Ausgabe 
14.12.1850
 
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mein Gott, warum haſt du mir das gethan? Da tönt aber durch ihre Seele wie vom Jenſeits das Troſtes⸗ wort:Der heilige Chriſt zündet heute ſelbſt über den Sternen Ludwig den Weihnachtsbaum an; er hält die Kindlein alle dort um ſich verſammelt, die fruͤh von der Erde geſchieden, die ſeine Huld abberufen hat, bevor ſie noch des Lebens Weh und Noth, den bittern Gram und des Herzens Aufſchrei bei fremder Schuld und fremdem Leid erfahren. Ein früher Tod ein ſchöner Tod.

Hinter Gittermauern in feuchtem Kerker ſitzt ein junges Weib, den wimmernden Säugling an der Bruſt, und wiegt und ſingt ihn ein. Sie hat ſich, von ihrem Verführer verlaſſen, von Noth und Verzweiflung getrieben, an fremdem Eigenthum vergangen und muß es vor dem Geſetze büßen. Der Richter war barmherzig genug, der Unglücklichen den Knaben zu laſſen. Wer mochte auch das Kind der Verbrecherin pflegen?

Sie iſt elend, gefangen, ſchuldbewußt und dennoch dünkt ſie ſich glücklich: ſie drückt ja ihr Kind an das Herz, dies Kind der Schmerzen, dieſen Erben der Noth und des Elends! i f

Der arme Knabe begeht hier ſein erſtes Weih nachtsfeſt, und wo das zweite, dritte, zehnte?

IV

Ich ſchlendre hinaus in eine Straße der Vorſtadt. Sie iſt faſt menſchenleer, aber die neuen ſtattlichen Häuſer ſchimmern, Fenſter an Fenſter faſt, im feſtlichen Glanze. Der Schnee funkelt auf den Dächern, die Sterne durch nebligen Flor am Himmel, der Feoſt legt ſich krampfhaft über die Erde und haucht die Scheiben an und bildet darauf ſeine weißen Daguerrotypen.

Vor einem Hauſe, deſſen Fenſterreihe heller ſchimmert, als die der übrigen, ſteht einſam ein kleiner Knabe und ſtarrt unverwandten Blickes empor nach dem Glanze, wo die Zweige des Weihnachtsbaumes ihre verſchränkten Schat⸗ ten an die Decke werfen.

Er hat ein armſelig Röcklein, keine Kopfbedeckung und reibt ſich die erſtarrten Hände. Ich rede den Kleinen an: Was machſt Du hier, mein Sohn, ſo allein bei der heftigen Kälte? Erwarteſt Du Jemand?

Der Knabe blickt mich erſt ſcheu an, dann haucht er in ſeine Finger und ſagt mit leiſer Stimme:Ich warte auf Niemanden, ich ſtehe nur ſo hier. Da oben aber muß es ſehr ſchön ſein!

Beſcheert Dir denn Dein Vater zu Hauſe nicht?

Ich habe keinen Vater mehr; er iſt ſchon zwei Jahre todt Er war ein Tiſchlergeſell. Und die Mut⸗ ter iſt jetzt Aufwärterin bei andern Leuten: die verdient nicht ſo viel, daß ſie mir etwas beſcheeren könnte und vollends nicht einen ſo prächtigen Weihnachtsbaum!

Darfſt Du denn aber allein ſo herumziehen auf den Straßen, und konnteſt Du nicht zu Nachbarsleuten gehen?

Ich bin auf den Weihnachtsmarkt gegangen und habe mir all' die ſchönen Sachen angeſehen, und dann lief ich, weil's kalt war, durch die Straßen, wo's heut ſo hell iſt, als wäre Illumination. Da denke ich mir, wie das erſt oben prächtig ſein muß. Die Nachbars leute die ſind meiſtens auch arm und bei denen, die'was haben, muß ich doch nur zuſehen, wie ſie ihren Kindern beſcheeren, und bekomme ſelbſt nichts. Es iſt gar nicht ſchön, wenn man ſo arm iſt.

Mein Sohn, Du haſt Anlagen zu einem Philo ſophen in Deiner jungen Bruſt wohnt Reſignation, die muß belohnt werden. Komm mit mir auf den Weih⸗ nachtsmarkt zurück, durch eine Verwendung von acht Groſchen eine halbe Flaſche Wein weniger gedenke ich Dich glücklich zu machen.

