Ausgabe 
1.6.1902
 
Einzelbild herunterladen

Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 22.

leidet die Landwirtschaft durch die ausländische Konkurrenz. Diese Konkurrenz kann man ihrer Ansicht nach nur durch stetige Zollerhöhungen fern halten. Und diese rettenden Zölle bekämpft unsere Partei mit aller ihr verfügbaren Kraft, weil sie den Arbeitern das Brod verteuern. Ist das nicht rücksichtsloser Egoismus?

In Wahrheit aber sind die Verhältnisse doch um vieles anders und verwickelter, als diese Herren es darstellen. Mit der ausländischen Konkurrenz hat es seine Richtigkeit. Sie wird nicht aufhören. Im Gegenteil! Noch ist der Getreidebau in Amerika und ebenso im russischen Südstbirien weiterer Aus dehnung fähig. Auch die geplante Bagdadbahn fährt in ehemals kornreiche jetzt nur durch türkische Mißwirtschaft heruntergekommene Gebiete. Ein Steigen des Weltmarktpreises für Getreide ist also in ab⸗ sehbarer Zeit nicht zu erwarten.

Das ist selbstverständlich eine an und für sich durchaus erfreuliche Thatsache. Und ihr gegenüber können wir auch das keineswegs be⸗ dauern, daß durch die quantitativen Unterschiede in der Getreideproduktion die Völker auch in diesem wichtigen Punkte von der Natur auf die Gemeinsamkeit ihrer wirtschaftlichen Inte⸗ ressen hingewiesen werden. Es ist der not⸗ wendige Gang der Geschichte, diese Gemeinsam⸗ keit immer stärker werden zu lassen. Sie wird auch einst die Grundlage eines ewigen Friedens abgeben und damit einer weit reicheren Kultur, als es unsre militärbelastete heute sein kann. Diese Tendenz(Richtung) der Entwicklung zu verkennen und die Nation durch Zölle wie die ch inesische Mauernselbständig machen zu wollen ist eine bedauernswerte Kurzsichtigkeit.

Wie wirkt aber nun diese Entwicklung auf unsre Landwirtschaft?Sie geht dabei zu Grunde lautet das Geschrei der Bündler. Und das ist einfach nicht wahr. Wir verweisen zum Beweise dafür auf eine interessante stati⸗ stische Thatsache, die Gen. David in den sozia⸗ listischen Monatsheften mitteilt. In den Jahren 1882 bis 189 hat die Zahl derjenigen Bauern, welche ein Land von 220 Hektar bewirt⸗ schaften, um 1,26% zugenommen. Die Summe der Zunahme beträgt rund 660000 Hektar. Dagegen ist die Zahl der größeren Besitzer (über 20 Hektar) um 1,33 zurückgegangen.

Man ersieht daraus leicht, daß der Gang der Entwicklung dem kleinen Bauern günstig ist, d. h. demjenigen, dessen Besitz groß genug aber auch nicht größer ist, um einer Familie volle Arbeit und Existenz zu gewähren.

Der Grund dafür liegt iu folgendem: der ausländischen Konkurrenz gegenüber, welche ihr Getreideland noch weit ausdehnen kann und 3. B. durch rücksichtslosen Raubbau ausbeutet, muß die einheimische Landwirtschaft, deren Ge⸗ biet nicht mehr entsprechend vergrößert werden kann, dem kleineren Boden umso größere Er⸗ träge abzugewinnen suchen; was jene durch die Ey tensität(Ausdehnung) des angebauten Lan⸗ des erreicht, muß diese durch In tensität(Ein⸗ dringlichkeit) der aufgewandten Arbeit zu er⸗ zielen suchen. Die intensivere Arbeit aber leistet bekanntlich der bäuerliche Selbstwirtschafter. Derjenige Grundbesitz dagegen, dessen Größe Verwendung fremder Arbeitskräfte und daher eine weit flüchtigere Bearbeitung nötigt macht, kann nicht mehr so viel Ertrag erzielen, daß er die ausländische Konkurrenz aushielte. Er muß ihr erliegen trotz aller Zölle und sonstigen Liebesgaben, trotz aller Rüdigkeit, mit der zu⸗ mal im Ostelbien die Landarbeiter ausgebeutet und unterdrückt werden. Beide Mittel müssen autzerdem bald versagen und versagen zum Teil jetzt schon. Den Zöllen ist eine obere Grenze durch die Notwendigkeit einer gesunden Handels⸗ politik gezogen. Die brutale Knechtung der Landarbeiter wird mit der fortschreitenden sozta⸗ len Aufklärung unmöglich werden.

Hat man diese Entwicklungsnotwendigkeit, nämlich Ausbreitung des Arbeitsbauern-, Nie⸗ dergehen des Herrenbauernstandes, einmal durch⸗ schaut, wird man sich ihr nicht mehr unnütz entgegenzustemmen, lieber sie zu fördern suchen. Es ist dazer jedes gerechte Mittel mit Freude zu begrüßen, as dem Kleinbauern hilft.

