Ausgabe 
7.12.1902
 
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Nr. 49. Gießen, Sonntag, den 7. Dezember 1902. 9. Juhru. 5 Redaktion: Mebattionsschlu gz Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4

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Mitteldeutsche

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Wohltätigkeit.

Wohlzutun und mitzuteilen, Brüder, das vergesset nicht! so mahnt schon der Apostel seine Anhänger. Und die Lehrer, Dichter, Führer aller Völker und Zeiten priesen und forderten Wohltätigkeit und Hitfsbereitschaft gegenüber allen Nebenmenschen. Vor wirklicher und wahrer Wohltätigkeit haben wir auch allen Respekt. Wo immer sich Jemand bestrebt, das Los seiner Mitmenschen besser und freundlicher zu gestalten, wir werden es jederzeit gern an⸗ erkennen. Aber die Wohltätigkeit darf nicht geschehen im eigenen Interesse, nicht aus eitler Ruhmsucht! Ehre dem, der seinen Bissen mit einem noch Aermeren teilt, obwohl er selbst nicht genug zum Leben hat. Ehre auch dem, der in der Stille hilft, wo er helfen kann, nicht auf Dankbarkeit, noch auf Gegenleistung, noch auf Ehrung rechnet. Das ist wahre, echte Wohltätigkeit. Kann aber von solcher im Ernste die Rede sein, wenn ein Unternehmer seinen Arbeitern, die ihm Millionen verdient haben, einen verschwindenden Bruchteil wieder zurück⸗ giebt? Ganz gewiß nicht. Gelegentlich des Ablebens Krupps sind dessen sogenannte Wohlfahrtseinrichtungen in alle Himmel gehoben und er selbst als einWohltäter seiner Arbeiter gepriesen worden. Es erscheint angebracht, sich einige dieser Wohlfahrtseinrichtungen etwas näher anzusehen.

Wie so manche 19 Unternehmung, hat auch die Firma Krupp für die in ihrem Betrieb beschäftigten Arbeitern mehrere tausend Wohnungen erbauen lassen. Durch den Bau der Wohnungen brachte die Firma Krupp nicht das geringste Opfer. Der Mietszins diefer Wohnungen mußte ja pünktlich entrichtet werden, jedes Ristko fiel für die Firma weg, sie konnte deshalb die Miete auch um ein Geringes niedriger stellen, als der ortsübliche Mietspreis sonst betrug. Dafür besaß die Firma aber in den böllig abgeschlossenen Arbeiterquartieren eine viel größere Aufsicht über ihre Arbeiter, sie vermochte mit Leichtig⸗ keit jegliche Kontrolle über die in den Arbeiter⸗ kolonien Angesiedelten auszuüben. Und sie besaß vor allen Dingen die Möglichkeit, ent⸗ lassenen Arbeitern ihr Obdach sofort zu rauben, was jedem Inhaber einer solchen Wohnung abhält, über die Arbeitsverhältnisse zu murren.

Auch die vielgerühmten Konsumläden Krupps sind ein vorzügliches Mittel zur Nieder⸗ haltung der Arbeiter. Sie beanspruchten ebenso wenig auch nur den geringsten materiellen Aufwand wie die Arbeiterwohnungen. Die Konsumläden verschenkten ja keineswegs ihre Waren, sondern verkauften dieselben zu den allgemein üblichen Preisen. Der einzige Vor⸗ teil der Warenabnehmer besteht in der Berechnung eines gewissen Rabatts für die entnommenen Waren, ein Rabatt, der iu der Höhe von 67

Zt. am Dezember zurückbezahlt wurde. Aber dieser Rabatt wurde keineswegs, wie dies sonst bei Konsumvereinen Brauch ist, an alle Käufer ausbezahlt; die im Laufe des Jahres freiwillig oder unfreiwillig aus dem Betriebe Ausge⸗ schiedenen gingen vielmehr des Rabatts voll- ständig verlustig! f

Die Pensionskasse ist ganz besonders ale die Krone der vorbildlichen Wohlfahrts⸗

einrichtungen der Firma gepriesen worden. Es verlohnt sich also, daß wir bei dieser berühmten Institution ein wenig länger verweilen. Denn diese Pensionskasse ist wirklich eine Wohlfahrts⸗ kasse für die Firma Krupp nämlich!

