Ausgabe 
3.8.1902
 
Einzelbild herunterladen

Seite 2.

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 31.

Erkundigungen nichts einzuwenden. Aber Ste können als Provinzial⸗Steuerdi⸗ rektor nicht die Tochter eines ehema⸗ ligen Feldwebels heiraten, ebensowenig, wie ein Oberst die Tochter eines Feldwebels heiraten kann. Ein Ministerialrat, ein Ober⸗ regierungsrat mag eine solche Heirat schließen, Sie bekleiden als Provinzial⸗Steuerdirektor eine der ersten Stellen in der Provinz und können solches nicht. Löhning suchte schließlich um seine Pensionierung nach. Zur Begründung dieses Schrittes führte er an:Ich hielt es vor Allem auch unter meiner Würde, nach solchem Vorgehen gegen mich fernerhin noch ein Untergebener dieses Ministers zu sein. Die mir vorgeworfenen Aeußerungen zur Polen⸗ politik haben an sich mich in keiner Weise zu dem Pensionierungsantrage bestimmt. Freilich bin ich, wie die große Mehrzahl der höhe⸗ ren Beamten der Provinz, ein Gegner des schroffen Vorgehens in der Polenpolitik, des sogenannten Hakatismus. Schwerlich wird von diesen einer es verstehen, wie die mir vorge⸗ worfenen Aeußerungen und mein Verhalten zur Polenpolitik einen Anlaß zu meiner Penstonie⸗ rung bieten könnten. In Wirklichkeit bin ich durch Intrigue und verächtliche Angeberei ein Opfer der Standes vorurteile und des Kastengeistes geworden.

Die tragikomische Affaire ist nach mehreren Richtungen hin für unsere Verhältnisse bezeich⸗ nend. Nicht nur dafür, in welcher Richtung sich diePolenpolitik bewegt, sondern auch für die Art, wie man in Deutschland die Beamten einschätzt. Die Fähigkeit kommt erst in zweiter Linie in Frage, Hauptsache ist, daß siestandesgemäß auftreten. Das thut ein höherer Beamter nicht, wenn er eine Feld⸗ webelstochter ehelicht, mag die Frau auch glän⸗ zende Eigenschaften aufweisen. Blamiert ist diePoleupolitik mitsamt der Regierung!

Politische Rundschau.

Gießen, den 31. Juli.

Die sozialdemokratische Woche

ist angesagt. Der Parteivorstand hat, wie aus der Bekanntmachung am Kopfe des Blattes hervorgeht, den Parteitag auf den 14. September nach München einberufen. Wegen des früheren Zusammentritts des Reichstags muß der Partei⸗ tag früher als sonst seine Arbeiten erledigt haben. Einer der Hauptpunkte, die zur Verhandlung stehen wichtig genug sind sie zwar alle ist derjenige über die bevorstehenden Reichs- tagswahlen. Darüber hat August Bebel das Referat, der dabei nicht verfehlen wird, die Genossen zu lebhaftem Kampfe anzufeuern, sofern das überhaupt noch nötig ist. Ver⸗ wunderlich ist, daß der internationale Kongreß, der im nächsten Jahre in Amsterdam stattfinden soll, nicht auf der Tagesordnung steht.

Junker⸗ Patriotismus.

Der verstorbene Reichskanzler Caprivi hat während seiner Amtszeit die edlen Qualitäten der Junker kennen gelernt. Hinterrücks und auch offen wurde er von ihnen angegriffen, als er ihren raubgierigen Plänen die Unterstützung versagte. Von Interesse ist deshalb, wie Caprivi die Junker und ihre Staatstreue beurteilte. Er sagt in einem jetzt veröffentlichten Briefe an Max Schneidewin vom 17. März 1895: ... In Bezug auf die Agrarier sehe ich schwarz und scheint mir eine Revolution auf agra⸗ rischer Basis nicht unmöglich und für den Augenblick gefährlicher, als eine sozial⸗ demokratische. Geht die agrarische Agitation so weiter, wer will sie eindämmen?... Be⸗ denklich ist auch die Rückwirkung der agrarischen Hetze auf unser Offizierkorps, das in erheblichen und einflußreichen Teilen mit dieser Bewegung zusammenhängt. Wenn unser Junker anfängt, seine Gesinnungen von seinen Einnahmen ab⸗ hängig zu machen, und wenn er zur Bedingung seines Royalismus macht, daß der Staat Un⸗ mögliches für ihn thun soll, dann ist schon das Beste in unserem kleinen Adel, seine staatliche Gesinnung, zerstört und sein Wert für den

Staat so reduziert, daß man sich fragen kann: lohnt es dem Staate noch, für diese Klasse Opfer zu bringen? Gewiß nicht! Und es ist eine Kurzsichtigkeit sondergleichen, wenn die Regierungen nicht einsehen wollen, daß die Junkersippe die staats⸗ und gemein⸗ gefährlichste Gesellschaft ist, die je Deutschland unsicher gemacht hat.

