Ausgabe 
4.5.1902
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 18.

N eee 7 Unterhaltungs-Ceil.

Anneli. Eine Maifest⸗Erzählung.

Ueber den pfeischnell dahin schießenden Wald⸗ bach führte ein schmaler Steg zu dem nach alter Schwarzwälder Art ganz aus Holz ge⸗ bautenHäusle des Kleinbauern Johann Wehrle in Wächtersbach. An dem sanft gewellten Ab⸗ hang des Hügels geschmiegt stand das Häusle da mit seinem ungeheuren, vom Alter geschwärz⸗ ten Schindeldach, den darunter halb verborgenen hölzernen Altanen und den vielen dicht neben einander liegenden kleinen Fenstern. Sorgsam bestelltes Gemüseland breitete sich rings um das Haus, auch etwas Kartoffelland und mit Hafer bestandener Acker schien zu dem Besttz⸗ tum zu gehören. In das Brüllen der Kuh im Stallraum mischten sich laute Scheltworte, da⸗ zwischen hörte man ein herzerschütterndes Weinen.

In dem niedrigen holzgetäfelten Wohnraum des Hauses standen sich zwei Personen erregt gegenüber. Der Kleinbauer Johann Wehrle lehnte mit verschränkten Armen, das massige, von einem schlecht gepflegten Bart umrahmte Gesicht hoch gerötet, an dem mächtigen dunkel⸗ braunen Kachelofen, der fast eine ganze Wand des Gemaches beherrschte. Nahe dem Fenster stand weinend das sonst so lebensfrische Anneli, Wehrles einzige siebenzehnjährige Tochter.

Vater, schluchzte Anneli,thu mir das nicht an! Du weißt ja nicht, wie gut wir uns sind. Mein Herzblut kostet's mich, wenn Du den Konrad abweist. Einen reicheren Schwieger⸗ sohn kannst Du wohl kriegen, aber keinen der braver ist als er.

Hat sich was mit der Bravhett, wetterte Wehrle dazwischen.Wen hat denn der Herr Pfarrer gemeint, als er letzten Sonntag in der Kirche von den Hetzern sprach, die unter unsern Uhrmachern hier die Saat der Unzufriedenheit ausstreuen, he? Wer ist der Haupthetzer? Wer hat hier denn vorige Woche den neumodischen Unfug eingeführt, daß am 1. Mai nicht gear⸗ beitet wird und die Leute dafür in die Ver⸗ sammlungen laufen und ihren sauer erworbenen Lohn bei der Maifeier, wie sie's heißen, ver⸗ juchheien? Ich bin Bauer vom alten Schlag und will, daß mein einzig Kind mir einen recht⸗ schaffenen Bauernsohn als Eidam zubringt und nicht so einen hergelaufenen Uhrmacher, der nichts ist und nichts hat. Wie lang dauert's, dann giebt dem Konrad kein Mensch mehr Ar⸗ beit hier in der Gegend. Am Hungertuch kannst dann mit ihm nagen. Der Hetzer, der Auf⸗ wiegler der! Und kurz und gut, ich will's nicht, das ist mein letztes Wort. Unterstehst Du Dich aber und kommst gegen meinen Willen noch einmal mit dem Burschen zusammen, dann nimm Dich in Acht. Du kennst mich!

Den ganzen Tag über polterte der Bauer noch im Hause hernm und machte den Konrad so schlecht, als sollte kein Hund mehr ein Stück Brot von ihm nehmen. Das Anneli hatte nur Thränen als Antwort für den grimmigen Vater. Abends aber, als alles im Hause zu Bett war, setzte sich Anneli unter strömenden Thränen in ihrem Giebelkämmerchen an den tannenen Tisch und schrieb beim flackernden Schein einer Kerze einen Abschiedsbrief an ihren Konrad. Sie bat ihn, sie zu vergessen, denn nie, nie könnten sie sich heiraten. Der Vater habe gedroht, er werde den großen Hund auf ihn hetzen, wenn Konrad es wagen sollte, sich auf dem Hofe blicken zu lassen. Am meisten sei der Vater auf ihn er⸗ bost, weil er es mit den Sozialdemokraten halte, die blos den lieben Gott und den guten Großherzog abschaffen wollten. Auch der Herr Pfarrer, der sie getauft und gefirmt habe, sei

da gewesen und habe ihr ernstlich ins Gewissen

Die Mutter, die nun schon so lange 155 hrer ansichtig werde, ihr nicht

geredet

Kummer

anzuthun und einen Mann zu heiraten, von dem Niemand etwas wissen wolle. Mit bluten⸗ dem Herzen und unter heißen Thränen müsse sie denn Abschied von ihm nehmen für immer. Sie sehe keine Möglichkeit, wie sie noch einmal im Leben zusammenkommen könnten.So leb' denn wohl, mein geliebter Konrad, schloß der Brief.Nie werde ich einem Anderen mein Herz schenken, das nur Dir gehören wird bis in den Tod. Deine unglückliche Anna.