DerWohlfahrts⸗Pensionskasse muß jeder Arbeiter des Betriebs angehören. Man zwingt jeden, sich den Wohltaten dieser Kasse zu unterwerfen. Daß dieser Zwang zum Empfang der Wohltaten nicht überflüßig ist, wird man sogleich begreifen.

Zunächst wird ein Einschreibegeld in der Höhe des 1½⸗fachen Tagesverdienstes, durch⸗ schnittlich 6 Mk. erhoben. An laufenden Bei⸗ trägen müssen 2 ½ pt. des Arbeits verdienstes gezahlt werden. Im Jahre 1900 zahlte dem⸗ zufolge jedes Mitglied der Kasse einen Jahres⸗ beitrag von 34,8 Mk. Und welche Wohltaten empfängt dafür der Arbeiter? Er kann Rentenempfänger werden. Um in diese Glücks⸗ lage zu kommen, muß er aber mindestens zwanzig Jahre bei besonders schwerer Arbeit, Feuerarbeit, 15 Jahre ununterbrochen im Dienst der Firma Krupp gestanden haben und seine vollständige Arbeitsunfähigkeit durch das übereinstimmende Attest zweier Aerzte nachweisen!

Das sind nur einige Beispiele, die vorläufig genügen mögen. Genug, was da als Wohl⸗ tätigkeitseinrichtung überschwänglich gepriesen wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung meistens nicht alsWohltat, sondern stellt häu! eine Belastung und Bedrückung der Arbeiter dar, die ihre Beiträge zahlen und sich dabei noch eine unerhörte Bevormundung gefallen lassen müssen. Und was hat dann die Firma bei aller ihrer Wohltätigkeit geopfert? Nichts, gar nichts! Ihr Inhaber häufte alljährlich Millionen auf Millionen, wie stehts dagegen mit den Arbeitern? Zahlreiche Fälle sind vor⸗ gekommen, wo die Arbeiter nicht einmal das erhielten, worauf sie berechtigten Anspruch hatten. Aus der letzten Zeit wird wieder ein solcher Fall mitgeteilt. Ein Arbeiter, der schon über zwanzig Jahre Dienstzeit hinter sich hatte, wurde arbeitsunfähig und beantragte Pensionierung. Die Kassen⸗Aerzte erklärten ihn für gesund, ein Professor in Bonn konstatierte jedoch völlige Arbeitsunfähigkeit. Das nützte dem Manne aber nichts, er wurde nicht pensioniert.

Wie dieser Tage mitgeteilt wurde, hat die Firma Krupp den Penstons⸗ 2c. Kassen zwei Millionen Mark überwiesen. Darüber großes Tamtam in der bürgerlichen Presse. Welch' ein fürstliches Geschenk! Welche großartige Wohltat!Die Arbeiter sind über das Geschenk hocherfreut, erzählten die Amts⸗ und Ord⸗ nungsblätter ihren Lesern. Tatsächlich bringt das Millionen⸗Geschenk keinem Arbeiter einen Pfennig Vorteil; dadurch wird weder die Höhe der Pensionen, noch die Möglichkeit Pensions⸗ berechtigung zu erlangen, irgendwie berührt.

Die Arbeiter hatten vielmehr eine wirk⸗ liche Schenkung erwartet. Unter ihnen war die Nachricht verbreitet, es erhalte jeder ein Geschenk von za. 50 Mk. Bei den jetzt sehr herabgesetzten Löhnen, ältere, ver heiratete gelernte Arbeiter erhalten gegenwärtig 30 Mk. und weniger in vierzehn Tagen! wäre das den Arbeitern eine angenehme Beihülfe

gewesen, ihre Enttäuschung war daher nicht gering.

