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Seite 6.
Nitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 45.
16— „AUnterhaltungs-Ceil. 3
A Das Goldmacherdorf.
Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.
240 Cortsetzung).
Die Bauern sagten:„Das ist ganz richtig, aber es läßt sich nicht ändern. Man kann seine Aecker nicht auf den Rücken nehmen und an einen Haufen legen.“
Oswald sprach:„Das könnet ihr, wenn ihr wollet, nun ihr den Plau vom Gemeinds⸗ bezirk habet und nun jedermann weiß, wie groß jedes seiner Stücke ist. Aber ich sage euch, die Sache hat viel Schwierigkeiten. Ihr müsset mit einander die zerstreuten Stücke austauschen, so daß endlich jeder sein Land im Zusammenhang hat als ein einziges Stück. Da rede jeder mit seinen Nachbarn und An⸗ stößern. Entschädiget einander, wo der eine ein paar Schuhe Land mehr oder bessern Boden hat, als der andere. Und wenn einer oder der andere beim Tauschen wirklich etwas einbüßen sollte, so gewinnt er doppelt dadurch, daß er alles beisammenliegend hat. Wo ihr nicht eins mit einander werdet, nehmet unpar⸗ teiische Schätzer oder billige Schiedsrichter, oder ziehet Loose. Ich sage: lasset euch durch kein Hindernis abschrecken, oder seit darum nicht zufrieden, weil ihr es jetzt seit vielen Jahren so gewohnt seid; es kommt darauf an, daß ihr
reicher werden könnet, ohne größere Mühe.“
Als der erste Vorsteher so geredet hatte, ging die Gemeinde kopfschüttelnd auseinander. Zwar alle sagten, der Gedanke sei gar gut; aber man würde nun und nimmermehr einig werden.
Inzwischen dachten doch einige in müßigen Augenblicken daran, welches Stück von ihren Feldern sie wohl Dem und Diesem für das seinige geben könnten, das an das ihrige stieß. Sie fingen sogar zum Spaß an, davon mit den Angrenzern zu reden. Diesen war dann das Angebotene nicht allezeit gelegen, und wünschten ein anderes, das dem Dritten gehörte, zu empfangen. Da begrüßten beide Teile nun den Dritten. Einer stieß den andern. Bald machte jener Pläne für sich, seine Be⸗ sitzungen auszurunden und in ein einziges Stück zu verbinden. In kurzer Zeit griffen die Unterhaltungen um sich. Manche gelang, manche scheiterte. Immer kam dabei etwas heraus. Es war in Goldenthal wie an einer Landversteigerung oder wie auf einem Güter⸗ markt, zumal im Winter, da man mehr müßige Stunden hatte und Abends zum Gespräch zu⸗ sammenkam, bald bei Diesem, bald bei Jenem. Denn ins Wirtshaus zu gehen und das gute Geld durch die Gurgel zu jagen und einem Vieh gleich zu werden, schämten sich alle Ehrenleute im Dorfe. Lieber tranken sie ihr Glas bei Weib und Kind und mit denselben an einem Sonn- und Festtage.
Oswald hatte es vorausgesagt: der Güter⸗ tausch hat Schwierigkeit! So war es auch. Allein im ersten halben Jahr war es doch schon Fünfen fast ganz gelungen, all ihr Land beisammen zu haben. Das verdroß die andern. Sie sahen den Nutzen davon sehr wohl ein. Nun setzten sie den Kopf daran, es auch so weit zu bringen. Das Gemeindshaus ward beständig besucht am Abend. Da standen immer einige Bauern vor der großen Karte, und handelten und stritten, daß man es draußen hörte, und liefen auseinander im Zorn, und traten wieder mit neuen Vorschlägen zusammen.
Was war die Folge? Von Jahr zu Jahr rundeten sich die Güter immer besser zu, und die guten Wirkungen wurden auffallend sichtba r.
30. Wie es im Goldmacherdorfe
aus sah.
Wohl war Goldenthal nuu ein rechtes goldenes Thal. Da lag es mitten in den
fruchtbarsten Gärten, wie vergraben in den vollen Obstbäumen, umringt von Wiesen und goldenen Saatfeldern, wie mitten im Paradiese. Die Feldwege zwischen den Aeckern waren wie Gartenwege sauber und eben, die Landstraßen auf beiden Seiten mit Obstbäumen besetzt, so weit der Gemeindsbezirk ging.
