Ausgabe 
19.1.1850
 
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Die Spritze iſt angeſpannt, die Feuereimer ſind auf⸗ gereiht, zwei Fackeln ſind entzündet, die Fackelträger ſtehen bereits hüben und drüben, und halten ſich an dem Meſſing⸗ ſpunt; wer nur noch einen Griff, eine Handbreit Platz gewinnen kann, um darauf zu ſtehen und zu faſſen, ſchwingt ſich hinauf, man ſieht kaum mehr ein Stückchen von der rothangeſtrichenen Spritze.

Noch ein Geſpann vor; zwei Pferde können nicht Alles ziehen!Thut die Fackeln weg!Nein, es iſt alter Brauch!Fahrt zu in Gottes Namen!

So ſcholl die laute Rede hin und her.

Setzen wir uns auch auf, aber nicht als blinde

Paſſagiere. Jetzt rollt das ſchwere Gefährte das Dorf hinaus an den ſchlafenden Feldern und Wieſen vorbei, die

Obſtbäume am Wege mit ihren Stützen tanzen luſtig im flackernden Lichte vorüber, und jetzt dröhnt es durch den Wald, die Vogel wachen auf aus ihrem Schlummer, und fliegen ſcheu umher, und können ſich kaum mehr zurückfinden in's warme Neſt. Jetzt endet der Wald, da drunten im Thale liegt das Dorf tageshell, und es iſt ein Schreien und Sturmgeläute, als ob die Flamme dort Stimme ge wonnen hätte.

Seht! Steht nicht dort am Waldesrande eine weiße Geiſtergeſtalt in flatterndem Linnen, und hält etwas Dunk⸗ les an der Bruſt? Vernehmt Ihr nicht einen Laut, einen ſchrillen Klang? Die Räder raſſeln, man kann nichts Deutliches vernehmen vorbei, eilt, rettet!

Da kommen Leute, die ihre Habe flüchten, aus dem Dorfe, Kinder in bloßen Hemden mit nackten Fuͤßen, ſie tragen Betten, Zinn- und Knpfergeſchirre. Iſt's denn ſo weit, oder hat ein grauſer Schreck Alles ergriffen?

Wo brennt's?

Beim Geigerlex.

Und raſcher trieb der Fuhrmann die Pferde, und ein Jeder reckte ſich, um doppelt zu helfen.

Als man ſich der Brandſtätte nahte, da ſah man bald, das brennende Haus war nicht mehr zu retten; alle Waſſerſtröme waren nur auf die angebauten Häuſer ge richtet, um dieſe vor den gierig leckenden Flammen zu bewahren.

Man war eben damit beſchäftigt, ein Pferd, zwei Kühe und ein Rind aus dem Stalle zu retten; die Thiere wollten, ſcheu gemacht durch das Feuer, nicht vom Platze,

bis man ihnen die Augen verband, und ſie ſo endlich

durch Schläge hinaustrieb.

Wo iſt der Geigerlex?, hieß es von allen Seiten. Er iſt im Bette verbrannt, berichteten die Einen.Er iſt entflohen, berichteten Andere. Niemand wußte Sicheres.

Er hatte weder Kind noch Verwandte, und doch trauerte Alles um ihn, und die aus den Nachbardörfern gekommen waren, ſchalten die Einheimiſchen, daß ſie nicht vor Allem ſich Gewißheit über das Loos des Unglücklichen verſchafft hatten. Bald hieß es, man habe ihn beim Schmidt Urban in der Scheune geſehen, bald wieder, er ſitze droben in der Kirche und heule und jammere; das ſei das erſte Mal, daß er ohne Geige und nur zum Beten dorthin ge kommen ſei; aber man fand ihn nicht da, und fand ihn nicht dort, und nun hieß es wiederum, er ſei in dem Hauſe verbrannt, man habe ſein Winſeln und Klagen vernommen; aber es ſei zu ſpät geweſen ihn zu retten, denn ſchon ſchlug die Flamme zum Dache hinaus und ſpritzte das Glas der Fenſterſcheiben bis an die jenſeitigen Häuſer auf der andern Seite der Straße.

