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an uns zur Bewirkung der Beſtrafung der Angeſchuldigten einzuſenden. Der Denunciant erhält ein Dritttheil der Strafe. Friedberg den 16. Dezember 1850. Ouvrier.
Dieſelbe an dieſelben.
Betreffend: Einen zum Nachtheil des Ludwig Becker zu Nidda mit⸗ telſt Einbruchs verübten Diebſtahl.
In der Nacht vom 16. auf den 17. l. M. ſind dem Schneider Ludwig Becker zu Nidda aus ſeinem Hauſe fol— gende Gegenſtände entwendet worden:
ein ſchwarz tuchener Frackrock,
ein braun tuchener Oberrock,* 0
ein hellgrauer Sommerrock mit einer Reihe Knöpfe, ein in Arbeit geweſenes Stück ſchwarzes Tuch zu einem
Oberrock,
ein Paar ſchwarze Bukskinhoſen, eine braune Tuchweſte, eine ſchwarze Tuchweſte. f
Wir beauftragen Sie, das zur etwaigen Ermittelung des Thäters Dienende alsbald vorzukehren und geeigneten Falles unverweilt Anzeige hierher zu erſtatten.
Friedberg den 23. Dezember 1850. 5
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Weihnachtsbilder. (Schluß.) VIII.
In einer ziemlich elegant meublirten, reinlichen Stube ſitzt eine bejahrte Frau im Fauteuil. Sie ſieht bleich und angegriffen aus; ſie iſt nach langer Kraukheit erſt geneſen. Auf dem Tiſche brennen Kerzen, und ein blondes, acht— zehnjähriges Mädchen, mit frommen Augen und einem ewiglächelnden Frühling in den Mienen, geht geſchäftig ab und zu.— Es iſt rings der Zauber von Ordnung und Reinlichkeit ausgebreitet und ein gewiſſer Wohlſtand ſichtbar.
Die Tochter tritt wieder in die Stube, ſie ſetzt einen Weihnachtsbaum auf den Tiſch, dann rollt ſie den Lehn⸗ ſtuhl der Mutter näher und breitet vor ihr die Gaben aus, die Erzeugniſſe ihres nächtlichen Fleißes, die ſie der Vielgeliebten gefertigt: Ruhekiſſen, Negligéhauben, warme Winterpantoffelu.
„Meine gute Cäcilie,“ ruft beim Aublick der Ge— ſchenke gerührt die Mutter,„wo haſt Du während meiner ſchweren Krankheit die Zeit hergenommen, das Alles fertig zu machen? Du kamſt Tag und Nacht nicht von meinem Schmerzenslager, und— ja Du biſt meine gute Tochter!“
Das holde Mädchen erröthet bei dem ihr geſpendeten Lobe, ſie beugt ſich zur Mutter nieder und küßt ihr die Hand, und in ihren Augen leuchtet die Freude, als wäre ſie beſchenkt worden.„Ach, das iſt gar nichts, liebe Mnutter,“ ſagt ſie beſchämt.
„Und ich kann Dir,“ ſagt die Mutter,„heut nicht einmal entgelten, Cäcilie. Wohl dachte ich daran, aber Du weißt, ich darf noch nicht ausgehen. Du mußt Dich ſchon bis zum Neujahrstag gedulden, da wird Deine Mut— ter ſchon erkenntlich ſein, liebes Kind. Dann wird uns auch die Peuſion wieder ausbezahlt. Wir mögen Gott danken, daß wir trotz meiner langen und koſtſpieligen Krank— heit ausgekommen ſind, ohne Schulden machen zu müſſen.“
Cäcilie hüpft aus der Stube, kehrt aber ſchnell wie— der zurück. Sie trägt einen eleganten Blumentopf, die Staude darin iſt noch mit einer papiernen Hülle umgeben.
„Gute Mutter, ſagt ſie mit ſtockender Stimme,„als Du am gefährlichſten krank warſt und im Fieber lagſt, da verlangteſt Du immer nach einem blühenden Roſenſtock und ſprachſt unabläſſig davon. Das that mir im Herzen weh; denn ich konnte Dir damals den Stock nicht ſchaffen.
