Ausgabe 
9.3.1902
 
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Nr. 10.

Gießen, Sonniäg, den 9. März 1902.

Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.

Mitteldeutsche

Sonntags⸗Zeit

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Ueber die Agrarfrage.

hielt vor kurzem Genosse Abg. Dr. David Vorträge in Fürth und Nürnberg.

Die Anschauungen, welche der als vorzüg⸗ licher Kenner der Agrarverhältnisse bekannte Genosse über die Frage entwickelte, sind inte⸗ ressant genug, um in unserem Leserkreise ge⸗ bührende Beachtung zu finden. Umsomehr, als sie von den bisher in der Partei in Bezug auf die Agrarfrage herrschenden Ansichten wesentlich abweichen.

Die Agrarfrage ist nicht etwa die Zolltarif⸗ frage, führte Dr. David nach einem ge⸗ schichtlichen Rückblick aus obgleich sie in ihrem Zusammenhang mit dieser steht. Es dreht sich um die Frage, ob für den landwirt⸗ schaftlichen Betrieb dieselben ökonomischen Ge⸗ setze n. wie für den industriellen Be⸗ trieb? Und weiters um die Frage, wie kann unsere Bewegung es fertig bringen, daß sie auch die große Masse der bäuerlichen Bevölkerung zu ihrer Fahne mit hinüberreißt? Jeder, der in der politischen Bewegung steht, der weiß, daß wir zahlreiche Wahlkreise in Deutschland haben, in denen die kleinbäuerlichen Massen die Majorität bilden; wenn in den Städten und Industrieorten solcher Wahlkreise noch so gut gearbeitet und noch so gut gewählt wird, die kleinbäuerlichen Bezirke machen die beste Agi⸗ tationsarbeit oft zu Schanden, das kleinbäuer⸗ liche Element ist der Widerstand, der uns fast überall entgegentritt. Die agrarische Bevölker⸗ ung hat in den meisten deutschen Staaten, hat u. A. in den beiden größten, in Preußen und Bayern, die Hand an der Klinke der Gesetz⸗ gebung; sie beherrscht direkt oder indirekt die Parlamente, sie beherrscht die Ministerien. Und wem dies klar geworden ist, der wird sagen müssen, daß es eine hochwichtige Aufgabe für uns ist, die kleinbäuerlichen Wählermassen in Preußen, Baden, Bayern usw. für uns zu ge⸗ winnen. Gelingt uns das, dann haben wir gewonnen, dann ist nichts mehr da, was uns im Wege stehen könnte.

Die Agrarfrage ist also nicht nur von hohem wissenschaftlichem Interesse, sie hat auch einen eminent praktischen Hintergrund; von der Lösung der Agrarfrage hängt es ab, wann wir den Sieg im Staatsleben erkämpfen werden. Das Bestreben der ersten sozialistischen Bewegung hatte bereits dieses Ziel im Auge. Die Agrar⸗ frage hat in der Anfangsgeschichte der sozial⸗ demokratischen Partei eine hervorragende Rolle gespielt, wie die Kongresse derInternationale im Ausgang der 60er Jahre bewiesen. Zwei Richtungen standen sich damals gegenüber: die marxistische und die proudhonistische. Letztere unterlag. Die in Brüssel(1868) gefaßte Agrar⸗ Resolution besagte, daß die moderne Technik und Wissenschaft auch in der Landwirtschaft die Produktion in großem Maßstabe beherrsche; auch dort werde darum der Kleinbetrieb dem Großbetrieb unterliegen.

Dieser Ansicht trat der Referent scharf ent⸗ gegen. Er führte aus, daß der Kleinbauer bet rakionellem Betriebe sehr wohl zu bestehen ver⸗ möge; die Zählung von 1895 habe ja bereits bewiesen, daß die Konzentration der landwirt⸗ schaftlichen Betriebe nicht nur nicht in dem Maße erfolgt set, wie die Konzentration der

industriellen Betriebe, es habe sich im Gegenteil gezeigt, daß die Kleinbetriebe von 25 und von 520 Hektaren eine ganz wesentliche Steigerung und Ausdehnung erfuhren, an Zahl wie an Bodenfläche.

In echt volkstümlicher, hochinteressanter Weise präzisierte dann Redner den Standpunkt, daß sich Industrie und Landwirtschaft nicht über einen Kamm scheeren lassen und erläuterte die markantesten Unterschiede im industriellen und landwirtschaftlichen Produktionsprozeß. Bei ersterem handle es sich um einen rein mechani⸗ schen Vorgang; bei letzterem stehe ein pflanz⸗ licher oder tierischer Organismus zwischen dem Produzenten und Produkt. Das bedinge unter Anderem die Diskontinuirlichkeit des ganzen Arbeitsprozesses; die Gebundenheit des land⸗ wirtschaftlichen Betriebes durch die Jahreszeiten, seine Abhängigkeit von Witterungsverhältnissen, die Vorzüge des Gebrauches von animalischen, lebendigen Motoren gegenüber toten, die Ar⸗ beitsteilung in der Industrie und ihre Unmög⸗ lichkeit in der Landwirtschaft usw. Redner kam zum Schlusse, daß für bedeutende Produktions⸗ zweige nur der bäuerliche Kleinbetrieb sich fähig gezeigt habe, den Boden voll auszunutzen und führte dafür zahlreiche Beispiele an.