Und das war in der That der Fall. Für den Preis von acht Groſchen kam mein kleiner Straßenbekannter in den Beſitz eines Weihnachtsbäumchens, einer Schachtel mit bleiernen Soldaten und eines großen Pfefferkuchens.

Seine Augen glänzten, als ich die Beſcheerung in ſeine Hände legte. Er vergaß in ſeiner Ueberraſchung ſogar den Dank und rannte davon. Aber nach einigen Schritten kehrte er wieder zurück.

Wie heißen Sie denn, lieber Herr? fragte er.

Wie ich heiße? Ich heiße Crispinus Crispini, der Menſchenfreund, und ſtamme in gerader Linie von dem heiligen Crispin ab, der den reichen Leuten das Leder nahm, um den armen Schuhe daraus zu machen. Die reichen Leute aber ſind in meinen Augen die Buchhändler. Gute Nacht!

Schlafen Sie wohl!

(Fortſetzung folgt.) Hilferuf an alle Menſchenfreunde!

Ich halte es für überflüſſig, euch von der Beiſteuer, welche für die Heiligen geſammelt wird, Mehreres zu ſchreiben; denn ich kenne euer gutes, williges Herz., LCor. 9, 1

Ein großes Unglück iſt am verfloſſenen Sonntage, den 8. d. M., zu Oberwöllſtadt, im Kreiſe Friedberg, ge⸗ ſchehen. Nachmittags gegen 3 Uhr brach dicht neben der Kirche, die mit Gottes Hülfe unverſehrt blieb, Feuer aus und riß mit ſolcher Gewalt und Schnelligkeit um ſich, daß in kurzer Zeit 2 bedeutende Scheunen und 2 große Vieh⸗ ſtalle nebſt Holzremiſen abbrannten. Die drei betreffenden Familien haben durch die Wuth dieſes ſchrecklichen Elementes ſaſt alle ihre Feldfrüchte, Heu, Stroh, Grummet u. ſ. w. verloren. Das Elend iſt groß, und die Noth um ſo furcht⸗ barer, als der Winter vor der Thüre iſt und doch keine Nahrung für Menſchen und Vieh. Wir richten deßhalb an Euch, ihr edlen Menſchenfreunde von nah und fern unſeren Hilferuf, eilet und helfet ſo viel Ihr könnt und womit Ihr konnt. Kommt Eueren unglücklichen Mitbrüͤdern nicht allein mit Geld, ſondern auch mit Lebensmitteln, Fütterung, Kar⸗ toffeln, Stroh u. ſ. w. zu Hilfe; auch den Heller der Wittwe nehmen wir mit der größten Dankbarkeit entgegen. Sie reden ja mit Euch Eine Sprache, haben mit Euch Einen Fürſten, ſind Kinder Eines Vaterlandes und Brüder Eines Volkes. Die etwaigen Beiträge bitten wir an die Unterzeichneten einzuſchicken und verſprechen die gewiſſen⸗ hafteſte Vertheilung. Auch die verehrliche Redaction dieſer Blätter wird zur Aufnahme milder Gaben ſich bereitwillig unterzeichnen.

Schließlich fühlen wir uns noch verpflichtet, den edlen Menſchenfreunden, die beſonders aus Friedberg, Ock⸗ ſtadt, Niederwöllſtadt u. ſ. w. mit Spritzen und Mann⸗ ſchaften nach allen Kräften uns zu Hilfe eilten, unſeren wärmſten Dank abzuſtatten. Auch einiger Jünglinge und beſonders junger Mädchen von hier, die unermüdlich ihre ſchwachen Kräfte anſtrengten, um der Wuth des Feuers zu wehren, wollen wir andurch anerkennend gedenken.

Oberwöllſtadt am 10. December 1850. Die Kommiſſion zur Unterſtützung der Abgebrannten Lutorff, Pfarrer. Breidenbach, Bürgermeiſter.

Für die Familie des H. Sommerlad

ſind ferner eingegangen: Aus der Gemeindekaſſe zu Butzbach 10 fl.; aus der Gemeindekaſſe zu Oſtheim 7 fl.; aus der Gemeindekaſſe zu Nieder⸗ mörlen 4 fl. Herzlichen Dank für dieſe Gaben! Ziegenberg den 5. Dezember 1850. R. Bindewald.