Und trat man ins Dorf, so glaubte man in kein Dorf zu treten, sondern in einen statt⸗ lichen Marktflecken. Denn die Häuser waren, wenn auch nicht alle groß, doch alle schön und wohlunterhalten von oben bis unten; die Fenster glänzend und hell; die Thüren und Gisimse stets gewaschen oder frisch angestrichen; die Dächer fast alle mit Ziegeln gedeckt, denn durch ein Gemeindsgesetz waren die Stroh⸗ dächer wegen Feuersgefahr verboten. Und wurde ein neues Dach gedeckt, mußten es Ziegel sein. Auf mancher First sah man Blitzableiter, fast vor allen Fenstern Blumen; neben den Häusern kleine Gärten, zierlich 1 10 und daneben wohlgeschirmte Bienen⸗ körbe.
Die Leute grüßten jeden so freundlich auf der Straße, und neckten einander im Vorbei⸗ gehen scherzend. Man sah es ihnen wohl an, daß sie unter einander gut lebten und mit ihrem Zustande vergnügt waren. Das konnte nicht anders sein. Sogar in der Woche bei Feld⸗ und Gartenarbeit gingen alle, zwar schlicht und einfach, aber doch reinlich gekleidet; man sah keine beschmierten, keine zerrissenen Gewänder. Es gab braune, von der Sonne verbrannte Gesichter, aber keine kotigen, mit struppigen Buschhaaren; und die Kraft und Gesundheit lachte allen aus den Augen. Die jungen Bursche in andern Dörfern sahen am liebsten nach den Goldenthaler Mädchen; denn sie waren nicht nur wundernett und hübsch, sondern auch häuslich, geschickt und wirtlich. Mancher reiche Bauerssohn in andern Dörfern holte sich ein Mädchen aus dem Goldmacher⸗ dorf; wenn es auch nicht viel Geld hatte, hatte es doch viele Tugenden. Und ging ein junger Mann aus Goldenthal auf die Heirat aus, so konnte er unter den Töchtern des Landes wählen. Man schlug einem Golden⸗ thaler nie leicht die Tochter ab, wenn sie auch mehr Vermögen hatte; denn man wußte, es war gar wohl angelegt. Das vermehrte den Wohlstand der Gemeinde nicht wenig.
Daß man keine Bettler und Müßiggänger in Goldenthal sah, verstand sich. Aber man erblickte auch nicht einmal dem Anschein nach arme Leute. Denn sogar die Spittler hatten ihr sattes Essen und Trinken und ordentliches Gewand. Und trat man ins kleinste ärmste Bauernhaus, so meinte man beinahe, es sei etwas recht Vornehmes darin. Die Fußböden waren so reinlich und gefegt, die Bänke, Stühle, Tische so ohne Flecken und Fehl, Fenster und Spiegel so hell— kurz, es war nicht wie in den Sauhütten mancher Bauern in andern Dorfschaften. Man bekam rechte Lust, da zu wohnen unter den Biederleuten.
Während der Sommermonate, vom Früh- jahr bis zum Herbst war es an den Sonntagen bei schönem Wetter ein fröhliches Leben zu Goldenthal. Da wimmelte es von Besuchen aus der Stadt. Das große, neu ausgestattete Wirtshaus, welches— wär hätte es glauben sollen?— einer von den zweiunddreißig armen Genossen des Goldmacherbundes durch Erb und Kauf an sich gebracht hatte, war ange⸗ füllt mit städtischen Familien, die Erfrischungen nahmen. Andere Familien kehrten in die Wohnungen ihnen bekannter Bauern ein; saßen da in den Gärten bei Milch, Obst, Honig und andern Näschereien des Dorfes; oder lagerten sich plaudernd und spielend auf grünen Rasenplätzen, oder saßen auf den saubern Bänken vor den Häusern im Schatten weit vorragender Dächer, und sahen die auf⸗ und abwandelnden bunten Reihen der Spaziergänger; oder traten auf den Platz unter der Linde, wo die Jugend des Dorfes zuweilen tanzte beim heitern Gesang der andern. Man kann leicht denken, die Herren und Frauenzimmer aus der Stadt waren für das Vergnügen, welches sie in Goldenthal genossen, nicht undankbar, und die von den gefälligen Landleuten angebrachten Bequem⸗
lichkeiten und Verschönerungen ihrer Häuser und Gärten trugen guten Zins. Selbst im Winter fehlte es nicht an Besuchen. Da wurden aus der Stadt Schlittenpartien nach Golden⸗ thal gemacht. Wo konnte man's besser haben?
