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Witteldentsche Ssuntags⸗Zeitung.
Nr. 19.
4 r 7 b Unterhaltungs-Ceil.
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2 Kurpfuscher.
Ueber dieses Thema schreibt die„Deutsche Krankenkassenzeitung“:„Wenn einem gewöhn⸗ lichen Sterblichen am Kleidungsstück eine Naht platzt, so bringt er es zur Reparatur zu einem Meister, von dem er weiß, daß er im Stande ist, auf Grund einer ordnungsgemäßen Aus⸗ bildung im Schneiderhandwerk das schwerent⸗ behrliche Bekleidungsstück wieder anständig her⸗ zurichten; einen e eu Stiefel kann nur ein Schuhmacher besohlen, der sich hierzu in langjähriger Schusterjungen⸗, Gesellen⸗ und sonstiger praktischer Thätigkeit die erforderliche Geschscklichkeit erworben hat. In schwierigen Rechtsfällen wüßte man nicht, woher man sich Rat holte, wenn es nicht Rechtsanwälte gäbe, die ein umfangreiches Studium, mehrere Prü⸗ fungen und viel Erfahrung hinter sich haben. Nur wer für seinen kranken Leib Heilung sucht, wer die Segnungen des höchsten menschlichen Gutes, der Gesundheit, kennt, wem ein körperliches Leiden jede Freude am Leben vergält— nur der findet viele, sehr viele hülfsbereite Kräfte, un⸗ ter denen er die Wahl hat.
Da giebt es alte Schäfer und Magnetiseure, salbaldernde Barbiere und Zigeunerinnen, sogen. „Naturheilkundige“ und Erfinder von Elixieren oder Talismanen, weise Frauen und— ja, und was doch noch? Ach so,—ja und Aerzte!——
Als seiner Zeit im preußischen Abgeordne⸗ tenhause die Frage ventiliert wurde, ob es nicht ratsam sei, die Ausübung der Heilpraxis den approbierten Aerzten zu monopolisteren, da war es ein erfahrener alter Arzt selbst, der dagegen polemisterte, der einen dahinzielenden Antrag zu Fall brachte; da war es der Geheim⸗ rat Virchow, der meinte, das deutsche Volk sei intelligent genug, um zu wissen, an wen es sich zu wenden habe wenn es seinen wertvollsten Besttz, sein körperliches Wohlergehen, zu schützen gelte.
Ja, ja— das intelligente deutsche Volk! Ich zählte oben eine ganze Reihe von Berufs⸗ ständen auf, denen aus der Ablehnung jenes Antrages ein in den weitaus meisten Fällen recht einträgliches Geschäft erwuchs.
Gehen wir sie doch einmal einzeln durch. Wer kennt nicht in irgend einem kleinen Dorfe des deutschen Vaterlandes einen frommen alten Schafehüter, der aus dem Urin des Patienten oder aus der Konstellation der Sterne am Himmel jedwedes Leiden diagnostiziert und in den erstaunlichsten Wunderkuren heilt? Wer hätte noch nicht von dem Radbrucher Schäfer Ast gehört, der für jede aus einer Haarlocke erkannte Krankheit schon ein gedrucktes chiffrier⸗ tes Rezept vorrätig hielt, und damit so glän⸗ zende Erfolge erzielt hat, daß ihn der unge⸗ heure Zulauf Heilsuchender in den Stand setzte, ein Rittergut zu erstehen? Die von den Schä⸗ fern angewandten Heilmittel sind meist Thees oder andere aus im Volke als heilkräftig be⸗ kannten Unkraut⸗Pflanzen gewonnene Getränke, die häufig von ganz guter Wirkung sein kön⸗ nen, und wo nicht Chemikalien oder sonstige neuere Mittel an deren Stelle getreten sind, auch wohl hier und da noch in der modernen Therapeutik verwendet werden. In früheren Zeiten waren die Schäfer die ärztlichen Berater von Arm und Reich, von Landleuten und Städtern. Heute rekrutiert sich ihre Kund⸗ schaft hauptsächlich aus den Bauern ihres Dorfes und beschräukten Stadtwetbern, die in allen Neuerungen eine neue Gefahr sehen und nur auf das schwören, was sie die selige Großmutter in den Kindheitstagen gelehrt hat.
Behandelt der Schäfer innere Krankheiten, Kopfschmerzen, Magenleiden, Husten oder Gicht, so ist der Barbier der Chirurg des Bauern. Seine Behandlung besteht in operativen Ein⸗ griffen. Geschwülste werden aufgesteckt, Hühner⸗ augen abgeschnitten, schmerzhafte Backzähne ausgerissen und Schmerzen ohne erkennbare Ursache mit Schropfköpfen behandelt.