**

*

Fünf Jahre später war wieder der erste Mai herbeigekommen, und ein wolkenloser blauer Himmel spannte sich über eine der schönsten Gegenden des gesegneten Schwarzwaldes. Von der breiten gut gehaltenen Fahrstraße, die in schwindelnder Höhe in die Felsen hineingehauen war, blickte man hinunter in eine weit ausge⸗ breitete Thalmulde, aus der das Rauschen eines Wildwassers bis in diese Höhe herauf⸗ tönte. Riesige Tannen mit langen Moosbärten reckten sich dort unten aus chaotisch verstreutem Felsgeblöck auf. Wie Kinderspielzeug schienen die malerischen Schwarzwaldhäuser in der Tiefe zu liegen. Sie beherbergten eine Bevölkerung, deren Fleiß nur von ihrer Armut übertroffen wurde. Sinnend schweiften die Augen eines etwa dreißigjährigen Mannes von hohem schlanken Wuchse über die reizvolle Schönheit des sommer⸗ überglänzten Thales da unten. Er versenkte sich in ihren Anblick mit der ganzen Hingebung eines, der sie lange entbehrt und nun endlich wiedergefunden hat. Es war Konrad, der nach nahezu fünfjähriger Abwesenheit wieder in die Heimat zurückgekehrt war. Die Jahre in der Fremde, wo er viel gesehen und viel gelernt, hatten ihn zum reifen Manne gemacht. Mit einer sehnigen Gestalt, den kräftig ausge⸗ arbeiteten Händen, dem gebräunten, etwas scharf geschnittenen Gesicht und dem energischen Blick war er der Typus des intelligenten Ar⸗ beiters, der nicht nur in seinem Fache gründ⸗ lich Bescheid weiß, sondern auch darüber hinaus sich strebend bemüht, die Lücke seines Wissens nach Kräften auszufüllen. Als er tief atmend rüstig auf der Landstraße fürbaß schritt, wurden seine Blicke durch eine etwa fünfzig Schritte vor ihm einherwandelnde weibliche Gestalt, die aus einem Seitenpfad eben auf die Landstraße eingebogen war, gefesselt. Etwas in Gang und Gestalt erinnerte ihn an Er strich sich über die Stirn. Ach, wie oft war er schon durch flüchtige Aehnlichkeit genarrt worden! Die Eine hatte das krause Nackenhaar des Anneli, wieder Eine ihren flinken Bewegungen und Diese hier doch genug, diesmal wollte er nicht hinter ihr drein rennen, um dann fest⸗ zustellen, daß das Mädchen sonst keine, aber auch gar keine Aehnlichkeit mit der Anneli, deren Bild, nie ganz aus seinem Herzen entschwunden war, besaß. Er warf sich unter einen Baum dicht am Wege ins Gras in der Hoffnung, die Mädchengestalt, die ihn so beunruhigt, bald aus dem Auge zu verlieren. Aber die Erinnerung kam nun erst recht mit Macht über ihn.

Was war er doch für ein Narr damals vor fünf Jahren gewesen, daß er sich so leicht ins Bockshorn jagen ließ! Wenn das Annelt mit seinen unerfahrenen siebzehn Jahren keinen Ausweg sah, so war das zu entschuldigen. Aber er mußte aushalten. Wozu war er denn ein Mann? Ja, wenn er das Anneli nur ein ein⸗ ziges Mal hätte sprechen können, nachdem sie ihm den Abschiedsbrief geschrieben. Aber man hatte sie wie eine Gefangene zu Hause gehalten. Einen Brief hatte er ihr auch nicht zustecken können. Dann war es richtig soweit gekommen, wie der Bauer Wehrle seiner Tochter prophe⸗ zeit hatte: er bekam nirgendmehr Arbeit. Wenn er nicht verhungern wollte, so mußte er sich auf die Wanderschaft begeben und anderwärts sein Heil versuchen. Das that er denn auch. Zunächst ging er nach der Schweiz, wo er bald

icht krank liege, flehe sie an, so oft

gute Arbeit fand. Später wanderte er durch Frankreich, Belgien, Holland und die Rheinlande. [Im Anfang bekam er durch gute Freunde noch manchmal Nachricht aus Annelie Heimat, dann hörte er nach Jahren, daß ihre Mutter gestorben

sei, eine Feuersbrunst habe das Haus Wehrle's im Asche gelegt und Wehrle sei in der Aufregung