Wenn zwei dasselbe thun.

Graf Kanitz hatte kürzlich mitgeteilt, daß er im Besitze des österreichischen Zoll⸗ tarifs sei, der bis jetzt ganz unbekannt ist. Seine Mitteilung erregte natürlich in Wien nicht geringes Aufsehen und man berichtete von dort, daß in informierten Kreisen nicht bekannt sei, in welcher Weise Graf Kanitz in den Besitz dieses Aktenstückes gelangt sein soll. Es giebt nur ein fertig gestelltes Exemplar des Entwurfes, welcher jetzt den Gegenstand der Verhandlung mit dem ungarischen Referenten bildet. Es sei nicht unmöglich, daß Graf Kanitz sich nicht im Besitz des Regierungsentwurfes, sondern im Besitz des Vorschlages der wirt⸗ schaftlichen Korporationen befindet.

Graf Kanitz gehört zur konservativen Partei, die seiner Zeit einen Gesetzentwurf gegen die Veröffentlichung geheimer amtlicher Erlasse be⸗ aptragte. Wenn ein sozialdemokratisches Blatt mit Hilfe von Aktenstücken, die ihm ein günstiger Wind aufs Redaktionspult wehte, die Sünden der Herrschenden oder reaktionäre Anschläge aufdeckt, so ist die konservative Presse voll sitt⸗ licher Entrüstung überVerleitung zum Dieb⸗ stahl und Vertrauensbruch, über die sozial⸗ demokratischenHehler. Ueber den Grafen Kanitz haben sie bisher noch nicht den Stab gebrochen, obgleich es doch wohl feststeht, daß der Herr den Entwurf nicht von der öster⸗ reichischen Regierung geschenkt bekommen hat.

Die Ersatzwahl im Lieberschen Reichstagswahlkreise

hat, wie das vorauszusehen war und von uns in der vorigen Nummer auch gesagt wurde, mit der Wahl des Zentrumsmannes, Rechts⸗ anwalt Dahlem, geendet. Dieser erhielt sogar noch mehr Stimmen als Lieber bei der 98er und auch 93er Wahl. Diesmal wurden für das Zentrum 10631 Stimmen abgegeben, der Nationalliberale Krawinkel erhielt deren 3755, der Bauernbündler Brand 3454, unser Genosse Vetters 662. Daß es der Bauernbündler auf diese Stimmenzahl bringen würde, glaubten vorher wohl nur wenige, doch ist das bei der Rückständigkeit der Wählermasse in diesem Kreise nicht weiter verwunderlich. Derjenige kann der Stimmen der Bauern sicher sein, der ihnen durch Erhöhung der Zölle höhere Einnahmen in Aus⸗ sicht stellt und es wird nicht lange gefragt, ob die Versprechungen auch gehalten werden können. Durch den Einbruch des Landwirtsbundes ge staltete sich die Wahlbewegung diesmal lebhafter. Zwar mußten die Nationalliberalen die Kosten der bündlerischen Kandidatur bezahlen ihre Stimmen sanken von 5567 auf 3755 immerhin stieg die Summe der in den evangelischen Ort⸗ schaften abgegebenen Stimmen, also die für den Bllndler und Nationalliberalen um zirka 1800. Das Zentrum hatte Angst vor der bündlerischen Kandidatur, darum machte es ungeheuere An⸗ strengungen. Von allen Kanzeln wurden die katholischen Wähler am Sonntag zur Stimm⸗ abgabe für den Zentrumsmann aufgefordert und fast ohne Ausnahme wird dieser Aufforde⸗ rung Folge geleistet. Daher ist die Zunahme der Zentrumsstimmen erklärlich. Unsere Ge⸗ nossen konnten, wie schon bemerkt, eine münd⸗ liche Agitation nur in zwei Orten entfalten, wo uns Lokale zur Verfügung standen. Wo wir sonst noch Verbindung hatten und agitieren konnten, zeigten sich auch die Erfolge bei der Wahl. In Höhr stieg unsere Stimmenzahl von 154 auf 216. Ebenso verzeichnen wir an einigen kleineren Orten leidlichen Zuwachs. Verlust hatten wir aber in Wirges, wo dadurch, daß etwa 7080 unserer wahlberech⸗ tigten Parteigenossen, die als Glasarbeiter auf der dortigen Glasfabrik arbeiteten, gemaßregelt wurden und abreisen mußten, nachdem die

Siemensgesellschaft von Dresden das Werk übernahm unsern Stimmen von 198 auf 159 sanken. Der Kreis dürfte auch in den nächsten Jahren keine nennenswerten Fortschritte für unsere Sache aufweisen; dazu ist die arbei⸗ tende Bevölkerung zu sehr im Banne des Pfaffentums.