Wenn aber einmal ein Zigeunerzug das Dorf passiert, dann rennt die ganze biedere Dörflerschaft zu den Weibern auf dem Wagen. Die lassen aus Kräutern Suppen kochen, be⸗ schwören auch wohl durch allerlei Hokuspokus die Krankheitsgeister und erteilen guten Rat, wie durch vernünftige Lebenshaltung und durch mystische Zeremonien Krankheiten für die Zu⸗ kunft zu verhüten sind.
Für der Bauern Gesundheit ist also aus⸗ gesorgt. Doch auch der Städter ist nicht ver⸗ lassen. Die„bessere Gesellschaft“, und vornehm⸗ lich die Damen, gehen in Krankheitsfällen, speziell nervöser Natur, zum Heilmagnetiseur; das ist modern, riecht nach Wissenschaft, und entbehrt doch nicht eines aparten metaphysisch anhetmelnden Reizes. Der Heilkün stler, meist eine verkrachte Existenz mit hochtönendem Na⸗ men und wohlgepflegtem Exterieur, bewegt sich in ausgesucht vornehmen Umgangsformen, behandelt seine Patienten mit der rücksichts⸗ vollsten Höflichkeit, schreibt Rechnungen, deren sich die berühmteste ärztliche Kapazität nicht zu schämen hätte und erfreut sich daher eines hervorragenden Tüchtigkeitsrufes und bedeutender persönlicher Beliebtheit. Sein Heilverfahren be⸗ ruht auf Massage und Walten assen geheimnis⸗ voller magischer Kräfte. f
Der gefährlichste Konkurrent des Magneti⸗ seurs ist der„Naturheilkundige“, der unter der bestechenden Parole:„Wir brauchen keine Gifte! Die Natur hilft sich selbst!“ alles auf, natur⸗ gemäßem Wege“ kuriert. Solange die in Bä⸗ dern, Massage oder Aehnlichem besteht, mag man sie ja allenfalls als berechtigt gelten lassen. Was aber alles als„naturgemäß“ herhalten muß, das geht auf keine Kuhhaut. Der eine läßt seine Patienten barfuß über Disteln laufen und hält diese Behandlung für eine natürliche, ein anderer gräbt sie bis zum Leibe stunden⸗ lang in Lehm ein, und bringt in seiner Reklame⸗ Broschüre(die mir vorlag), die unglaubliche Behauptung fertig, er sei von dem gleichen Helfergeiste beseelt, kraft dessen Jesus von Nazareth seine wunderbaren Heilungen voll⸗ brachte. Natürlich erfreuen sich Charlatane dieser Art eines kolossalen Zuspruches.
Fär die„kleinen Leute“ sind die klugen Frauen da. Sie legen Karten, diagnostizieren aus Kaffeegrund,„besprechen“, erklären jede Krankheit für die Folgen einer Behextheit und veroronen die schauerlichsten Sympathie⸗Ver⸗ fahren, mittelst deren man die Besessenheit ver⸗ treiben kan. Die selbst im zwanzigsten Jahr⸗ hundert noch nicht vereinzelten Spuk⸗ und Hexenprozesse bringen mitunter gräßliche Schandthaten ans Licht, die auf Rat solcher kluger Frauen in abergläubischer Geisterfurcht begangen wurden.
Außer all diesen Heilkundigen tummeln sich auf dem Gemeinplatz der medizinischen Wissen⸗ schaft noch die zahllosen„Erfinder“ von Geheim⸗ mitteln, deren Präparat jedem erdenklichen Leiden ein sofortiges Ende bereitet; und alle die vielen Männer und Frauen, die sich eine bestimmte Krankheit zur Behandlung erwählt haben, unter denen Beinschäden und sexuelle Leiden die beliebtesten sind. Diese Heilkünstler gehen aus allen möglichen und unmöglichen Berufsgattungen hervor. Vornehmlich findet man unter ihnen: frühere Hebammen, ehema⸗ lige Lazarethgehülfen, Krankenkassenschreiber, bei Aerzten bedienstet Gewesene und dergleichen mehr, die alle ihre in irgend welcher früheren Thätigkeit auf dem Gebiete der Therapie gesam⸗ melten Erfahrungen nutzbringend verwenden möchten. a
Ja, ja. Fünf Jahre muß der das Gym⸗ nastum nach neunjährigem Besuch verlassende Abiturient studieren, zwei schwere theoretische und praktische Examina ablegen und in weite⸗ ren langen Jahren praktischer Uebung tief ein⸗ dringen in die Wissenschaften der modernen Therapeutik, dann hat auch er das Recht, als praktischer Arzt mitzuwirken an der Heilung der kranken Menschheit, dann darf er versuchen die Konkurrenz aufzunehmen mit all den Kurpfu⸗ schere, die ihr Geld aus den Taschen der ar⸗ men Kranken ziehen— und auf die Wissenschaft pfeifen.“ E. M.
