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9.11.1902
 
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Gießen, Sonntag, den 9. Nopember 1302.

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Bauer und Sozialdemokratie.

Dieses Thema dehandelt ein in derNeue Zeit erschienener Artikel unseres Genossen Ebhard in Komorowen(Ostpreußen). Der Verfasser, einer der wenigen Großgrundbesitzer, die sich zur Sozialdemokratie bekennen, hat sich schon mehrfach über land wirtschaftliche Fragen in dem wissenschaftlichen Organ unserer Partei ausgesprochen und besonders die Wirkung der Zollpolitik auf die Landwirtschaft und die Lage des Kleinbauern vom Standpunkte des Fach⸗ mannes aus dargelegt. Vor einigen Monaten wies er z. B. in einem von uns zum größten Teile abgedruckten Artikel, auf Grund der Er⸗ fahrungen auf seinem eigenen Gute, ziffernmäßig nach, daß die Getreidezölle dem Bauer eher zum Schaden als zum Nutzen gereichten. Auch der vorliegende Artikel enthält eine Fülle des Interessanten und Anregenden und verdient weitere Verbreitung.

Da der Grund und Boden die Quelle aller Nahrungsmittel bildet, ist es natürlich, daß sein Besitz auch eine große Macht verleiht. Daher wurde seit den ältesten Zeiten der Kampf um den Besitz der Erde von großen und kleinen Potentaten, von Geistlichen, Städten, Raub⸗

rittern mit großer Zähigkeit geführt und war

die Hauptursache aller Kriege. Kein Wunder, daß das Bauernlegen bis in die Neuzeit reicht und der Kampf um die Scholle zwar nicht mehr mit den Waffen des Altertums und des Mittelalters, aber unter dem Schutze sehr dehn⸗ barer Gesetze ebenso gewissenlos weitergeführt wird. Der Besitz der Scholle bildet die Macht und deshalb sind die Agrarier bei uns Herren im Hause. Merkwürdigerweise hat der Bauer trotz aller Experimente, die man an seinem corpore vile gemacht hat, vor und nach Auf⸗ hebung des Feudalismus ein sehr zähes Leben gezeigt. Wie haben die Bauernkriege und der dreißigjährige Krieg den Bauernstand dezimiert, wie viel Bauern sind von deutschen Fürsten an auswärtige Potentaten als Kanonenfutter verkauft, wie viel Bauern ist von Rechts wegen ihr Eigentum gestohlen, wie viel Bauernblut hat alle Schlachtfelder Deutschlands und einen großen Teil Europas gedüngt, und trotzdem steht heute der Bauer noch in zäher Kraft da. Als ich vor bald dreißig Jahren als kleiner Grundbesitzer anfing und später einen größeren Besitz übernahm, habe ich die Ueber⸗ legenheit des Großgrundbesitzes gegenüber dem Kleingrundbesitz in eigener Wirtschaft kennen gelernt, und kann die Schlüsse, die Kautsky in seinerAgrarfrage gezogen hat, nicht nur unterschreiben, sondern könnte noch manches Material darüber hinzufügen.

Während der. Großgrundbesitz in der An⸗ wendung von Maschinen ꝛc. große Fortschritte gemacht habe, führt Ebhardt weiter aus sei davon bei den Bauernwirtschaften nichts zu spüren. Wirtschaft Fortschritte gemacht, meistens werde aber in der alten Weise weiter gearbeitet. Wenn unter diesen Umständen der Bauernstand nicht zu Grunde gegangen sei, so habe ie Anspruchslosigkeit des Bafern

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Nur einzelne Bauern haben in der

leer ausgehen und nach Westfalen ins Berg⸗ werk wandern. Ferner muß die Arbeitskraft von Frau und Kindern in viel intensiverer Weise ausgenutzt werden, als es mit der Ar⸗ beitskraft von Frau und Kindern der Arbeiter durch den Großgrundbesitzer geschieht. Das find die Quellen der bäuerlichen Kraft und seines Elends. Was wird die Folge sein? Es ist wohl kein Zweifel, daß mit der größeren Industriealisterung der Landwirtschaft ein großer Teil von kleinbäuerlichen Besitzungen vom Groß⸗ grundbesitz aufgesogen wird. Es ist aber nicht nötig, daß alle diesem Prozeß unter⸗ liegen; ein Teil wird sich halten, wo ein Auf⸗ saugen durch den Großgrundbesitz nicht angängig ist und wo die Bauern durch bessere Schulen und die Not zu besserer Wirtschaftsweise ge⸗ zwungen werden. Hier dürfte sich derselbe Prozeß vollziehen, wie er sich in den besseren Dorfwirtschaften Norddeutschlands, zum Beispiel in Schleswig⸗Holstein, ferner in Mitteldeutsch⸗ land, namentlich in Hessen bereits zu voll⸗ ziehen begonnen hat. Trotz desantikollekti⸗ vistischen Bauernschädels sehen wir das Privat⸗ eigentum in diesen Wirtschaften immer mehr zurück⸗ und das genossenschaftliche Kol⸗ lektiveigentum in den Vordergrund treten. Die Gründe dieser Umwälzung erklärt Ebhardt folgendermaßen.