Die Leute in andern Dörfern sahen und hörten das und wunderten sich fast zu Tode, warum das bei ihnen nicht auch so sei? Sie meinten in vollem Ernst, die Goldenthaler hätten geheime Künste. Statt aber sich nach diesen Künsten recht zu erkundigen, blieben sie ruhig auf ihrem alten Mist sitzen, und blieben, wie sie waren. Sie zeigten nur Neid und Mißkunst, wenn ste von Goldenthal sprachen, und spotteten und nannten es das Goldmacherdorf. Aber dieser Uebername war kein Uebelnahme.
Auch machten sich die Goldenthaler nicht viel daraus. Denn wohin sie kamen, waren ste wertgehalten und geschätzt. Sie fuhren in ihrer guten Weise fort und waren dabei des Lebens froh. Hatten sie die ganze Woche ge⸗ arbeitet, war jeder Sonntag ein rechter Ruhe⸗ tag. Ins Wirtshaus freilich gingen die Goldenthaler nicht. Sie hatten ihren Labetrunk daheim. Aber auch im Winter tanzten da des Abends die jungen Leute bei guter Mustk. Einige Männer und Knaben waren durch den Schulmeister Johannes Heiter im Spiel der Geigen und Flöten angeleitet worden. Sie hatten es ziemlich weit gebracht. Oft führten auch die jungen Sänger und Sängerinnen große Singstücke auf, wie man dergleichen kaum in der Stadt hörte. Die alten Männer und Frauen kamen familienweise des Abends zu einander; da bewirteten sie sich mit einfacher ländlicher Kost, und hatten ihre muntern Ge⸗ spräche. Von besoffenen Leuten, von Raufereien, von Prozessen, von Ausschweifungen anderer Art hörte man gar nicht. Denn mit dem Wohlstande und der bessern Erziehung, die aus der Schule stammte, hatte sich ein gewisses Ehrgefühl und eine Liebe zu anständigen Sitten unter den Bauern ausgebildet, wovon man sonst nicht leicht in andern Dörfern Aehnliches gewahr ward. Man kannte und unterschied ste schon beim ersten Anblick in der Stadt von Landleuten aus andern Gegenden. Sie waren in ihrer Tracht höchst einfach und säuberlich, in ihrer Rede sanft und bescheiden, in ihrem Benehmen offen und gutherzig. Sie trugen zwar keine feinen Kleider, aber dafür war ihr Betragen fein.
Man muß wohl nicht glauben, daß dies höfliche, ehrbare und löbliche Wesen eine reine Frucht der Erziehung oder des allgemeinen Wohlstandes allein gewesen; es war auch eine Wirkung der Gemeindegesetze. Denn wie einige Bauern reicher geworden waren, hatte es gar nicht an solchen gefehlt, die wieder über die Schnur hieben und aus der Art zu schlagen drohten. Da wollten einige hochmütig werden und putzten ihre Töchter ungebührlich, kleideten sich in kostbares Tuch recht städtisch, und taten in allen Dingen groß. Einige andere nahmen die Spielkarten wieder vor oder die Weinflaschen im Wirtshaus. Das erweckte aber großes Aergernis bei den rechtschaffenen Leuten, und sie sprachen:„Fängt man es so wieder an, werden wir bald wieder den Krebsgang gehen!“ Und es war allgemeiner Unwille chen diejenigen, welche von der einfachen, löblichen Weise ab⸗ wichen; und man begehrte, die Ortsvorgesetzten sollten besser über die Bewahrung der guten Sitten im Dorfe wachen.
Dieser Vorwurf, welchen man den Orts- vorstehern machte, erfüllte den Oswald gar nicht mit Verdruß, sondern mit wahrer Freude. So kam ein strenges Gemeindegesetz zu Stande; darin war aller Aufwand in den Kleidern ver⸗ boten und jedem Alter seine Tracht vorge⸗ schrieben, und auf Kartenspiel und alles Spiel um Geld und Geldeswert, auf das Laster der Trunkenheit, auf Schimpfreden, Lästerungen, Balgereien und andere Schändlichkeiten waren von der Gemeinde einmütig harte Strafen gesetzt. So kam es, daß sich keiner überhob und übernahm; daß, wenn irgend einer auch einmal Lust hatte, zu tun, was weder ehrbar⸗ lich noch recht war, die Furcht vor Scham, Schande und Bestrafung ihn wieder zurück⸗ schreckte.
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