Anneli. Eine Malfest⸗Erzählung.
(Schluß).
Auf dem so vorbereiteten Boden war— wie Konrad mit hoher Freude in der Fremde gehört hatte— eine kräftige von sozialdemo⸗ kratischem Geiste 1 Arbeiterbewegung entstanden. Heute am 1. Mai sollte auch hier der Weltfeiertag der Arbeit festlich begangen werden und Konrad hatte sich just diesen Tag erkoren, um seine alte Heimat wiederzusehen. Er war jetzt ganz in Jugenderinnerungen ver⸗ senkt, als er mit großen Schritten die steil an⸗ steigende Straße hinanschritt. Die Frauenge⸗ stalt, die ihn vorher so lebhaft an das Anneli gemahnt hatte, war seinen Augen längst ent⸗ schwunden, die jetzt die Türme und Schlote von Peterswald, seinem Heimatdorf, in der Ferne auftauchen sahen.
Die Sonne brannte heiß vom Himmel her⸗ nieder und Konrad mußte zuweilen innehalten und sich den Schweiß von der Stirn wischen. Es war Nachmittag geworden, als er endlich in Peterswald anlangte. Nach kurzer Rast im Gasthaus„Zum Sternen“ begab er sich gleich in den Versammlungssaal, wo die Maifeier durch Gesang und Ansprachen eröffnet werden sollte. Der nicht eben große Saal war schon so dicht besetzt, daß Konrad sich nur mit Mühe noch einen Platz ganz im Hintergrunde eroberte. So konnte er zunächst nur 1 5 ihm bekannt scheinende Gesichter entdecken. Als dann aber ein weißhaariger Mann von etwa 65 Jahren die Tribüne bestieg, erkannte er in der hageren Gestalt mit dem klugen Gesicht einen alten Freund seines väterlichen Hauses, der nun das Wort ergriff und in kerniger, wahrhaft volks⸗ tümlicher Weise das Evangelium vom Welt⸗ frieden durch den Sozialismus verkündete. Kon⸗ rads Herz schwoll vor innerer Bewegung. Wie wurde ihm hier die Macht des sozialisten Ge⸗ dankens so gegenständlich lebendig! Der ge⸗ scheite Kopf dieses Alten, der früher so zähe am Hergebrachten festgehalten, war endlich doch durch den Geist der Neuzeit revolutioniert worden. Der jubelnde Beifall der Versam⸗ melten am Schlusse seiner Rede bewies, daß seine ganze Persönlichkeit von der Sympathie seiner Zuhörer getragen wurde. Konrad saß noch in Gedanken verloren da, als wieder Stille ein⸗ trat und nun mit einem Male eine tiefe klang⸗ volle Frauenstimme von der Tribüne her sein Ohr traf. Es gab ihm einen Ruck durch sein Innerstes... Die Stimme... die Stimme! Gab es denn noch ein Weib auf der Welt, dessen Lippen ein solcher Wohllaut entströmte? Das durch die Fenster in den Saal fallende Sonnenlicht blendete ihn derart, daß er die Gestalt der Rednerin nicht erkennen konnte. Erst allmälig vermochte er dem Sinne ihrer Worte zu folgen. Sie sprach als Frau zu den anwesenden Frauen und Mädchen. Schlicht und ungesucht flossen die Worte von ihren Lippen, als sie schilderte, was die Proletarieren— doppelt rechtslos und ausgebeutet, mit schier unzerreißbaren Ketten an die Haus⸗ und Fabrik⸗ arbeit gefesselt— von der Erringung des Acht⸗ stundentages, wie er am 1. Mai überall in der Welt von der klassenbewußten Arbeiterschaft gefordert werde, zu hoffen habe. Sie leuchtete hinein in die Uhrmacherhäuser des Schwarz⸗ waldes, wo die Frau vom grauenden Morgen bis in die sinkende Nacht für Hungerlöhne Spindelstecken, Sperrhacken feilen und Uhrfedern einziehen, dabei ihr Hauswesen in Ordnung halten, kochen, scheuern, waschen, plätten und die Kinder erziehen müsse!
Viele Frauen weinten still, als ihnen so ihr Elend zum Bewußtsein gebracht wurde. Andere wieder äußerten in lauten Zurufen ihre Zu⸗ stimmung zu den Worten der Sprecherin.„Pro⸗ letarterinnen, Ihr habt nichts zu verlieren, als Eure Ketten, aber eine Welt zu gewinnen!“ rief sie zum Schluß ihrer Ausführungen mit vibrierender Stimme in die erregte Menge hin⸗ 5 115 sich nun in Beifallszeichen fast erschöpfen wollte.
Die Versammlung war zu Ende. Ungestüm strebte Konrad der Tribüne zu, um der Frau,
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