Man kann mit Sicherheit darauf rechnen, daß die Freundschaft, welche zur Zeit unter

der Zollparole zwischen Klein- und Großbauern besteht, keine Dauer haben wird. Der Gewinn derselben fließt ja eigentlich doch nur in die Taschen der Großgrundbesitzer. Unter der Preis⸗ steigerung der Lebensmittel wird der kleine Bauer schließlich auch merkbar leiden. Und seiner Ausbreitung steht die den Zöllen an⸗ scheinend auf dem Fuße folgende Steigerung des Bodenwertes direkt hemmend entgegen.

Das einzig wahre Mittel, welches dem Klein⸗ bauern helfen kann, ist der Sozialismus, zu deutsch: das Genossenschaftswesen. Und dieses Mittel hat er denn längst schon auf seine Art ausgebildet und angewandt. Wir sahen, der Kleinbauer ist durch Intensität der Bearbeitung schon jetzt in der Ausnutzung des Bodens dem Großbauern überlegen. Nun gilt es, die Vor⸗ züge, welche die Großwirtschaft etwa noch hat, auch der kleinen Selbstwirtschaft zu gute kom⸗ men zu lassen. Das geschieht durch den Zu⸗ sammenschluß in Ankaufs⸗Credit⸗ und Verwer⸗ tungsgenossenschaften. Das sind die Anfänge des Sozialismus auf dem Lande, denen wir mit aller Sympathie gegenüberstehen müssen. Sie regeln die Creditverhältnisse, sie ordnen die Beziehungen zum Markt, sie bedeuten eine ver⸗ nünftige Umgestaltung des ganzen innern Be⸗ triebs der Landwirtschaft.

Wenn wir so auf die Kluft hingewiesen haben, die zwischen den arbeitsbäuerlichen und herrenbäuerlichen Interessen besteht, so geschieht das selbstverständlich nicht aus Freude am Zwietrachtstiften. Wir wollen ja keine Kluft schaffen, sondern nur eine vorhandene zeigen. Ein Riß aber in dieser unnatürlichen Freund⸗ schaft zwischen dem absterbenden Großgrund⸗ besitz und dem lebenskräftigen Kleinbauernstand muß auf der andern Seite die Wiederherstellung einer natürlichen, ungeheuer viel wichtigeren Einheit bedeuten, die nur künstlich zerrissen werden konnte: die Einheit zwischen dem klein⸗ bäuerlichen und dem Arbeiterinteresse, die Ein⸗ heit zwischen dem landwirtschaftlichen und dem industriellen Teil der Bevölkerung, und damit die Einheit des werkthätigen Volkes überhaupt. Der Produzentengenossenschaft des Bauern wird dann die Consumentengenossenschaft des Arbeiters entsprechen. So nur kann die Brücke geschlagen werden zwischen Feld und Fabrik, so nur können Stadt und Land wie David sagt,sich die Hand reichen zum festen befreienden Bunde. Philos.

2 ̃ KK

Politische Rundschau.

Gießen, den 30. Mai.

Jesuiten⸗Politik.

Ueber die Schädlichkeit der Schutzzoll⸗ politik täuscht man sich im Zentrum nicht. Gleichwohl will man im angeblichen Interesse dernotleidenden Bauern nicht davon ablassen und sucht die besonders davon bedrohten Volks⸗ massen durch allerlei unverbindliche Versprech⸗ ungen zu beschwichtigen. In einer Vertrauens⸗ männerversammlung der Zentrumspartei in Bonn, in welcher der Zolltarif erörtert wurde, erklärte Abg. Spahn, zweifellos bedeute der Schutzzoll ein Mittel zur Förderung der Syndikate. Hiergegen eine Schutzwehr aufzurichten, sei daher auch die Zentrumsfrak⸗ tion unter Umständen fest entschlossen. Nachdem es doch schon ruchbar geworden sei, stehe er nicht an, zu erklären, daß in seinem Pult ein Syndikats⸗Gesetzentwurf fix und fertig liege. Die Zentrumspartei will jedoch den Zolltarif nicht mit neuen Schwierigkeiten belasten und halte daher den Entwurf vorläufig zurück. Der Zweck des Gesetzentwurfs ist Schutz der Bedarfsartikel für die großen Massen. Das ist ebensolche Spiegelfechterei wie mit der bekannten Verwendung der Zollerhöhungser⸗ trägnisse für eine Wittwen⸗ und Waisenversor⸗ gung. Den Zolltarif in möglichst agrarischer Fassung zu Stande zu bringen, betrachtet das Zentrum als seine gegenwärtige Hauptaufgabe. Was nachher geschieht, darüber hat es selbst keine Macht. Das ist die Politik des Volks⸗ betruges.

