einmal leider ein notwendiges Uebel.

Hingegen der Pfarrer hatte keine Ruhe, und wollte nicht Zeuge so vielen Sittenver⸗ derbnisses in seiner Gemeinde sein. Er war aber ein kluger Herr, der sich nicht geradezu in Gemeinds angelegenheiten mischte, weil er, um heilsam zu wirken, mit allen Bewohnern des Dorfes in Freundschaft bleiben wollte. Er gab hin und her einen guten Rat warf, einen guten Gedanken hin, und freute sich, wenn er von diesem oder jenem Vorsteher aus gefaßt wurde. Daun that er gar nicht, als wenn das von ihm herrühre; sondern er ließ den Vorgesetzten die Ehre, von selbst den rechten Weg gefunden zu haben. Das schmeichelte diesen und sie verfolgten den rechten Weg um so williger. Pfarrer Roderich meinte auch: es sei recht, da, die Ortsvorgesetzten bei der Gemeinde in höchster Achtung ständen; und es schade ihrem Ansehen, wenn es hieße, sie ließen

sich vom Herru Pfarrer gängeln und lenken.

Daus sollte nicht sein. Auf solche Weise wiukie der weise Mann im Stillen, obne eigenen Ruhm, und mehr als selbst diejenigen wußten oder glaubten, auf die er wirste. Und wenn auch nicht alles so geschab, wie er wohl gewünscht hätte, ward er deshalb doch nicht mißvergnügt, und zog die Hand nie von der guten Sache zurück. Denn er war bescheiden genug zu glauben, daß audere Leute ebenfalls guten Verstand und vielleicht in vielen Dingen bessere Erfahrung und Kenntnis hätten, als er. Jedes Nützliche belobte er ungemein; das gab großen Mut und Freudigkeit. Und wo man begriff, daß gefehlt worden sei, entschuldigte er freundlich den Irrtum; das gab wieder Trost und richtete die Verdꝛossenen auf.

Das kann nicht länger so gehen mit unsern Gemeindsarmen und müßigen Bettlern! sagte eines Tages Oswald zum Pfarrer Roderich: Aber ich weiß keinen guten Rat zu schaffen. Diese Erb⸗Bettler sind für eine ehrsame Gemeinde, was die Filzläuse für einen Menschenkörper sind: eine Plage, eine Schande; und das Ungeziefer sauget Blut, Saft und Kraft aus, daß man nicht geneset. Ich habe ein Grausen, so oft ich unser Spital erblicke. Die Verwaltung kostet so viel und laugt offenbar nichts, und ist nur eine Plage und Schande und Lüderlichkeit.

Pfarrer Roderich antwortete und sprach: Ihr habet mir endlich aus der Seele gesprochen, Oswald. Hätte die Gemeinde kein Spital, so hätte sie auch keine Bewohner desselben. Die meisten Bettler und Müßiggänger wird man allezeit in denjenigen Orten finden, in denen das meiste Aumengut aufgehäuft ist, und wo man die meisten Almosen austeilt.

(Fortsetzung folgt.)

Splitter. Nur wen'ge Meuscheu sah ich ruhig scheinen Beim eig'nen Mißgeschick, doch niemals fand ich einen, Der nicht mit christlicher Ergebenheit Ertragen hätte seines Nächsten Leid. O. Banck.

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Kann ich nicht Dombaumeister sein,

Behau' ich als Steiemetz einen Stein, Fehlt mir auch dazu Geschick und Verstaud, Trag' ich Mörtel herbei und Sand.

Humorislisches.

Daher.Gott, was haben S' für dicke Finger, Frau Metzgermeister!Ja mei, bedenken S' doch aa', was für schwere Bröllantring die Sonntags z tragen hab'n. i

Kasernenhofblüte. Unteroffizier:Meier, machen Sie nicht solche falsche Griffe, als ob Sie ein Kriminalkommissar wären!

(Lust. Bl.)

Gemütlich. Richter:Ihre Frau schlugen Sie? Das ist Feigheit! Angekl.: Na, dann raufen Sie einmal mit ihr, Herr Richter, dann werden Sie sagen, das ist Tapferkeit!

Geschichtskalender.

12. Oktober. 1896: Leutnant Brüsewitz ersticht den Mechaniker Siepmann in Karlsruhe. 1890: Erster sozialdemokratischer Parteitag nach dem Sozialistengesetz in Halle. 1492: Kolumbus entdeckt Amerika.

13. 1435: Herzog Ernst von Bayern läßt Agnes Bernauer ertränken.

14. 1891: Parteitag in Erfurt. Aufruf an die Berliner Arbeiter

15. 1890: Wilhelm II. Rede von denEbdelsten und Besten der Naticn. 1844: Friedrich Nirtzsche, Philosoph,.

16. 1901: Märchenbrunnen⸗Angelegenheit in der Berliner Stadtverordneten versam mlung.

17. 1859: John Browns Aufstand zur Neger⸗ befreiung in Missouri. 1815: Emanuel Geibel, Dichter,.

13. 1896: Otto Kappel, ehemal. soz. Reichs⸗ tagsabgeordneter, F. 1813: Schlacht bei Leipzig.

* geboren; 4= gestorben.

Parteigenossen, Arbeiter! werbt stets Abonnenten für die Mitteldeulsche Sonntagszeitung

1863: Lassalles

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Leere

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