Kein Wunder, daß in diesem Jahre 5 Ver⸗ sammlungen in Essen, die von 2000 Personen besucht waren, einen gesetzlichen Schutz gegen die Krone der Krupp'schen Wohlfahrt, die Wohlfahrts⸗Pensionskasse, verlangten! Ein an Krupp, der sich damals wieder einmal auf Capri befand, abgesandtes Telegramm blieb ohne Antwort. Der Mann, der nach den An⸗ gaben der ihm ergebenen Presse in Capri Gold mit vollen Händen ausschüttete, hatte keine Zeit für jene Arbeiter, die ihm die Summen für diese humanitäre Tätigkeit erarbeiteten.

Wollte die Firma Krupp etwas für die Arbeiter thun, dann mußte sie auf ordent⸗ liche Löhne und menschenwürdige Arbeits⸗ verhältnisse halten, vor allen Dingen muß sie die Bestimmung aus ihrer Arbeitsordnung be⸗ seitigen, wonach jeder, der sich irgendwie an der politischen oder gewerkschaftlichen Arbeiter- Organisation beteiligt, einfach entlassen wird! So bilden die Wohltätigkeitseinrich⸗ tungen der Firma Krupp und ähnlicher Betriebe tatsächlich und fast ohne Ausnahme eine Plage für die Arbeiter, die dadurch zu willenlosen Werkzeugen, zu Sklaven herabgewürdigt werden. Nicht Wohltaten wollen wir, sondern Recht und Gerechtigkeit!

Kampf um Gesetz und Recht!

Staatsstreich der Jollmehrheit.

Bei der Beratung des Zolltarifs ist es zu Szenen gekommen, wie sie im Reichstage noch nicht da gewesen sind. Die Linke, unsere Ge⸗ nossen, dieUmstürzler sehen sich vor die Aufgabe gestellt, das Gesetz des Reichstags gegen den räuberischen Ueberfall der Zollmehr⸗ heit zu schützen. Sie erfüllen diese Pflicht redlich, während Eugen Richter mit seinem Fähnlein untätig beiseite steht und so die Junker indirekt unterstutzt. Dagegen kämpft dieFreisinnige Vereinigung deren Mitglieder man bisher als die, Wadenstrümpfler bezeichnete, tapfer Schulter an Schulter mit unsern Ge⸗ nossen. Die beiden Freisinnsparteien sollten den Namen wechseln! Anlaß zu den heftigen Stürmen gab der Antrag des Junkers Kardorff, der den ganzen Zolltarif mit seinen 946 Positionen auf einmal(en bloc) beraten wissen will. Daß dabei von einer Beratung gar keine Rede sein kann, sieht jeder ohne Weiteres ein. Aber der Antrag ist auch unzulässig, das behauptet nicht nur die Linke, das sagt selbst die nationalliberaleNationalzeitung, das sagten hervorragende Juristen, das sagt jeder, der nicht an Stelle des Rechts die Willkür setzen will. Hatte doch Präsident Ballestrem gewichtige Bedenken, er trug sich sogar mit Rücktrittsgedanken, blieb aber auf vielseitiges Zureden. Daß bei der Abwehr des junkerlich⸗ pfäffischen Ueberfalles scharfe Worte fallen, ist selbstverständlich. Unsere Genossen würden pflichtwidrig handeln, wollten sie nicht auf das Energischste das Recht schützen.

Die Reichstagsverhandlungen am Mittwoch (26. Nov.) zeigten ziemlich dasselbe Bild, wie die vorhergegangenen Tage. Nur mußten ver⸗ schiedene Vertreter der Zöllner- und Sünder⸗ mehrheit doch hier und da das Wort ergreifen,

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