Die harte Notwendigkeit trieb den Bauern vielleicht zuerst zur gemeinsamen Anschaffung einer einfachen Dezimalwage, dann zum gemein⸗ samen Besitz einer Viehwage. Die Leute lernten den Vorteil des genofsenschaftlichen Eigentums kennen, kauften dann vielleicht einen Zuchtstier für die ganze Gemeinde, legten eine Genossen⸗ schaftsmeierei an, bildeten Meliorationsvereine, und der genossenschaftliche Betrieb bildete das Hauptkontingent für die Einnahme, während der Gewinn aus dem Privatbetrieb immer mehr zurückging da unterliegt es gewiß keinem Zweifel, von welchem Bauern wir mehr Ver⸗ ständnis für unsere Forderungen zu erwarten haben, ob von dem verelendeten Bauern, der schließlich Land⸗ oder Industrieproletarier wird und erst als solcher zu uns kommt, oder von dem Bauern, der bereits die Vorteile der kollektivistischen Wirtschaftsweise kennen gelernt hat, und dessen Bestreben dahin gehen muß, diesen kollektiven Betrieb, seine hauptsächlichste Einnahmequelle auf Kosten seines Privatbetriebs zu vermehren.

Von den Vorschlägen der Agrarier hat der Bauer allerdings gar nichts zu erwarten. Bei der nationalen Zollpolitik, die ja nur des Bauern wegen erfunden zu sein scheint, spielt der Bauer nur das Paradepferd. Dem Pub⸗ likum muß eben Sand in die Augen gestreut werden. Denn daß die Zollpolitik nur dem Großgrundbesitz allein helfen soll, schämen sich die Herren Agrarier wohl selbst einzustehen. Diejenigen Bauern, die nur für den eigenen Konsum bauen, haben direkten Schaden von der Zollpolitik, die sie aus Mangel an meusch⸗ lichen Arbeitskräften im Herbste fast stets zu kaufen und außerdem noch den Preisaufschlag bei den Industrieprodukten und den anderer Waren zu tragen hal Das G

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genötigt sind, Saatgetreide vom Rittergutsbesitzer

auch Saatgetreide kaufen müssen und den kleinen Vorteil aus dem Verkauf von Konsumgetreide reichlich mit dem Industrie⸗ und Warenzoll bezahlen müssen. Dazu kommt noch, daß das Getreide des Bauern, der ja nur geringe Massen auf den Markt bringt, stets einen geringeren Preis erzielt als das des Großgrundbesitzers, der direkt Waggonladungen verladen kann, während das Getreide des Bauern noch ver⸗ schiedene Hände durchläuft, an deren jeder etwas kleben bleibt, auch noch extra gereinigt und bearbeitet werden muß, ehe es verladefähig seinen Bestimmungsort erreicht. Das sind mindestens drei Viertel aller land wirtschaftlichen Betriebe, die gar keinen Vorteil von der Zoll⸗ politik haben. Daß von den anderen ein großer Teil weder Vorteil noch Schaden und der Rest nur bei extensiver Wirtschaftsweise und bei Raubbau zum Schaden der ganzen Landwirt⸗ schaft den größten Nutzen aus der Zollpolttik zieht, habe ich bereits in einem früheren Artikel nachgewiesen. Was dem Bauern haupt⸗ sächlich helfen wird, sind zum Teile Forde⸗ rungen, die bereits unser Programm enthält: Unentgeltlichkeit der Kosten für Arzt und Apotheke, Unentgeltlichkeit der Rechtspflege, Einführung des Milizsystems an Stelle der stehenden Heere, wodurch eine Menge Arbeits⸗ kräfte bei der Landwirtschaft bleiben würde, während sie bei der zweijährigen Dienstzeit der Heimat meistens entfremdet, in Großstadt und Industrie ihr Unterkommen suchen; ferner: Uebernahme sämtlicher Schullasten durch stärkere Verbände, als es die kleinen Kommunen sind, ferner Trennung von Staat und Kirche, wodurch nicht nur eine ganze Anzahl unproduktiver Kräfte für produktiver Bestrebungen frei, sondern auch eine erhebliche kapitale Entlastung der Bauernwirtschaft stattfinden würde, vermehrte Fürsorge des Staates für gute Absatzverhält⸗ nisse und namentlich Unterstützung aller Bestre⸗ bungen, die genossenschaftliche Unternehmungen anbahnen, den bäuerlichen Betrieb unseren Zielen näher bringen und unser Ziel dem Bauern verständlicher machen.

Der Zollkampf im Reichstage.

Um das Ungeheuer von Zolltarif unter Dach und Fach zu bringen wird hinter den Koulissen stark gearbeitet. Von Seiten der Zöllnerparteien des Reichstags werden unter sich und mit der Regierung Verständigungs⸗ versuche unternommen und besonders das Zentrum zeigt Neigung, auf die Regierungs⸗ vorlage umzufallen. Die Agrarier beharren auf ihren Forderungen und weisen jede Ver⸗ ständigung zurück. Das ist aber nur Schein; zur rechten Zeit werden sie nehmen, was sie kriegen. Tatsächlich ist die Gefahr der Annahme des Wuchertarifes bedeutend gestiegen. Wenn auch dem Zentrum eine Aenderung der Geschäfts⸗ ordnung, die es 2 al gerne vor rd, müssen

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