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Intelligenz-Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Regierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
Mittwoch den 2. April
1851.
Un ver hofft kommt oft. Eine Geſchichte. (Schluß.)
Am andern Tage geht er aufs Schloß. Am Thor begegnet ihm der gnädige Herr, betrachtet ihn mit Wohl— gefallen, und ſagt, wie der Gottfried ſo vor ihm ſteht, die Mütze in der Hand: Wie iſt's Gottfried, willigſt du ein?
Es wär' mir ſchon Alles recht, gnädiger Herr, ſagt er, aber meine alte, arme Mutter hat ein Bißchen Feld— gut, wie Sie wiſſen. Wer ſoll das bauen, wenn ich nicht da bin? Geld hat ſie keins, Taglöhner zu bezahlen.
Ei, du toller Junge, ruft da der gnädige Herr aus, du ſollſt's bauen, und meine Ackergäule ſollſt du dazu haben!
Da war's fertig, und ſchon nach acht Tagen zog der Gottfried aufs Schloß, und die Käthe in einen guten Dienſt nach Breslau, wo ſie auch zwei und zwanzig Thaler Lohn erhielt, und noch Allerlei dazu.
5 Nun rechneten ſie, was ſie ſich Alles erſparen könnten, aber auf das Hungerjahr rechneten ſie nicht, und nicht darauf, daß Weber's mit ihren Kinderchen verhungern müßten, wenn ſie nicht Unterſtützung empfingen, denn Verdienſt war keiner, und Hunger viel. Da gab denn Gottfried's Mutter ihre drei Malter Korn dem armen Weber, und Käthe ihren ganzen Lohn, und brachten ſie
glücklich durch. Und als ſich Käthe und Gottfried ſahen,
ſtielen ſie ſich mit Thränen um den Hals, und ſagten: Wir dienen ein Jahr länger! Die Thränen hatte der Herr im Himmel geſehen, und die Worte gehört und ver— ſtanden!—
Zu ſelbiger Zeit war in Schleſien eine ungeheure Noth, und in Breslau war das Betteln kaum mehr aus— zuhalten.
In der Stadt wohnte damals und wohnt heute noch ein reicher Kautz, der weder Frau noch Kinder hat, alt iſt und erſtaunlich viel Geld hat. Dazu hatte er aber auch ein mildes, weiches Herz, und ging kein Armer ohne reichliche Gabe von ſeiner Thüre weg. Er war aber ein ganz abſonderlicher Kautz, der ganz curioſe Grillen im Kopfe hatte. So fiel es ihm einmal ein, ſich in Bettler— kleider zu ſtecken, und auch'mal zu fechten, wie die Bett— ler ſagen.
Er wollte einmal zuſehen, ob denn wirklich ſo viel Barmherzigkeit unter den Menſchen zu finden ſei. Er
kleidet ſich in die ſchaͤbigſten Kleider, die er nur eben kriegen kann, und ſtützt ſich auf einen Stock, als könne er gar nicht mehr gehen. So ſtellt er ſich auf den Ge— müſemarkt an eine Ecke, aber er fordert nichts und ſieht bloß unter ſich. Die ihm jetzt gaben, gaben gewiß gerne.
Da ſteht er denn lange, lange Zeit. Viele kommen und gehen und ſehen ihn ſo demüthig da ſtehen, aber Niemand denkt daran, dem armen, alten Manne etwas zu geben.
Endlich kommt ein Mädchen daher, die einen Korb trägt, um Gemüſe für ihre Herrſchaft zu kaufen. Als ſie den alten Mann ſieht, blickt ſie ihn mitleidvoll an, aber da viele Leute ſich da drängten, geht ſie vorüber, ſieht aber nochmals zurück, ob er auch noch daſtehe; und als gerade bei ihm keine Leute ſtehen, läuft ſie zu ihm zurück und redet ihn mit herzgewinnender Freundlichkeit an: Ach, Vater, Ihr habt wohl auch Hunger?
Er nickt mit dem Kopfe.
Sie greift in die Taſche und zieht ein Stück Brod heraus und reicht es ihm. Das hab' ich mir heute am Frühſtück für einen Armen abgeſpart, ſagt ſie. Ich weiß auch, wie's Hungern thut. Darauf gibt ſie ihm noch einen Silbergroſchen mit den Worten: Es iſt nicht vom Gelde meiner Herrſchaft! Ich hab' ihn eben in der Straße gefunden.
Darauf ſpringt ſie fort.
Dem Alten wurde es weich um's Herz. Das iſt ein rechtes Samariter Herz, denkt er und beobachtet ſie, folgt ihr von Weitem und ſieht ſie endlich in ein anſtän— diges Haus gehen. Er fragt und hört, es ſei die Magd eines Kaufmanns, der in dem Hauſe zu ebener Erde ſeinen Laden habe. a
Nun weiß er genug und geht heim, kleidet ſich wie— der ordentlich an und macht ſich auf den Weg zu dem Kaufmann. Als er hineintritt, ſpricht er den Wunſch aus, mit dem Kaufmann und ſeiner Frau ein Wort allein zu ſprechen. Die willigen gerne ein, da ſie den alten Herrn wohl kennen.
Als ſie nun ſo unter ſechs Augen beiſammen ſitzen, ſagt er, ſein Kommen gelte ihrem Dienſtmädchen; er wünſche zu wiſſen, woher ſie ſei, wie ſie heiße und wie ſie ſich betrage. 5
Obwohl das die Kaufmannsleute wundert, daß ein ſo reicher Herr ſich um ihre Käthe kümmere, ſo erzählen ſie ihm doch eben Alles, was ſie von ihr wiſſen, und das iſt die ganze Geſchichte, denn das gute Mädchen hatte kein