Peusionierte Offiziere.

Vom 1. April bis 15. Mai d. Is. wurden in der deutschen Armee pensioniert: 1 General der Infanterte, 5 Generalleutnants, 16 Gene⸗ ralmajore, 18 Oberste, 10 Oberstleutnants, 31 Majore, 21 Hauptleute, 14 Oberleutnants, 7 Leutnants. In Summa 123 Offiziere. Kostet dem Volke jährlich etwa 550,000 Mark.

Militärische Justiz.

Unter den zahlreichen Strafprozessen, die sich vor den Militärgerichten in letzter Zeit ab⸗ spielen, sind Fälle, die in den Kreisen rechtlich denkender Leute bedenkliches Kopfschütteln her⸗ vorrufen müssen. Dieser Tage wurde Folgendes berichtet:

Wegen Achtungsverletzung ist ein Dragoner vom 1. Garde⸗Dragoner⸗Regiment in Berlin zu 8 Tagen Mittelarrest verurteilt worden. Die Berufung des Angeklagten wurde vom Oberkriegsgericht verworfen. Das Ober⸗ kriegsgericht aber gab dem Angeklagten den Rat, die Gnade des Kaisers anzurufen. Der Dragoner hatte beim Stalldienst von dem Aufsicht führenden Unteroffizier Schwarz mit einem Schrubber einen derartigen Hieb erhalten, daß er blutüberströmt zusammenbrach. Als er sich wieder erhob, rief er in Gegenwart von Zeugen aus:Das muß sich Einer bieten lassen, der im zweiten Jahre dient! Herr Unteroffizier, das Schlagen von Untergebenen ist doch in der deutschen Armee verboten! Der Unteroffizier wurde wegen Mißhandlung zu steben Tagen strengen Arrests verurteilt. Bei dieser Verhandlung kam die Aeußerung des Dragoners zur Kenntnis der Vorgesetzten.

Wir glauben unter unseren Lesern ist Keiner, dem diese Mitteilung nicht heftigen Zorn erregt. Man denke: ein militärischer Worgesetzter mißhandelt einen Untergebenen in brutalster Weise, so daß er blutüberströmt zusammen⸗ bricht. Nach den im bürgerlichen Leben gelten⸗ den Rechtsbegriffen ist das ein mit schwerer Strafe zu ahndendes Verbrechen. Und nach denselben Begriffen hätte der Angeklagte resp. Verletzte sich nicht strafbar gemacht. Der in brutaler Weise von einem Vorgesetzten miß⸗ handelte Soldat aber macht sich derAchtungs⸗ verletzung schuldig, wenn er die Mißhandlung nicht schweigend hinnimmt, wenn er es wagt, dem Vorgesetzten zu sagen, daß er Unrecht thue! Der Soldat bekommt für dieseAchtungsver⸗ letzung acht Tage und der Vorgesetzte für die schwere Körperverletzung sieben Tage Arrest!

Antisemitische Tapferkeit und Wahr⸗ heitsliebe.

Wie der Redakteur der antisemitischenStaats⸗ bürgerzeitung Böckler aus Furcht vor ein paar Wochen Gefängnis ausgerissen ist, so hat sich auch der tapfere Dreschgraf Pückler, der zum heiligen Kreuzzug wieder Israel aufforderte, dabei das Maul nicht weit genug aufreißen konnte, endgiltig ins Ausland gedrückt. Die Schweiz, wohin er verduftete, als er sich wegen Fal daa einer Feldeisenbahn dem Gerichte stellen sollte, hat seine Auslieferung abgelehnt, weil er dauernd im Auslande zu bleiben beab⸗ sichtige. Nebenbei sind wir in der Meinung, daß die schweizerische Regierung wohl kurzen Prozeß gemacht hätte, wenn es sich um einen Arbeiter und nicht um einen von denEdel⸗ sten und Besten handelte. Aber welch' kläg⸗ liches und feiges Verhalten dieses großmäu⸗ ligen Urteutschen! Wie oft versuchte er den Berliner antisemitischen Pöbel zu Gewaltthätig⸗ keiten gegen die Juden aufzureizen, sel bst fing er aber nicht an zudreschen und wenn blutige Erzesse nicht vorkamen, so ist das nur der Furcht der antisemitischen Jünglinge vor dem Strafgesetzbuch zu danken.

Aber dieselbe Gesellschaft, deren Führer zum Teil auskneifen, zum andern Teil höchstens als komische Figuren in der Politik eine Rolle spielen, wagt es, dem Sozialdemokraten Feig⸗ heit vorzuwerfen. Das Offenbacher Antisemiten⸗ blatt schwin delt seinen Lesern vor, bei dem letzten belgischen sozialistischen Parteikongreß wäre den führenden Personen vorgeworfen

Paf erhe dorf ezä sond lane

bon Rif