Als es mälig zu dämmern begann, waren die an grenzenden Häuſer gerettet. Man ließ nun das Feuer auf

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ſeiner urſprünglichen Stätte gewähren, Alles ſchickte ſich an heimzukehren.

Da kam vom Berge herab, juſt wie aus dem Mor⸗ genrothe heraus, ein ſeltſamer Aufzug. Auf einem zwei rädrigen Karren, an den zwei Ochſen geſpannt waren, ſaß eine hagere Geſtalt, nur mit dem Hemde angethan, und halb mit einer Pferdedecke zugedeckt; der Morgenwind ſpielte in den langen weißen Locken des Alten, deſſen lu ſtiges Geſicht von einem kurzen ſtruppigen und ſchnee weißen Barte eingerahmt war. In den Händen hielt er Geige und Fiedelbogen. Es war der Geigerler. Junge Burſche hatten ihn am Saume des Waldes gefunden, dort wo wir ihn im raſchen Fluge bei der Fahrt faſt als eine Geiſtererſcheinung geſehen, dort ſtand er, nur mit dem Hemde angethan, und hielt ſeine Geige mit beiden Armen an die Bruſt gedrückt.

Als er ſich jetzt dem Dorfe nahte, nahm er Geige und Fiedelbogen auf und ſpielte ſeinen Lieblingswalzer nach dem bekannten Liede: Heut' bin ich kreuzwohlauf u. ſ. w. f Alles ſchaute nach dem ſeltſamen Manne und grüßte ihn, wie wenn er von den Verſtorbenen wieder erſtanden wäre.

Gebt wir was zu trinken! rief er den Erſten zu, 1 11 die Hand reichtenich hab' ſo einen mächtigen urſt.

Man brachte ihm ein Glas Waſſer.Pfui, rief der Alte,das wäre eine Sünde, ſo einen prächtigen Durſt, wie ich habe, mit Waſſer zu löſchen Wein her! Oder hat der verfluchte rothe Hahn auch meinen Wein ausgeſoffen?

Und wieder fing er an, luſtig zu geigen, bis man vor der Brandſtätte ankam.

Das ſieht ja aus wie der Tanzboden den Tag nach der Kirchweih, ſagte er endlich, ſtieg ab und begab ſich in des Nachbars Haus.

Alles drängte ſich zu dem Alten und umringte ihn mit Troſtworten und mit dem Verſprechen, ihm alle Hülfe zum Wiederaufbau des Hauſes zu leiſten.

Nein, nein, beſchwichtigte der Alte,es iſt recht ſo, mir gehört kein Haus, ich gehoͤre zum Spatzengeſchlechte, das baut ſich kein Neſt und hat kein eignes, und huſcht nur manchmal ein bei den Pfahlbürgern, den Schwalben. Für die Paar Jahre, die ich noch Urlaub habe, bis ich in unſers Herr-Gotts Hofkapelle oder in die Regiments muſik bei ſeinen Leibgarden-Engeln eingereiht werde, finde ich ſchon überall Quartier. Jetzt kann ich wieder auf einen Baum ſteigen und zur Welt hinunter rufen: Von dir da unten iſt nichts mein! Es war doch Unrecht, daß ich ein Eigenthum gehabt habe, außer meiner herz liebſten Frau Figeline. g

Es ließ ſich dem ſeltſamen Manne nichts einwenden, und die Auswärtigen kehrten heim, mit dem beruhigten Gefühle, daß der alte Geigerlex noch da ſei. Er gehoͤrte nothwendig in die ganze Gegend, ſie wäre verſchändet geweſen wenn er fehlte, faſt wie man die weithin ſicht bare Linde auf der Landecker Höhe unverſehens über Nacht niedergeworfen hätte.

(Fortſetzung folgt.)

Kirchenbuchs⸗Auszug vom Monat Dezember. Butzbach. Getraute: Keine. Getaufte:

2. Dem Bürger und Lohgerbermeiſter Johannes Küchel III. ein Sohn, Jacob, geb. den 4. Nov.