Jetzt aber, Mutter, iſt es möglich geworden— ſieh da,“ ſie löſt bei dieſen Worten das Papier—„drei aufge⸗ blühte und fünf Knospen. Wenn es Dir nur auch noch jetzt Freude nacht.“
„Kind, mein liebes Kind! wo haſt Du das viele Geld dazu hergenommen, denn koſtbar iſt ein ſolches Ge— ſchenk in dieſer Jahreszeit?“
Das junge Mädchen erglüht jetzt ſelbſt wie eine Roſe.„Ich habe,“ ſagt ſie,„wenn ich ein Viertelſtünd— chen im Hausweſen erübrigte, einige Brieftaſchen und Geldbörſen geſtickt und gehäkelt. Wenn ich Nachts bei Dir wachte, ſo that ich es auch zur Zerſtreuung und— um nicht einzuſchlafen. Dieſe Sachen nun habe ich in einer Modehandlung verkauft und von dem Erlös dieſen prächtigen Strauch aus dem Treibhaus erworben.“
„Gott ſegne Dich dafür, mein gutes Kind!“ ſagt
die Mutter, und breitet die Arme aus, und ſelig lächelnd liegt die Tochter an ihrem Herzen.
Da pocht es an die Thüre und herein tritt ein ſchlanker, edelgeformter Mann von etwa zwei und dreißig Jahren, im ſchwarzen Frack.
„Guten Abend, Herr Diaconus,“ ruft ihm die Mut⸗ ter entgegen,„faſt kommen Sie zu ſpät, zwar nicht für meine Freude, aber für meine Ueberraſchung. Sehen Sie dieſen Blüthenſtrauch, den mir Cäcilie zum Geſchenke ge⸗ macht! Er hüllt meinen ganzen Lebensabend in roſigen Schein, er iſt wie alles Andere hier die Frucht ihres nächt— lichen Fleißes.“ a
Cäcilie hatte den Diaconus herzlich und doch mit einer gewiſſen Befangenheit begrüßt; als jetzt ihr Lob aus dem Munde der Mutter erſchallt, enteilt ſie in das Seitenzimmer. Der junge Prediger hört mit ſichtbarem Wohlgefallen, mit begeiſterter Theilnahme den Lobeser— hebungen der Matrone zu, die nicht ſparſam damit iſt in ihrem mütterlichen Freudenrauſche. Und doch ſcheint er dies Alles ſchon zu wiſſen, der würdigen Matrone Gefühl zu theilen. Noch vor vier bis fünf Jahren war er Cäci— liens Lehrer, wie vor noch längerer Zeit Cäclliens Vater
ſein Lehrer geweſen. Er kennt des Mädchens reinen Sinn
und den Demant, den ſie als Herz im Buſen trägt.— Nach geraumer Weile kehrt das Mädchen zurück; ſie verneigt ſich vor dem jungen Prediger, der ſich neben
die Mutter geſetzt, halb im Scherz, halb ſchüchtern und
beklommen, und überreicht ihm ein überaus zierlich ge— ſticktes Portefeuille mit den einfachen Worten:„Ver— ſchmähen Sie, verehrter Freund unſeres Hauſes, nicht meine geringe Gabe!“ Der Diaconus blickt dem Mäd— chen tief in die Augen und zieht ihre Hand, die das Por— tefeuille hält, an ſeine Lippen. gung,— zum erſten Male hat er, ihr Vorbild, ihr Lehrer, den ſie ſchwärmeriſch, doch ſchüchtern verehrt, ihre Hand geküßt;— dieſe Huldigung treibt Cäeilien den Purpur in die Wangen. Der junge Prediger aber ſpricht mit wohl— klingender Stimme und ſchließt feſter ihre Hand in die ſeinige:„Cäcilie— Sie halten mich für allzugenügſam. Hat es Ihnen die Ahnung nicht geſagt, daß ich mehr an⸗ ſtrebe, hoffe, verlange? Wenn meine ſtille Huldigung Ihr Herz gerührt,— dann—“, er endigt mit einem Seufzer und zieht aus der Weſtentaſche ein fein golden Ringlein und hält es dem Mädchen hin.
Sie bebt, zittert, ſie droht in die Kniee zu ſinken, ihre Wangen brennen, das Aug' umflort ſich und kämpft mit einer Thräne— dann— wie unwillkührlich ſtreckt ſie den roſigen Goldfinger aus— und der Ring haftet daran.— Und jetzt ſinkt ſie voll namenloſer Seligkeit in die Arme des Mannes, den ſie innig, aber insgeheim und ſchüchtern geliebt.—
Dieſe ungewohnte Huldi