über den Verlust seiner ganzen nicht versicher⸗ ten Habe vom Schlage getroffen worden. Der Tod erlöste ihn bald von seinen Leiden. Vom Anneli wußte man nichts, als daß es bald nach diesen Ereignissen Wächtersbach verlassen. Nach seiner Heimkehr hatte Konrad sofort den Ort aufgesucht, um mündlich Näheres zu erfahren. Es war ihm nicht geglückt. Unverrichteter Sache mußte er Wächtersbach wieder verlassen. Nun befand Konrad sich auf der Wanderung nach seinem Heimatthal, wo er als der Sohn eines armen Uhrmachers aufgewachsen und später früh verwaist eine harte Lehrzeit in einer großen Uhrenfabrik durchgemacht hatte. Die Uhrenfabrikation, in jener Gengend der Haupt⸗ tudustriezweig, war dort inzwischen zu hoher Blüte gelangt. Ueberall sah man Uhrenfabriken, deren Thore Mittags und Abends Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen ausspieen und fast in jedem Häusle saßen Frauen, alte Leute und Kinder, von der sie umgebenden Schönheit der Natur und der würzigen Bergluft hermetisch abgeschlossen, und verrichteten Heimarbeit für den Fabrikanten. (Fortsetzung folgt.)

Belohnte Diensttreue.Da ist z. B. Jukas, der Packknecht, der schon bei dem Vater von Last und Comp. gearbeitet hat das war doch wohl ein tugendhafter Mann. Keine Kaffeebohne ging da verloren, er ging gewissenhaft zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater zu Drie⸗

bergen(Villenkolonie bei Utrecht) kam, bewahrte

er das Haus und die Kasse und Alles. Ein⸗ mal hatte er an der Bank 17 Gulden zuviel erhalten, und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann nun nicht mehr dienen, denn es ist viel Umsatz bei uns, und wir brauchen junge Leute. Nun also, ich halte diesen Lukas für sehr tugendhaft und wird er nun belohnt?... Wahrhaftig nicht, er ist arm und bleibt arm, und das muß auch so sein. Ich kann ihm nicht helfen denn wir brauchen junge Leute, weil so viel Umsatz bei uns ist aber könnte ich auch, wo blieb da sein Verdienst, wenn er auf seine alten Tage ein sorgenfretes Leben führen könnte? Dann sollten wohl alle Packknechte tugend⸗ haft sein, und jeder Einzelne was doch der Zweck nicht sein kann, weil dann für die Braven nachher keine besondere Belohnung übrig blieb. Multatuli: Bekenntnisse Drogstoppels.

Humoristisches.

Gottes Finger in Berlin. Scene aus einer Stettiner Gemeindeschule. Schülerin:Fräulein, in Berlen ist gestern eine große Ueberschwemmung ge⸗ wesen! Lehrerin:Das thut auch not! Denn in Berlin wird so viel gesündigt, daß der liebe Gott mal wieder zeigen mußte, daß er noch lebt! Nun wissen wir doch, warum der Wolkenbruch gerade über Berlin zur Entladung kommen mußte.

r. P

Litterarisches.

Ueber die Fabrikarbeit verheirater Frauen erscheint in den nächsten Tagen im Verlage von Dr. Eduard Schnapper, Frankfurt a. M. eine Broschüre aus der Feder der bekannten Frauen⸗ rechtlerin Frau Henriette Fürth. Auf Grund der vom Ministerium des Innern veranstalteten Enquste und der einschlägigen sonstigen Litteratur, beleuchtet die Verfasserin alle Seiten der weiblichen Fabrikarbeit und deren Wirkungen. Das Buch wird im Interesse gröͤßt⸗ möglicher Verbreitung zum Preise von 1 Mk. verkauft

werden. 2

Geschichtskalender.

4. Mai. Anarchisten.

5. 1818: Karl Marx geboren. 1789: Anfang der franz. Revolution.

6. 1901: Scharfmacher Möller wird Handels⸗ minister. 8

7. 1898: Hungerrevolte in Mailand. Attentat Blind's auf Bismarck in Berlin.

3. 1901: Straßenkämpfe in Barcelona.

9. 1879: Internat. Kongreß in Genf.

1897: Erschießung der fünf Barcelonaer

1866:

10. 1881: Zweite Verlängerung des Sozialisten⸗

Gesetzes.

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