Was folgt aus alledem? Wir haben kein Lebensinteresse daran, an der Theorie festzu⸗ halten, daß es in der Laadwirtschaft genau so

ehen wird, wie in der Industrie. Die Ver⸗ hältnise sind total verschieden. Mit der Be⸗ seitigung der theoretisch falschen Sätze bekommen wir freie Bahn für einen gründlichen Bauern⸗ schutz. Wir werden dem Bauer als solchen eine Reihe von wichtigen Hilfs- und Förderungs⸗ mittel gewähren können, unter Anderem auch kräftige Unterstützung des Genossenschaftswesens, Bodenmeliorationen, Wegebauten, Kreditgewähr⸗ ung, Unterstützung aller Bestrebungen, die auf die Fortbildung, Fachausbildung gerichtet sind usw. Wir durfen nicht mehr sagen, der Kleinbetrieb wird ja doch kaput gehen; er wird eben nicht kaput gehen und wir können ihm gegenüber ganz gut eine auf seine Erhaltung gerichtete Politik einschlagen, ohne damit zu⸗ gleich die Junker, unsere schlimmsten Feinde, zu stützen.

Gegen die Junker! kann dann auch die Parole der Bauern werden, wenn ihnen von anderer Seite wirtschaftliche Hilfe zugesichert wird, nicht allein seitens jener Pseudo⸗Bauern, die auf der wirklichen Bauern Kosten Politik treiben. Es wird dann leichter sein, die Bauern zu überzeugen, daß ihnen durch den Kornzoll nicht gedient, sondern nur geschadet wird! Die wenigsten Bauern ziehen Korn zum Verkaufen, alle aber ziehen sie Vieh und zwar in der Regel auf einem Hektar Land doppelt oder dreimal so viel wie die Agrarier; nicht hohe Kornpreise, sondern billige Futter- mittel heißt also das Schlagwort für den Kleinbauer! Die 100 Millionen Mark Zoll, die jährlich für Mais eingehen, kommen zum guten Teil aus des Kleinbauern Tasche! Und noch Eins! Wenn der Bauer bessere Pro⸗ dukte erzielen soll, dann ist es eine Lebensfrage für ihn, sein Absatzgebiet zu erweitern und zu verbreitern und statt Körnern und Kartoffeln, Milch, Fleisch, Eier, Butter usw. zu produzieren. Der Bauer hat also ein Lebensinteresse daran,

daß Leute da sind, die imstande sind, seine feineren Produkte zu kaufen, daß mit einem Worte die Konsumkraft der Massen ge⸗ steigert, gehoben wird. Wenn die Arbeiterschaft aber durch hohe Kornzölle und Brotpreise ge⸗ zwungen wird, einen großen Teil ihres Ein⸗ kommens zum Ankauf von Brot und Kartoffeln zu verwenden, kann von einer Hebung der Konsumkraft für die kleinbäuerlichen Produkte nicht die Rede sein. Von dieser Seite be⸗ trachtet, entpuppt sich die Agrarfrage als Arbeiterfragel Hier schließen sich die beiden Fragen in Eins zusammen: Die Arbeiterschaft ist die Kundschaft des Bauern, wer die Arbeiter⸗ schaft kaufkräftig macht, unterstützt indirekt das Kleinbauerntum! Heute muß die Arbeiterfamilie darauf sehen, möglichst wenig an Fleisch, Butter usw. zu konsumieren, weil sie darauf angewiesen ist zu sparen! Wird die Lage des Arbeiters verschlechtert, so bezahlt der Bauer die Zeche, die 600 Millionen Mark, die man jetzt dem Arbeiter mehr herausholen will für Brot, kann er nicht ausgeben für Gemüse, Obst, Geflügel usw. Wenn die Arbeiterfrau ihr Geld beim Bäcker lassen muß, kann sie selbstverständlich beim Metzger nicht mehr einkehren. Und was so dem Kleinbauern entzogen wird, das sackt der Großgrundbesitzer, der Agrarier, ein und lacht sich ins Fäustchen über den armen kleinen Bauer, der ihm in seiner Herzenseinfalt(zu seinem eigenen Schaden) da⸗ zu verholfen hat!

Die Agrarfrage involviert also eine ganze Reihe eminent wichtiger Fragen, ste bedeutet für die Masse der Arbeiterschaft 1) eine Er⸗ nährungsfrage, 2) eine politische Frage. Die Zeit wird kommen, dessen sind wir sicher, wo unsere Partei ihre siegreiche Fahne aufpflanzen wird in den kleinbäuerlichen Betrieben, die Zeit wird kommen, in der man einsehen wird, daß zwischen den Interessen der Bauern und der Arbeiter keinerlei Gegensatz besteht und daß die enge wirtschaftliche Solidarität dieser beiden Faktoren eine enge politische Solidarität zum Segen für die ganze Menschheit im Gefolge haben muß.

Politische Rundschau.

Gießen, den 7. März. Die Zolltarifkommission

hat vorige Woche den Kompromiß-Antrag angenommen. Wie sich nun die Regierung dazu verhalten wird, die vorher erklärte, daß für sie die in jenem Autrag enthaltenen Zoll⸗ sätze unannehmbar wären, muß abgewartet werden. Am Mittwoch war man bis zu Posi⸗ tion 14 gelangt. Wegen der Geschäftsführung kam es zu heftigen Zusammenstößen der Oppo⸗ sition mit dem neuen Vorsitzenden Rettig, der sich von den Herren des Bundes der Landwirte beeinflussen läßt.

Wahl⸗Angst der Scharfmacher.

Wegen der nächsten Reichstagswahlen muß unseren Gegnern, sowohl den großkapitalistischen Unternehmern, den Schlotbaronen, sowie auch den zunftzöpfigen Rückwärtsern höllisch bange