Keine Amnestie in Sachsen.

Sofort nach dem Regierungsantritte des Königs Georg in Sachsen wurde dem Landtage das Gesetz betreffend die Erhöhung der Zivilliste des Königs um ½ Millionen Mark unterbreitet. Natürlich stimmte der Dreiklassen⸗ landtag der Erhöhung zu, trotz der miserablen Finanzen und trotz dem furchtbaren Elen de der Volksmassen. Dagegen hörte man nichts und regt sich jetzt noch nichts von einer allgemein erwarteten Amnestie.

Unsere Stellung zur Monarchie ist ein für alle mal gegeben und bekannt, bedarf deshalb auch keiner näheren Darlegung, meint unser Dresdener Parteiorgan. Dadurch zugleich regelt sich unsere Anschauung über die Bedeutung und das Wesen der Amnestie als eines königlichen Gnadenaktes. Aber bei der notorischen Unzu⸗ länglichkeit der Justiz des heutigen Klassen⸗ staates kann eine Amnestie als Reparatur wohl⸗ thätig wirken. Noch immer schmachten z. B. einige Opfer des Löbtauer Zuchthausurteils im Kerker. Es würde dem Rechtsgefühle des ganzen Volkes entsprechen, wenn diesen Unglück⸗ lichen die Freiheit wiedergegeben würde.

Vom Gottesgnadentum.

Vor einigen Tagen ist die älteste deutsche Fürstin, die Herzoginwitwe Friederike von Anhalt⸗Bernburg gestorben. Sie war mit dem Herzog Karl Alexander vermählt gewesen, der schon vor vielen Jahren in geistiger Umnachtung verschieden ist. Schon als sich die damalige Prinzessin Friederike von Holstein-Glücksburg dem jungen, eben zur Regierung gelangten Herzoge Alexander Karl vermählte, zeigte er bedenkliche Störungen des Denkver⸗ uögens, die übrigens oft nicht eines heiteren Anstriches entbehrten. So war seine erste That nach seiner Thronbesteigung, die Schild wache vor seinem Palais in Ballenstedt zum Hauptmann zu ernennen. Er hatte damit nur seine Herrschermacht erproben wollen, aber die Probe mißlang, denn seine Umgebung veran⸗ laßte schleunigst, daß die Schildwache, gegen angemessene Geldentschädigung, freiwillig auf das außergewöhnliche Avancement verzichtete. Bedenklicher war schon seine Liebhaberei, im Alexisbad die Kurgäste vom Fenster aus mit Wasser zu bespritzen. Seltsamerweise bewahrte sich der Fürst, auch als er nachher völlig verblödete, eine leidenschaftliche Neigung zur Musik. Ja, er komponierte sogar selbst und kannte keine größere Freude, als wenn seine Komposition im Hofkonzert aufgeführt wurden. Und von diesem Herrscher ist Anhalt⸗Bernburg von 1834 bis 1863 also nahezu 30 Jahre langregiert worden!!

Wirkung der Fleischverteuerung.

Ein höchst unerfreuliches Bild von dem Rückgang der Lebenshaltung, namentlich in den unteren Klassen, giebt die Abnahme des Fleisch⸗ verbrauchs in München während des letzten Jahres. Sie ist hervorgerufen namentlich durch die Grenzsperre, durch die die hohen Vieh⸗ und Fleischpreise künstlich aufrecht erhalten werden. DieMünch. Neuest. Nachr. weisen darauf hin, daß im Schlacht⸗ und Viehhof in München im ersten Halbjahr 1902 geschlachtet sind im ganzen 281534 Stück Vieh gegen 294089 Stück im ersten Halbjahr des Vorjahres, also heuer um 12 545 Stück weniger. Bei den Schweinen hat die Gesamtschlachtung 102 420 gegen 117 563 Stück, mithin um 15 343 Stück weniger betragen. , Derartige Beobachtungen macht man aber nicht nur in München. Fast überall ist Ab⸗

nahme der Schlachtungen und ganz bedeutendes

Steigen der Fleischpreise zu konstatieren. Seit zwei Jahren sind in Gießen z. B. die Fleisch⸗ preise derart gestiegen, daß Wurst und Fleisch für die Arbeiter kaum noch käuflich ist.

.

* 050

1